{"id":777703,"date":"2026-02-07T00:13:29","date_gmt":"2026-02-07T00:13:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/777703\/"},"modified":"2026-02-07T00:13:29","modified_gmt":"2026-02-07T00:13:29","slug":"filmreife-geschichten-aus-hannover","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/777703\/","title":{"rendered":"Filmreife Geschichte(n) aus Hannover"},"content":{"rendered":"<p>                    <strong>Der Stoff, aus dem Filme und Serien gemacht werden, findet sich nicht nur im Babylon Berlin. Oder in der Heide. Zwei Ideen.<\/strong><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Das kam tats\u00e4chlich etwas \u00fcberraschend: Mit \u201eSchwarzes Gold\u201c arbeitete der NDR ein St\u00fcck nieders\u00e4chsischer Wirtschaftsgeschichte auf. Zur Serie, der die \u00d6lf\u00f6rderung in der L\u00fcneburger Heide bewusst als eine Art Western inszeniert, geh\u00f6rt auch eine Dokumentation. Nicht schlecht, um die verblassende Erinnerung an Wirtschaftsgeschichte und die Menschen dahinter zu bewahren. Gerade in Hannover gibt es einigen Nachholbedarf. Aber wir h\u00e4tten da Vorschl\u00e4ge.\u00a0<br \/>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Der Vampyr<\/strong><br \/>\u00a0<\/p>\n<p>Wir begleiten vier junge M\u00e4nner in den Jahren zwischen 1918 und 1922. Alle vier waren Milit\u00e4rpiloten. Ihr Weg wird sie in wenigen Jahren von Eins\u00e4tzen in der D\u00fcsternis des Weltkriegs in die lichtdurchflutete Rh\u00f6n, an die H\u00e4nge der Wasserkuppe, f\u00fchren.<br \/>Die vier treffen sich nach dem Krieg in Hannover, studieren an der bedeutenden und gro\u00dfen technischen Hochschule Luftfahrttechnik. Aber auch die Hannoversche Waggonfabrik, damals eines der gr\u00f6\u00dften Unternehmen in Linden, wird f\u00fcr sie wichtig.\u00a0<br \/>Da k\u00f6nnten ziemlich unterschiedliche \u00a0Charaktere zusammengefunden haben, um ein bahnbrechendes Segelflugzeug zu bauen.\u00a0<br \/>Der Pilot: Arthur Martens. Flog mit dem Roten Baron, sah von den Vieren vielleicht am deutlichsten seinen Platz im Flugzeugcockpit. Schon fr\u00fch als Testpilot f\u00fcr die Hannoversche Waggonfabrik. Wurde in den 30er Jahren noch zu den Top 5 der Segelflug-Rekordhalter gez\u00e4hlt, nicht weit hinter Lilienthal. St\u00fcrzte \u00a01937 t\u00f6dlich ab.<br \/>Der Konstrukteur: Walter Blume. H\u00f6chstdekoriert als Kriegspilot, f\u00fchrte sein Weg nach Hannover in die Entwicklungsabteilung eines Flugzeugkonzerns, wo er verantwortlich unter anderem f\u00fcr eines der ersten D\u00fcsenflugzeuge war. Konstruierte noch in den 50er Jahren ein Sportflugzeug.<br \/>Der Organisator: Fritz Hentzen. Seine Laufbahn nach der hannoverschen Segelflug-Episode ist vielleicht am wenigsten bekannt. F\u00fchrte aber w\u00e4hrend des 2. Weltkriegs in die F\u00fchrungsetage eines Augsburger Flugzeugerstellers, wo er f\u00fcr die Produktion verantwortlich war.<br \/>Der Kopf: Gerg Madelung. Mit Anfang 30 einige Jahre \u00e4lter als die anderen drei und weiter im Studium. Neben dem Entwurf des \u201eVampyrs\u201c promovierte er. Zog in den Jahrzehnten danach durch viele luftfahrtwissenschaftliche Institute. Und heiratete die Schwester eines ziemlich ber\u00fchmten bayerischen Flugzeug-Konstrukteurs.<\/p>\n<p>Ob die vier als Freunde unterwegs waren \u2013 wie die \u201eDrei Kameraden\u201c Erich Maria Remarques, der \u00fcbrigens Anfang der 20er Jahre auch in Hannover arbeitete \u2013 oder als Konkurrenten, ist offen und l\u00e4sst Raum f\u00fcr erz\u00e4hlerische Fantasie. Aber irgendwie liegt schon die Vorstellung nahe, dass die hannoversche Episode eine kurze, fast \u00a0unbeschwerten Zeit zeigen k\u00f6nnte. Zuversichtlich, hoffnungsvoll, lebensfroh &#8211; noch einigerma\u00dfen weit weg von den Abgr\u00fcnden sp\u00e4terer Jahre.<br \/>Jetzt kommt die Wirtschaftsgeschichte ins Spiel. Gebaut wurde der Vampyr bei der Hannoverschen Waggonfabrik, kurz Hawa. Die lieferte bis zur Pleite Anfang der 30er Jahre rund 40\u2009000 Einbahn-Waggons und Stra\u00dfenbahnen aus. Der Hawa-Schriftzug findet sich sowohl am wiederaufgebauten Vampyr-Original im Deutschen Museum in M\u00fcnchen als auch am Nachbau auf der Wasserkuppe.\u00a0<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/assets.coco-online.de\/89141770377701-Uj1eg94y\/vampyr-ansicht-web_large_w.jpg\" data-lightbox=\"1770423202\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"aspect-ratio:768\/576;\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/vampyr-ansicht-web_medium_w.jpg\" alt=\"Historisches Segelflugzeug Vampyr der HAWA im Museum, Seitenansicht\" width=\"768\" height=\"576\" title=\"Segelflugzeug Vampyr von HAWA \u2013 historische Ansicht im Museum\" data-media-id=\"274644\"\/><\/a>Vampyr-Nachbau im Segelflug-Museum auf der Wasserkuppe. Foto: Werner Gerold.<\/p>\n<p>Betreut wurde die vier Studenten bei der Hawa von Hermann Dorner, einem Flugzeugpionier der ersten Stunde, dessen Pilotenschein von 1910 die Nr. 18 trug. Im Jahr zuvor war er bereits in einem Vergleichsfliegen gegen internationale Gr\u00f6\u00dfen angetreten \u2013 Wright oder Bl\u00e9riot zum Beispiel.\u00a0<br \/>In Hannover war Dorner ab 1916, entwarf eigene, wohl \u00e4u\u00dferst leistungsf\u00e4hige Flugzeuge. F\u00fcr die Zeit nach dem Krieg plante er mit der Hawa den Einstieg in die zivile Luftfahrt: Die Werbebrosch\u00fcre, unter anderem mit einem als Prototyp bereits fertigen Dreidecker f\u00fcr bis zu vier Reisende, war schon gedruckt. Durch den Versailler Vertrag stand er aber buchst\u00e4blich vor den Tr\u00fcmmern dieser Pl\u00e4ne. Die Hawa suchte h\u00e4nderingend verkaufsf\u00e4hige Produkte &#8211; auch Segelflieger, und am Vampyr-Rumpf steht nur der Unternehmens-Schriftzug. Einvernehmlich, oder steckt ein Konflikt dahinter?<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/assets.coco-online.de\/89141770377954-Nxx4KQPe\/vampyr-ausschnitt-web_large_w.jpg\" data-lightbox=\"1770423202\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"aspect-ratio:768\/605;\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/vampyr-ausschnitt-web_medium_w.jpg\" alt=\"Ausschnitt des Segelflugzeugs Vampyr mit HAWA Hannover Waggonfabrik Beschriftung\" width=\"768\" height=\"605\" title=\"Vampyr Segelflugzeug Ausschnitt mit HAWA Hannover Waggonfabrik Schriftzug\" data-media-id=\"274645\"\/><\/a>Der Vampyr, ein Hawa-Produkt: So steht&#8217;s am Flugzeug. Foto: Werner Gerold.<\/p>\n<p>Dorner brachte aber nicht nur den Gro\u00dfserien-Flugzeugbau f\u00fcr einige Jahre nach Hannover. Sondern m\u00f6glicherweise auch irgendwie seinen Halbbruder Alexander: als Kunsthistoriker wohl einer der wichtigsten Museumsdirektoren des 20. Jahrhunderts \u2013 Kestner-Gesellschaft, das Kabinett der Abstrakten mit El Lissitzky. \u00dcber das Verh\u00e4ltnis der beiden untereinander und mit der Stadtgesellschaft d\u00fcrfte einiges bekannt sein \u2013 aber noch nicht ver\u00f6ffentlicht. Bezieht man das aber mit ein, k\u00f6nnte sich der Film \u2013 zum Serienstoff entwickeln.\u00a0<br \/>Ein Schlussbild jedenfalls dr\u00e4ngt sich auf: Die vier Vampyr-Erbauer starten mit ihrem Segler beim zweiten Rh\u00f6n-Wettbewerb auf der Wasserkuppe, fliegen und fliegen Rekorde ein. Seitdem gilt das hannoversche Flugzeug als Urahn des modernen Segelflugs.<\/p>\n<p>\u00a0<a href=\"https:\/\/assets.coco-online.de\/89141770378558-buiKokOl\/hawa-gebaeude-web_large_w.jpg\" data-lightbox=\"1770423202\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"aspect-ratio:768\/561;\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/hawa-gebaeude-web_medium_w.jpg\" alt=\"Historisches HAWA Geb\u00e4ude in schwarz-wei\u00df Ansicht\" title=\"HAWA Geb\u00e4ude historische Aufnahme\" data-media-id=\"274659\" width=\"768\" height=\"561\"\/><\/a>Hawa-Verwaltung in den 20er Jahren.<br \/>\u00a0<a href=\"https:\/\/assets.coco-online.de\/89141770378681-LUWkBe1c\/hawa-gebaeude-neu-web_large_w.jpg\" data-lightbox=\"1770423202\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"aspect-ratio:768\/643;\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/hawa-gebaeude-neu-web_medium_w.jpg\" alt=\"Au\u00dfenansicht des neuen Hawa Geb\u00e4udes aus Backstein mit geparkten Autos davor\" title=\"Neues Hawa Geb\u00e4ude \u2013 Backsteinbau mit moderner Nutzung\" data-media-id=\"274661\" width=\"768\" height=\"643\"\/><\/a>Die Hawa-Geb\u00e4ude heute: Das markante Eckgeb\u00e4ude fehlt. Foto: Pohlmann\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/assets.coco-online.de\/89141770378957-4VajB7dv\/der-umtriebige-hoch_large_w.jpg\" data-lightbox=\"1770423202\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"aspect-ratio:768\/1029;\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/der-umtriebige-hoch_medium_w.jpg\" alt=\"Historisches Portr\u00e4t von der umtriebige Hoch im Anzug\" title=\"Historisches Portr\u00e4t von der umtriebige Hoch\" data-media-id=\"274665\" width=\"768\" height=\"1029\"\/><\/a>Fritz Hurtzig.<strong>Der Umtriebige<\/strong><br \/>\u00a0<\/p>\n<p>Zwei M\u00e4nner auf der Suche, irgendwo in der N\u00e4he des Dorfes Ilsede, Anfang der 1850er Jahre. Fast 30 Jahre Altersunterschied liegen zwischen den beiden. Der \u00e4ltere, Carl Hostmann, ist fast Mitte 50 und Bankier aus Celle. Fritz Hurtzig, Mitte 20, stammt aus der hannoverschen Unternehmerfamilie jener Zeit schlechthin.<br \/>Sie hoffen, nicht nur Eisenerz zu finden, sondern auch Kohle. Die ist aber nicht ausreichend da. Trotzdem gr\u00fcnden sie, in eine Wirtschaftskrise hinein, die Bergbau- und H\u00fcttengesellschaft zu Peine. Die geht pleite, Hostmann nimmt sich das Leben, glaubt aber, so hei\u00dft es in theatralischen Beschreibungen, bis zuletzt an den Erfolg des Vorhabens. Mit Recht: In einem zweiten Anlauf geh\u00f6rt sein Juniorpartner Hurtzig zu den Gr\u00fcndern der Ilseder H\u00fctte. Auf die sich heute die Salzgitter AG beruft.<br \/>Hurtzig, \u00fcber Jahrzehnte nahezu vergessen, wurde in den Jahren danach zu einem der bekanntesten Unternehmer im heutigen Niedersachsen. Zu Hause in Linden, arbeitete er in den verschiedensten Branchen. Zucker, Textil, Mineralwasser und Limonade, Brot. Aber au\u00dferdem setzte er sich daf\u00fcr ein, die Interessen der Wirtschaft zu vertreten. Im hannoverschen Handelsverein, im Gewerbeverein. Und noch im K\u00f6nigreich Hannover schaffte er es, den Weg f\u00fcr Handelskammern frei zu machen. Folgerichtig war Hurtzig erster Kammerpr\u00e4sident in Hannover: Kein Wunder, werden Sie jetzt sagen, dass er hier auftaucht. Zudem ist er aber 1862 auf einem fr\u00fchen Foto des Deutschen Handelstags abgebildet \u2013 was da allein an Reisezeit draufgeht in der fr\u00fchen Eisenbahn\u00e4ra. Man kann ihn f\u00f6rmlich sehen in einem Eisenbahnabteil auf der Fahrt \u2013 wie lange? \u2013 nach M\u00fcnchen zum Beispiel. Familie hatte er \u00fcbrigens auch.\u00a0<br \/>Das alles macht noch keine filmenswerte Geschichte, zugegeben. Aber wie w\u00e4re es damit? Die tragische Geschichte um Carl Hostmann ist nur ein Aspekt rund um die Gr\u00fcndung der Ilseder H\u00fctte. Hurtzig zerstritt sich dar\u00fcber aber wohl auch \u00f6ffentlich \u00a0zutiefst mit seinem Onkel \u2013 Georg Egestorff, kurz gesagt: mit dem Hanomag-Gr\u00fcnder. Der hatte fr\u00fch einen Sohn verloren. Die f\u00fcnf T\u00f6chter kamen zu jenen Zeiten f\u00fcr eine Nachfolge nicht in Frage. (Sie tauchen aber auf in der Novemberrosen-Romanreihe um die Familie des fiktiven hannoverschen Lokomotiv-Produzenten Georg Brinkhoff.) Der umtriebige Neffe aber war aber offenbar auch niemals Kandidat f\u00fcr die Leitung der Egestorffschen Unternehmen \u2013 wegen des massiven Streits um die Ilseder H\u00fctte? Als Georg Egestorff starb, war Hurtzig 43 Jahre alt: Das h\u00e4tte gepasst. So aber kaufte der nicht minder umtriebige Unternehmer Bethel Henry Strousberg die sp\u00e4tere Hanomag \u2013 und bescherte ihr sofort die erste Krise.<br \/>\u00dcber das Innenleben von Unternehmern im 19. Jahrhundert ist, so scheint es, wenig bekannt. Sie schrieben Zahlen, keine Biografien. Das l\u00e4sst Raum f\u00fcr die menschliche Seite eines Unternehmers w\u00e4hrend der Industrialisierung. Hurtzig starb 1897, nicht allzu lange vor seinem 72. Geburtstag. Die wom\u00f6glich letzte unternehmerische Tat war die offenbar auch sozial motivierte Gr\u00fcndung der Hannoverschen Brotfabrik. Das war 1886. Als Handelskammer-Pr\u00e4sident war er schon vor Jahren ausgeschieden.\u00a0<br \/>Was macht das alles mit einem Menschen? Verlust, M\u00fchen, Entt\u00e4uschung \u2013 gegen unternehmerischen Erfolg und gesellschaftliche Anerkennung. Neurasthenie nannte man im 19. Jahrhundert das, was heute Burnout hei\u00dft. War das der Preis, den ein Umtriebiger zu zahlen hatte?\u2003<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der Stoff, aus dem Filme und Serien gemacht werden, findet sich nicht nur im Babylon Berlin. 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