{"id":778567,"date":"2026-02-07T08:36:11","date_gmt":"2026-02-07T08:36:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/778567\/"},"modified":"2026-02-07T08:36:11","modified_gmt":"2026-02-07T08:36:11","slug":"kunst-ist-ein-raum-von-zeugenschaft-kreuzer-online","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/778567\/","title":{"rendered":"\u00bbKunst ist ein Raum von\u2028Zeugenschaft\u00ab \u2014 kreuzer online"},"content":{"rendered":"<p>Anna Perepechai kommt in die kreuzer-Redaktion, in den n\u00e4chsten Tagen stehen Gespr\u00e4che zu ihrer Einzelausstellung im Kunstraum D21 sowie im Museum der bildenden K\u00fcnste zum Kunstpreis MdbK [jetzt] zu Positionen junger Kunst in Mitteldeutschland an. In beiden Ausstellungen zeigt sie Arbeiten aus ihrer Werkgruppe \u00bbTears of Things\u00ab, die sich mit dem Krieg in der Ukraine auseinandersetzt.<\/p>\n<p><strong>Wir haben uns in der vom \u00d3stov-Kollektiv organisierten Ausstellung \u00bbSensing Places \u2013 Placing Senses\u00ab kennengelernt, die im August 2022 in der Leipziger ODP-Galerie die Auswirkungen des Krieges auf die k\u00fcnstlerische Produktion zeigte. Dreieinhalb Jahre sp\u00e4ter herrscht immer noch Krieg \u2026<\/strong><\/p>\n<p>Ich erinnere mich, dass ich damals gerade aus der Ukraine zur\u00fcckgekehrt war. Es war Hochsommer, und dennoch kamen viele interessierte Besucherinnen und Besucher. In dieser Gleichzeitigkeit von Hitze, Ersch\u00f6pfung und Aufmerksamkeit lag f\u00fcr mich etwas sehr Genaues \u00fcber dieser Zeit: ein Versuch, hinzusehen, obwohl alles dr\u00e4ngte, wegzuschauen.<\/p>\n<p>Fast vier Jahre nach Beginn der russischen Gro\u00dfinvasion erscheint die damalige Zeit zugleich nah und weit entfernt. Im Februar 2023 zeigte der kreuzer auf seinem Cover ein Foto meiner Schwester, die ihr Baby w\u00e4hrend eines Blackouts stillte. Inzwischen stillt sie ihre j\u00fcngste Tochter \u2013 wieder in unserer K\u00fcche, im Dunkeln, mit einer Stirnlampe auf dem Kopf. Die Zeit ist vergangen \u2013 aber die Bedingungen, unter denen das Leben in der Ukraine stattfindet, haben sich kaum ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p><strong><br \/>Was machen Sie aktuell? Sind Sie noch im \u00d3stov-Kollektiv aktiv?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe im Sommer mein Diplom an der HGB abgeschlossen und arbeite seither als freiberufliche K\u00fcnstlerin. In den kommenden Monaten stehen mehrere Ausstellungen an, und im Sommer habe ich meinen ersten Lehrauftrag an der Universit\u00e4t Erfurt. Gleichzeitig bin ich weiterhin als Mitglied und Fotografin im Freundeskreis der Ukraine in Leipzig aktiv, dokumentiere Demonstrationen und engagiere mich ehrenamtlich. Dabei gehe ich bewusster\u00a0mit meinen eigenen Kr\u00e4ften um, versuche, auf meine physische und mentale Gesundheit zu achten. Aus dem Kollektiv bin ich Ende 2023 ausgetreten; seitdem gehen wir getrennte Wege.<\/p>\n<p><strong><br \/>Sie leben seit 2014 in Deutschland, sind aber immer wieder auch in der Ukraine, richtig?<\/strong><\/p>\n<p>Gerade in den ersten Monaten nach Beginn der Gro\u00dfinvasion hatte ich den starken Impuls, mein Studium abzubrechen und in die Ukraine zur\u00fcckzukehren, um bei meiner Familie und meinen Freundinnen und Freunden zu sein. Viele Migrantinnen und Migranten, die den Krieg aus der Ferne erleben, haben das Gef\u00fchl, wirkliche Solidarit\u00e4t sei nur vor Ort m\u00f6glich: gemeinsam auszuhalten, zu trauern und zu k\u00e4mpfen. Es brauchte Zeit, bis ich verstand, dass Verantwortung auch bedeutet, den eigenen Lebensort ernst zu nehmen und von dort aus zu handeln. Mein Sein erstreckte sich seit 2014 zwischen der Ukraine und Deutschland \u2013 das musste ich akzeptieren. Die Verbindungen zwischen Leipzig, Kyjiw und meiner Heimatstadt Borzna trugen meine Arbeit und auch mich selbst durch diese Zeit.<\/p>\n<p><strong><br \/>M\u00f6chten Sie wieder zur\u00fcck?<\/strong><\/p>\n<p>Bevor ich 2014 als Freiwillige nach Deutschland kam, dachte ich, ich w\u00fcrde von hier aus durch Europa reisen und nach einem Jahr in die Ukraine zur\u00fcckkehren. Es kam allerdings anders. Elf Jahre sp\u00e4ter kann ich sagen, dass ich fast jede M\u00f6glichkeit nutze, um zur\u00fcck in meine Heimat zu fahren \u2013 oft, aber nie f\u00fcr lange. Ich wei\u00df, dass ich eines Tages f\u00fcr eine l\u00e4ngere Zeit zur\u00fcckgehen werde, vielleicht mit einem offenen Ende, so wie auch meine Migration nach Deutschland ungeplant begann.<\/p>\n<p><strong><br \/>Was hat Sie abgehalten?<\/strong><\/p>\n<p>Im ersten Jahr in Deutschland begegnete ich Menschen, die meine fotografische Arbeit ernst nahmen und mich ermutigten, Kunst zu studieren. Die Aufnahme an der Bauhaus-Universit\u00e4t Weimar schien mir als herausforderndes Abenteuer. Ich ging diesen Weg mit dem Gedanken, es zun\u00e4chst nur f\u00fcr eine begrenzte Zeit zu versuchen und jederzeit zur\u00fcckkehren zu k\u00f6nnen. Erst sp\u00e4ter verstand ich, wie tief sich Migration in einen Menschen einschreibt und wie sehr sie Wahrnehmung, Sprache und Pers\u00f6nlichkeit pr\u00e4gt. R\u00fcckblickend verbinde ich meine Jahre in Deutschland mit den verschiedenen Phasen des Krieges in der Ukraine: Lebensereignisse, Ausstellungen und Begegnungen hier standen f\u00fcr mich immer auch in Beziehung zu Angriffen, Verlusten und politischen Z\u00e4suren dort. Diese Gleichzeitigkeit von Ankommen und Bedrohtsein pr\u00e4gt mein Denken und meine k\u00fcnstlerische Arbeit bis heute.<\/p>\n<p><strong><br \/>Was war dabei f\u00fcr Sie besonders schlimm?<\/strong><\/p>\n<p>Fast vier Jahre nach Beginn der Gro\u00dfinvasion und bald zw\u00f6lf Jahre nach der Revolution der W\u00fcrde, der Annexion der Krym und dem Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine frage ich mich oft, ob das Schlimmste bereits geschehen ist \u2013 oder noch bevorsteht. Wir versuchen, Zeit in Jahrestage und Etappen zu gliedern, um sie fassbar zu machen. Doch f\u00fcr viele von uns dauert der Krieg ununterbrochen an. Er ist kein abgeschlossenes Ereignis, sondern eine fortdauernde Realit\u00e4t, die sich in den Alltag, in die K\u00f6rper, in die Erinnerungen und in die Kunst eingeschrieben hat. Und jeden Tag geschieht erneut Gewalt, die zugleich ersch\u00fcttert und abstumpft \u2013 eine permanente Erfahrung von Bedrohung und Ersch\u00f6pfung.<\/p>\n<p><strong>Wie sind Sie damit in Ihrer Diplomarbeit umgegangen?<\/strong><\/p>\n<p>Die Grundlage meines Diploms bildeten Texte, die ich Anfang 2022 zu schreiben begonnen hatte: pers\u00f6nliche Erinnerungen und Reflexionen, poetische Notizen, aber auch politische Gedanken. Ich reiste immer wieder in die Ukraine und verarbeitete Momente und Situationen, die ich dort erlebte oder erinnerte, k\u00fcnstlerisch\u00a0\u2013 teils dokumentarisch, teils experimentell. Dieser Prozess war meine erste intensive Auseinandersetzung mit mir selbst als Migrantin. Viele Jahre im Ausland hatten meinen Blick gepr\u00e4gt, und doch richtete er sich immer wieder auf das, was ich als Zuhause verstand. Am Ende arbeitete ich mit visuellen, textlichen und materiellen Prozessen, um aus einer migrantischen Perspektive \u00fcber Krieg, Verlust und\u00a0Widerstand zu sprechen. Die Vielfalt der Themen und Medien verlangte nach einem \u00fcbergeordneten Begriff. Diesen fand ich 2022 eher zuf\u00e4llig in einem Podcast, den ich auf der Busfahrt von Kyjiw nach Leipzig h\u00f6rte: \u00bbTears of Things\u00ab. In diesem Moment hatte ich das Gef\u00fchl, diese \u00bbTr\u00e4nen der Dinge\u00ab mit mir nach Leipzig zu tragen.<\/p>\n<p><strong>Wie meinen Sie das?<\/strong><\/p>\n<p>Meine Familie lebt im Norden der\u00a0Ukraine, nahe der Grenze zu Belarus und \u00adRussland. Unsere Siedlung war vom 25.\u00a0Februar bis zum 30. M\u00e4rz 2022 unter russischer Besatzung. Erst Ende Mai konnte ich dorthin fahren. F\u00fcr diese Jahreszeit war es ungew\u00f6hnlich kalt, und in der Luft lag die Angst, dass die russischen Truppen zur\u00fcckkehren k\u00f6nnten\u00a0\u2013 noch w\u00fctender, noch brutaler. Aus dieser Verlustangst heraus begann ich, das Archiv meiner Familie zusammenzutragen. Ich suchte bei Verwandten nach Fotografien, Briefen und Gegenst\u00e4nden und packte alles, was zug\u00e4nglich war, in zwei Koffer, die ich nach Leipzig mitnahm. Vieles war bereits verloren, und zugleich war mir bewusst, dass es ein Privileg war, \u00fcberhaupt noch ein Archiv sichern zu k\u00f6nnen\u00a0\u2013 viele Menschen, die unter Lebensgefahr fliehen mussten, hatten diese M\u00f6glichkeit nicht. Auf der R\u00fcckreise h\u00f6rte ich in dem Podcast den Begriff Tears of Things, w\u00e4hrend diese beiden Koffer bei mir waren. Erst sp\u00e4ter verstand ich die Bedeutung dieser Handlung: als eine Form materieller Zeugenschaft, von F\u00fcrsorge und Widerstand gegen das Verschwinden. Und noch sp\u00e4ter wurde mir klar, dass auch die Arbeiten, die nicht physisch in diese Koffer passten, zu dem biografischen und k\u00fcnstlerischen Zusammenhang geh\u00f6rten, den ich heute als Werkkomplex \u00bbTears of Things\u00ab bezeichne. Der Titel verweist auf die lateinische Wendung sunt lacrimae rerum \u2013 auf die\u00a0Vorstellung, dass Dinge und Orte selbst von Trauer und Geschichte durchzogen sind. Solange wir mit dem Krieg und seinen Folgen leben, werden diese \u00bbTr\u00e4nen der Dinge\u00ab weiter existieren. Deshalb wei\u00df ich bis heute nicht, wann und wie dieses Projekt abgeschlossen sein wird.<\/p>\n<p><strong>Was bedeutet dieser Krieg f\u00fcr Ihre oder die Kunst?<\/strong><\/p>\n<p>Ich suche keinen Abschluss, weil er vom Hier und Jetzt ablenken w\u00fcrde. Kunst verstehe ich als eine Form flie\u00dfender Erinnerungsarbeit und als Kommunikation \u2013 als Widerstand gegen das, was au\u00dferhalb des eigenen physischen K\u00f6rpers geschieht und sich dennoch in ihn einschreibt. Die sowjetische Besatzung der Ukraine hatte sich langfristig und transgenerational eingeschrieben; ich sp\u00fcre sie in mir, in Haltungen, in allt\u00e4glichen Gesten. So schreibt sich nun auch der aktuelle Krieg in uns ein \u2013 vielleicht noch nicht immer bewusst, aber bereits wirksam. Weltweit werden weiterhin Kriegsverbrechen begangen \u2013 nicht nur in der Ukraine. Diese Gewalt darf weder verdr\u00e4ngt noch normalisiert werden, und sie verlangt nach Solidarit\u00e4t \u00fcber \u00adnationale Grenzen hinweg. Dass Kyjiw und gro\u00dfe Teile des Landes bei minus zwanzig Grad im Blackout versinken und Menschen gezwungen sind, in der Dunkelheit weiter zu funktionieren, steht exemplarisch f\u00fcr diese globale Gegenwart von Krieg und Entmenschlichung. Diese Erfahrungen schreiben sich auch in die Kunst ein, denn sie reagiert auf Geschichte, auf Gewalt und auf Kriegsverbrechen, solange imperiale Strukturen fortbestehen. In einem kolonialen Vernichtungskrieg ist Neutralit\u00e4t eine Parteinahme f\u00fcr den Aggressor. Es bleibt noch sehr viel zu erinnern, zu benennen und zu verarbeiten \u2013 auch und gerade k\u00fcnstlerisch.<\/p>\n<p><strong>Ist das Interesse an der Ukraine gesunken?<\/strong><\/p>\n<p>Teilweise. Ich habe den Eindruck, dass der Krieg in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung zunehmend auf abstrakte geopolitische Schlagzeilen reduziert wird \u2013 auf Verhandlungen, Machtverschiebungen, Namen von Staatsoberh\u00e4uptern. Pers\u00f6nliche Geschichten, materielle Spuren und k\u00fcnstlerische Perspektiven treten dabei in den Hintergrund. Das war schon 2022 so: Viele folgten den Nachrichten und glaubten, die Ukraine w\u00fcrde in wenigen Tagen fallen. Die Mechanismen der russischen Kriegsf\u00fchrung, der Desinformation und der medialen Vereinfachung wirken bis heute fort. Internationale Berichterstattung konzentriert sich meist auf die gro\u00dfe Politik und weniger auf das, was Krieg im Alltag oder im K\u00f6rper und in Erinnerungen bedeutet. Zugleich entstehen kulturelle Positionen, die dieser Abstraktion widersprechen. Dass der ukrainische Kurator und Philosoph Wassyl Tscherepanyn die 14. Berlin Biennale kuratiert, ist ein starkes Zeichen daf\u00fcr, dass osteurop\u00e4ische und dekoloniale Perspektiven in zentralen Diskursr\u00e4umen sichtbar werden \u2013 gerade in einer Zeit, in der der koloniale Angriffskrieg Russlands Europa mit grundlegenden Fragen von Gewalt, Macht und Verantwortung konfrontiert. In diesem Spannungsfeld verstehe ich Kunst nicht als Illustration, sondern als aktiven Beitrag: als Raum von Zeugenschaft, der gegen die Abstraktion des Krieges arbeitet, Komplexit\u00e4t sichtbar macht und Erfahrungen vor dem Verschwinden in Statistiken bewahrt.<\/p>\n<p><strong>Wie sch\u00f6pfen Sie Kraft?<\/strong><\/p>\n<p>Die Aufenthalte in der Ukraine geben mir Kraft, auch wenn sie oft schwer sind. Au\u00dferdem aus ukrainischer Literatur und Poesie, aus Gespr\u00e4chen mit meinem Partner, meiner Familie und meinem Freundeskreis, aus dem Schreiben und dem ruhigen Arbeiten im eigenen Tempo. Manchmal ziehe ich mich bewusst stark ins Offline zur\u00fcck, um die Welt wieder unmittelbarer wahrzunehmen. Und aus solidarischen Handlungen: aus gemeinsamer Unterst\u00fctzung, aus Demonstrationen und Spenden, aus dem Gef\u00fchl von Verbundenheit und aus dem Wissen, dass das, was wir tun, nicht umsonst ist \u2013 dass F\u00fcrsorge und Widerstand untrennbar miteinander verbunden sind.<\/p>\n<p><strong><br \/>In Ihrer Diplomarbeit, die Sie in der Techne Sphere im Sommer gezeigt haben, geht es um den Krieg und dessen Einfluss \u2013 etwa im Video mit dem Drohnenger\u00e4usch, das auf mich st\u00e4rker wirkte als ein riesiges, historisches Schlachtenbild. Sie haben sich damit f\u00fcr den f\/stop-Fotomonat im Kunstraum D21 beworben und wurden ausgew\u00e4hlt. Was wird dort zu sehen sein?<\/strong><\/p>\n<p>Sie sprechen \u00fcber die Arbeit \u00bbBehind the Sirens\u00ab \u2013 eine 56-sek\u00fcndige Loop\u00adaufnahme der \u00dcberwachungskamera am Eingang des Hauses meiner Familie. Zu sehen ist ein scheinbar ruhiger Ort, zu h\u00f6ren das Vorbeifliegen einer Drohne. Das Video wurde mir 2023 von meiner Familie geschickt und wird in der Ausstellung von einem Essay begleitet, in dem ich \u00fcber die permanente Anspannung, das Warten und die Erfahrung von Sirenen schrieb. In unserer Region geh\u00f6ren Drohnen, Raketen und Luftabwehr zum akustischen Alltag, besonders nachts. Die Arbeit bringt dieses unsichtbare Regime des Krieges \u2013 das Lauschen, das Zittern, die Zeit zwischen Alarm und Einschlag \u2013 in den Ausstellungsraum. Neben dieser Arbeit werden im D21 auch andere Ausz\u00fcge aus dem Diplom zu sehen sein. \u00bbBuried \u2013 Excerpt IX\u00ab sind vergr\u00f6\u00dferte, digitalisierte kameralose Fotografien aus in Erde vergrabenen lichtsensiblen Papieren. Die Erde ist hier Tr\u00e4ger von Geschichte und Trauer, die Fotogramme fungieren als Spuren einer Landschaft, die Krieg und Verlust in sich tr\u00e4gt. Auch meine Fotob\u00fccher \u00bbIf you want to survive, never kneel down\u00ab \u2013 \u00fcber die Revolution der W\u00fcrde \u2013 und \u00bbMy only Wish was to leave you\u00ab \u2013 \u00fcber meine Heimatstadt \u2013 werden gezeigt. Auf dem Ausstellungsplakat erscheint ein wiedergefundenes Familienfoto aus den drei\u00dfiger Jahren: meine Urgro\u00dfmutter Harytyna mit ihren Schwestern. F\u00fcr mich steht es exemplarisch f\u00fcr Archive als fragile Speicher, in denen sich pers\u00f6nliche und kollektive Geschichte einschreiben.<\/p>\n<p><strong><br \/>Schlie\u00dfen Sie eigentlich ein Meistersch\u00fclerinnenstudium an der HGB an?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, ich beginne es im Oktober bei Professorin Tina Bara. Nach dem Diplom habe ich mir bewusst ein Jahr Pause genommen, weil die vergangenen elf Jahre in Deutschland sehr intensiv waren \u2013 vom Freiwilligendienst \u00fcber das Bachelorstudium bis zum Diplom. Sie waren gepr\u00e4gt von Migration, politischer Arbeit und der st\u00e4ndigen Gleichzeitigkeit von k\u00fcnstlerischer Ausbildung in Deutschland und Krieg in der Ukraine. Diese Pause ist notwendig, um meine Erfahrungen zu verarbeiten und meine Position weiter zu sch\u00e4rfen, bevor ich den n\u00e4chsten Schritt gehe.<\/p>\n<p><strong><br \/>Im Mai er\u00f6ffnet die Ausstellung \u00bbMdbK [jetzt] Positionen junger Kunst aus Mitteldeutschland\u00ab. Sie sind eine von vier Preistr\u00e4gerinnen. Was werden Sie dort zeigen?<\/strong><\/p>\n<p>Die Ausstellung ist noch im Entstehen, und gerade diese Offenheit empfinde ich als spannend. Im MdbK werde ich ver\u00f6ffentlichte und bislang unver\u00f6ffentlichte Ausz\u00fcge aus \u00bbTears of Things\u00ab zeigen \u2013 Fotografien und raumbezogene, materielle Installationen.<\/p>\n<p>Besonders symbolisch ist f\u00fcr mich die Pr\u00e4sentation der Glaskoffer mit dem Familienarchiv. Lange bevor ich nach Leipzig zog, ging ich bei jeder Durchreise ins Museum der bildenden K\u00fcnste \u2013 oft direkt vom Bahnhof, mit meinem Reisekoffer in der Hand. Dass diese Arbeiten nun an diesem Ort gezeigt werden, schlie\u00dft f\u00fcr mich einen sehr pers\u00f6nlichen Kreis zwischen Ankommen, Erinnern und k\u00fcnstlerischer Zeugenschaft.<\/p>\n<p><strong><br \/>Wo f\u00fchlen Sie sich in der Stadt wohl?<\/strong><\/p>\n<p>Im Kolonnadenviertel, das seit 2020 mein Leipziger Zuhause ist \u2013 mit all seinen leichten und schweren Erinnerungen. Ein Ort, durch den ich gehe, in dem ich ankomme, Kaffee trinke, bei Rotorbooks st\u00f6bere und immer wieder lieben Menschen begegne. Und vielleicht nicht im klassischen Sinne \u00bbwohl\u00ab, aber sehr lebendig f\u00fchle ich mich am Marktplatz. Dort, wo sich am 24. Februar 2022 Tausende Menschen versammelten, um gegen die russische Gro\u00dfinvasion zu protestieren, und wo wir uns in all den Jahren immer wieder getroffen haben und weiter treffen werden. Dieser Ort ist f\u00fcr mich nicht einfach ein Stadtzentrum, sondern ein Raum kollektiver Stimme, von Erinnerung und Widerstand.<\/p>\n<p>&gt; \u00bbf\/Stop \u2013 Fotomonat\u00ab-Einzelausstellung: 20.2.\u201315.3., Kunstraum D21<\/p>\n<p>Biografie: Anna Perepechai wird 1989 in Poltawa \u2013 zwischen Kyjiw und \u00adCharkiw \u2013 geboren, studiert zun\u00e4chst an der Nationalen Taras-Schewtschenko-Universit\u00e4t in Kyjiw Journalismus, ab 2016 Visuelle Kommunikation an der Bauhaus-Universit\u00e4t Weimar und von 2020 bis 2025 an der Hochschule f\u00fcr Grafik und Buchkunst Fotografie in der Klasse von Tina Bara.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Anna Perepechai kommt in die kreuzer-Redaktion, in den n\u00e4chsten Tagen stehen Gespr\u00e4che zu ihrer Einzelausstellung im Kunstraum D21&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":778568,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1832],"tags":[2076,3364,29,20019,30,4399,2134,27130,4046,2075,4819,71,2877,307,859,317],"class_list":["post-778567","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-leipzig","tag-ausstellung","tag-de","tag-deutschland","tag-fotografin","tag-germany","tag-idm","tag-interview","tag-journalistin","tag-krieg","tag-kunst","tag-kuenstlerin","tag-leipzig","tag-magazin","tag-russland","tag-sachsen","tag-ukraine"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116028439787707161","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/778567","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=778567"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/778567\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/778568"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=778567"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=778567"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=778567"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}