{"id":780834,"date":"2026-02-08T06:19:16","date_gmt":"2026-02-08T06:19:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/780834\/"},"modified":"2026-02-08T06:19:16","modified_gmt":"2026-02-08T06:19:16","slug":"wie-russland-auf-europa-blickt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/780834\/","title":{"rendered":"Wie Russland auf Europa blickt"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der russische Journalist Andrey Gurkov hat ein pessimistisches Buch \u00fcber den Bruch zwischen Russland und Europa geschrieben. Seine Analyse tr\u00e4gt den Titel \u00abF\u00fcr Russland ist Europa der Feind. Warum meine Heimat mit dem Westen gebrochen hat\u00bb. Laut seiner Prognose ist die Hoffnung, dass nach Putin alles besser wird, eine Illusion.<\/strong><\/p>\n<p>Ein russischer Freund, der auch die Schweizer Staatsb\u00fcrgerschaft besitzt, hat mir k\u00fcrzlich ein Buch geschenkt, das aufgrund der politischen Grosswetterlage sofort mein Interesse geweckt hat. Es geht um das Verh\u00e4ltnis zwischen Russland und Europa. W\u00e4hrend der Rekrutenschule (1975) hatten wir gespottet, der Feind sei rot und komme aus dem Osten. Hat sich diese Behauptung bewahrheitet?<\/p>\n<p><strong>Hasspropaganda gegen alle<\/strong><\/p>\n<p>Andrey Gurkov geht in seinem Buch der Frage nach, warum Putins imperiale Tr\u00e4ume und Aggressionen in der russischen Gesellschaft auf so breite Zustimmung stossen konnten, bis hin zur Kriegsbegeisterung. Dabei erw\u00e4hnt er auch die orthodoxe Kirche, deren F\u00fchrung dem Kreml nach dem Mund redet. Gurkov analysiert historische, kulturelle, politische und massenpsychologische Faktoren, die dazu gef\u00fchrt haben, dass die Hasspropaganda gegen Ukrainer, Amerikaner und insbesondere Europ\u00e4er heute auf fruchtbaren Boden f\u00e4llt.<\/p>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-134852 lazyload\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"750\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/5.jpg\"  data- data-eio-rwidth=\"1000\" data-eio-rheight=\"750\"\/>Die orthodoxe Kirche unterst\u00fctzt Putins Grossmachtfantasien.<\/p>\n<p>\u00abWie konnte es dazu kommen, dass ein Land, das einst den Reformer Michael Gorbaschow hervorbrachte, sich dermassen radikal ver\u00e4ndert hat und zu einer Gefahr f\u00fcr den Westen wurde?\u00bb (Zitat)<\/p>\n<p>Ein roter Faden in dem Buch ist die These, dass die russische Gesellschaft sich l\u00e4ngst nicht mehr als Teil einer europ\u00e4ischen Wertegemeinschaft versteht, sondern Europa systematisch zum Feindbild macht. Gurkov warnt eindringlich davor, zu hoffen, man k\u00f6nne nach einem Ende des Ukrainekriegs zu \u201enormalen\u201c Beziehungen zur\u00fcckkehren. Die Entfremdung sei strukturell und nicht nur ein Produkt Putinscher Tagespolitik. \u00abMeine Landsleute sind seit jeher von Gr\u00f6sse besessen\u2026. Je gr\u00f6sser, desto besser. Russland ist (in ihren Augen) das mit Abstand gr\u00f6sste Land der Welt, folglich muss es auch das allerbeste Land auf dem Planeten sein.\u00bb<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-134849 lazyload\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"713\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/2.1.jpg\"  data- data-eio-rwidth=\"1000\" data-eio-rheight=\"713\"\/>Der Traum vom Grossrussischen Reich in der Grenzen von 1914.<\/p>\n<p><strong>Russische Grossmachttr\u00e4ume<\/strong><\/p>\n<p>Der Autor verbindet pers\u00f6nliche Erfahrungen als geb\u00fcrtiger Moskauer mit einer analytischen Distanz, die er als langj\u00e4hrig in Deutschland lebender Journalist gewonnen hat. Er rekonstruiert die Tradition der russischen Grossmachttr\u00e4ume, die Spannungen zwischen europaphilen und slawophilen Str\u00f6mungen und zeigt, wie mit Putin eine autorit\u00e4r-slawophile Politik die Oberhand gewonnen hat. Gurkov zeigt auf, dass diese Haltung selbst von intellektuellen Kreisen in Russland geteilt wird.<\/p>\n<p>\u00abIch h\u00e4tte nie gedacht, dass so viele Kulturschaffende aus dem Film, dem Theater, der Musik bis hin zum Rock \u2013 und vor allem derart viele Journalistinnen und Journalisten so offen, so aktiv, so inbr\u00fcnstig den Krieg bef\u00fcrworten, die Ukraine hassen und den Westen verteufeln.\u00bb\u2026 \u00abSo eine Verwandlung von gut gebildeten, vielgereisten und belesenen Menschen macht mich immer noch fassungslos.\u00bb (Zitat)<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-134848 lazyload\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"676\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/2.0.jpg\"  data- data-eio-rwidth=\"1000\" data-eio-rheight=\"676\"\/>Putins Propaganda wirkt laut Gurkov bei der eigenen Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Besonders \u00fcberzeugend ist, wie Gurkov die propagandistische Kommunikation Putins und das \u201ewirre Weltbild\u201c eines Teils der russischen \u00d6ffentlichkeit beschreibt: Fakten verlieren an Gewicht gegen\u00fcber Zugeh\u00f6rigkeit, Ressentiment und Identit\u00e4tspolitik. Dadurch erkl\u00e4rt sich auch, warum Dialogbem\u00fchungen aus Europa ins Leere laufen, sobald sie auf eine \u00d6ffentlichkeit treffen, die Feindbilder und Verschw\u00f6rungsnarrative verinnerlicht hat.<\/p>\n<p><strong>Schonungslos mit der Heimat<\/strong><\/p>\n<p>Eine St\u00e4rke des Buches liegt in seiner Schonungslosigkeit gegen\u00fcber der eigenen Heimat und der Kritik an westlichen Illusionen. Ohne R\u00fccksicht auf diplomatische Befindlichkeiten fordert Gurkov, \u00abdass den Europ\u00e4ern und vor allem den Deutschen nicht noch einmal der Fehler unterlaufen darf, im Russischen str\u00e4flich das latent aggressive Grossrussische, das der Putinismus freigesetzt und angefacht hat, zu \u00fcbersehen und zu untersch\u00e4tzen\u00bb. (Zitat)<\/p>\n<p>Gerade weil der Ton so klar und oft desillusionierend ist, wirkt das Buch streckenweise d\u00fcster. M\u00f6gliche Gegenkr\u00e4fte oder Oppositionsbewegungen in Russland treten in den Hintergrund. Wer nach Handlungsoptionen f\u00fcr eine zuk\u00fcnftige Kooperation mit Europa sucht, findet weniger konkrete Vorschl\u00e4ge als eine Warnschrift, die vor allem dazu dient, die Realit\u00e4t des tiefsitzenden Bruchs anzuerkennen.<\/p>\n<p><strong>Keine Umkehr nach Ende des Eroberungskriegs<\/strong><\/p>\n<p>Pessimistisch ist Gurkovs Blick auf eine Zeit nach dem Ukraine-Krieg: \u00abWas ich mir ganz und gar nicht vorstellen kann, zumindest in absehbarer Zukunft nicht, w\u00e4re ein Eingest\u00e4ndnis k\u00fcnftiger Machthaber in Moskau, dass die russische Armee in der Ukraine einen unredlichen Angriffskrieg gef\u00fchrt und dabei massenhaft Verbrechen begangen hat.\u00bb<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-134850 lazyload\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"636\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/3.jpg\"  data- data-eio-rwidth=\"1000\" data-eio-rheight=\"636\"\/>Ungewiss, ob aus den Reihen dieser Kinder Gegenstimmen oder Oppositionelle entstehen werden.<\/p>\n<p><strong>Biografische Angaben zum Autor<\/strong><\/p>\n<p>Andrey Gurkov ist geb\u00fcrtiger Moskauer und arbeitet seit vielen Jahren als Journalist in Deutschland, unter anderem als Russland- und Osteuropa-Experte. Er lebt in K\u00f6ln, geh\u00f6rt also jener Generation von russischen Intellektuellen an, die urspr\u00fcnglich an \u00abWandel durch Handel\u00bb und Verst\u00e4ndigung mit Europa glaubten, sich davon aber sp\u00e4testens seit dem Ukrainekrieg desillusioniert abgewandt haben.<\/p>\n<p>Seine Doppelperspektive (sozialisiert in der Sowjetunion bzw. im postsowjetischen Russland, heute im Westen beheimatet) pr\u00e4gt den Ton des Buchs und macht seine Analyse f\u00fcr ein internationales Publikum besonders zug\u00e4nglich. Indem er biografische Einsichten mit politikwissenschaftlich anmutender Analyse verbindet, stellt das Buch \u00abF\u00fcr Russland ist Europa der Feind\u00bb einen wichtigen Beitrag zum Verst\u00e4ndnis des gegenw\u00e4rtigen russischen Autoritarismus und des tiefen Risses zwischen Moskau und Europa dar.<\/p>\n<p><strong>Fazit:<\/strong> Verglichen mit den sp\u00f6ttischen Warnungen vor f\u00fcnfzig Jahren, unser Feind sei rot und komme aus dem Osten, pr\u00e4sentiert sich die Konflikt- und Kriegsgefahr heute weitaus dramatischer und realistischer. Angesichts des Bruchs zwischen Russland und dem Westen m\u00fcssen wir uns wohl noch l\u00e4ngere Zeit warm anziehen.<br \/>\u2014\u2014\u2014\u2014-<br \/><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-134853 lazyload\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"633\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/6.jpg\"  data- data-eio-rwidth=\"400\" data-eio-rheight=\"633\"\/>\u00abF\u00fcr Russland ist Europa der Feind, Warum meine Heimat mit dem Westen gebrochen hat\u00bb. Andrey Gurkov. Kiepenheuer &amp; Witsch. 2025. ISBN 978-3-462-00728-2<br \/>\u2014\u2014\u2014\u2014<br \/><strong>LINK<br \/><\/strong><br \/><a href=\"https:\/\/www.kiwi-verlag.de\/buch\/andrey-gurkov-fuer-russland-ist-europa-der-feind-9783462007282\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\"><strong>Kippenheuer &amp; Witsch<\/strong><\/a><\/p>\n<p>\u2014\u2014\u2014\u2014<\/p>\n<p>Titelbild: Russischer Soldaten w\u00e4hrend einem Man\u00f6ver. Fotos Pixabay \/ Freepik. Montage PS.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der russische Journalist Andrey Gurkov hat ein pessimistisches Buch \u00fcber den Bruch zwischen Russland und Europa geschrieben. 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