{"id":774163,"date":"2026-02-05T15:40:19","date_gmt":"2026-02-05T15:40:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/774163\/"},"modified":"2026-02-05T15:40:19","modified_gmt":"2026-02-05T15:40:19","slug":"manche-freunde-europas-agieren-wie-enttaeuschte-liebhaber","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/774163\/","title":{"rendered":"\u201eManche Freunde Europas agieren wie entt\u00e4uschte Liebhaber\u201c"},"content":{"rendered":"<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Mit seinen Auftritten in Talkshows ist Gerald Knaus in den vergangenen Jahren als \u201eMigrationsforscher\u201c bekannt geworden. Doch Europa ist das eigentliche Herzensthema des Politikwissenschaftlers, der die Denkfabrik European Stability Initiative (ESI) gegr\u00fcndet hat. Zusammen mit seiner Tochter Francesca, die seit 2021 im Bundestag arbeitet, hat Knaus ein Buch \u00fcber Europa und die Europ\u00e4ische Union geschrieben. Wof\u00fcr beide werben: mehr Leidenschaft zu zeigen f\u00fcr Europa, denn es fehle eine \u00fcberzeugende proeurop\u00e4ische Erz\u00e4hlung. Gerald und Francesca Knaus waren auf Einladung der Europa-Union Bodensee-Oberschwaben in Ravensburg zu Gast.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6 tw-font-bold\">Die Europ\u00e4er haben einen spannenden Januar erlebt. Zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte haben die <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-entity=\"USA\" data-rtr-id=\"5e61066c54a9df7162329159c04819b77ad9b596\" data-rtr-score=\"51.582171797482225\" data-rtr-etype=\"location\" data-rtr-index=\"135\" href=\"https:\/\/www.schwaebische.de\/thema\/usa\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">USA<\/a> einem europ\u00e4ischen Land mit Gewalt gedroht, sollten sie ihren Willen nicht bekommen. Ist die Lage so dramatisch, wie es klingt?<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Gerald Knaus: Dieser Winter war eine zweite Zeitenwende. Der Pr\u00e4sident der USA bedrohte nicht nur einen <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-entity=\"Nato\" data-rtr-id=\"b6ef28883a006bf67b081d80876c89a75d4b0eaa\" data-rtr-score=\"69.32364385442894\" data-rtr-etype=\"organisation\" data-rtr-index=\"130\" href=\"https:\/\/www.schwaebische.de\/thema\/nato\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Nato<\/a>-Partner, D\u00e4nemark. Er erkl\u00e4rte auch, dass er Gr\u00f6nland, als Teil der Nato, nur verteidigen k\u00f6nne, wenn er \u201ees besitzt\u201c. Damit verlieren die USA als B\u00fcndnispartner ihre Glaubw\u00fcrdigkeit, und der Kreml jubelt. Dazu verglichen Trumps Verb\u00fcndete die EU mit dem \u201eDritten Reich\u201c. Sie erkl\u00e4rten Kanadas Premierminister zum \u201eFeind der USA\u201c. Und sie unterst\u00fctzen aktiv in unseren Demokratien Parteien, die versprechen, die EU zu zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6 tw-font-bold\">Das klingt nach einer Bedrohung von au\u00dfen und innen.<\/p>\n<p class=\"tw-text-neutral-10 tw-py-2 tw-border-t tw-mb-0 tw-text-title-md tw-font-medium tw-border-solid tw-border-b-neutral-10 tw-font-primary\">Empfohlene Artikel<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Gerald Knaus: So ist es. In der Ukraine erleben wir den blutigsten Krieg in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg, und Europas Armeechefs warnen alle vor Putins n\u00e4chsten Zielen. In der Bundesrepublik gab es auch noch nie eine Partei wie die <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-entity=\"AfD\" data-rtr-id=\"87b843b4a748f9fbc00b47fa4b20f8b6c9dfad29\" data-rtr-score=\"13.033875028610666\" data-rtr-etype=\"organisation\" data-rtr-index=\"142\" href=\"https:\/\/www.schwaebische.de\/thema\/afd\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">AfD<\/a>, die offen zum Aggressor Putin steht und als Dexit-Partei auftritt. Und die heute eine Chance hat, auf L\u00e4nderebene eine Alleinregierung zu stellen. Diese Kombination \u2013 der antieurop\u00e4ische Kurs der USA, die Kriegslust Putins und der Aufstieg EU-feindlicher Parteien im Inneren \u2013 ist neu. Europas Demokratien sind in der gef\u00e4hrlichsten Situation seit 1948.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6 tw-font-bold\">Blenden Sie dabei nicht die Kriege im fr\u00fcheren Jugoslawien etwas aus?<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Gerald Knaus: Nein. Ich habe die 1990er-Jahre in Bosnien und im Kosovo gelebt und gearbeitet. Unser Buch beginnt mit diesen Kriegen und mit der Erinnerung, dass zwischen dem Ende des Kalten Krieges 1990 und 2021 mehr als 300.000 Menschen in Kriegen und B\u00fcrgerkriegen in Europa ums Leben gekommen sind. Zehn Millionen Menschen wurden durch diese Konflikte gewaltsam vertrieben. Nach 1990 war unser Kontinent gespalten, in ein Europa des Krieges und ein Europa des Friedens. Denn auch das stimmt: Bislang wurde noch nie ein Nato-Mitglied angegriffen, und EU-Staaten sehen sich alle nicht als Bedrohung. Staaten, die nicht in die EU, den Schengen-Raum und die Nato eingebunden waren, erlebten hingegen alle Kriege oder Diktaturen. Das zeigt, was droht, wenn diese S\u00e4ulen wegbrechen.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6 tw-font-bold\">Frau Knaus, Sie haben zusammen mit Ihrem Vater das Buch \u201eWelches Europa brauchen wir\u201c geschrieben. Zwischen Ihnen liegen 30 Jahre. Welches politische Ereignis hat Sie in Ihrer Jugend besonders gepr\u00e4gt?<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Francesca Knaus: Ich durfte 2017 bei den Pr\u00e4sidentschaftswahlen in \u00d6sterreich zum ersten Mal w\u00e4hlen. Damals kam ein FP\u00d6-Kandidat, Norbert Hofer, in die Stichwahl, mit der Chance, Pr\u00e4sident zu werden. Ich kann mich gut erinnern, dass damals die Holocaust-\u00dcberlebende Gertrude Pressburger an die \u00d6ffentlichkeit ging und vor der FP\u00d6 warnte. Das war ein Moment, in dem ich erkannte, wie viel auf dem Spiel steht. Es gibt Feinde der liberalen Demokratie. Und diese treiben die Spaltung der Gesellschaft voran, weil sie davon profitieren.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6 tw-font-bold\">War das auch Ihre Motivation, sozusagen eine Verteidigungsschrift f\u00fcr Europa zu verfassen?<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/0f809a8c-2871-4281-b16c-734ddafb9ddb.jpg\" loading=\"lazy\" alt=\"A protester holds flag outside the US consulate in Nuuk, Greenland, on January 20, 2026. Greenland is at the centre of the geopolitical spotlight after US President Donald Trump's bid to seize the island. Trump has said that the United States needs Greenland, which would dramatically increase the US land mass, because of a threat of Russia or China seizing the island as climate change opens up Arctic water routes. (Photo by Mads Claus Rasmussen \/ Ritzau Scanpix \/ AFP) \/ Denmark OUT\"\/><img decoding=\"async\" alt=\"Bild vergr\u00f6\u00dfern\" class=\"sm:tw-w-9 sm:tw-h-9\" src=\"https:\/\/www.schwaebische.de\/_next\/static\/media\/imageExpand.10dba927.svg\"\/><\/p>\n<p>A protester holds flag outside the US consulate in Nuuk, Greenland, on January 20, 2026. Greenland is at the centre of the geopolitical spotlight after US President Donald Trump&#8217;s bid to seize the island. Trump has said that the United States needs Greenland, which would dramatically increase the US land mass, because of a threat of Russia or China seizing the island as climate change opens up Arctic water routes. (Photo by Mads Claus Rasmussen \/ Ritzau Scanpix \/ AFP) \/ Denmark OUT (Foto: AFP)<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Francesca Knaus: Ja, aber nicht nur das. F\u00fcr mich war es lange selbstverst\u00e4ndlich, in Frieden und Stabilit\u00e4t zu leben. Aber viele meiner Freunde, meine Generation in der Ukraine, in Georgien, in Armenien erleben, was es hei\u00dft, nicht Teil des demokratischen Europas zu sein. Sie sehen sich nach dem, was wir haben und verteidigen m\u00fcssen.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6 tw-font-bold\">Was hat Sie politisch nachhaltig gepr\u00e4gt, Herr Knaus?<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Gerald Knaus: Das Allerwichtigste war der Fall der Berliner Mauer. Ich war damals 19 Jahre alt und Student in Oxford. Zwei Wochen sp\u00e4ter bin ich nach Bratislava gefahren und habe in der Slowakei eine friedliche Revolution erlebt, die wie ein Wunder lauter Diktaturen st\u00fcrzte. Und dann, bereits 1991, erlebte ich den R\u00fcckschritt in die tiefste Barbarei durch die Kriege auf dem Balkan. Der V\u00f6lkermord an den Bosniaken, die 1425 Tage dauernde Belagerung von Sarajevo, Gr\u00e4ueltaten und Vertreibungen. Da wurde mir klar, dass in der Geschichte nichts vorbestimmt ist. Diese Erfahrung treibt mich bis heute um.<\/p>\n<p class=\"tw-text-neutral-10 tw-py-2 tw-border-t tw-mb-0 tw-text-title-md tw-font-medium tw-border-solid tw-border-b-neutral-10 tw-font-primary\">Empfohlene Artikel<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6 tw-font-bold\">Sie haben die 1990er-Jahre also nicht als Jahrzehnt des positiven Aufbruchs erlebt?<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Gerald Knaus: Nein. Ich habe damals in der Ukraine gelehrt, die einen beispiellosen Zusammenbruch erlebte, mit enormer Korruption. Ich arbeitete in Sofia, Bulgarien, in dem die Zukunft damals d\u00fcster schien. Ich besuchte ein scheinbar hoffnungsloses Rum\u00e4nien. Der Aufbruch kam nach dem Kosovokrieg und der Entscheidung der EU, Mitteleuropa in die EU und Nato aufzunehmen. Das gelang und verwandelte L\u00e4nder von Estland bis Bulgarien. Von 1999 bis 2004 haben Regierungen mit der gro\u00dfen Erweiterung Mut und Visionen gezeigt. Dann aber schlug man 2005 der Ukraine die europ\u00e4ische T\u00fcr vor der Nase zu, mit tragischen Folgen bis heute.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6 tw-font-bold\">Frau Knaus, Sie haben einen Gro\u00dfteil Ihrer Kindheit in der T\u00fcrkei und in Frankreich verbracht. Erst mit 16 Jahren kamen sie nach <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-entity=\"Deutschland\" data-rtr-id=\"6c48d7d5b099c64b41367070a52ae27833560fd5\" data-rtr-score=\"32.05767910276951\" data-rtr-etype=\"location\" data-rtr-index=\"42\" href=\"https:\/\/www.schwaebische.de\/thema\/deutschland\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Deutschland<\/a> zur\u00fcck. Wie hat das Ihren Blick auf Europa ver\u00e4ndert?<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Francesca Knaus: Als ich elf Jahre alt war, sah ich die Welt wie ein t\u00fcrkisches Schulkind. Die Karten in meinen B\u00fcchern zeigten die T\u00fcrkei immer im Mittelpunkt. Der Erste Weltkrieg wurde in der Schule aus t\u00fcrkischer Sicht erz\u00e4hlt, ein Krieg um Anatolien und den Kaukasus. Dass es K\u00e4mpfe in Verdun gab, dass dies f\u00fcr Frankreich der gro\u00dfe Krieg gegen Deutschland war, lernte ich erst in Paris. So erkannte ich: Jedes Land hat seine eigene Perspektive, die von historischen Erfahrungen und Geschichten gepr\u00e4gt ist.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6 tw-font-bold\">Im Titel Ihres Buches nennen Sie Europa \u201eein politisches Wunder\u201c, das es zu sch\u00fctzen gelte.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Francesca Knaus: Europa besteht aus vielen unterschiedlichen, oft kleinen Nationalstaaten, mit je eigener Geschichte, Kultur und Identit\u00e4t und oft einer eigenen Sprache. Dennoch funktioniert es, dass wir friedlich zusammenarbeiten, und sich Gesellschaften nicht voneinander bedroht f\u00fchlen, sondern sich gemeinsam sch\u00fctzen. Deshalb wollten auch die baltischen Staaten nach 1991 m\u00f6glichst rasch der EU und NATO beitreten. Um ihre Identit\u00e4t, Kultur und Unabh\u00e4ngigkeit besser zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6 tw-font-bold\">Viele L\u00e4nder warten seit Jahren darauf, dass ihre Aufnahme in die EU vorangeht. Ist die EU zu z\u00f6gerlich?<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Gerald Knaus: Ja. Derzeit hat die EU keinen glaubw\u00fcrdigen Beitrittsprozess. Dass sie L\u00e4ndern wie Nordmazedonien einen Beitritt seit 2005 in Aussicht stellt und es bis heute nicht ernst meint, ist eine enorme vertane Chance. Es w\u00e4re schlicht dramatisch, wenn wir heute die Ukrainer auch so behandeln und diesen Prozess erneut ins Leere laufen lassen w\u00fcrden. Doch aller Rhetorik zum Trotz: Genau das passiert.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6 tw-font-bold\">Aber haben die mehrfachen Erweiterungsrunden nicht auch dazu beigetragen, dass die EU-Begeisterung mancher Menschen, gerade im Westen und in der Mitte Europas, abgenommen hat?<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Gerald Knaus: Die Erweiterung der Zone des demokratischen Friedens von sechs auf mehr als 27 Staaten seit 1952 war der gr\u00f6\u00dfte Erfolg der europ\u00e4ischen Politik der letzten 100 Jahre. Rum\u00e4nien und Bulgarien sind im Vergleich zu den 90er-Jahren nicht wiederzuerkennen, Polen ist wirtschaftlich ein Tiger und dazu eines der wichtigsten Exportl\u00e4nder f\u00fcr Deutschland. Diese Erweiterung war ein Riesenerfolg. Stellen wir uns vor, wie es heute um Polen, Rum\u00e4nien, Bulgarien oder das Baltikum ohne Erweiterung st\u00fcnde. Deutschland w\u00e4re direkt betroffen. Oder wie es w\u00e4re, wenn Deutschland seine Nachbarn so behandeln w\u00fcrde, wie die USA heute Kanada und Mexiko behandeln.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Francesca Knaus: Auch Deutschland ist durch die Erweiterungen sicherer geworden, weil wir, anders im Kalten Krieg, von wohlhabenden Demokratien und nicht von autorit\u00e4ren Staaten umgeben sind.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6 tw-font-bold\">Das klingt einleuchtend. Aber wie erkl\u00e4ren Sie dann, dass eine Partei mit EU-feindlichen Positionen im Aufwind ist?<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Francesca Knaus: Weil es str\u00e4flich vernachl\u00e4ssigt wird, die positiven Geschichten der Erweiterung zu erz\u00e4hlen. Selbst im Bundestag h\u00f6re ich immer noch Leute, die sagen: Rum\u00e4nien, das war ein Fehler. Dabei ist das absurd. Jeder Unternehmer w\u00fcrde widersprechen. Und es gibt noch ein Problem: Manche denken, die EU w\u00e4re unvollkommen, solange sie kein echter Bundesstaat ist. Nun ist das ein unerreichbares Ziel, das weder Niederl\u00e4nder noch Portugiesen, weder Schweden noch Griechen wollen. Wichtiger w\u00e4re es, die Zone der Stabilit\u00e4t im geografischen Sinne zu erweitern.<\/p>\n<p class=\"tw-text-neutral-10 tw-py-2 tw-border-t tw-mb-0 tw-text-title-md tw-font-medium tw-border-solid tw-border-b-neutral-10 tw-font-primary\">Empfohlene Artikel<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Gerald Knaus: Dass wir 2005 keine Beitrittsverhandlungen mit der Ukraine begonnen haben, war die gr\u00f6\u00dfte vergebene Chance der vergangenen 30 Jahre. Die Ukrainer h\u00e4tten sich sehr anstrengen m\u00fcssen, die Kriterien zu erf\u00fcllen, aber sie h\u00e4tten es wohl geschafft, wie Rum\u00e4nien. Dann w\u00e4re uns der gr\u00f6\u00dfte Krieg seit dem Zweiten Weltkrieg mit bislang 4,5 Millionen Fl\u00fcchtlingen vielleicht erspart geblieben. Jetzt sind deutsche Soldaten in Litauen stationiert, um das Land zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6 tw-font-bold\">Fehlt auch in der Politik das Engagement f\u00fcr Europa?<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Gerald Knaus: Die Proeurop\u00e4er zeigen oft zu wenig Leidenschaft, es fehlt eine \u00fcberzeugende proeurop\u00e4ische Erz\u00e4hlung. Wie Emmanuel Macron zu sagen, Europa muss eine Gro\u00dfmacht werden, \u00fcberzeugt nicht, wenn am Ende gescheiterte Milit\u00e4rinterventionen in Westafrika herauskommen. Auch reine Wirtschaftsargumente erreichen nicht die Herzen der Menschen. Im Kern geht es um Werte und Vertrauen. Es ist ein Versagen vieler \u2013 im Kulturbetrieb, in Museen, an den Universit\u00e4ten \u2013, dass sie es nicht schaffen, dieses Wunder packend zu erz\u00e4hlen: Dass sich das kleine Luxemburg nicht mehr vor Deutschland f\u00fcrchtet. Dass sich Polen und Deutsche verstehen.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Francesca Knaus: Es geht letztlich um Krieg und Frieden. Rechtspopulisten erz\u00e4hlen Geschichten, es geht um Emotionen, die Menschen bewegen. Aber eigentlich haben die Proeurop\u00e4er die besseren Geschichten. Sie haben dazu beigetragen, dass Kriege in Westeuropa in den vergangenen Jahrzehnten undenkbar schienen. Wir werben f\u00fcr eine Netflix-Serie \u00fcber die unbekannten Gr\u00fcnder Europas. Menschen, die das Schlimmste erlebten, deren Land im Krieg besetzt war, die Verwandte in den Konzentrationslagern verloren und die am Ende Institutionen geschaffen haben, von denen wir 80 Jahre sp\u00e4ter noch profitieren. Das ist ein Epos.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6 tw-font-bold\">Wie erkl\u00e4ren Sie diese Zur\u00fcckhaltung?<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Gerald Knaus: Manche Freunde Europas agieren wie entt\u00e4uschte Liebhaber. Sie h\u00e4tten aus der EU gerne etwas gemacht, was den Nationalstaat ersetzt. Das hat nicht funktioniert. Aber die EU ist trotzdem, ja sogar deswegen, ein enormer Erfolg. Es geht dabei aber nicht um einen Gegensatz zwischen nationaler Identit\u00e4t und EU, es geht nicht um Europa-Fahne oder deutsche Fahne, es geht um beide zusammen. Die D\u00e4nen, Esten und Finnen wissen das.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6 tw-font-bold\">Sie hatten beide die M\u00f6glichkeit, Europa in sehr vielen Facetten zu erleben. Viele Menschen hierzulande haben diese Gelegenheit nicht. Warum sollten die Ihre Begeisterung teilen?<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Gerald Knaus: Wenn wir die Europ\u00e4ische Union nicht mehr h\u00e4tten, w\u00e4ren wir in einer anderen Welt, mit enormer Unsicherheit. Die Dexit-Bef\u00fcrworter verschleiern, was sich alles ver\u00e4ndern w\u00fcrde. Nachbarstaaten w\u00fcrden einander wieder misstrauen, die Angst vor Deutschland w\u00e4re sofort wieder da. Dann f\u00fcrchten sich Polen wieder vor Deutschen. Dazu w\u00e4re unser aller Wohlstand in Gefahr. Dieser beruht seit Jahrzehnten auch auf dem gr\u00f6\u00dften Binnenmarkt der Geschichte.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/6888dbf2-3868-4a78-b3a2-8b2b8f97e705.jpg\" loading=\"lazy\" alt=\"Francesca und Gerald Knaus im Gespr\u00e4ch mit Claudia Kling, Korrespondentin bei der Schw\u00e4bischen Zeitung.\"\/><img decoding=\"async\" alt=\"Bild vergr\u00f6\u00dfern\" class=\"sm:tw-w-9 sm:tw-h-9\" src=\"https:\/\/www.schwaebische.de\/_next\/static\/media\/imageExpand.10dba927.svg\"\/><\/p>\n<p>Francesca und Gerald Knaus im Gespr\u00e4ch mit Claudia Kling, Korrespondentin bei der Schw\u00e4bischen Zeitung. (Foto: oh)<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Francesca Knaus: Es w\u00e4re das Ende einer langen Friedenszeit im Herzen Europas. Dass wir nicht wie die Ukrainer jede Nacht von Drohnen und Raketen terrorisiert werden, liegt an der EU und der Nato, an bemerkenswerten Institutionen.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6 tw-font-bold\">Hadern Sie denn eigentlich nie mit dieser EU?<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Gerald Knaus: Sehr oft, in vielen Details. Aber es geht darum, das gro\u00dfe Ganze zu sehen. Wir brauchen jetzt die F\u00e4higkeit, als europ\u00e4ische Demokratien gemeinsam einen russischen Angriff auf unser Territorium zu verhindern. Mit den Ukrainern und deren kampferprobter Armee als demokratischen Verb\u00fcndeten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Mit seinen Auftritten in Talkshows ist Gerald Knaus in den vergangenen Jahren als \u201eMigrationsforscher\u201c bekannt geworden. 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