{"id":779058,"date":"2026-02-07T13:08:11","date_gmt":"2026-02-07T13:08:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/779058\/"},"modified":"2026-02-07T13:08:11","modified_gmt":"2026-02-07T13:08:11","slug":"wie-mikroben-im-meeresboden-ueberleben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/779058\/","title":{"rendered":"Wie Mikroben im Meeresboden \u00fcberleben"},"content":{"rendered":"<p>                    <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"internal-image\" title=\"Braune R\u00f6hrenseegurke (Holothuria tubulosa), Seegurke, auf dem Meeresboden, umgeben von Pflanzen und Substrat im Mittelmeer bei Hy\u00e8res, Tauchplatz Halbinsel Giens, Porquerolles, Provence, C\u00f4te d'Azur, Frankreich\" alt=\"Braune R\u00f6hrenseegurke (Holothuria tubulosa), Seegurke, auf dem Meeresboden, umgeben von Pflanzen und Substrat im Mittelmeer bei Hy\u00e8res, Tauchplatz Halbinsel Giens, Porquerolles, Provence, C\u00f4te d'Azur, Frankreich\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/meeresboden-100-1920x1080.jpg\" \/><\/p>\n<p>                  Eine Braune R\u00f6hrenseegurke auf dem Meeresboden &#8211; tief unter ihr gibt es noch viel mehr Leben (picture alliance \/ imageBROKER \/ Rolf von Riedmatten)<\/p>\n<p>Kaum Sauerstoff, Temperaturen bis mehr als 100 Grad Celsius und enormer Druck unter den Lasten von Ozeanen und Sediment: Die tiefe Biosph\u00e4re bringt das Leben an seine Grenzen. <\/p>\n<p>Und doch gibt es hier Leben. Hunderte Meter unter dem Meeresboden fristen mikroskopisch kleine Lebewesen ihr Dasein in Sand und Gestein. Ohne Licht und fast ohne Nahrung. Verborgen vor den Augen der Welt.<\/p>\n<p>Lange hielten Forscher es nicht f\u00fcr m\u00f6glich, dass hier noch etwas am Leben sein k\u00f6nnte. Heute wissen sie: Die tiefe Biosph\u00e4re ist das Zuhause von unz\u00e4hligen Bakterien, Viren und Archaeen genannten Einzellern \u2013 und weitgehend unerforscht. <\/p>\n<p>\u201eEs ist das gr\u00f6\u00dfte zusammenh\u00e4ngende \u00d6kosystem, das wir auf der Erde haben\u201c, sagt Jens Kallmeyer vom Geoforschungszentrum Potsdam (GFZ). Der Geobiochemiker hat die Dimension dieses verborgenen Lebens erforscht und dazu die Biomasse in der tiefen Biosph\u00e4re berechnet. Kallmeyer fand heraus: Die Menge organischer Substanz \u2013 also aller pflanzlicher und tierischer Stoffe in der tiefen Biosph\u00e4re \u2013 ist so gro\u00df wie die allen Planktons, aller Fische und aller Wale in den Meeren dar\u00fcber zusammen. <\/p>\n<p>                <strong>Ein Leben im Energiesparmodus<\/strong><\/p>\n<p>Um Bedingungen zu \u00fcberstehen, die an der Oberfl\u00e4che t\u00f6dlich w\u00e4ren, leben die Mikroorganismen im Energiesparmodus. Sie haben sich angepasst \u2013 und kommen so fast ohne Nahrung aus. <\/p>\n<p>Victoria Orphan vom California Institute of Technology hat das erforscht. Mikroben-Zellen unter dem Meeresgrund wachsen und vermehren sich ihr zufolge extrem langsam. \u00dcber lange Perioden teilen sich die Zellen \u00fcberhaupt nicht. \u201cEs ist eine v\u00f6llig andere Art zu leben, wenn man nur alle zehn Jahre eine Kopie von sich selbst machen kann \u2013 oder alle hundert, alle tausend Jahre\u201c, sagt die Geomikrobiologin. <\/p>\n<p>Der Minimalismus der Mikroben zeigt sich auch an ihrem Stoffwechsel. Tief unter dem Meeresboden verstoffwechselt eine Zelle vielleicht ein paar Tausend Molek\u00fcle pro Jahr. Das haben Bohrungen ergeben. Ein Laborbakterium schafft Millionen \u2013 pro Sekunde. Das Leben in der tiefen Biosph\u00e4re sei \u201eeine Geschichte von \u00dcberleben und Ausharren \u2013 nicht von bl\u00fchenden \u00d6kosystemen\u201c, sagt Orphan.<\/p>\n<p>                <strong>Schlafende Zellen werden hochresistent<\/strong> <\/p>\n<p>\u00dcberleben und Ausharren \u2013 damit das auch unter den h\u00e4rtesten Bedingungen klappt, haben einige Bakteriengruppen einen Trick. Sie begeben sich in eine Art Tiefschlaf. Nur wenige der Kleinstlebewesen in der tiefen Biosph\u00e4re sind aktiv. Zu einem deutlich gr\u00f6\u00dferen Anteil enthalten Proben aus der tiefen Biosph\u00e4re sogenannte Endosporen.<\/p>\n<p>Endosporen sind quasi Zellen im Ruhemodus. Bakterien bilden sie in ihrem Inneren, um ihr Erbgut zu sch\u00fctzen \u2013 vor Trockenheit, Strahlung oder extremer Hitze. Die Zellen werden so hochresistent. Selbst die widrigsten Umweltbedingungen k\u00f6nnen ihrem schutzummantelten Inneren nichts anhaben.<\/p>\n<p>\u201eEndosporen k\u00f6nnen vermutlich \u00fcber Jahrtausende \u00fcberleben und sozusagen auf bessere Zeiten warten, bis sie wieder aktiviert werden\u201c, sagt Kai-Uwe Hinrichs, Direktor des Marum, des Zentrums f\u00fcr Marine Umweltwissenschaften der Universit\u00e4t Bremen. Etwa, wenn durch ein Erdbeben Fl\u00fcssigkeiten aus der Tiefe hochgepresst werden und neue N\u00e4hrstoffe liefern.<\/p>\n<p>                <strong>Rost als Futter<\/strong> <\/p>\n<p>Auch wenn Endosporen Bakterienzellen in der tiefen Biosph\u00e4re gen\u00fcgsam machen \u2013 es gibt ein Mindestma\u00df an Energie, das n\u00f6tig ist, um eine Zelle gerade noch am Leben zu halten. Woher beziehen die Organismen dieses Energiequantum in Sedimenten, in denen leicht zug\u00e4nglicher Kohlenstoff l\u00e4ngst aufgezehrt ist?<\/p>\n<p>Zum Beispiel aus Radiolyse, der Spaltung von Wasser durch nat\u00fcrliche Strahlung. Radiolyse erzeugt Wasserstoff, den Mikroben verstoffwechseln k\u00f6nnen. Zudem entstehen reaktive Sauerstoffverbindungen, mit denen andere Mikroben zur Energiegewinnung Metalle oxidieren. Atom f\u00fcr Atom knabbern Mikroben auch an riesigen, schwer verdaulichen Makromolek\u00fclen aus Kohlenstoff, die seit Jahrmillionen im Sediment liegen. Auch Rost \u2013 Eisenoxide \u2013 wird zu Futter. <\/p>\n<p>                <strong>\u00dcberleben durch Kooperation<\/strong><\/p>\n<p>Dieses Leben am Limit braucht zudem Kooperation. Organismen der tiefen Biosph\u00e4re tun sich zu Zweck-Wohngemeinschaften zusammen. Darin verstoffwechselt die eine Mikrobe gro\u00dfe organische Molek\u00fcle und spaltet sie auf, um Energie zu gewinnen. Wasserstoff oder Acetat produziert sie dabei als Abfall. Von diesem Abfall lebt ihre Partner-Mikrobe. Die Partner-Mikrobe wiederum h\u00e4lt die Konzentration der Abf\u00e4lle so niedrig, dass die andere Mikrobe mehr Energie aus ihrer Nahrung ziehen kann.<\/p>\n<p>                <strong>\u00a0\u201eJede Entdeckung ist hart erk\u00e4mpft\u201d <\/strong><\/p>\n<p>Der Nachweis von Leben in der tiefen Biosph\u00e4re ist aufwendig und oft langwierig. Die Bakterien und Archaeen wachsen so langsam, dass man sie \u00fcber viele Monate oder Jahre im Labor bebr\u00fcten m\u00fcsste, bis sich etwas nachweisen lie\u00dfe \u2013 falls sie \u00fcberhaupt im Labor \u00fcberlebten.<\/p>\n<p>Was sich aber nachweisen l\u00e4sst, sind molekulare Fingerabdr\u00fccke des Lebens: winzigen Verschiebungen in chemischen Profilen, Stoffwechselprodukte oder Bruchst\u00fccke von Biomolek\u00fclen. \u201eIch sage meinen Studenten gern: Wer die tiefe Biosph\u00e4re erforscht, muss fast so widerstandsf\u00e4hig sein wie die Mikroben selbst\u201c, sagt Victoria Orphan vom California Institute of Technology. \u201eJede Entdeckung ist hart erk\u00e4mpft.\u201d<\/p>\n<p>Feature: Dagmar\u00a0R\u00f6hrlich<br \/>Onlinetext: Annika S\u00e4uberlich<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Eine Braune R\u00f6hrenseegurke auf dem Meeresboden &#8211; tief unter ihr gibt es noch viel mehr Leben (picture alliance&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":779059,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[135],"tags":[5199,29,597,30,68206,190,189,194,191,68356,591,193,192],"class_list":["post-779058","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-wissenschaft-technik","tag-biologie","tag-deutschland","tag-forschung","tag-germany","tag-meere","tag-science","tag-science-technology","tag-technik","tag-technology","tag-tiefsee","tag-wissen","tag-wissenschaft","tag-wissenschaft-technik"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116029509288329465","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/779058","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=779058"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/779058\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/779059"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=779058"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=779058"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=779058"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}