{"id":776405,"date":"2026-02-06T12:23:18","date_gmt":"2026-02-06T12:23:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/776405\/"},"modified":"2026-02-06T12:23:18","modified_gmt":"2026-02-06T12:23:18","slug":"hochzeit-in-der-johanneskirche-ich-wollte-als-braut-so-gerne-durch-einen-richtigen-mittelgang-einziehen-startseite","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/776405\/","title":{"rendered":"Hochzeit in der Johanneskirche: \u201eIch wollte als Braut so gerne durch einen richtigen Mittelgang einziehen\u201c &#8211; Startseite"},"content":{"rendered":"\n<p>Dass der Fotograf vergessen hatte, einen Farbfilm einzulegen, bedauert Ursula Ade bis heute. Denn auf den Schwarz-Wei\u00df-Bildern sieht man gar nicht, dass die Farbe ihres Brautkleids nicht etwa Wei\u00df war, sondern ein ganz zartes Ros\u00e9. Zu dem Satinkleid geh\u00f6rte ein Mantel aus Organza, beides hatte sie extra von einer Designerin schneidern lassen, die f\u00fcr ein Stuttgarter Modehaus arbeitete.<\/p>\n<p>Das perfekte Brautkleid war also da. Die perfekte Kirche \u2013 das gestaltete sich schwieriger. Denn Ursula Barth, wie sie damals noch hei\u00dft, und ihr Br\u00e4utigam Reiner Ade wollen nicht in der schmucklosen Behelfskirche am Leipziger Platz heiraten, die zur Gemeinde ihres Pfarrers im Stuttgarter Westen geh\u00f6rt. \u201eIch wollte als Braut so gerne durch einen richtigen Mittelgang einziehen\u201c, erinnert sie sich heute, 61 Jahre sp\u00e4ter. Zun\u00e4chst traut sich die damals 26-J\u00e4hrige nicht, das dem Pfarrer zu verraten. \u201eIch dachte, mein Wunsch sei zu unchristlich.\u201c Als sie es dann doch tut, hat der Pfarrer, der sie schon konfirmiert hatte, Verst\u00e4ndnis. Der Weg zur Johanneskirche ist frei.<\/p>\n<p>  <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/media.media.c643d27f-401c-44b9-bb38-e1485f00207f.original1024.media.jpeg\"\/>     Ursula und Reiner Ade an ihrem Hochzeitstag im Jahr 1965.    Foto: privat    <\/p>\n<p>Wenn Ursula Ade heute zur\u00fcckschaut, hat sie viele Bilder im Kopf: Die sch\u00f6ne Kirche. Der sonnige Oktobertag im Jahr 1965. Der beige Opel Admiral ihres Schwagers, mit dem sie am Feuersee vorfahren. Ihr Brautstrau\u00df aus Maigl\u00f6ckchen, ihre Lieblingsblumen, die im Herbst schwer zu bekommen sind. Das Haarteil unterm Schleier, das damals viele Frauen tragen, damit der Dutt so \u00fcppig wirkt wie bei der persischen Kaiserin Farah Diba. Die Feier in der Alten Kanzlei. Und Reiner Ades Freund und Kommilitone, der den Farbfilm vergessen hatte.<\/p>\n<p>Ursula Ades fr\u00fcheste Erinnerungen sind an eine Kindheit im Krieg, <a href=\"https:\/\/www.krzbb.de\/inhalt.stuttgart-im-zweiten-weltkrieg-ausgebombt-und-dann.2d2096e5-f59d-4120-8339-f240000bb932.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">an Bombenalarm<\/a> und N\u00e4chte voller Angst. \u201eAlles hat gebrannt\u201c, sagt sie. Die Familie Barth lebt in der Weimarstra\u00dfe im Stuttgarter Westen, die Johanneskirche liegt um die Ecke. In einer Bombennacht 1944 <a href=\"https:\/\/www.krzbb.de\/inhalt.stuttgart-album-zur-johanneskirche-ein-gotteshaus-auf-pfaehlen-die-beschaedigte-schoenheit-wird-150-jahre-alt.979bb005-826d-493c-b9a4-6a50d01e4aef.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">verliert das Gotteshaus seine Turmspitze<\/a>. Der Vater ist an der Front, Ursula sitzt mit ihrer Mutter im Keller. \u201eWir hatten einen sehr tiefen Keller, Nachbarn sind zu uns gekommen, weil es bei uns sicherer war.\u201c Am Ende des Zweiten Weltkriegs ist ihr Haus eines der wenigen, das in der Gegend noch steht.<\/p>\n<p>F\u00fcnf Jahre warten bis zur <a href=\"https:\/\/www.krzbb.de\/thema\/Hochzeit\" title=\"Hochzeit\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hochzeit<\/a>: \u201eEs war Liebe auf den ersten Blick\u201c <\/p>\n<p>Ursula geht auf die Falkertschule, anschlie\u00dfend macht sie eine Ausbildung bei Korbmayer als Verk\u00e4uferin und Dekorateurin. Dort hat sie eine Kollegin, die emsig Pfennige sammelt, um ihre Brautschuhe zu kaufen. Weil es ihr peinlich ist, mit T\u00fcten voll Pfennigen in ein Schuhgesch\u00e4ft zu gehen, kommt Ursula zur Unterst\u00fctzung mit. Daraufhin l\u00e4dt sie die Kollegin zur Hochzeit ein. Bei der Feier im Adler in Asperg lernt sie Reiner kennen, den Bruder der Braut. \u201eEs war Liebe auf den ersten Blick\u201c, erinnert sich Ursula Ade an die erste Begegnung mit ihrem Mann im Jahr 1960. Ein gut aussehender, kluger Mann, 1,94 Meter gro\u00df, schlank, zwei Jahre j\u00fcnger, Maschinenbaustudent.<\/p>\n<p>   <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/media.media.7cb760ed-ad47-457e-bdda-968cc9f0168d.original1024.media.jpeg\"\/>     Auf dieser Abbildung hat die Johanneskirche ihre Turmspitze noch.    Foto: Simon Granville    <\/p>\n<p>F\u00fcnf Jahre m\u00fcssen sie warten, dann ist Reiner mit dem Studium fertig. \u201eDanach sind wir sofort aufs Standesamt\u201c, erinnert Ursula Ade sich. \u201eWir waren so aufgeregt. Damals konnte man ja nicht einfach ohne Trauschein zusammenziehen \u2013 es war eine furchtbar pr\u00fcde Zeit.\u201c Sechs Jahre leben sie in der Wohnung in Ludwigsburg, in der Ursula Ade heute wieder wohnt.<\/p>\n<p>   Von Ludwigsburg geht es nach M\u00fcnchen <\/p>\n<p>\u201eWir hatten ein wundersch\u00f6nes Leben\u201c, sagt die Seniorin. Von Ludwigsburg zieht das Paar nach M\u00fcnchen, wo Reiner Ade noch einmal studiert und dann noch promoviert. Seine Frau macht die Schaufensterdekorationen f\u00fcr ein edles Kindermodengesch\u00e4ft. Reiner Ade arbeitet bei verschiedenen Maschinenbauern im Management, sie ziehen oft um. Ihre gemeinsame Leidenschaft ist das Reisen, nach Argentinien, Brasilien, nach Dubai und immer wieder ins Nachbarland Frankreich. Ihren Lebensabend wollen die beiden im bayerischen Voralpenland verbringen, in einem Haus mit gro\u00dfem Garten, das Ursula Ade mit viel Liebe dekoriert und ausgestattet hat. <\/p>\n<p>   <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/media.media.bdd9f172-9a27-417d-8d7e-1b3affe16ce4.original1024.media.jpeg\"\/>     Ursula Ade beim Blick ins Fotoalbum.    Foto: Simon Granville    <\/p>\n<p>2019 geht es Reiner Ade ganz pl\u00f6tzlich schlecht, er muss in die Klinik, stirbt dort im Schlaf. Ursula Ade ist von einem Moment auf den anderen allein. \u201eDas trifft einen ganz tief. Wir haben alles zusammen gemacht. Er war meine gro\u00dfe Liebe von Anfang an.\u201c Die Witwe zieht zur\u00fcck nach Ludwigsburg, um n\u00e4her bei ihrer Familie zu sein. Mit ihrem Neffen macht sie <a href=\"https:\/\/www.krzbb.de\/thema\/Stuttgart\" title=\"Stuttgart\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stuttgart<\/a>-Abende, geht essen oder in Konzerte. \u201eIch entdecke Stuttgart noch einmal ganz neu. Es ist wie eine Heimkehr, ein D\u00e9j\u00e0-vu \u2013 und das ist ein sch\u00f6nes Gef\u00fchl.\u201c<\/p>\n<p>54 Jahre waren die Ades verheiratet. Vor ein paar Monaten war Ursula Ade mit ihrem Neffen in der Johanneskirche, um die immersive Lichtshow \u201eEnlightenment\u201c zu sehen. \u201eDie Farben, Vivaldis Vier Jahreszeiten \u2013 es war wunderbar. Ich habe an dem Abend viel an meinen Mann gedacht\u201c, erz\u00e4hlt sie. \u201eIch wusste gar nicht mehr, wie sch\u00f6n die Kirche ist.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Dass der Fotograf vergessen hatte, einen Farbfilm einzulegen, bedauert Ursula Ade bis heute. 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