{"id":789768,"date":"2026-02-11T17:53:11","date_gmt":"2026-02-11T17:53:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/789768\/"},"modified":"2026-02-11T17:53:11","modified_gmt":"2026-02-11T17:53:11","slug":"berlinale-beginnt-wo-bitte-gehts-nach-westen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/789768\/","title":{"rendered":"Berlinale beginnt \u2013 Wo bitte geht\u2019s nach Westen?"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img318138\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/318138.jpeg\" alt=\"Raus aus dem Sozialismus: Lemmy Caution sucht zu Fu\u00df den Weg nach Westen\"\/><\/p>\n<p>Raus aus dem Sozialismus: Lemmy Caution sucht zu Fu\u00df den Weg nach Westen<\/p>\n<p>Foto: Deutsche Kinemathek, \u00a9 ECM Records<\/p>\n<p>Ist \u00bbLola rennt\u00ab von Tom Tykwer ein guter Film? Als er 1998 im Kino lief, kam mir das so vor, aber ich war auch erst kurz in Berlin und mochte die Stadt sehr. K\u00f6nnte ich jetzt \u00fcberpr\u00fcfen, \u00bbLola rennt\u00ab l\u00e4uft in der Retrospektive der diesj\u00e4hrigen Berlinale, die \u00bbLost in the 90s\u00ab hei\u00dft. Darin geht es um junge Menschen, Musik, Osten, Berlin und auch ein bisschen um die USA.<\/p>\n<p>Das unvermeidliche Berlin schon wieder. In den 80ern hatte ich Ideal geh\u00f6rt, \u00bbIch steh auf Berlin\u00ab, war als Sch\u00fcler in Westberlin und ein bisschen in Ostberlin zu Besuch, im \u00bbDschungel\u00ab ohne David Bowie und in einer Disco am Alexanderplatz mit NVA-Soldaten. Das war also der Wettlauf der Systeme gewesen, bei \u00bbLola rennt\u00ab lief nur noch Franka Potente, es ging dabei um sehr viel Geld und die Macht des Zufalls. Das ergibt bei Tykwer drei M\u00f6glichkeiten, wie man die Geschichte erz\u00e4hlen kann, doch der Osten hatte nur eine: den Westen. Denn er hatte kein Geld und keine gute Laune und dann auch bald schon keine Arbeit mehr, da war dann Depression und Gewalt angesagt.<\/p>\n<p>Davon k\u00fcndet 1990 der Dokumentarfilm \u00bbIm Glanze dieses Gl\u00fcckes\u00ab, der von einem Regiekollektiv kurz vor der letzten, aber ersten freien Volkskammerwahl im M\u00e4rz 1990 gedreht wurde. Im s\u00e4chsischen Karneval tanzen auf einer B\u00fchne junge Frauen und M\u00e4nner in R\u00f6cken und kurzen Hosen, die aus der schwarz-rot-goldenen Fahne geschneidert sind, zu \u00bbBambolero\u00ab von den Gipsy Kings, wobei nicht ihre Gesichter, sondern nur ihre Unterk\u00f6rper gefilmt werden. Vor jubelnden Massen in Leipzig verk\u00fcndet Bundeskanzler Kohl auf einer Wahlveranstaltung der CDU: \u00bbNie wieder wollen wir die geballte Faust des Genossen sehen, sondern die ausgestreckte Hand des Partners\u00ab, verk\u00fcndet Bundeskanzler Kohl vor den jubelnden Massen in Leipzig.<\/p>\n<p>Und eben dieser westliche \u00bbPartner\u00ab hat dann die DDR niedergestreckt und eingesackt. In einem s\u00e4chsischen Dorf steht einer von Kohls Parteifreunden aus dem Westen unter einem CDU-Sonnenschirm und schenkt fr\u00f6hlich den mitgebrachten Wein aus Rheinhessen aus. Die neuen Untertanen versichern begeistert, die Stasileute sofort erschie\u00dfen zu wollen, wenn man sie denn nur bewaffnen w\u00fcrde. Ein Psychologe der Stasi sitzt dann auf dem Sofa zu Hause und versteht die Welt nicht mehr, kann sich aber der Filmemacherin <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1158424.tamara-trampe-aufrichtig-zeugnis-ablegen.html?sstr=tamara|trampe\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Tamara Trampe<\/a> nicht richtig verst\u00e4ndlich machen, weil er doch sehr formelhaft spricht. Auf jeden Fall ist er sehr entt\u00e4uscht, vor allem von seinen Chefs im Ministerium und von der Staats- und Parteif\u00fchrung.<\/p>\n<p>\u00bbIch bin nur ein Papiersoldat, aber aus gutem Papier\u00ab, sagt ein sowjetischer Offizier in dem Film \u00bbGorilla Bathes at Noon\u00ab von Dusan Makavejev. Die Rote Armee hat ihn ebenso verlassen wie seine Frau, er ist in Berlin \u00fcbriggeblieben, versucht, mehr schlecht als recht mit Waffen zu handeln und schaut sich die Demontage des Lenin-Denkmals vor dem Volkspark Friedrichshain an. In letzter Sekunde ist er dort sogar raufgeklettert, doch man kann nicht sagen, dass es seinen Horizont erweitert h\u00e4tte. Gedreht hat diesen Film der serbische Regisseur Dusan Makajevev, als Produktionsland wurde 1993 noch Jugoslawien genannt, auch wenn dessen Zerfallskriege schon l\u00e4ngst begonnen hatten. Deshalb hat es einen morbiden Witz, wenn \u017delimir \u017dilnik 1994 einen Schauspieler verkleidet als <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1144385.tito-der-geist-der-bolschewiki.html?sstr=Elfriede m\u00fcller\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Tito<\/a> in einer Performance durch Belgrad wandeln l\u00e4sst: \u00bbTito pro drugi put medu Srbima\u00ab (Tito zum zweiten Mal unter Serben). Der 1980 verstorbene Staatsf\u00fchrer des sozialistischen Jugoslawiens kam ja aus Kroatien, wenn man es genau betrachtet, sogar aus \u00d6sterreich-Ungarn, einem schon viel l\u00e4nger verschollenen Land, wo er 1892 geboren worden war. Der Fake-Tito, dargestellt vom Komiker Dragoljub Ljubi\u010di\u0107, wird von echten Passanten gehasst wie geliebt. \u00bbDu bist zu fr\u00fch gestorben!\u00ab, bekommt er zu h\u00f6ren, oder: \u00bbEs ist genauso, wie du gesagt hast: von 1988 bis 1990 gibt es gro\u00dfe Probleme.\u00ab Oder: \u00bbDu hast Russland verraten\u00ab, worauf ein anderer ruft: \u00bbRussland hat uns verraten!\u00ab Ljubi\u010di\u0107 als Tito wei\u00df nur eines: \u00bbAls ich herrschte, gab es keine Opposition!\u00ab Ein Scherz am Rande.<\/p>\n<p>Und in den USA, dem Sieger der Geschichte, gibt es keinen Ehrgeiz, wovon Richard Linklaters erster Film \u00bbSlacker\u00ab (1990) erz\u00e4hlt. Jugendliche H\u00e4ngertypen in Austin, Texas, verpeilt und verprellt, die \u00fcber solche Dinge wie \u00bbDie Schl\u00fcmpfe\u00ab diskutieren. Diese Leute nannte man damals \u00bbGeneration X\u00ab, was mehr ein Markenname war denn eine soziologische Analyse. Gleichwohl erschien 1991 unter diesem Begriff ein Bestseller von Douglas Coupland mit ironisch-neurotischen Anekdoten \u00fcber Mittelklasse-Kinder. Bemerkenswert ist vorallem der von Coupland extra daf\u00fcr ersonnene Begriffsapparat, der am Rand der Buchseiten mitl\u00e4uft und in Form kleiner lexikalischer Eintr\u00e4ge den damaligen Zeitgeist sehr gut beschreibt. Zum Beispiel das Gef\u00fchl des \u00bbMid-Twenties Breakdown\u00ab: \u00bbeine Periode geistigen Kollapses zwischen zwanzig und drei\u00dfig, oftmals ausgel\u00f6st durch die Unf\u00e4higkeit, au\u00dferhalb der Uni oder einer durchstrukturierten Umgebung zu funktionieren, gekoppelt an die Erkenntnis des wesentlichen Alleinseins in der Welt\u00ab.<\/p>\n<p>Um diese 90er-Jahre-Retrospektive der Berlinale richtig zu genie\u00dfen, empfiehlt sich die Parallel-Lekt\u00fcre des Coupland-Buchs. Allerdings ist dessen Untertitel \u00bbGeschichten f\u00fcr eine immer schneller werdende Kultur\u00ab reine Behauptung, denn niemand hatte damals Internet, schnell war einzig die Techno-Musik, die aber in dieser Retrospektive merkw\u00fcrdigerweise \u00fcberhaupt keine Rolle spielt. Denn mit dem Zusammenbruch der ostdeutschen Industrie, der im Auftrag des Westens durch die Treuhand vorangetrieben wurde, gab es auf einmal gro\u00dfe leerstehende Fabrikhallen, in denen Raves stattfinden konnten. Die Kinder gingen tanzen, die Eltern wurden arbeitslos \u2013 Euphorie und Depression.<\/p>\n<p>Was die Retrospektive aber zeigt, ist der Aufstieg des Hip-Hops, der in den 90er Jahren zur neuen Mainstream-Musik weltweit wurde. 1991 galt \u00bbBoyz n the Hood\u00ab, das Deb\u00fctwerk von John Singleton mit dem Rapper Ice Cube in der Hauptrolle, als aufregende, authentische Ghetto-Story aus LA-South-Central, auch wenn es nur ein sehr konventionell erz\u00e4hlter Problemfilm ist, der Gangsta-Rap als internationales Genre etablierte.<\/p>\n<p>Meisterhaft hingegen ist \u00bbAllemagne ann\u00e9e 90 neuf z\u00e9ro\u00ab, ein nur selten gezeigter Film von Jean-Luc Godard, in dem sich 1990 der alte Agent Lemmy Caution (Eddie Constantine in seiner Paraderolle aus den Trashkrimis der 50er und 60er Jahre) vom Osten in den Westen absetzt \u2013 zu Fu\u00df mit einem Koffer. \u00bbWeh mir, wo nehm\u2019 ich, wenn \/ es Winter ist, die Blumen, und wo \/ den Sonnenschein, \/ und Schatten der Erde?\u00ab, zitiert er H\u00f6lderlin und l\u00e4uft durch Weimar ebenso wie am Ufer der Havel in Potsdam, aber auch durch die Schreckensbilder des deutschen Faschismus in virtuosen \u00dcberblendungen, die Godard auch f\u00fcr die Tonspur bereith\u00e4lt. So unterlegt er diverse literarische Zitate von Goethe bis Rilke mit der Musik von Schostakowitsch, Mozart, Marlene Dietrich und sogar Ton Steine Scherben. Deren \u00bbMacht kaputt, was euch kaputt macht\u00ab l\u00e4uft leise bei einem Uhrmacher in der Werkstatt. Der Sozialismus ist vorbei. Godard zitiert den obskuren Doppelagenten <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1192036.geschichte-der-arbeiterbewegung-jan-valtins-tagebuch-der-hoelle-erfundene-erinnerungen.html?sstr=jan|valtin\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Jan Valtin<\/a>, der f\u00fcr die Kommunisten und f\u00fcr die Gestapo gearbeitet hat, \u00fcber die Stalinisierung der Komintern: \u00bbWeil sie den Himmel nicht formen konnten, r\u00fcttelten sie die H\u00f6lle durch, wie D\u00fcrer und seine leidenden Kreaturen.\u00ab<\/p>\n<p>Es sind die alten, feinen \u00e4sthetischen <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1166896.jean-luc-godard-nicht-konform.html?sstr=godard\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Godard-Tricks<\/a>, mit denen hier die DDR verabschiedet wird. \u00bbWo geht\u2019s nach Westen?\u00ab, fragt Caution mit seiner tiefen Stimme. Raus aus Preu\u00dfen, rein in die USA, so sah es jedenfalls Godard. Zum Schluss landet Caution nat\u00fcrlich wieder in Westberlin, so wie ich auch damals, obwohl ich den Westen gar nicht suchte.<\/p>\n<p class=\"wp-block-ppi-ndarticlecommet\">Die Retrospektive \u00bbLost in the 90s\u00ab l\u00e4uft in Cubix 5, Kinemathek und in der Akademie der K\u00fcnste.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Raus aus dem Sozialismus: Lemmy Caution sucht zu Fu\u00df den Weg nach Westen Foto: Deutsche Kinemathek, \u00a9 ECM&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":789769,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1825],"tags":[296,5545,29,92,30,810,859],"class_list":["post-789768","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-berlin","tag-berlin","tag-berlinale","tag-deutschland","tag-film","tag-germany","tag-musik","tag-sachsen"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116053279046573449","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/789768","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=789768"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/789768\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/789769"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=789768"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=789768"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=789768"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}