{"id":786944,"date":"2026-02-10T15:59:41","date_gmt":"2026-02-10T15:59:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/786944\/"},"modified":"2026-02-10T15:59:41","modified_gmt":"2026-02-10T15:59:41","slug":"familienleben-mit-adhs-kreuzer-online","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/786944\/","title":{"rendered":"Familienleben mit ADHS \u2014 kreuzer online"},"content":{"rendered":"<p>Als Sina Nieberle \u00fcber ihr Leben mit der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivit\u00e4tsst\u00f6rung (ADHS) spricht, stehen ihr Tr\u00e4nen in den Augen. Die 36-j\u00e4hrige Mutter lebt seit 2022 mit der Diagnose ADHS, die Krankheit selbst begleitet sie jedoch bereits seit ihrer Kindheit. Ein zentrales Kriterium f\u00fcr die Diagnose im Erwachsenenalter ist, dass die Symptome bereits vor dem siebten Lebensjahr aufgetreten sind.<\/p>\n<p>R\u00fcckblickend erkennt die Leipzigerin viele typische Anzeichen. \u00bbIch glaube, ich hatte ein ziemlich typisches Leben, also mit ganz vielen Extremen, irgendwie auch in jede Richtung\u00ab, sagt sie. In der Schule geriet sie immer wieder mit Lehrerinnen und Lehrern aneinander, galt als intelligent, aber auch als faul. Als eine Schulpsychologin in der dritten Klasse erstmals den Verdacht auf ADHS \u00e4u\u00dferte, blieb es bei dieser Einsch\u00e4tzung \u2013 Nieberles Eltern gingen dem Hinweis nicht weiter nach. Erst zwei Jahrzehnte sp\u00e4ter, w\u00e4hrend ihrer Diagnostik, erf\u00e4hrt Sina Nieberle, dass ADHS schon einmal Thema war. <\/p>\n<p>Der Weg zur Diagnose war lang: drei Jahre. Sie berichtet, dass nicht alle Psychologinnen und Psychologen Diagnostiken durchf\u00fchren, wodurch die Wartezeiten sehr lang seien. Aufgrund der sehr hohen Nachfrage schreibt auch die Ambulanz der Uniklinik f\u00fcr Erwachsene mit einer ADHS aktuell keine weiteren Patientinnen und Patienten auf die Warteliste.<\/p>\n<p>ADHS galt lange Zeit als reine Kinderkrankheit und man nahm an, die St\u00f6rung \u00bbwachse sich aus\u00ab mit dem 18. Lebensjahr. Erst seit den neunziger Jahren ist in Deutschland auch eine regul\u00e4re r\u00fcckwirkende Diagnostik f\u00fcr Erwachsene m\u00f6glich. F\u00fcr Kinder gab es bereits seit den siebziger Jahren den Diagnoseschl\u00fcssel \u00bbHyper\u00adkinetisches Syndrom des Kindesalters\u00ab. Heute ist klar: ADHS verschwindet nicht. Viele Betroffene tragen ihre Schwierigkeiten auch im Erwachsenenalter mit sich \u2013 oft ohne zu wissen, warum ihnen manches schwererf\u00e4llt als anderen. \u00bbDie Grundsymptome sind die gleichen, sie zeigen sich nur anders\u00ab, erkl\u00e4rt Maria Strau\u00df, Ober\u00e4rztin an der Klinik und Poliklinik f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie der Leipziger Uniklinik. W\u00e4hrend Hyperaktivit\u00e4t und Impulsivit\u00e4t bei vielen Erwachsenen nachlassen und sich beispielsweise durch Gedankenrasen oder innere Unruhe h\u00e4ufig nach innen kehren. Was aber bleibt, ist das Aufmerksamkeitsproblem.<\/p>\n<p><strong>Seltene Diagnosen bei M\u00e4dchen<\/strong><\/p>\n<p>Und noch einmal unterscheiden sich die Symptome, wenn man Frauen und M\u00e4nner vergleicht. Besonders Frauen erhalten die Diagnose oft sp\u00e4t. ADHS werde bei M\u00e4dchen bis heute zu selten erkannt, sagt Georg von Polier, der Leiter der Klinik f\u00fcr Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uniklinik. Das liege auch daran, dass ADHS h\u00e4ufig mit dem Bild eines herumzappelnden Jungen verbunden werde, M\u00e4dchen zeigen allerdings h\u00e4ufig andere Symptome, wie innere Unruhe oder starke emotionale Schwankungen. Viele Diagnoseinstrumente sind aber vor allem auf die \u00e4u\u00dferen, direkt ersichtlichen Symptome ausgerichtet, wodurch \u00bbM\u00e4dchen systematisch benachteiligt sind\u00ab, so von Polier. Im Erwachsenenalter gleicht sich das Verh\u00e4ltnis der Diagnosen bei M\u00e4nnern und Frauen fast an. Laut Strau\u00df liegt das daran, dass Frauen sich dann selbst Hilfe suchen k\u00f6nnen, w\u00e4hrend Kinder auf ihr Umfeld angewiesen sind, das die richtigen Schl\u00fcsse ziehen muss. <\/p>\n<p>Auch bei Sina Nieberle f\u00fchrte der Weg zur Diagnose \u00fcber Umwege. Mit ihrer Schwangerschaft entwickelte sie eine schwere Depression. Erst durch eigene Recherchen und therapeutische Gespr\u00e4che wurde klar: Die Depression war vermutlich eine Folge der jahrelang unbehandelten ADHS. \u00bbDie meisten Erwachsenen, die zu mir kommen, kommen, weil sie im Alltag nicht mehr zurechtkommen\u00ab, sagt Ober\u00e4rztin Strau\u00df. <\/p>\n<p>ADHS hat eine starke genetische Komponente. Laut von Polier liegt sie bei rund 78 Prozent, wobei es allerdings nicht \u00bbden einen gro\u00dfen genetischen Faktor gibt, den man adressieren k\u00f6nnte\u00ab, vielmehr ist es \u00bbeine Vielfalt von genetischen Mutationen und Variationen\u00ab. F\u00fcr den weiteren Verlauf und einen m\u00f6glichen Leidensdruck seien verschiedene Komponenten und Umwelteinfl\u00fcsse verantwortlich. Sicher ist: Wer die Diagnose ADHS erh\u00e4lt, hat einen hohen Leidensdruck, wird in bestimmten Lebensbereichen eingeschr\u00e4nkt und hat Probleme, der Gesellschaft mit ihren sozialen, aber auch \u00f6konomischen Anforderungen gerecht zu werden.<\/p>\n<p><strong>Diagnose hilft auch im Erwachsenenalter<\/strong><\/p>\n<p>Gerade f\u00fcr Eltern kann das auch entlastend sein: Schwierigkeiten mit Konzentration, Organisation oder Gef\u00fchlen sind kein Zeichen von mangelnder Disziplin oder Folgen der Erziehung, sondern Teil einer psychischen St\u00f6rung.<\/p>\n<p>Gedanken an diese Probleme wurden bei Sina Nieberle durch ihre Schwangerschaft besonders pr\u00e4sent \u2013 bedeutete diese doch, dass sie von nun an nicht nur sich selbst sicher durchs Leben bringen muss, sondern auch noch einen weiteren Menschen \u2013 und dass sie ihre bisherige Strategie nur noch bedingt anwenden kann: Vor der Schwangerschaft sei sie viel gereist, um sich vor den Gef\u00fchlen rund ums (Nicht-)Funktionieren im Alltag zu sch\u00fctzen: \u00bbF\u00fcr mich ist es ein Gef\u00fchl von Sicherheit, wenn ich gar nicht wei\u00df, was als N\u00e4chstes passiert\u00ab, erz\u00e4hlt Nieberle. Heute hat sie den Umgang mit ihrer ADHS und der Rolle als Mutter gelernt. Jeden Tag aufs Neue entscheiden sie gemeinsam, was f\u00fcr sie und ihren Sohn das Beste ist. Nach der Schule spielen sie h\u00e4ufig zusammen. Dabei kann sich Nieberle vor allem dann gut auf das Spielen fokussieren, wenn sie bereits einen abwechslungsreichen Tag hatte. Dass solche Muster erkannt und Strategien entwickelt werden k\u00f6nnen, ist ein Grund, warum eine Diagnose auch f\u00fcr Erwachsene relevant ist: Sie erst erm\u00f6glicht eine Therapie und Medikation, die von der Krankenkasse bezahlt werden. Auch Nieberle nimmt Medikamente und macht eine kognitive Verhaltenstherapie, die darauf abzielt, durch Ver\u00e4nderung in Denk- und Verhaltensmustern sowie passenden Strategien f\u00fcr den Alltag psychische Probleme zu bew\u00e4ltigen. <\/p>\n<p>ADHS habe aber nicht nur negative Auswirkungen. Ihr w\u00fcrden oft Dinge auffallen, die andere nicht bemerken, und sie k\u00f6nne sich mit gro\u00dfer Ausdauer in neue Themen vertiefen, erz\u00e4hlt die Leipzigerin. Dieser sogenannte Hyperfokus habe auch Vorteile und erm\u00f6gliche es, sich gezielt zu spezialisieren, erkl\u00e4rt von Polier das mit ADHS verbundene Ph\u00e4nomen.  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Als Sina Nieberle \u00fcber ihr Leben mit der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivit\u00e4tsst\u00f6rung (ADHS) spricht, stehen ihr Tr\u00e4nen in den Augen. 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