{"id":787281,"date":"2026-02-10T19:00:12","date_gmt":"2026-02-10T19:00:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/787281\/"},"modified":"2026-02-10T19:00:12","modified_gmt":"2026-02-10T19:00:12","slug":"berliner-kulturfoerderung-kein-luxus-sondern-ein-muss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/787281\/","title":{"rendered":"Berliner Kulturf\u00f6rderung: Kein Luxus, sondern ein Muss"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">Wer in Berlin Kunst macht, handelt oft aus Leidenschaft \u2013 und nicht selten gegen jede betriebswirtschaftliche Vernunft. Viele freie Kul\u00adtur\u00adak\u00adteu\u00adr*in\u00adnen arbeiten projektweise, hangeln sich von Ausstellung zu Ausstellung, von Premiere zu Premiere, von Konzert zu Konzert.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Rechnete man ihre tats\u00e4chliche Arbeitszeit ehrlich zusammen \u2013 also kreatives Tun plus Konzeptentwicklung, Antragslyrik, \u00d6ffentlichkeitsarbeit und Buchhaltung \u2013, l\u00e4gen sie in den meisten F\u00e4llen unter dem gesetzlichen Mindestlohn. Und das in einer Stadt, deren Vermieter sich l\u00e4ngst nicht mehr an die Legende vom billigen Berlin erinnern. Die Lebenshaltungskosten steigen, die Honorare stagnieren.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">Vor diesem Hintergrund bekam dieser Montagabend im Deutschen Theater eine fast historische Wucht. Hier wurde der erste Entwurf eines Berliner Kulturf\u00f6rdergesetzes vorgestellt \u2013 kein Feuilletontraum, sondern ein handfestes Regelwerk in spe. Die Initiative wurde bereits 2021 gegr\u00fcndet, seit 2023 gab es erste \u00dcberlegungen Berliner Kulturverb\u00e4nde.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-5\" pos=\"4\">Im April 2025 begann dann der Beteiligungsprozess, ma\u00dfgeblich vorangetrieben vom Verein Berliner Kulturkonferenz und gef\u00f6rdert vom Senat f\u00fcr kulturelle Angelegenheiten und gesellschaftlichen Zusammenhalt. F\u00fcnfzehn Fachgruppen mit mehr als 120 Beteiligten aus allen Sparten, von der freien Szene bis zur kulturellen Bildung, erarbeiteten den 150 Seiten starken Entwurf. Besonders Bereiche, die vom aktuellen Sparkurs \u00fcberproportional gebeutelt sind, sa\u00dfen mit am Tisch.<\/p>\n<p>\n\ue80f\n<\/p>\n<p>            Andere St\u00e4dte sind kl\u00fcger; Hamburg etwa gibt anteilig deutlich mehr f\u00fcr Kultur aus<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-7\" pos=\"5\">Denn der finanzielle Hintergrund ist unerfreulich: Der Berliner Kulturbereich muss mit Einsparungen von weit mehr als 100 Millionen Euro umgehen \u2013 \u00fcberproportional, schmerzhaft. Andere St\u00e4dte sind kl\u00fcger: Hamburg etwa gibt anteilig mehr f\u00fcr Kultur aus. Dass K\u00fcrzungen zuerst jene treffen, die ohnehin prek\u00e4r arbeiten, ist keine \u00dcberraschung, sondern strukturelle Logik. Wenn Projektmittel schrumpfen, schrumpfen Honorare. Wenn H\u00e4user sparen, sparen sie an der freien Szene. Und wenn Vielfalt vom Zufall abh\u00e4ngt, verliert am Ende die Stadt.<\/p>\n<p>      Es geht um bescheidene Mindeststandards<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-9\" pos=\"7\">Worum geht es also? Um nichts weniger als bescheidene Mindeststandards, die nicht von Doppelhaushalt zu Doppelhaushalt neu verhandelt werden m\u00fcssen. \u201eBerlin ist nicht die Vorreiterin in Sachen Kulturf\u00f6rdergesetz\u201c, sagt Wibke Behrens, Vorstand der Berliner Kulturkonferenz, mit n\u00fcchterner Klarheit zur taz. Doch gerade der breite Schulterschluss von \u00fcber 60 Verb\u00e4nden sei in Berlin entscheidend: \u201eEr schafft Planbarkeit, Verl\u00e4sslichkeit und auch ein Selbstbewusstsein der Akteur*innen, die mehr sind als Lobbyisten und Antragsstellende.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-11\" pos=\"8\">Zentrale Forderung ist, dass k\u00fcnftig nicht mehr rund zwei, sondern drei Prozent des Landeshaushalts in Kultur flie\u00dfen. Das klingt nach einer Marginalie, ist aber politisch ein Kraftakt. Hinzu kommen Mindesthonorare f\u00fcr alle Kulturakteur*innen, Tarifbindung in institutionell gef\u00f6rderten H\u00e4usern, die Dynamisierung von Honoraren und Geh\u00e4ltern sowie eine Begrenzung freier Arbeitsverh\u00e4ltnisse. Berichtspflichten \u00fcber Gender Pay Gaps sollen Transparenz schaffen. Und schlie\u00dflich die Frage, die man in kulturpolitischen Werbebl\u00f6cken gern umschifft: Wie ist die Altersarmut einer ganzen Berufsgruppe noch zu verhindern?<\/p>\n<p>\n\ue80f\n<\/p>\n<p>            Interessant ist auch der Vergleich des Entwurfs mit dem Berliner Sportf\u00f6rdergesetz<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-13\" pos=\"9\">Ein anderer Kernpunkt des Entwurfs ist Raum \u2013 jene kostbare Ressource, die in Berlin genauso umk\u00e4mpft ist wie bezahlbarer Wohnraum. Arbeits- und Pr\u00e4sentationsorte sollen vom Berliner Arbeitsraumprogramm genauso gesichert werden wie deren Verwaltung. Au\u00dferdem soll es zwei neue Kulturh\u00e4user f\u00fcr freie Musik und Tanz geben. Kul\u00adtur\u00adak\u00adteu\u00adr*in\u00adnen sollen bei runden Tischen zur Stadtentwicklung, beim Schulneubau oder selbst bei unvermeidlichen Sparrunden mitreden.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-14\" pos=\"10\">In einer Stadt, in der m\u00f6gliche Kulturh\u00e4user nach kostspieligen Beteiligungsprozessen und parlamentarischer Diskussion bisweilen dann doch per Handschlag und jenseits gro\u00dfer \u00d6ffentlichkeit vergeben werden \u2013 man denke an die Alte M\u00fcnze \u2013, scheint das noch immer keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-16\" pos=\"11\">Interessant ist auch der Vergleich mit dem Berliner Sportf\u00f6rdergesetz, den der Entwurf des Kulturf\u00f6rdergesetzes immer wieder zieht. Warum, so die implizite Frage, wird der Breitensport selbstverst\u00e4ndlich unterst\u00fctzt, die Breitenkultur jedoch oft als schm\u00fcckendes Beiwerk behandelt? Kultur ist eben nicht nur \u201eLeistungssport\u201c, also Hochglanzentertainment f\u00fcr zahlungskr\u00e4ftiges Publikum.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-17\" pos=\"12\">Sie ist Chorprobe im Kiez, Theater-AG in der Schule, Tanzworkshop im Jugendzentrum, Se\u00adnio\u00adr*in\u00adnen\u00adate\u00adlier im Nachbarschaftshaus. In Zeiten gesellschaftlicher Erosion und demokratischen Erm\u00fcdungserscheinungen sind niedrigschwellige kulturelle Angebote kein Luxus, sondern ein Muss. So wie Sportpl\u00e4tze \u00f6ffentlichen Raum beanspruchen d\u00fcrfen, sollten auch \u00f6ffentliche Liegenschaften Kulturinitiativen dauerhaft oder tempor\u00e4r kostenfrei zur Verf\u00fcgung stehen, wenn diese nicht gewinnorientiert arbeiten.<\/p>\n<p>\n\ue80f\n<\/p>\n<p>            Ein Kulturf\u00f6rdergesetz w\u00e4re keine \u00f6konomische Forderung, sondern ein gesellschaftlicher Vertrag<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-19\" pos=\"13\">CDU und SPD haben in ihrem Koalitionsvertrag festgehalten, ein Kulturf\u00f6rdergesetz auf den Weg zu bringen. Die nun vorgelegten Publikationsbeitr\u00e4ge sind als Zwischenschritt gedacht; 2028 k\u00f6nnte ein Gesetz tats\u00e4chlich in Kraft treten. Beim Abend im Deutschen Theater hat die zust\u00e4ndige Senatorin, Sarah Wedl-Wilson, positiv reagiert. Man darf das als h\u00f6flichen Optimismus deuten \u2013 oder als ernstgemeintes Signal.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-20\" pos=\"14\">Der vielleicht entscheidende Begriff, der \u00fcber dem Entwurf schwebt, ist \u201eNormalisierung\u201c. Was \u00fcberall gilt, sollte auch im Kulturbereich, der f\u00fcr das Wohl dieser Stadt so unverzichtbar ist, normativ gelten: faire Arbeit zu fairem Lohn inklusive Arbeits- und K\u00fcndigungsschutz. Ein Kulturf\u00f6rdergesetz w\u00e4re damit nicht blo\u00df eine \u00f6konomische Forderung, sondern ein gesellschaftlicher Vertrag.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-21\" pos=\"15\">Es w\u00fcrde festschreiben, dass Kultur kein Ornament ist, das man in Haushaltskrisen als Erstes abschlagen kann. Dass die Stadt kein Biotop f\u00fcr Kreativwirtschaft werden m\u00f6chte, in der heroische Selbstausbeutung und das Recht des St\u00e4rkeren gilt, sondern die Bedingungen zur Produktion nachhaltiger Kunst von vielen schaffen m\u00f6chte. Daher ist der Entwurf ein gro\u00dfer Schritt in die richtige Richtung. So gro\u00df, dass er nach dem Abend im Deutschen Theater lang erinnert werden wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wer in Berlin Kunst macht, handelt oft aus Leidenschaft \u2013 und nicht selten gegen jede betriebswirtschaftliche Vernunft. 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