{"id":783186,"date":"2026-02-09T04:51:23","date_gmt":"2026-02-09T04:51:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/783186\/"},"modified":"2026-02-09T04:51:23","modified_gmt":"2026-02-09T04:51:23","slug":"premiere-im-opernhaus-stuttgart-alles-andere-als-harmlos-wagners-meistersinger-in-stuttgart","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/783186\/","title":{"rendered":"Premiere im Opernhaus Stuttgart: Alles andere als harmlos: Wagners \u201eMeistersinger\u201c in Stuttgart"},"content":{"rendered":"<p>Elisabeth St\u00f6ppler inszeniert an der Staatsoper Stuttgart \u201eDie Meistersinger von N\u00fcrnberg\u201c mit einem fantastischen Ensemble \u2013 und fesselt sechs Stunden lang ihr Publikum.<\/p>\n<p>Ein wei\u00dfer Raum, so wei\u00df wie ein leeres Blatt Papier. Hans Sachs, der Schumacher und Poet, holt sich Tisch und Stuhl, setzt sich mit dem Bleistift hin. \u201eFanget an!\u201c Nein, so einfach geht das nicht, Sachs gr\u00fcbelt, streicht das \u201eFanget an!\u201c wieder durch. Was k\u00f6nnte alles passieren? Eva kommt jetzt herein, noch braust und feiert sich das Orchester durchs C-Dur-Vorspiel. Auch diese Frau will Dichterin sein. Fl\u00fcssig schreibt die emanzipierte Eva: \u201eSo rief der Lenz in den Wald.\u201c Es ist das Lied, mit dem Walther, ihr Liebhaber, sich um sie bewerben will.<\/p>\n<p>Altfr\u00e4nkisch, mit einem fr\u00f6hlichen Volk auf der Festwiese, das seinem Schuster-F\u00fchrer \u201eHeil dir Sachs!\u201c zujubelt \u2013 so kommen \u201eDie Meistersinger von N\u00fcrnberg\u201c h\u00f6chstens noch l\u00e4ndlich-touristisch auf die B\u00fchne. Dieses Werk, 1868 uraufgef\u00fchrt, ist ja angeblich Richard Wagners komische Oper und klingt definitiv wunderbar romantisch. <\/p>\n<p>Ohne politische Haltung geht es nicht <\/p>\n<p>Aber es ist nicht harmlos, sondern belastet: als Reichsparteitagsfestspiel der Nationalsozialisten. Und weil <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Richard_Wagner\" title=\"Richard Wagner\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Richard Wagner<\/a> die Figur des Beckmesser, der im S\u00e4nger- und Liebhaberwettstreit um Eva als n\u00f6rgelnder Kunstkritiker auftritt, antisemitisch denunziert.<\/p>\n<p>Das muss einem die Regie nicht bei jeder Gelegenheit um die Ohren hauen. Aber ohne eine politische Haltung geht\u2019s nicht. Weshalb zum Beispiel im vergangenen Sommer in Bayreuth bei den Festspielen die Inszenierung von Matthias David befremdete: als nette, bunte Klamotte, alles ausblendend.<\/p>\n<p>Sechs fesselnde Stunden <\/p>\n<p>Und was bietet nun die Staatsoper Stuttgart \u2013 33 Jahre nach Hans Neuenfels\u2019 \u201eMeistersinger\u201c-Sicht auf ein wiedervereinigtes Deutschland der h\u00e4mischen Ressentiments? \u201eFanget an!\u201c Wer da vor allem neu und ungemein tiefgr\u00fcndig das Textbuch und auch die Rezeptionsgeschichte studiert hat, wer als Erz\u00e4hlerin auftritt, die das Publikum fesselt, sechs Stunden lang, das ist die Regisseurin Elisabeth St\u00f6ppler. Premierenjubel am Samstagabend, Standing Ovations.<\/p>\n<p>  <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/media.media.49360ef2-5841-4a49-a073-6b38409fbafd.original1024.media.jpeg\"\/>     Und immer geht es ums Wort: gesungen, gesprochen, geschrieben: Esther Dierkes als Eva (Mitte).    Foto: Matthias Baus    <\/p>\n<p> <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/inhalt.meistersinger-an-der-staatsoper-sprache-kann-brandgefaehrlich-werden.ef48dd2e-cb40-4cd8-a9d8-2a046858f217.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Elisabeth St\u00f6ppler hat ein gro\u00dfes interpretatorisches Paket geschn\u00fcrt, das sie aber nicht nur behauptet, sondern das als Musikdrama funktioniert<\/a>, nachvollziehbar: mit einem fantastischen Ensemble, einem gewaltigen Staatsopernchor und dem erstklassigen Staatsorchester, das unter der Leitung von Generalmusikdirektor Cornelius Meister im Graben als fortw\u00e4hrender Unruheherd agiert: auf der Alarmstufe, antreibend, aufw\u00fchlend, kommentierend.<\/p>\n<p>Eva k\u00fcsst ihr Idol Sachs <\/p>\n<p>Die Regisseurin zeichnet Figuren, die man ganz neu begreifen lernt. Es ist geradezu Schauspielertheater \u2013 aber immer bis auf den letzten Affekt ausgesungen. Romanhaft lie\u00dfe sich etwa von Hans Sachs berichten. Der Wei\u00dfhaarige ist die Legende. Die dilettierend dichtenden Handwerker, die gerne verk\u00fcnstelt Karo tragen (treffliche Kost\u00fcme von Gesine V\u00f6llm) sind neben ihm nur Statisten. Eva verg\u00f6ttert Sachs, k\u00fcsst ihr Idol leidenschaftlich. Aber Sachs steigen Ruhm und Zuneigung zu Kopf, er h\u00e4lt sich f\u00fcr den Retter der deutschen Kunst. \u201eWahn, Wahn, \u00fcberall Wahn!\u201c, konstatiert er und verf\u00e4llt im Altersfrust selbst dem Gr\u00f6\u00dfenwahn: holt sich umnachtet eine rote Schleppe, kr\u00f6nt sich zum K\u00f6nig. Allmachtsfantasien. Er tippt auf der Schreibmaschine ein Drehbuch der Machtergreifung.<\/p>\n<p>Im ersten Akt zeigt die B\u00fchne von Valentin K\u00f6hler ein Holzbalkenger\u00fcst, die Meistersinger sitzen davor am langen Tisch wie zum Abendmahl, die Frauen h\u00e4ngen das Banner \u201eHier gilt\u2019s der Kunst\u201c auf und reichen Eintopf. Im zweiten Akt ist die Baustelle gewachsen, eingeklinkerte H\u00e4uslichkeit. Aber im dritten Akt sieht man, was wirklich gebaut worden ist: die F\u00fchrer-Trib\u00fcne auf dem N\u00fcrnberger Zeppelinfeld.<\/p>\n<p>Sachs, der wie K\u00f6nig Lear deliriert, schreibt die Szenenanweisung, auf die B\u00fchnenwand projiziert: \u201eEin freier Wiesenplan, im ferneren Hintergrunde die Stadt N\u00fcrnberg\u201c \u2013 so steht\u2019s bei Wagner, aber dann folgen Albert Speers megalomanische Pl\u00e4ne f\u00fcrs Gel\u00e4nde. Mit solchen Details bricht Regisseurin St\u00f6ppler die Propaganda im Wagner-Werk, aber nicht banal. Eher verfremdet sie das Pathos mit Vogelfiguren ins Surreale. Und immer geht es ums Wort: gesungen, gesprochen, geschrieben.<\/p>\n<p>So inszeniert St\u00f6ppler den zweiten Akt als einen Sommernachts-Albtraum: enthemmte Menschen. Der Nachtw\u00e4chter (Michael Nagl, m\u00e4chtig-d\u00fcster kantabel) als teuflischer Bote. Der mit Magdalene (Maria Theresa Ullrich) verlobte David (Kai Kluge, mit heldentenoraler Unbek\u00fcmmertheit) schl\u00e4gt Beckmesser \u00e4u\u00dferst brutal zusammen. Auf Wagners Pr\u00fcgelfuge folgt zu Beginn des dritten Akts die \u201eTodesfuge\u201c \u2013 ja, die von Paul Celan, \u00fcber Lautsprecher: \u201eDer Tod ist ein Meister aus Deutschland.\u201c Hans Sachs hat die Augen geschlossen, geradezu Unheil ausbr\u00fctend. Verst\u00f6rend. \u201eAufh\u00f6ren\u201c-Rufe aus dem Publikum, \u201eNazi!\u201c-Konter, demonstrativer Applaus, fast ein Tumult in der Staatsoper. Und dann dirigiert Cornelius Meister das Vorspiel als innigste Trauermusik, abgrundtief, ungemein ber\u00fchrend.<\/p>\n<p>   <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/media.media.ab14173b-5df3-4abd-8509-cce65113ce0c.original1024.media.jpeg\"\/>     Martin Gantner als Hans Sachs, Michael Nagl als Nachtw\u00e4chter    Foto: Matthias Baus    <\/p>\n<p>Wohin das alles f\u00fchrt: Walther singt sein Preislied \u201eMorgenlich leuchtend\u201c auf der F\u00fchrer-Trib\u00fcne, als Heilsbringer in silberner Uniform, der dann, mit Phoenix-Fl\u00fcgeln, in den Himmel abhebt. Daniel Behle hat daf\u00fcr die st\u00e4hlern verf\u00fchrerische, einsch\u00fcchternd gro\u00dfartige Tenorstimme. Nur Eva, die vermeintliche Braut-Troph\u00e4e, die funkelnd helle Esther Dierkes, h\u00e4lt dagegen. Sie verschm\u00e4ht Walther, widmet ihr Lied dem unterlegenen Beckmesser, rehabilitiert ihn. Und schreibt ein Gedicht (von Nelly Sachs), Frieden beschw\u00f6rend: \u201eV\u00f6lker der Erde,\/ zerst\u00f6ret nicht das Weltall der Worte\/ Zerschneidet nicht mit den Messern des Hasses\/ den Laut, der mit dem Atem zugleich geboren wurde.\u201c<\/p>\n<p> Beckmesser als nerdiges Opfer <\/p>\n<p>Zwei Stunden dauert allein der dritte Akt der \u201eMeistersinger\u201c \u2013 in Stuttgart vergehen sie \u00e4u\u00dferst spannend-kurzweilig. Was man noch alles erz\u00e4hlen k\u00f6nnte: etwa wie es der Regie gelingt, den Beckmesser als nerdiges Opfer ernst zu nehmen und Bj\u00f6rn B\u00fcrger diese verlorene Figur bass-virtuos singt. Alles wirkt \u00fcber die Musik. Und es ist der Abend des Martin Gantner. Er verk\u00f6rpert grandios den Sachs, so hell kantabel wie prononciert fies und mit hundert anderen h\u00f6rbaren Charaktereigenschaften. \u201eFanget an!\u201c? Man m\u00f6chte diese komplex-mitrei\u00dfenden \u201eMeistersinger\u201c gleich noch einmal erleben.<\/p>\n<p> Noch f\u00fcnf Mal im <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Opernhaus\" title=\"Opernhaus\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Opernhaus<\/a> Stuttgart <\/p>\n<p class=\"infobox\"> <strong>Termine<\/strong><br \/>Die Neuinszenierung der \u201eMeistersinger von N\u00fcrnberg\u201c steht in dieser Saison noch f\u00fcnf Mal auf dem Spielplan \u2013 am 15. Februar sowie am 1., 8., 14. und 22. M\u00e4rz. Alle Auff\u00fchrungen beginnen um 16 Uhr und enden gegen 22 Uhr (mit zwei Pausen). Alle Termine sind schon ausverkauft, evtl. Restkarten. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Elisabeth St\u00f6ppler inszeniert an der Staatsoper Stuttgart \u201eDie Meistersinger von N\u00fcrnberg\u201c mit einem fantastischen Ensemble \u2013 und fesselt&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":781590,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1830],"tags":[1634,3364,29,30,80,118526,1441],"class_list":["post-783186","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-stuttgart","tag-baden-wuerttemberg","tag-de","tag-deutschland","tag-germany","tag-kultur","tag-oper-stuttgart","tag-stuttgart"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116038879492287849","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/783186","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=783186"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/783186\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/781590"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=783186"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=783186"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=783186"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}