{"id":781167,"date":"2026-02-08T09:38:12","date_gmt":"2026-02-08T09:38:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/781167\/"},"modified":"2026-02-08T09:38:12","modified_gmt":"2026-02-08T09:38:12","slug":"finanzamt-schockt-muenchner-rentner-nur-noch-ein-paar-hundert-zum-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/781167\/","title":{"rendered":"Finanzamt schockt M\u00fcnchner Rentner: &#8222;Nur noch ein paar Hundert zum Leben&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Manfred Lutz sitzt am Esstisch neben der K\u00fcche seines Hauses im M\u00fcnchner Stadtteil Bogenhausen. Vor ihm liegen Fotos aus verschiedenen Jahrzehnten. &#8222;Das habe ich alles selber gemacht&#8220;, sagt der 80-J\u00e4hrige der AZ \u2013 und meint die aufwendigen Umbauten an seinem Haus in der Graudenzer Stra\u00dfe. Errichtet 1923, steht es inzwischen mehr als 100 Jahre.<\/p>\n<p>Im Gang des ersten Stocks tummeln sich Leitzordner mit Dokumenten \u2013 darunter sein letzter Grundsteuerbescheid. \u00dcber den \u00e4rgert sich Lutz. Bisher zahlte er jahrelang 93,83 Euro. Dann kam im Jahr 2025 die Reform \u2013 und pl\u00f6tzlich stand ein Betrag von 523,56 Euro auf dem Papier. Fast f\u00fcnfeinhalb Mal so viel.<\/p>\n<p>&#8222;Ich hab&#8216; fast einen Herzinfarkt bekommen&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ich war total \u00fcberrascht&#8220;, sagt der Rentner der AZ. &#8222;Ich habe mir gedacht: Das kann ja nicht sein.&#8220; Lutz legte also Beschwerde ein, das Finanzamt zog daraufhin noch die Fl\u00e4che seiner Garage ab \u2013 und verschickte einen neuen Bescheid: 449,40 Euro. &#8222;Da hab&#8216; ich trotzdem fast einen Herzinfarkt bekommen.&#8220;<\/p>\n<p>Seit zwei Jahrzehnten arbeitet Lutz nicht mehr aktiv \u2013 fr\u00fcher war er Grafiker. Jetzt lebt er von rund 1800 Euro Rente und zahlt noch eine private Krankenversicherung. &#8222;Ich habe mein ganzes Leben gearbeitet und eingezahlt und hab&#8216; jetzt nur noch ein paar Hundert Euro zum Leben.&#8220;<\/p>\n<p>Grundsteuerreform trifft viele \u2013 vor allem aufgrund besonderer Regeln in Bayern<\/p>\n<p>Lutz ist einer von vielen M\u00fcnchnern, die seit Inkrafttreten der Grundsteuerreform 2025 mit drastischen Erh\u00f6hungen k\u00e4mpfen. Besonders betroffen: Eigent\u00fcmer von gro\u00dfen Grundst\u00fccken. Denn im Freistaat gilt ein besonderes Steuermodell, das sich vom Bund unterscheidet. W\u00e4hrend das Bundesmodell Lage und Marktwert eines Grundst\u00fccks ber\u00fccksichtigt, z\u00e4hlt in Bayern nur die Fl\u00e4che.<\/p>\n<p>Wer also ein kleines Apartment am <a href=\"https:\/\/www.abendzeitung-muenchen.de\/thema\/marienplatz\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Marienplatz<\/a> besitzt, zahlt weniger als jemand mit einem alten Haus auf gro\u00dfem Grund \u2013 wie Lutz. &#8222;Die Grundsteuer ist in M\u00fcnchen bis auf das Zehnfache gestiegen&#8220;, best\u00e4tigt Rudolf St\u00fcrzer, Vorsitzender des Verbands Haus+Grund M\u00fcnchen, der AZ. &#8222;Eindeutig im Nachteil sind Immobilien mit gro\u00dfen Fl\u00e4chen.&#8220;<\/p>\n<p>M\u00fcnchen hat Hebesatz auf 824 Prozent angehoben<\/p>\n<p>M\u00fcnchen hat seinen Hebesatz vor etwa einem Jahr von 585 auf 824 Prozent angehoben. Dadurch soll die Stadt trotz der neuen Regeln im Freistaat ungef\u00e4hr genauso viel durch die Grundsteuer einnehmen.<\/p>\n<p>Damit hat M\u00fcnchen die Empfehlung des Bayerischen Finanzministeriums von 760 Prozent \u00fcbertroffen. Die Stadtk\u00e4mmerei rechtfertigt diese Entscheidung auf Anfrage der AZ: Man habe einen Risikopuffer eingerechnet \u2013 f\u00fcr etwaige nachtr\u00e4gliche Korrekturen an Bescheiden, hei\u00dft es.<\/p>\n<p>Stadtk\u00e4mmerei: &#8222;Deutliche Verschiebungen bei der Belastung&#8220;<\/p>\n<p>Doch auch der Verwaltung f\u00e4llt auf: Das Steuermodell f\u00fchre zu &#8222;deutlichen Verschiebungen bei der Belastung&#8220; einzelner Eigent\u00fcmer. Man h\u00e4tte sich andere Modelle vorstellen k\u00f6nnen, die &#8222;aus unserer Sicht gerechter gewesen w\u00e4ren&#8220;. Doch entschieden habe letztlich der Freistaat.<\/p>\n<p>Lutz nennt die Erh\u00f6hung &#8222;brutal und schlagartig&#8220;. In einer Antwort des Finanzamts an den 80-J\u00e4hrigen steht: &#8222;Ihren Unmut \u00fcber die steigenden Kosten kann ich verstehen.&#8220; Zufrieden stimmt ihn das freilich nicht. &#8222;Die haben doch nicht alle Tassen im Schrank&#8220;, sagt Lutz.<\/p>\n<p>Was Rechtsanwalt St\u00fcrzer Betroffenen empfiehlt: F\u00fcr H\u00e4rtef\u00e4lle sieht Artikel acht des Bayerischen Grundsteuergesetzes eine Minderung vor. &#8222;Wir haben dazu ein Muster erstellt&#8220;, sagt er. &#8222;Davon kann man Gebrauch machen.&#8220;<\/p>\n<p>Gerichte besch\u00e4ftigt Bayerns Grundsteuermodell<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus ist das bayerische Fl\u00e4chenmodell zurzeit noch Gegenstand einer gerichtlichen \u00dcberpr\u00fcfung. Beim Bayerischen Verfassungsgerichtshof sind zwei Popularklagen anh\u00e4ngig \u2013 eine davon eingereicht von der Linkspartei in Bayern.<\/p>\n<p>Die Kl\u00e4ger argumentieren, das Modell versto\u00dfe gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz, weil es Eigent\u00fcmer in teuren Lagen entlaste und solche mit gro\u00dfen Fl\u00e4chen st\u00e4rker belaste.<\/p>\n<p>Auch der Bundesfinanzhof besch\u00e4ftigt sich noch mit der Reform. Das Finanzgericht M\u00fcnchen erkl\u00e4rte das Modell im April 2025 zwar f\u00fcr verfassungsgem\u00e4\u00df, die Revision zum Bundesfinanzhof wurde jedoch zugelassen. Damit ist auch mit Blick auf Lutz das letzte Wort wom\u00f6glich noch nicht gesprochen.<\/p>\n<p>Vorsicht bei Bescheiden von Beh\u00f6rden: 30 Jahre offenbar zu viel gezahlt<\/p>\n<p>Der M\u00fcnchner Manfred Lutz besitzt noch ein zweites Grundst\u00fcck: 1600 Quadratmeter in der Seestra\u00dfe unweit von Arlaching am Chiemsee. Ein kleiner Sandweg f\u00fchrt dorthin, das Ufer liegt nicht weit. &#8222;Ich wollte mir vielleicht mal ein Wohnmobil kaufen und dort Urlaub machen&#8220;, sagt er. Doch das Grundst\u00fcck liegt in einem FFH-Gebiet, einem europ\u00e4ischen Schutzareal. Lutz darf dort eigenen Angaben zufolge nicht einmal \u00fcbernachten \u2013 geschweige denn bauen. Das Landratsamt Traunstein wei\u00df das wohl seit 1991. Nur das Finanzamt wusste es offenbar nicht.<\/p>\n<p>Mehr als 30 Jahre lang stufte das Amt das Grundst\u00fcck als &#8222;unbebaut&#8220; ein \u2013 eine Kategorie, die impliziert: Hier k\u00f6nnte jemand ein Haus errichten. Deshalb wird h\u00f6her besteuert.<\/p>\n<p>Beh\u00f6rden tauschen sich nicht immer aus<\/p>\n<p>Die Folge: Anfangs zahlte Lutz pro Jahr 56 D-Mark, dann 94,48 Euro. Bis heute summiert sich das auf mehr als 3000 Euro. &#8222;Mir ist es erst letztes Jahr aufgefallen&#8220;, sagt er. Deutlich zu viel, wie sich herausstellte.<\/p>\n<p>Auf seine Beschwerde hin \u00e4nderte das Finanzamt Traunstein 2022 die Einstufung. Das Grundst\u00fcck gilt seither als Land- und Forstwirtschaft. Seit 2025 liegt die Steuer bei 55 Cent.<\/p>\n<p>     <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/1655382_chiemsee-grundstueck_artikelbild-75proz_1FxvJX_AhOXDA.jpg\" alt=\"Ufer am Chiemsee: Nur wenige Meter entfernt liegt ein weiteres Grundst\u00fcck von Manfred Lutz.\" title=\"Ufer am Chiemsee: Nur wenige Meter entfernt liegt ein weiteres Grundst\u00fcck von Manfred Lutz.\" width=\"609\" height=\"457\"\/><\/p>\n<p>      Ufer am Chiemsee: Nur wenige Meter entfernt liegt ein weiteres Grundst\u00fcck von Manfred Lutz.<br \/>\n      \u00a9 privat<\/p>\n<p>    Ufer am Chiemsee: Nur wenige Meter entfernt liegt ein weiteres Grundst\u00fcck von Manfred Lutz.<\/p>\n<p>von privat <\/p>\n<p>&#8222;}&#8220;&gt; <\/p>\n<p>Was Lutz \u00e4rgert: &#8222;Es hat sich bis heute niemand entschuldigt.&#8220; Die Gemeinde Chieming teilte ihm mit, die Frist zum Einspruch gegen die alte Einstufung sei seit mehr als 33 Jahren abgelaufen, wie aus einem Brief hervorgeht. Der Hintergrund: Finanz\u00e4mter und Naturschutzbeh\u00f6rden tauschen sich nicht automatisch aus. Die Einordnung erfolgt allein durch die Steuerbeh\u00f6rde \u2013 unabh\u00e4ngig davon, was andere Stellen tats\u00e4chlich wissen.<\/p>\n<p>Achtung: Die Frist l\u00e4uft<\/p>\n<p>Auf Anfrage der AZ teilt das Bayerische Landesamt f\u00fcr Steuern mit: Auch wenn die Rechtsbehelfsfrist abgelaufen sei, m\u00fcssten Fehler schriftlich angezeigt werden. Die Bescheide k\u00f6nnten dann berichtigt werden \u2013 &#8222;gegebenenfalls&#8220; f\u00fcr die Vergangenheit.<\/p>\n<p>Der Rat an alle Eigent\u00fcmer: Unterlagen genau pr\u00fcfen \u2013 und im Zweifelsfall unbedingt innerhalb der im Bescheid angegebenen Frist Einspruch einlegen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Manfred Lutz sitzt am Esstisch neben der K\u00fcche seines Hauses im M\u00fcnchner Stadtteil Bogenhausen. 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