{"id":79112,"date":"2025-05-02T18:06:12","date_gmt":"2025-05-02T18:06:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/79112\/"},"modified":"2025-05-02T18:06:12","modified_gmt":"2025-05-02T18:06:12","slug":"neo-rauch-und-rosa-loy-wie-man-bedeutung-schafft-auf-und-vor-den-bildern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/79112\/","title":{"rendered":"Neo Rauch und Rosa Loy: Wie man Bedeutung schafft \u2013 auf und vor den Bildern"},"content":{"rendered":"<p>Das Leipziger Areal der ehemaligen Baumwollspinnerei mit seinen Galerien feiert Jubil\u00e4um und die K\u00fcnstlerprominenz h\u00e4lt Hof. Rosa Loy und ihr ber\u00fchmter Mann Neo Rauch pr\u00e4sentieren neue Gem\u00e4lde \u2013 und erkl\u00e4ren sie sogar.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Da sind schon ein paar seltsame Gestalten auf meinen Bildern\u201c, sagt Rosa Loy. Und wie sie so mit einem sympathisch augenblitzenden L\u00e4cheln und wehenden Haaren vor ihren Gem\u00e4lden auf- und abgeht, mit bunt gemustertem Rock, dem Bernsteinklunker um den Hals und einem Seidentuch um die Schultern, sie k\u00f6nnte selbst eine dieser Gestalten sein. Weibliche Figuren sind es allesamt, die allerlei allt\u00e4gliche, aber auch eigenartige Dinge tun. <\/p>\n<p>\u201eVerrichten\u201c, w\u00fcrde ihr Mann sagen, aber dazu kommen wir sp\u00e4ter. An den W\u00e4nden der Leipziger <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.galeriekleindienst.de\/\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.galeriekleindienst.de\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Galerie Kleindienst<\/a> sehen wir Frauen, die sich k\u00fcmmern, Frauenfiguren, die sich pflegen oder gepflegt werden, man erkennt auch einsame Frauenk\u00f6pfe ohne zugeh\u00f6rige K\u00f6rper. Die weiblichen Gestalten wirken mitunter wie Theaterschauspielerinnen in ihren bunten Kost\u00fcmen, eine h\u00e4ngt die W\u00e4sche auf. So wie es auch die Malerin selbst in ihrem Garten macht, erz\u00e4hlt Rosa Loy, w\u00e4hrend sie Journalisten durch die Galerie f\u00fchrt.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt der Garten. Es habe gar keinen Frost gegeben, also habe sie den ganzen Winter \u00fcber Pastinaken ernten k\u00f6nnen. Die kleinen wei\u00dfen Wurzeln, die \u00fcberall ausschlugen, h\u00e4tten sie inspiriert. Auf einem Bild sehen wir eine Pastinake mit Armen und einem M\u00e4dchenkopf, eine Frau hat sie in ihren Scho\u00df gebettet. \u201eDer Geborgenheit entwunden\u201c hei\u00dft das Bild und das ist \u2013 bezogen auf die geerntete R\u00fcbe wie das herangewachsene Kind \u2013 durchaus doppeldeutig zu verstehen.<\/p>\n<p>So wie auch die Schlangen, die in vielen Bildern auftauchen. Als reales Tier, als Fabelwesen? Man wei\u00df es nicht. Aber es weckt die Assoziationen. Loy erinnert an das gerade laufende chinesische Jahr der Schlange, sie nennt aber auch \u201ekompositorische Gr\u00fcnde\u201c daf\u00fcr, dass es sich auf ihren mit leuchtenden Kaseinfarben gemalten Bildern immer wieder schl\u00e4ngelt. M\u00e4dchen reiten auf Sonnenstrahlen. Ein Kind wird vor Flammenwesen gerettet. <\/p>\n<p>Es geht in der Schau \u201eVerweile doch\u201c um Transformation und Fortpflanzung, um das Physische, das Esoterische und das Vegetative. Und um die K\u00fcnstlerin selbst, die hier zum Auftakt des Rundgangs auf dem Gel\u00e4nde der <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.spinnerei.de\/\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.spinnerei.de\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Leipziger Baumwollspinnerei<\/a>, zu dem die dort ans\u00e4ssigen Galerien eingeladen haben, einmal mehr aus dem Schatten ihres Mannes Neo Rauch heraustritt und den eigenen Auftritt als K\u00fcnstler-Persona zelebriert.<\/p>\n<p>Ern\u00fcchternde Befunde<\/p>\n<p>Bei der Preview ihrer Spinnerei-Ausstellungen h\u00e4lt Rauch erst nach Loy Hof \u2013 und auch bei ihm spielt das Auftreten eine \u2013 wiederum doppeldeutige \u2013 Rolle. \u201eDer Mensch f\u00e4ngt bei der Sohle an und h\u00f6rt beim Scheitel auf. Und wie einer dasteht, das ist doch von entscheidender Bedeutung.\u201c Er wolle, so Rauch, dass seine \u201eFiguren stabil dastehen und was die Fu\u00dfbekleidung anbelangt, sehr im Hier und Heute verortet\u201c sind. <\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich tr\u00e4gt das eher altmodisch gewandete Bildpersonal mitunter Chucks oder Chelsea Boots \u2013 wie es Rauch nun auch bei vielen der Anwesenden beobachtet: \u201eZeig mir, was du an den F\u00fc\u00dfen hast und ich sage dir, wer du bist. Ja, wir k\u00f6nnen da den Blick schweifen lassen und kommen zu ern\u00fcchternden Befunden.\u201c Er selbst kombiniert ein bis tief in die Malerbrust ge\u00f6ffnetes Fred-Perry-Zip-Sweatshirt mit dunkelbraunen Schlangenlederstiefeln. <\/p>\n<p>So erkl\u00e4rt er wie seine Frau jetzt ebenfalls seine Bilder vor den Bildern. Gleich nebenan in der <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/eigen-art.com\/start\/\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/eigen-art.com\/start\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Galerie Eigen + Art<\/a>, die den Maler der sogenannten \u201eLeipziger Schule\u201c gro\u00df gemacht hat. Rauch stellt neue Gem\u00e4lde vor, sehr gro\u00dfe Leinw\u00e4nde und kleine, die aber wie Studien wirken, weil sie Bilddetails variieren. <\/p>\n<p>Doch Studien, darauf weist der Maler hin, mache er nicht. \u201eUnter meinem Pinsel kommen Bilder auf die Welt.\u201c Auch auf diesen Bildern sind, wie gewohnt, allerlei seltsame Gestalten dargestellt. \u201eNat\u00fcrlich sind es immer Stellvertreter meiner selbst\u201c, erkl\u00e4rt Rauch. \u201eAlso jede Figur, die ich ins Werk setze, ist ein Exemplar f\u00fcr meine Existenzform.\u201c <\/p>\n<p>G\u00e4render Haufen<\/p>\n<p>Ob er das auch f\u00fcr die kleine, schw\u00e4rzlich-br\u00e4unliche Figur gilt, die auf dem Gro\u00dfformat \u201eStille Reserve\u201c ganz unten rechts in der Bildecke steht und eine Signalkelle hochh\u00e4lt? \u201eDas ist ein aus einer g\u00e4renden Masse geformter Koprolith mit einem kleinen Schildchen wie es an der Bahnsteigkante verwendet wird\u201c, erl\u00e4utert Rauch. Bei der \u201eg\u00e4renden Masse\u201c muss man unwillk\u00fcrlich an den \u201eg\u00e4rigen Haufen\u201c denken, als den der damalige AfD-Vorsitzende Gauland seine Partei bezeichnete, die gerade <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/plus256052862\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;\/plus256052862&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">bundesweit als rechtsextremistisch eingestuft<\/a> wurde. <\/p>\n<p>Ein Koprolith ist versteinertes Exkrement. Da denkt man nat\u00fcrlich auch an den \u201eAnbr\u00e4uner\u201c. Wir erinnern uns: In einem vor sechs Jahren ver\u00f6ffentlichten Zeitungsartikel hatte der Kunstkritiker Wolfgang Ullrich den K\u00fcnstler Neo Rauch in die neorechte Ecke gestellt. Der konterte mit jenem \u201eAnbr\u00e4uner\u201c betitelten Bild, das einen Maler darstellt, der mit heruntergelassener Hose auf einem Nachttopf sitzt und mit den F\u00e4kalien daraus etwas auf eine Leinwand malt, das den Arm zum Hitlergru\u00df zu heben scheint. <\/p>\n<p>Eine schm\u00e4hende Darstellung des Rauch-Kritikers? Die im Gem\u00e4lde auftauchenden Initialen \u201eU.W.\u201c wurden jedenfalls als Indiz daf\u00fcr gedeutet. Die Posse l\u00f6ste damals einen kleinen Kunstskandal aus. R\u00fcckblickend hat er wohl keinem der Beteiligten geschadet, sondern nur zu mehr Aufmerksamkeit verholfen.<\/p>\n<p>Neo Rauch ist ein Meister darin, in seinen Bildern Spuren zu legen, auf sich verzweigende F\u00e4hrten zu f\u00fchren, auch in symbolisch-metaphorische Sackgassen. Er gef\u00e4llt sich in der Rolle des Betrachters des eigenen Werks. Von Bild zu Bild f\u00fchrt er die kleine Gruppe und macht ikonografische Analysen, deutet nur an, raunt oder bedeutungshubert gen\u00fcsslich. In seiner Performance werden die pr\u00e4tenti\u00f6se Sprache und die r\u00e4tselhaft aufgeladenen Bilder eins. Und er gesteht: \u201eEs lie\u00dfe sich zu jedem Bild nat\u00fcrlich noch unendlich viel mehr sagen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eStille Reserve\u201c hei\u00dft auch die Ausstellung. \u201eDas ist das Guthaben, das nicht zu Buche schl\u00e4gt\u201c, doziert der Maler. \u201eDas vielleicht auch nicht von der Steuer abgegriffen wird. Das irgendwann in die Erscheinung tritt, wenn Not am Manne ist. Ob es sich dabei um meine pers\u00f6nliche Lebenssituation handelt, meine Kraft- und Inspirationsreserve, das wage ich nicht zu behaupten.\u201c <\/p>\n<p>Seinem Galeristen Gerd Harry Lybke hat er jedenfalls schon im Kataloginterview erkl\u00e4rt, die \u201eStille Reserve\u201c bezeichne \u201eden Zustand eines Potenzials im Hintergrund, das noch nicht ausgesch\u00f6pft wurde.\u201c Von Neo Rauch wird also noch einiges kommen. Schlie\u00dflich muss auch die treue Sammlerschaft bedient werden, die hohe Summen in die traumartige Visionskraft des Malers investiert. <\/p>\n<p>Als N\u00e4chstes kommt aber eine Ausstellung, die Rauch in der eigenen Grafikstiftung in Aschersleben \u201ezur Geltung bringen wird\u201c. Es handele sich um Kinderzeichnungen der Jahre 1965 bis 1968, da war der Maler zwischen f\u00fcnf und acht. Er habe den \u201eStand gesichtet, die Sedimente erschlossen. Es sind Hunderte von Bl\u00e4ttern.\u201c Und vielleicht ist das wirklich seine stille Reserve, denn so bekennt der 65-J\u00e4hrige auch mit einem Anflug von Melancholie, er \u201etr\u00e4ume ja kaum mehr\u201c.<\/p>\n<p>Die Galerien in der Leipziger Baumwollspinnerei laden am 3. und 4. Mai 2025 zum Rundgang, die Ausstellungen laufen noch l\u00e4nger.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Das Leipziger Areal der ehemaligen Baumwollspinnerei mit seinen Galerien feiert Jubil\u00e4um und die K\u00fcnstlerprominenz h\u00e4lt Hof. 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