{"id":792413,"date":"2026-02-12T18:06:14","date_gmt":"2026-02-12T18:06:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/792413\/"},"modified":"2026-02-12T18:06:14","modified_gmt":"2026-02-12T18:06:14","slug":"in-den-karnevalshochburgen-beginnt-die-session-berlin-ist-das-ganze-jahr-peinlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/792413\/","title":{"rendered":"In den Karnevalshochburgen beginnt die Session \u2013 Berlin ist das ganze Jahr peinlich"},"content":{"rendered":"<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Die Jecken sind los. Heute ab 11.11 Uhr ist in den Narren-Hochburgen Ausnahmezustand mit Ansage. Auf den Stra\u00dfen wird gesungen, in den Kneipen geschunkelt, hinter den Gl\u00e4sern verschwindet jede Hemmung bis Aschermittwoch. Kalkulierter Kontrollverlust, einmal im Jahr. Tradition nennt man das \u2013 also etwas, das funktioniert.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Hier eine ketzerische Frage: Was w\u00e4re, wenn Berlin <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/topics\/karneval\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Karnevalshochburg<\/a> w\u00e4re?<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Ganz einfach: Dann h\u00e4tte Berlin endlich eine Tradition, die zu ihm passt. Man wirft sich in Schale, gibt sich entspannt \u2013 und am Ende ist selbstverst\u00e4ndlich jemand zust\u00e4ndig. Also in der Theorie. In der Realit\u00e4t weilt die Zust\u00e4ndigkeit im Erholungsurlaub, die Vertretung kuriert sich aus und der Antrag macht seit Wochen Sightseeing in der <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/topics\/deutsche-post\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Poststelle<\/a>.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Berlin eben. Nur dann eben mit Glitzer.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Stellen wir uns also vor: Der Senat beschlie\u00dft \u201eBerlin wird jeck\u201c und ver\u00f6ffentlicht dazu ein 48-seitiges Papier: \u201eRahmenkonzept Schunkeln 2030\u201c. Darin steht, dass Konfetti nur ausgeworfen werden darf, wenn es sich um zertifiziertes, <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/topics\/klimawandel\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">klimaneutrales<\/a>, diskriminierungssensibles Wurfmaterial handelt, hergestellt in einem Start-up aus Prenzlauer Berg, das nach zwei Monaten insolvent geht, weil es sich weigert, sich von den kapitalistischen Strukturen knechten zu lassen.<\/p>\n<p>Berlin: Karneval als moralische Gro\u00dfveranstaltung<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Die BVG zieht nach. Aus \u201eBitte zur\u00fcckbleiben\u201c wird \u201eBitte nicht schunkeln im T\u00fcrbereich\u201c. Die U8 f\u00e4hrt weiterhin wie eine d\u00fcstere Kurzgeschichte \u2013 nur dass man jetzt in der D\u00fcsternis wenigstens einen Clown sieht, der den ganzen Wagen mit einem Kazoo zusammenh\u00e4lt. Das ist nicht Karneval. Das ist Resilienz.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Nat\u00fcrlich w\u00fcrde Berlin nicht einfach \u201ewie K\u00f6ln, nur gr\u00f6\u00dfer\u201c. Berlin w\u00e4re Berlin: Karneval als ideologisches Survival-Training.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Kreuzberg skandiert \u201eAlaaf f\u00fcr alle\u201c, allerdings nur nach vorheriger Sensibilisierungs-Workshopreihe. Friedrichshain erkl\u00e4rt \u201eHelau\u201c zur problematischen Aneignung rheinischer Narrativstrukturen und fordert ein inklusives Ersatznarrativ. Charlottenburg entdeckt im Funkenmariechen sofort einen Standortfaktor und beantragt EU-F\u00f6rdermittel f\u00fcr \u201eBrauchtum 4.0\u201c. Und Neuk\u00f6lln? Macht einfach einen Umzug. Ohne Genehmigung, ohne Leitfaden, aber mit Bassbox.<\/p>\n<p>Umzug wird ein Meisterwerk der Berliner Prozesskunst<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Und dann erst die Organisation. Der Karnevalsumzug wird zur Hochform der Berliner Prozessromantik: Antrag im M\u00e4rz, fachliche W\u00fcrdigung bis November, eine R\u00fcckfrage im Januar (\u201eBitte reichen Sie das Lachen in dreifacher Ausfertigung nach\u201c), Genehmigung im April \u2013 r\u00fcckwirkend f\u00fcr Februar.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Das ist keine B\u00fcrokratie. Das ist immersives Verwaltungstheater.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Mit Publikum, das Eintritt zahlt, friert, wartet \u2013 und am Ende trotzdem applaudiert. Nicht aus Begeisterung. Sondern weil es in Berlin als unfein gilt, funktionierende Abl\u00e4ufe zu erwarten.<\/p>\n<p>\u00dcbt die Polizei dann \u201eAlaaf\u201c vor dem Spiegel?<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Sicherheit? Aber hallo. Berlin macht keine Gro\u00dfveranstaltung, ohne dass irgendwer mit ernster Stirn sagt: \u201eWir m\u00fcssen da noch mal grunds\u00e4tzlich ran.\u201c<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Also gibt es Poller in Pollerfarbe, Sicherheitskonzepte in Ordnerst\u00e4rke und Sperrzonen, die gr\u00f6\u00dfer sind als der eigentliche Umzug. Dazu eine Lautsprecherdurchsage, die klingt, als h\u00e4tte sie ein Arbeitskreis f\u00fcr angewandte Bedenkentr\u00e4gerei verfasst: \u201eBitte verhalten Sie sich ausgelassen im Rahmen der Ausgelassenheitsverordnung.\u201c<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Deeskalation l\u00e4uft so: Die Polizei \u00fcbt \u201eAlaaf\u201c vor dem Spiegel, um es korrekt zu intonieren, ohne ironisch zu wirken und ohne als GIF zu enden. Das braucht l\u00e4nger als jede Berliner Gro\u00dfbaustelle.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Wirtschaftlich bl\u00fcht die Stadt auf. Touristen kommen nicht mehr nur f\u00fcr Club und Currywurst, sondern f\u00fcr Kost\u00fcm und Kater. Hotels bieten neue Kategorien an: \u201eJeck-Suite\u201c, \u201eSchunkel-Standard\u201c, \u201eAfter-Alaaf-Recovery\u201c. Und der Einzelhandel entdeckt endlich wieder ein Produkt, das zuverl\u00e4ssig l\u00e4uft: Glitzer \u2013 das einzige Material, das sich nie ganz entfernen l\u00e4sst. Wie die Berliner Vergangenheit.<\/p>\n<p>Karneval? Berlin m\u00fcsste sein gr\u00f6\u00dftes Problem \u00fcberwinden<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Am spannendsten w\u00e4re der Augenblick, in dem Berlin sein gr\u00f6\u00dftes Trauma therapieren m\u00fcsste: die panische Angst, peinlich zu wirken.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Karneval funktioniert nur, wenn alle freiwillig albern sind \u2013 laut, kollektiv, mit Ansage. Die Blamage ist das Konzept. In Berlin dagegen passiert Peinlichkeit eher beil\u00e4ufig. Man h\u00e4lt sie f\u00fcr Diskurs, f\u00fcr Avantgarde oder f\u00fcr ein tempor\u00e4res Pilotprojekt.<\/p>\n<p>Widerspruch ist die verl\u00e4sslichste Ressource dieser Stadt<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Berlin w\u00e4re Karnevalshochburg \u2013 nicht obwohl hier alles gleichzeitig dagegenspricht, sondern genau deshalb. Widerspruch ist schlie\u00dflich die verl\u00e4sslichste Ressource dieser Stadt.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ article_paragraph_end-of-article-icon__tzjPO\">Wenn eine Stadt es schafft, Ausgelassenheit wie eine Krisensitzung zu organisieren, Schunkeln in eine Haltungsfrage zu verwandeln und Konfetti mit der Ernsthaftigkeit einer Haushaltsdebatte zu werfen, dann diese. Und am Ende, wenn der Glitzer in den Ritzen der Republikgeschichte klebt, bleibt nur die alles entscheidende Berliner Frage: Wer ist zust\u00e4ndig? Antwort: Eine Taskforce.\u00a0Einsetzung geplant.\u00a0Starttermin in Pr\u00fcfung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Jecken sind los. Heute ab 11.11 Uhr ist in den Narren-Hochburgen Ausnahmezustand mit Ansage. 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