{"id":784347,"date":"2026-02-09T15:50:13","date_gmt":"2026-02-09T15:50:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/784347\/"},"modified":"2026-02-09T15:50:13","modified_gmt":"2026-02-09T15:50:13","slug":"rainer-werner-fassbinder-die-gruppe-die-keine-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/784347\/","title":{"rendered":"Rainer Werner Fassbinder \u2013 Die Gruppe, die keine ist"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img317990\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/317990.jpeg\" alt=\"So grell und nah am Nervenzusammenbruch waren die 70er.\"\/><\/p>\n<p>So grell und nah am Nervenzusammenbruch waren die 70er.<\/p>\n<p>Foto: Dorothea Tuch<\/p>\n<p>Es ist eine verr\u00fcckte Geschichte aus der neueren bundesdeutschen Filmgeschichte: Die Lichtgestalt des Kinos, Rainer Werner Fassbinder, hatte Ende der 60er Jahre in M\u00fcnchen eine Theatergruppe gegr\u00fcndet, nach eigener Aussage deshalb, um seine Filme finanzieren zu k\u00f6nnen. Liebevoll nannten sie sich und das, was sie taten, Antiteater. Diejenigen, die da zusammen arbeiteten, wohnten, lebten und liebten auch zusammen. Einige von ihnen wurden zu pr\u00e4genden Figuren des deutschen Films f\u00fcr die n\u00e4chsten 50 Jahre.<\/p>\n<p>In drei Jahren entstanden fast zwei Handvoll Langfilme. Auch Fassbinders Nahezu-Western \u00bbWhity\u00ab mit den typischen Au\u00dfenseiterfiguren. Der Film blieb erfolglos. Und das Kollektiv? Das flog bald auseinander. Zu viel autorit\u00e4rer Geist in antiautorit\u00e4ren Zusammenh\u00e4ngen. Liebe und Arbeit lie\u00dfen sich nur schwer verbinden, war jedes f\u00fcr sich doch schon emotions- und konfliktgeladen genug. Au\u00dferdem klingelte das Finanzamt bereits Sturm.<\/p>\n<p>Und Fassbinder? Dem blieb nur eines: einen Film zu machen \u00fcber den missgl\u00fcckten Streifen zuvor und \u00fcber den geplatzten Traum. \u00bbWarnung f\u00fcr eine heilige Nutte\u00ab war sein Titel. Und die ganzen Fassbinder-Akteure, der Meister selbst inbegriffen, konnten noch mal Revue passieren lassen, wie eine Kollaboration scheitert, sich ein Kollektiv in Individuen zersprengte und Freigeist Gebr\u00fcll hie\u00df. Alexander Kluge nannte \u00bbWarnung f\u00fcr eine heilige Nutte\u00ab einmal einen Inzestfilm.<\/p>\n<p>Charmant ist die Idee, diesen Film \u00fcber einen Film auf eine Theaterb\u00fchne zu bringen. Der Darsteller-Regisseur Patrick Wengenroth bringt etwas Fassbinder-Erfahrung mit (2013 hatte er an der Berliner Schaub\u00fchne bereits einen Theaterabend mit dem Titel \u00bbAngst essen Deutschland auf\u00ab inszeniert) und hat mit dem TD Berlin, ehemals Theaterdiscounter, einen geeigneten Ort gefunden.<\/p>\n<p>Wir befinden uns in Spanien. Ein Holzverschlag bildet die Bar, die das Zentrum des B\u00fchnenbilds darstellt. Hier kommt das Ensemble zusammen, ordert bereits einen Drink, macht sich auf die Suche nach ein bisschen Liebe. Und wartet. Worauf? Unter anderem auf den Filmemacher Jeff.<\/p>\n<p>Als der endlich auftaucht, wird hier beleidigt, geschrien und geschlagen. Nichts will gl\u00fccken. Das Kollektiv entpuppt sich als unf\u00e4higer denn seine einzelnen Bestandteile. Es fehlt an Geld, an Disziplin und auch an die Idee erinnert man sich kaum noch.<\/p>\n<p>Wengenroth steht, wie gew\u00f6hnlich bei seinen Inszenierungen, auch selbst auf der B\u00fchne. Er mimt den Barmann, der einen Cuba Libre nach dem anderen einschenken muss. Viel mehr als ein \u00bbs\u00ed, Se\u00f1or\u00ab kommt ihm nicht \u00fcber die Lippen.<\/p>\n<p>Ist das vielleicht schon das Geheimnis, mit dem diese B\u00fchnenadaption des Fassbinder-Films aufwartet? Muss der Regisseur einfach nur zur\u00fccktreten in die zweite Reihe, muss die anderen \u00bbbedienen\u00ab, sich selbst nicht so wichtig nehmen? So einfach macht es sich die Inszenierung nicht.<\/p>\n<p>nd.DieWoche \u2013 unser w\u00f6chentlicher Newsletter<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/317991.jpeg\" alt=\"\" title=\"\" width=\"170\"\/><\/p>\n<p>Mit unserem w\u00f6chentlichen Newsletter <strong>nd.DieWoche<\/strong> schauen Sie auf die wichtigsten Themen der Woche und lesen die <strong>Highlights<\/strong> unserer Samstagsausgabe bereits am Freitag. <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/newsletter\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Hier das kostenlose Abo holen<\/a>.<\/p>\n<p>Der Theaterabend bietet keine L\u00f6sung, sondern rekonstruiert mit viel Lust am Spiel die Fassbinder\u2019sche Vorlage und verleiht ihr einen Witz, den man bei ihr kaum finden kann. F\u00fcr 90 Minuten werden hier in komischer Wildheit die kleinen und gro\u00dfen Konflikte vorgef\u00fchrt, die zun\u00e4chst so banal wie unpolitisch daherkommen. <\/p>\n<p>Fassbinder hatte in einem Gespr\u00e4ch r\u00fcckblickend einmal von der \u00bbGruppe, die keine ist\u00ab gesprochen. Der Traum vom kollektiven Arbeiten in den K\u00fcnsten ist noch lange nicht ausgetr\u00e4umt. Wer danach strebt, tut gut daran, sich mit den Versuchen der Vergangenheit zu befassen und deren Fehler nicht zu wiederholen.<\/p>\n<p>Der Fassbinder-Familie haftet zweifelsohne der Staub der 70er an, mitsamt Pseudoradikalismus und Kunstesoterik (ziemlich \u00fcberzeugend auf die B\u00fchne gebracht wie auch die zeitdokumentarischen und stilechten Kost\u00fcme). Die Widerspr\u00fcche, mit denen sie sich rumschlagen mussten, sind keinesfalls erledigt. Das Bild vom freien K\u00fcnstler, der sich politischen Fragen anders widmen kann, und die Realit\u00e4t in der Produktion, zumal in der sogenannten freien Szene, sind unendlich weit voneinander entfernt. Ausgesprochen oder kommentiert wird das an diesem Abend nicht. Aber der Blick wird genau auf diese Fragen gelenkt.  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"So grell und nah am Nervenzusammenbruch waren die 70er. 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