{"id":78157,"date":"2025-05-02T09:40:10","date_gmt":"2025-05-02T09:40:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/78157\/"},"modified":"2025-05-02T09:40:10","modified_gmt":"2025-05-02T09:40:10","slug":"archaeologie-in-verschuetteter-luftschutzanlage-liegen-knochen-der-menschen-die-darin-ums-leben-kamen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/78157\/","title":{"rendered":"Arch\u00e4ologie: In versch\u00fctteter Luftschutzanlage liegen Knochen der Menschen, die darin ums Leben kamen"},"content":{"rendered":"<p>80 Jahre nach Kriegsende: In Essen untersuchen Stadtarch\u00e4ologen Luftschutzanlagen, die vergessen oder versch\u00fcttet waren. Dabei entdecken sie Graffiti, die ersten Fanta-Flaschen der Geschichte und Spuren der Menschen, die darin ums Leben kamen.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Es sah zun\u00e4chst nach einer normalen Baugrube aus. Dann stie\u00df die Baggerschaufel auf Beton, nun nahmen die Arch\u00e4ologen die Baustelle im Essener Nordviertel in Augenschein. Sie brauchten nicht lange, um zu erkennen, dass sie es mit den Resten eines Deckungsgrabens aus dem Zweiten Weltkrieg zu tun hatten. Es war ein Unterstand, der bei den Luftangriffen der Alliierten Schutz bieten sollte. Solche Deckungsgr\u00e4ben bestanden aus mannshohen Ausschachtungen im Boden, die mit Holzbalken oder Betonplatten abgedeckt waren. Sie waren mehr oder weniger sicher \u2013 je nachdem, wie sorgf\u00e4ltig gearbeitet worden war. <\/p>\n<p>Der Graben im Nordviertel war allerdings zur t\u00f6dlichen Falle geworden. Die Arch\u00e4ologen fanden unter dem Beton einen Gewehrkolben, das Innenfutter eines Stahlhelms, einen Kinderstiefel und Fragmente menschlicher Knochen. Nachforschungen h\u00e4tten ergeben, \u201edass hier im Sommer 1943 eine Fliegerbombe eingeschlagen ist, es war ein Volltreffer\u201c, sagt Sebastian Senczek, Arch\u00e4ologe der Stadt <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/essen-stadt\/\" title=\"Nachrichten, Bilder, Videos und Reisetipps zu Essen finden Sie auf unserer Themenseite.\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/essen-stadt\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;Nachrichten, Bilder, Videos und Reisetipps zu Essen finden Sie auf unserer Themenseite.&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;Nachrichten, Bilder, Videos und Reisetipps zu Essen finden Sie auf unserer Themenseite.&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Essen<\/a>. Im Graben befanden sich vermutlich Mitglieder einer Wachmannschaft, Zwangsarbeiter und Sch\u00fcler einer nahegelegenen Grundschule.<\/p>\n<p>Wenn heute vom Luftschutz im Zweiten Weltkrieg die Rede ist, werden an erster Stelle die Bunker genannt. In Essen gab es rund zwei Dutzend Hochbunker, einige davon sind bis heute im Stadtbild sichtbar. Doch daneben baute man unz\u00e4hlige Keller aus, grub unterirdische Stollen und Deckungsgr\u00e4ben. Wie viele solcher Anlagen man in der Stadt hatte? Johannes M\u00fcller-Kissing, Arch\u00e4ologe und Leiter der Essener Denkmalbeh\u00f6rde, zuckt mit den Schultern. \u201eNiemand wei\u00df es genau, wir gehen aber von mehreren Hundert aus.\u201c <\/p>\n<p>Manche wurden vom Reichsarbeitsdienst oder von Zwangsarbeiter-Kolonnen angelegt, andere, sogenannte Selbsthilfestollen, buddelten die Menschen in Eigenregie, die Bergleute der Stadt wussten ja, wie so etwas geht. Doch im Lauf der Jahrzehnte wurde oft vergessen, wo genau diese Stollen und Gr\u00e4ben sich befanden, viele sind versch\u00fcttet oder sie wurden beim Wiederaufbau eingeebnet. Doch manche haben sich im Untergrund der Stadt erhalten. Und nach diesen suchen die Essener Arch\u00e4ologen. F\u00fcr sie ist jeder Graben ein wichtiger Puzzlestein f\u00fcr ein gro\u00dfes gedachtes Bild, f\u00fcr eine Karte, auf der m\u00f6glichst viele Luftschutzeinrichtungen des Zweiten Weltkriegs eingetragen sein sollen. \u201eWir wollen das System Luftschutz sichtbar machen\u201c, sagt M\u00fcller-Kissing.<\/p>\n<p>Manchmal, wie beim Deckungsgraben im Nordviertel, hilft ihnen der Zufall. Manchmal fahnden sie gezielt danach. Zum Beispiel mit den 3D-Luftbildaufnahmen, den sogenannten Lidar-Scans, die das Land NRW alle paar Jahre ver\u00f6ffentlicht. Darauf entdeckte k\u00fcrzlich das Team von M\u00fcller-Kissing im Essener S\u00fcden ein auff\u00e4lliges, rechteckiges Plateau. Jetzt stehen die Arch\u00e4ologen an genau dieser Stelle in einem kleinen Waldst\u00fcck und schaufeln die Erde zur Seite. <\/p>\n<p>Nach wenigen Zentimetern kommt Beton ans Licht. \u201eDas ist die Bodenplatte einer Baracke\u201c, sagt M\u00fcller-Kissing. Es sei gut zu erkennen, dass dieses Geb\u00e4ude nicht f\u00fcr die Ewigkeit gedacht war. Die Betonschicht ist nur wenige Zentimeter dick. \u201eDas ist eine typische Baustelleneinrichtung\u201c, erkl\u00e4rt M\u00fcller-Kissing. Die Baracke habe als Unterkunft f\u00fcr eine Kolonne von Arbeitern gedient. Ihr Auftrag: Sie mussten hier einen Stollen in den Hang treiben, in dem die Menschen des angrenzenden Wohnviertels bei Luftangriffen Schutz finden sollten. Auch den Zugang zu diesem teilweise versch\u00fctteten Stollen finden die Arch\u00e4ologen im Waldboden.<\/p>\n<p>Nur wenige Tage ben\u00f6tigen die Arch\u00e4ologen, bis diese einstige Baustelle vermessen und dokumentiert ist. Eine solche Grabung ist f\u00fcr sie Routine, die Funde sind wenig spektakul\u00e4r: ein alter Schuh, die Reste eines Spatens, ein St\u00fcck eines mit Metall ummantelten Gummischlauchs. \u201eDas ist ein Pressluftschlauch f\u00fcr Bergbauh\u00e4mmer, die man f\u00fcr den Stollenvortrieb gebraucht hat\u201c, erkl\u00e4rt M\u00fcller-Kissing.<\/p>\n<p>Dass die Essener Stadtarch\u00e4ologie sich nicht nur f\u00fcr Steinzeit, R\u00f6mer und Mittelalter interessiert \u2013 das ist eine Tradition, die auf den fr\u00fcheren Stadtarch\u00e4ologen Detlef Hopp zur\u00fcckgeht, der sich vor drei Jahren in den Ruhestand verabschiedete. Er begriff die Besonderheiten der Ruhrgebietsstadt als Chance. So wie man in <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/koeln\/\" title=\"Nachrichten, Bilder, Videos und Reisetipps zu K\u00f6ln finden Sie auf unserer Themenseite.\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/koeln\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;Nachrichten, Bilder, Videos und Reisetipps zu K\u00f6ln finden Sie auf unserer Themenseite.&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;Nachrichten, Bilder, Videos und Reisetipps zu K\u00f6ln finden Sie auf unserer Themenseite.&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">K\u00f6ln<\/a> bei jeder Baustelle auf r\u00f6mische Spuren st\u00f6\u00dft, so findet man in Essen \u00fcberall die Zeugnisse der Industriegeschichte. Deren Erforschung widmete sich Hopp seit Ende der 1990er-Jahren verst\u00e4rkt \u2013 und wurde damit zu einem Pionier dieser Disziplin.<\/p>\n<p>Hopps Nachfolger Johannes M\u00fcller-Kissing f\u00fchrt diese sogenannte Arch\u00e4ologie der Moderne weiter \u2013 nun mit dem Schwerpunkt Weltkriegsbunker und Schutzr\u00e4ume. Schon in seinem Studium habe er sich mit Befestigungsanlagen besch\u00e4ftigt, erz\u00e4hlt er. Mittlerweile gelten die Essener Stadtarch\u00e4ologen als Vorreiter der sogenannten Bunker-Arch\u00e4ologie. Eine Forschungsrichtung, die Aufmerksamkeit erregt. \u201eDie Menschen interessieren sich daf\u00fcr\u201c, sagt M\u00fcller-Kissing. F\u00fchrungen und Vortr\u00e4ge seien stets gut besucht \u2013 und zwar nicht von dubiosen Militaria-Fanatikern, sondern von normalen B\u00fcrgern, die mehr \u00fcber das Leben und den Kriegsalltag ihrer Eltern oder Gro\u00dfeltern wissen wollten.<\/p>\n<p>Oft sind es auch die Essener B\u00fcrger, die den Experten Hinweise geben. So auch im vergangenen Jahr. Als die st\u00e4dtischen Arch\u00e4ologen in einem Garten unweit der Villa H\u00fcgel den Tagesbruch eines alten Bergbaustollens in Augenschein nahmen, kam ein Spazierg\u00e4nger zu ihnen und erz\u00e4hlte, er habe als Kind in diesem Stollen gespielt \u2013 und darin Sachen aus der Kriegszeit gesehen. Daraufhin verschafften sich die Arch\u00e4ologen Zugang. <\/p>\n<p>Und sie waren bass erstaunt: an den W\u00e4nden Inschriften, ein auf den 14.7.1944 datierter Namenseintrag \u2013 und mehrere Graffiti, die mit schwarzer Teerfarbe gemalt worden waren. Ein lebensgro\u00dfer Indianerkopf mit Friedenspfeife und H\u00e4uptlingsschmuck ist zu sehen, eine Esel- oder Pferdedarstellung sowie der Schriftzug \u201eFeind h\u00f6rt mit\u201c, die allgegenw\u00e4rtige Aufforderung der Nazis, vor feindlichen Spionen und Agenten auf der Hut zu sein. Die verrosteten Reste mehrerer Pritschen liegen bis heute auf dem Boden. Au\u00dferdem entdeckten die Arch\u00e4ologen zwei Fantaflaschen mit den Jahreszahlangaben 1940 und 1943.<\/p>\n<p>Fantaflaschen im Weltkriegsstollen \u2013 ein kurioser Fund, der ein Schlaglicht auf ein kurioses Kapitel der deutschen Wirtschaftsgeschichte wirft: Als nach Kriegsbeginn die Rohstoffe f\u00fcr die deutsche Coca-Cola-Produktion knapp wurden, entwickelte der Coca-Cola-Chefchemiker Wolfgang Schetelig 1940 in Essen ein Ersatzprodukt, damit die Coca-Cola-Company nicht g\u00e4nzlich auf das Gesch\u00e4ft in Deutschland verzichten musste. <\/p>\n<p>Den Namen dieses Ur-Essener Getr\u00e4nks, das damals aus Molke, Apfelresten und aus Italien eingef\u00fchrten Fruchtkonzentraten gemixt wurde, leitete man von dem Wort Fantasie ab: Fanta. Erstaunlich ist der tadellose Zustand der beiden Flaschen, kein Splitter fehlt, kein Kratzer ist zu sehen. Der Stollen hat also seinen Zweck erf\u00fcllt, er hielt stand. Und die Arch\u00e4ologen k\u00f6nnen ihre Bestandsaufnahme abschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Der Deckungsgraben im Essener Nordviertel besch\u00e4ftigt sie noch immer. Die Knochen \u00fcbergaben sie dem Ruhr-Museum f\u00fcr eine anthropologische Untersuchung. Ein erstes Ergebnis gibt es bereits: Sie seien drei verschiedenen Individuen zuzuordnen, sagt M\u00fcller-Kissing. Zugleich sei davon auszugehen, dass es noch mehr Tote gegeben habe, erg\u00e4nzt sein Kollege Sebastian Senczek. Jetzt, 80 Jahre nach Kriegsende, versucht man herauszufinden, wer sie waren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"80 Jahre nach Kriegsende: In Essen untersuchen Stadtarch\u00e4ologen Luftschutzanlagen, die vergessen oder versch\u00fcttet waren. 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