{"id":786390,"date":"2026-02-10T11:03:10","date_gmt":"2026-02-10T11:03:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/786390\/"},"modified":"2026-02-10T11:03:10","modified_gmt":"2026-02-10T11:03:10","slug":"wuthering-heights-filmstart-und-kritik-wenn-es-diesem-film-nicht-gelingt-die-liebe-und-das-kino-zu-retten-dann-keinem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/786390\/","title":{"rendered":"\u201eWuthering Heights\u201c \u2013 Filmstart und Kritik: Wenn es diesem Film nicht gelingt, die Liebe und das Kino zu retten, dann keinem"},"content":{"rendered":"<p>P\u00fcnktlich zum Valentinstag kommt die tragische Liebesgeschichte von Cathy und Heathcliff ins Kino. Die neue \u201eWuthering Heights\u201c-Verfilmung ist ein melodramatisches Meisterwerk, bei dem einfach alles stimmt. Es k\u00f6nnte ver\u00e4ndern, wie wir lieben.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Ein St\u00f6hnen, noch bevor wir etwas sehen. Gerade als sich der Verdacht einstellt, dass hier jemand im Off Sex hat, erscheint auf der soeben noch dunklen Leinwand ein Balken. Ein Mann h\u00e4ngt daran. Es ist das St\u00f6hnen eines Sterbenden. Wenn man ihm das Genick nicht gleich richtig bricht, bekommt er eine Erektion, wissen die Kinder, die dem Ereignis beiwohnen und lachend auf die Hose des Geh\u00e4ngten zeigen. Selten hat eine erste Einstellung zwei scheinbar kontr\u00e4re Leitthemen so meisterhaft verkn\u00fcpft wie diese: Erotik und Schmerz, Lust und Leid, Spa\u00df und Dem\u00fctigung, Liebe und Tod. <\/p>\n<p>Cathy und Heathcliff hei\u00dft das vielleicht zweittragischste Liebespaar der Literatur- (und Film-)geschichte, gleich nach Romeo und Julia. Letzteren wird in einer der komischeren Szenen in Emerald Fennells \u201eWuthering Heights \u2013 Sturmh\u00f6he\u201c Tribut gezollt, als Isabella ihrem Bruder Linton beim Kaffeeklatsch im Garten ausf\u00fchrlich und mitfiebernd die Shakespearsche Handlung nacherz\u00e4hlt. Aufgrund eines Missverst\u00e4ndnisses mussten die beiden, die sich wegen gesellschaftlicher Umst\u00e4nde nicht haben konnten, sterben.  <\/p>\n<p>Ein Missverst\u00e4ndnis ist es auch, das Cathy (Margot Robbie), ein M\u00e4dchen aus gutem Hause, und ihren Adoptivbruder Heathcliff (Jacob Elordi), ein herkunftsloses Findelkind, auseinandertreibt. Er hat an der T\u00fcr gelauscht und mitangeh\u00f6rt, wie Cathy dem Hausm\u00e4dchen Nelly (Hong Chau) gestand, den Antrag des reichen Linton angenommen zu haben, da sie einen wie Heathcliff niemals heiraten k\u00f6nne. Was er dabei nicht h\u00f6rte, weil er erst zu sp\u00e4t kam und dann zu fr\u00fch ging, war, dass Cathy eigentlich ihn liebt und nicht Linton.<\/p>\n<p>Aber es ist nicht nur ein Missverst\u00e4ndnis, das das Ungl\u00fcck in Gang bringt. Ebenso wenig wie es nur die Gesellschaft des 18. Jahrhunderts ist mit ihren einengenden Konventionen. Es gibt da zus\u00e4tzlich etwas, das tief in den Helden selbst verankert scheint, das sie immer wieder auseinanderrei\u00dft, nur um sie dann mit umso gr\u00f6\u00dferer Wucht wieder aufeinander st\u00fcrzen zu lassen.  <\/p>\n<p>Es ist, so die \u00fcberzeugende These dieser \u201eWuthering Heights\u201c-Neuinterpretation, eine sadomasochistische Veranlagung, die Cathy und Heathcliff dazu bringt, sich bis zu ihrem Tod und dar\u00fcber hinaus, gegenseitig Leid zuzuf\u00fcgen, aus dem sie wiederum eine perverse Form der Lust ziehen. Die Regisseurin und Drehbuchautorin Emerald Fennell, die sich nach aufsehenerregenden Originalstoffen wie <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article233056395\/Promising-Young-Woman-Der-schlimmste-Alptraum-jeder-Frau.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article233056395\/Promising-Young-Woman-Der-schlimmste-Alptraum-jeder-Frau.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">\u201ePromising Young Woman\u201c <\/a>und <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kino\/article249129370\/Saltburn-Begeisterung-und-Fremdscham-Der-Film-der-die-Geister-scheidet.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kino\/article249129370\/Saltburn-Begeisterung-und-Fremdscham-Der-Film-der-die-Geister-scheidet.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">\u201eSaltburn\u201c<\/a> jetzt an den 1847 erschienenen Klassiker von Emily Bront\u00eb wagt, zieht diese Idee konsequent bis in alle Nebenfiguren und Konstellationen hinein durch. <\/p>\n<p>Selbst die Beziehung zwischen der Haush\u00e4lterin Nelly und ihrer Herrin Cathy l\u00e4dt sie mit giftigen Untert\u00f6nen auf. Die Ehe zwischen Heathcliff und Lintons Schwester Isabella (Alison Oliver) wird zur sadomasochistischen Kink-Beziehung, in der sich Isabella freiwillig zum H\u00fcndchen erniedrigen l\u00e4sst, das an der Kette festgebunden Pf\u00f6tchen gibt und sich von Anfang an im Klaren dar\u00fcber ist, dass ihr Mann sie nur geheiratet hat, um sich an einer anderen zu r\u00e4chen \u2013 ja, sie hat sogar, so Konsens-Zeitgeist-erprobt ist diese \u201eFifty Shades of Grey\u201c-Kost\u00fcm-Variante, ihr explizites Einverst\u00e4ndnis zu dieser den sexuellen Rahmen sprengenden Form der Dem\u00fctigungsbeziehung gegeben. <\/p>\n<p>Selbst Cathys Verh\u00e4ltnis zu ihrem Vater, den Fennell, von der Romanvorlage abweichend, zum autorit\u00e4ren Alkoholkranken stilisiert, ist von Gesten gegenseitiger Besch\u00e4mung gepr\u00e4gt. Und sogar die Angestellten leben ihre Aff\u00e4re im Stall mit Peitschenhieben aus, stacheln sich mit SM-Vokabular wie \u201eBraves M\u00e4dchen\u201c und \u201eB\u00f6ses M\u00e4dchen\u201c an. Korsette werden so eng geschn\u00fcrt, dass der Atem stockt, Handinnenfl\u00e4chen mit Nadeln blutig geschnitten und Pferdegeschirr im Menschenmund festgezogen. Teig geknetet, Eier zerdr\u00fcckt, Fischrachen gefingert. <\/p>\n<p>Zeitgem\u00e4\u00df, emotional, stilsicher<\/p>\n<p>Wie also schl\u00e4gt sich diese \u201eWuthering Heights\u201c-Verfilmung im Vergleich mit ihren Vorg\u00e4ngern? Je neuer die Interpretationen wurden, desto mehr neigten sie dazu, das Schicksal der zweiten Generation, die fast die H\u00e4lfte des Romans ausmacht, wegzulassen \u2013 also die Geschichte von Cathys Tochter und deren Liebesm\u00fch. Auch Fennell hat sich dazu entschieden, mit Cathys Tod zu enden. Ein Kind gibt es nicht mehr. Die Trauma-Kette bricht ab. <\/p>\n<p>Interessant ist au\u00dferdem, was Fennell mit der zweiten Erz\u00e4hlerin Nelly macht (den ersten Erz\u00e4hler, den fremden Besucher der Sturmh\u00f6he, l\u00e4sst sie klugerweise wie die meisten Verfilmungen weg), die nicht nur zur allwissenden Beobachterin mutiert, sondern auch zur kalkulierenden Strippenzieherin mit eigenen niederen Neigungen. \u201eDir gef\u00e4llt es, mich weinen zu sehen\u201c, wirft Cathy Nelly vor. \u201eNicht so sehr, wie es dir gef\u00e4llt, zu weinen\u201c, kontert Nelly. Als Cathy sie feuert und Nelly daraufhin fragt \u201eWohin soll ich denn gehen?\u201c, erwidert die Herrin kalt: \u201eDas k\u00fcmmert mich nicht\u201c. <\/p>\n<p>Nicht nur hier zitiert Fennells Melodram das epische Genre-Vorbild \u201eVom Winde verweht\u201c und seine legend\u00e4re Schlussmach-Szene. Sondern neben den inhaltlichen Parallelen der toxischen On-off-Beziehung ruft sie auch \u00e4sthetisch Victor Flemings Farbenspektakel von 1939, also den Anf\u00e4ngen des Farbfilms, auf den Plan. Da ist der knallrote Abendhimmel, vor deren Hintergrund sich die Schatten der Liebenden abzeichnen. Wei\u00dfe Kleider mit vom Schweineschlachten blutrotem Saum. Da sind die preisw\u00fcrdigen Inneneinrichtungen, die wie f\u00fcr Instagram gemacht scheinen, in Gr\u00fcn, Pink, Rot. W\u00e4nde in der Farbe von Cathys Haut inklusive ihrer Sommersprossen und Venen. \u00dcberhaupt, Cathys Haut und ihre Tr\u00e4nen und ihre Lippen! Man hat schon verruchtere Heathcliffs (Ralph Fiennes 1992, Tom Hardy 2009) gesehen als den etwas unbeholfenen Jacob Elordi und ernstzunehmendere Lintons als Shazad Latif (Andrew Lincoln 2009), aber vielleicht noch keine so vollkommene Cathy wie Margot Robbie. So viel Spa\u00df wie Robbie und ihre Cathy am Weinen haben, so viel naive Freude g\u00f6nnt Fennell ihnen auch am prunkvollen Luxus.<\/p>\n<p>Vom B\u00fchnenbild \u00fcber die Kost\u00fcme bis zum d\u00fcster-melancholischen Original-Soundtrack von Charli XCX \u2013 alles ist hier mit gr\u00f6\u00dftm\u00f6glicher Sorgfalt und Hingabe ans Gef\u00fchl inszeniert. Jeder Blick, jeder Fleck, jeder Satz sitzt. Opernhaft-theatralische Bilder wie die der bleichen Leiche, \u00fcber deren Gesicht Blutegel bis auf die W\u00e4nde krabbeln, sowie die der roten Blutspur, die von ihrem Scho\u00df \u00fcbers Bett bis auf den Boden f\u00fchrt, dominieren das Geschehen. <\/p>\n<p>Zugegeben, die wilde, raue Natur der Wuthering Heights sieht dagegen blass aus. So fest geschn\u00fcrt wie Cathys Korsett wirkt die gesamte Inszenierung. Nichts ist hier ungez\u00e4hmt, rau oder nat\u00fcrlich. Selbst der Ort in der weiten Landschaft, an dem sich die Liebenden wiederholt zum Stelldichein treffen, ist mit einem quadratischen Bogen versehen. Es sind statische, stets durch Fenster, T\u00fcren und W\u00e4nde gerahmte Bilder, die man als Hinweis auf die Konstruiertheit von Liebe deuten mag, als Fiktionsmarker im Sinne der doppelten Rahmenhandlung des Romans oder aber als verzweifeltes Bem\u00fchen, das Unbezwingbare zu bezwingen. Denn die Fl\u00fcssigkeiten flie\u00dfen trotzdem, allen Einschlie\u00dfungsversuchen zum Trotz. Die Tr\u00e4nen, der Schwei\u00df, das Sperma, das Blut. <\/p>\n<p>Ist das nun ein Hausfrauen-Sehns\u00fcchte befriedigender Gef\u00fchlsporno a la \u201eFifty Shades of Grey\u201c? Selbstreflexiv-\u00fcberstilisierter Camp a la <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article246441726\/Barbie-Damit-hatte-bei-Greta-Gerwigs-Film-wohl-niemand-gerechnet.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article246441726\/Barbie-Damit-hatte-bei-Greta-Gerwigs-Film-wohl-niemand-gerechnet.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">\u201eBarbie\u201c<\/a>? Ein soapiges Young-Adult-Guilty-Pleasure a la <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article690c8d160580923d0998944c\/maxton-hall-2-bei-amazon-prime-oh-gott-ruby-und-james-sind-zurueck.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article690c8d160580923d0998944c\/maxton-hall-2-bei-amazon-prime-oh-gott-ruby-und-james-sind-zurueck.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">\u201eMaxton Hall\u201c<\/a>? Oder gar ein Meisterwerk, das die Renaissance des Melodrams in einer gef\u00fchlsarmen Gegenwart einl\u00e4utet, so \u00e4hnlich wie \u201eLa La Land\u201c dem l\u00e4ngst totgesagten Musicalfilm zu neuem Ansehen verhalf? <\/p>\n<p>\u201eIch liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich\u201c, wiederholen Cathy und Heathcliff beim Sex wie ein Mantra. Man kann das zu viel finden, so wie man die Explizitheit der Metaphern oder die \u00fcbererkl\u00e4renden Dialoge zu viel finden kann. Aber es ist genau dieses Zuviel, das einen unwiderstehlichen Bann erzeugt. Es macht aus einer l\u00e4ngst leer gewordenen Floskel eine berauschende Beschw\u00f6rungsformel. Ich liebe dich bis zum Tod, das reicht eben nicht. Es muss schon \u00fcber den Tod hinaus sein. F\u00fcr immer. F\u00fcr immer. F\u00fcr immer. <\/p>\n<p>Der Film \u201eWuthering Heights \u2013 Sturmh\u00f6he\u201c l\u00e4uft ab dem 12. Februar im Kino. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"P\u00fcnktlich zum Valentinstag kommt die tragische Liebesgeschichte von Cathy und Heathcliff ins Kino. 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