{"id":789382,"date":"2026-02-11T14:23:19","date_gmt":"2026-02-11T14:23:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/789382\/"},"modified":"2026-02-11T14:23:19","modified_gmt":"2026-02-11T14:23:19","slug":"widerstandskraft-der-bevoelkerung-kaum-beachtet-aktuell-uni-bielefeld","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/789382\/","title":{"rendered":"Widerstandskraft der Bev\u00f6lkerung kaum beachtet \u2013 Aktuell Uni Bielefeld"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Entmachtung von Nicol\u00e1s Maduro machte Anfang des Jahres die angespannte politische Lage und bestehende Konflikte in Venezuela deutlich. Politische Unsicherheit wie die Spannungen mit den USA, eine anhaltende humanit\u00e4re Krise und dokumentierte Menschenrechtsverletzungen pr\u00e4gen f\u00fcr viele Menschen in Venezuela den Alltag. Bielefelder Wissenschaftler*innen forschen zur Situation im Land, etwa zu Menschenrechten und Migration. Einige von ihnen stammen selbst aus Venezuela.<\/strong><\/p>\n<p>\u201eNeofeudale Machtstrukturen\u201c im Venezuela\u2011Konflikt<\/p>\n<p><strong>Internationale Debatten \u00fcber Venezuela greifen nach Ansicht zweier Bielefelder Lateinamerika\u2011Forscher zu kurz. Der Historiker Prof. Dr. Olaf Kaltmeier und der Soziologe und Doktorand Omar Sierra vom Maria-Sibylla-Merian-Zentrum f\u00fcr fortgeschrittene Lateinamerikastudien (CALAS) sehen den Fokus zu stark auf der politischen Konfrontation. Die Universit\u00e4t Bielefeld koordiniert das Zentrum auf deutscher Seite.<\/strong><\/p>\n<p>Der Historiker Olaf Kaltmeier erkl\u00e4rt den Konflikt in Venezuela mit Verschiebungen in der internationalen Machtaus\u00fcbung. Auf Grundlage seiner Forschung zur \u201eRefeudalisierung\u201c in den Amerikas sagt er, dass regelbasierte internationale Beziehungen zunehmend durch neofeudale Machtstrukturen ersetzt werden. Politische Macht und wirtschaftliche Interessen seien dabei immer enger verflochten; internationale Politik werde zur \u201egewaltsamen Gesch\u00e4ftsausweitung\u201c. Ziel sei die Kontrolle \u00fcber M\u00e4rkte, Land und Ressourcen, nicht nationale Selbstbestimmung. Diese Themen stehen im Mittelpunkt des von der Volkswagenstiftung gef\u00f6rderten Projekts <a href=\"https:\/\/www.uni-bielefeld.de\/einrichtungen\/cias\/forschung\/turningland\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">\u201eTurning Land into Capital\u201c<\/a> am Center for Inter\u2011American Studies (CIAS). Kaltmeier und Sierra sind daran beteiligt, Kaltmeier ist Projektsprecher.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"gallery-item\" alt=\"Professor Dr. Olaf Kaltmeier l\u00e4chelt, im Hintergrund unscharf ein vielfarbiges Bild\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/2020-03-19-Kaltmeier_Olaf_72-1024x695.jpg\"\/><\/p>\n<p class=\"copyright\">\u00a9 Mike-Dennis M\u00fcller<\/p>\n<p>Der Historiker Prof. Dr. Olaf Kaltmeier sieht die aktuelle US\u2011Politik unter Trump als Teil gr\u00f6\u00dferer Machtverschiebungen rund um Venezuela.<\/p>\n<p>Soziale Widerstandskraft oft ausgeblendet<\/p>\n<p>Der aus Venezuela stammende Doktorand Omar Sierra sagt, internationale Debatten blendeten soziale Dynamiken im Land oft aus. Die j\u00fcngsten Entwicklungen seien das Ergebnis einer mehr als 20 Jahre andauernden Regime\u2011Change\u2011Strategie, die mit dem Putsch gegen Pr\u00e4sident Hugo Ch\u00e1vez 2002 begonnen habe. Die j\u00fcngste US-Intervention habe mehr als hundert Menschen get\u00f6tet, darunter Zivilisten, und zivile Infrastruktur zerst\u00f6rt. Die g\u00e4ngige Darstellung verkenne, wie handlungsf\u00e4hig die venezolanische Gesellschaft trotz anhaltenden externen Drucks sei. Dazu geh\u00f6re, hebt er hervor, ihre F\u00e4higkeit, sich anzupassen und zu organisieren \u2013 und das angesichts eines langj\u00e4hrigen Angriffs auf die Souver\u00e4nit\u00e4t sowie einer umfassend dokumentierten US-Politik kollektiver Bestrafung, die besonders schutzbed\u00fcrftige Bev\u00f6lkerungsgruppen am schwersten getroffen habe. Bei Feldforschungen im November 2025 beobachtete Sierra \u201ewirtschaftliche Erholung an der Basis, entstehende Ern\u00e4hrungssouver\u00e4nit\u00e4t und Bem\u00fchungen um den Wiederaufbau \u00f6ffentlicher Infrastruktur\u201c.<\/p>\n<p><strong>Regionale Machtverschiebungen<\/strong><\/p>\n<p>Kaltmeier verweist auch auf die angek\u00fcndigte Neuordnung der Beziehungen in den Amerikas durch die Trump\u2011Administration. Dazu z\u00e4hlen ihm zufolge offene Drohungen gegen die Regierungen in Mexiko, Kolumbien und Kuba. Der Geschichtswissenschaftler geh\u00f6rt zu den Sprecher*innen des <a href=\"https:\/\/www.uni-bielefeld.de\/forschung\/profil\/fokusbereiche\/shift\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Fokusbereichs SHIFT<\/a> der Universit\u00e4t Bielefeld. Dort wird untersucht, wie sich politische Beziehungen innerhalb der Amerikas verschieben. \u201eDie Amerikas scheinen ein zentraler Hotspot der politischen Neuordnung zu sein\u201c, sagt Kaltmeier.<\/p>\n<p>Diskussion zu US-Imperialismus und Venezuela<\/p>\n<p>Um die geopolitischen Folgen der US-Intervention in Venezuela ging es bei einer \u00f6ffentlichen Diskussion am 20. Januar, von 16 bis 18 Uhr im H\u00f6rsaal 5. Sie stand unter dem Titel \u201eU.S. Imperialism Reloaded: Latin American Reflections\u201c. Die milit\u00e4rische Intervention wurde in der Veranstaltung aus unterschiedlichen lateinamerikanischen Perspektiven analysiert. Er\u00f6rtert wurde unter anderem, wie die Intervention den Bruch der internationalen Ordnung der Zusammenarbeit zwischen Staaten vorantreibt. Thematisiert wurde ebenfalls, wie imperiale Handlungsmuster und Narrative neu aufgegriffen werden, die die Beziehungen zwischen Nord- und S\u00fcdamerika bis zur Monroe-Doktrin des 19. Jahrhunderts gepr\u00e4gt haben. <br \/>Es diskutierten der Historiker Prof. Dr. Olaf Kaltmeier sowie die Soziologen Omar Sierra Ch\u00e1ves (Venezuela) und Josu\u00e9 Garcia Veiga (Mexiko), beide aus einem von der Volkswagenstiftung gef\u00f6rderten Forschungsprojekt. Erg\u00e4nzend trug Alexandra Casta\u00f1eda Obando (Kolumbien) ihre Sicht bei. <br \/>Veranstalter waren das Center for InterAmerican Studies (CIAS), das Maria Sibylla Merian Center for Advanced Latin American Studies (CALAS) und der AStA der Universit\u00e4t.<\/p>\n<p>\u201ePerspektiven von Schutzsuchenden sichtbar machen\u201c<\/p>\n<p><strong>Mar\u00eda Gabriela Trompetero Vicent ist venezolanische Doktorandin im Projekt<a href=\"https:\/\/peaceandmobilities.org\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"> \u201ePeace and Mobilities\u201c<\/a> an der Universit\u00e4t Bielefeld. Sie forscht zu erzwungener Migration und Menschenrechten mit Schwerpunkt auf Venezuela.<\/strong><\/p>\n<p>Im Jahr 2025 stellten Venezolaner*innen die gr\u00f6\u00dfte Gruppe der Asylsuchenden in der Europ\u00e4ischen Union. Trompetero Vicent untersucht die Ursachen dieser Fluchtbewegung anhand qualitativer Interviews, Feldforschung und der Analyse von Asylstatistiken. Ihre Forschung zeigt, dass seit 2014 mehr als acht Millionen Menschen aufgrund der Verfestigung des Regimes, systematischer Repression und humanit\u00e4rer Not aus Venezuela geflohen sind.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"gallery-item\" alt=\"Portr\u00e4tbild von Mar\u00eda Gabriela Trompetero Vicent\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/2026-01-15-Trompetero-web-954x1024.jpg\"\/><\/p>\n<p class=\"copyright\">\u00a9 privat<\/p>\n<p>Mar\u00eda Gabriela Trompetero Vicent ist venezolanische Doktorandin an der Universit\u00e4t Bielefeld und forscht dazu, warum Menschen Venezuela verlassen.<\/p>\n<p>\u201eDer Wahlbetrug im Jahr 2024 sowie die gewaltsame Unterdr\u00fcckung der darauffolgenden Proteste haben diese Dynamik weiter versch\u00e4rft\u201c, sagt sie. In internationalen und akademischen Debatten komme die Perspektive der Betroffenen h\u00e4ufig zu kurz. Oft werde der komplexe soziale, politische und historische Kontext ausgeblendet, insbesondere die seit \u00fcber zwanzig Jahren andauernden systematischen Menschenrechtsverletzungen, mangelhaft geplante Regierungspolitik und jahrzehntelange Korruption als zentrale Ursachen der humanit\u00e4ren Krise. \u201eDie Ursachen der Krise werden h\u00e4ufig verk\u00fcrzt dargestellt, obwohl viele strukturelle Probleme lange vor den Sanktionen bestanden\u201c, so Trompetero Vicent.<\/p>\n<p>Auch der erhebliche ausl\u00e4ndische Einfluss, etwa durch Kuba und Russland, werde in Debatten \u00fcber staatliche Souver\u00e4nit\u00e4t h\u00e4ufig nicht ausreichend ber\u00fccksichtigt, w\u00e4hrend das Maduro\u2011Regime wiederholt gegen das V\u00f6lkerrecht versto\u00dfen habe. Gleichzeitig seien systematische Menschenrechtsverletzungen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Wahlbetrug von venezolanischen Organisationen, internationalen Institutionen und UN\u2011Mechanismen umfassend dokumentiert worden. \u201eTrotz jahrelanger friedlicher und demokratischer Bem\u00fchungen der venezolanischen Gesellschaft sind internationale Reaktionen weitgehend wirkungslos geblieben\u201c, sagt Trompetero Vicent.<\/p>\n<p>Round Table: Politische Lage und Menschenrechte in Venezuela<\/p>\n<p>Am Montag, 19. Januar haben Wissenschaftler*innen des Forschungsprojekts \u201ePeace and Mobility\u201c unter der Leitung von Dr. Camilo Forero\u00a0von 17 bis 19 Uhr zur \u00f6ffentlichen Diskussion zum Thema: <a href=\"https:\/\/aktuell.uni-bielefeld.de\/event\/what-is-going-on-in-venezuela-voices-from-the-diaspora\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">\u201eWhat Is Going On in Venezuela? Voices from the Diaspora\u201c<\/a> eingeladen. Venezolanische Wissenschaftler*innen und Mitglieder der venezolanischen Diaspora in Deutschland analysierten die aktuelle politische und menschenrechtliche Situation in Venezuela, die strukturellen Ursachen der anhaltenden Krise sowie die Rolle der Diaspora. Diskutiert wurden zudem Perspektiven f\u00fcr die zuk\u00fcnftige Entwicklung des Landes an der Schnittstelle von Politik, V\u00f6lkerrecht, Menschenrechten und Migration. Die Veranstaltung war englischsprachig, richtete sich an alle Interessierten in und au\u00dferhalb der Universit\u00e4t. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/aktuell.uni-bielefeld.de\/wp-content\/plugins\/wp-unibi-plugins-2021\/assets\/icons\/FaktenBox_Hintergrund.svg\" class=\"uni-factbox__icon\"\/><\/p>\n<p>In diesem Beitrag werden Forschungsans\u00e4tze, -ergebnisse und Einsch\u00e4tzungen Bielefelder Wissenschaftler*innen zur Situation in Venezuela fortlaufend gesammelt. Die Version dieses Artikels ist hier aktualisiert.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Entmachtung von Nicol\u00e1s Maduro machte Anfang des Jahres die angespannte politische Lage und bestehende Konflikte in Venezuela&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":721567,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1841],"tags":[1605,3364,29,30,1209],"class_list":["post-789382","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-bielefeld","tag-bielefeld","tag-de","tag-deutschland","tag-germany","tag-nordrhein-westfalen"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116052453516831665","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/789382","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=789382"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/789382\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/721567"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=789382"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=789382"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=789382"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}