{"id":795176,"date":"2026-02-13T19:32:47","date_gmt":"2026-02-13T19:32:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/795176\/"},"modified":"2026-02-13T19:32:47","modified_gmt":"2026-02-13T19:32:47","slug":"plattformoekonomie-erst-kommt-das-essen-dann-die-moral","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/795176\/","title":{"rendered":"Plattform\u00f6konomie: Erst kommt das Essen, dann die Moral"},"content":{"rendered":"<p>Weltweit boomt die Gig-\u00d6konomie. Wer aber sind die Diener und Knechte in unserem sch\u00f6nen neuen Zustell-Zeitalter? Tomer Gardi entdeckt in \u201eLiefern\u201c die Menschen hinter den Kurierfahrern und gibt ihnen ein Gesicht.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Was Tomer Gardi beim Schreiben wohl am meisten interessiert, ist die Frage danach, warum die Dinge so funktionieren, wie sie funktionieren. Die verwandte Frage, was passiert, wenn die Dinge nicht mehr so funktionieren, wie sie im Normalfall funktionieren, treibt den 1974 im Kibbuz Dan im Norden Israels geborenen Autor aber genauso um. Was, wenn etwas dazwischenkommt?<\/p>\n<p>In \u201eBroken German\u201c von 2016 kam <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/article157738156\/Tomer-Gardi-im-Interview-ueber-sein-Buch-Broken-German.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/article157738156\/Tomer-Gardi-im-Interview-ueber-sein-Buch-Broken-German.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Gardis Deutsch<\/a> dazwischen. Ein Deutsch, das \u201ekaputt\u201c war. Kostprobe gef\u00e4llig? \u201eHei Amadou. Weisst du, was deine Call Shop ist? \u2026 Dein Shop ist das Gebrochenesdeutschsprachigesraum.\u201c Auf der Website des Bachmannpreises kann man nachlesen, wie man nach Gardis \u201eBroken German\u201c-Lesung um Worte rang. Der \u00f6sterreichische Kritiker<a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/bachmannpreis.orf.at\/v2\/stories\/2783362\/\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/bachmannpreis.orf.at\/v2\/stories\/2783362\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\"> Klaus Kastberger fand<\/a>, \u201edass die Jury sich offensichtlich nicht direkt mit dem Text auseinandersetzen will und stattdessen allgemeine Fragen diskutiert.\u201c Kein Wunder: Was auf dem Spiel steht, wenn etwas zerbricht, was normalerweise funktioniert, ist die Normalit\u00e4t selbst. Das ist die keineswegs triviale Lektion, die Gardi seinen Lesern immer wieder erteilt.<\/p>\n<p>Gardis neuer Roman \u201eLiefern\u201c wirft einen Blick auf die immer st\u00e4rker wachsende Zahl jener Menschen, die heute daf\u00fcr sorgen, dass alles reibungslos vonstattengeht, egal ob in Tel Aviv oder Berlin, Buenos Aires, Istanbul oder Delhi: Jene Klasse, die in der sogenannten Plattform- oder Gig-\u00d6konomie ihr Geld verdient. Lieferanten also, die jenen die Dinge des t\u00e4glichen Lebens bringen, f\u00fcr die ihnen Zeit und Mu\u00dfe fehlt, das Haus zu verlassen. Das Geld aber nicht. Gardi erz\u00e4hlt in \u201eLiefern\u201c von denen, die als Kleinunternehmer in farbigen Trikots mit klobigen Beh\u00e4ltnissen auf allerlei Gef\u00e4hrten die Stra\u00dfen unserer St\u00e4dte bev\u00f6lkern, aber ein so vertrauter Anblick geworden sind, dass sie nur dann auffallen, wenn das Bestellte zu sp\u00e4t oder gar nicht kommt. Wenn etwas dazwischenkommt.<\/p>\n<p>Die Welt ist ein Dorf<\/p>\n<p>Die Literatur zum Beispiel. Gardis Literatur. Eine Literatur, die auch davon erz\u00e4hlt, was die vielen Lieferanten zu dem gemacht hat, was sie sind. Was ihnen dazwischenkam. Filmon zum Beispiel in Tel Aviv die Covid-Pandemie. Er hat seine Arbeit in einem Caf\u00e9 verloren, das wegen der \u201ePlage\u201c schlie\u00dfen musste und sieht sich gezwungen, als Lieferant anzuheuern. Das geht nur \u00fcber einen Mittelsmann, Shai, der Lizenzen vergibt f\u00fcr den Lieferservice, auch solche auf fremden Namen. Dora Goldberg zum Beispiel. Was f\u00fcr Filmon riskant ist. Denn Filmon ist mehr als die Pandemie dazwischengekommen. Der Wehrdienst in Eritrea n\u00e4mlich, Desertation und Flucht nach Israel. Filmon ist schwarz, m\u00e4nnlich, ein Fl\u00fcchtling. Aber weil er nach Deutschland will, wo seine Daniat ist und die gemeinsame Tochter, die auf den Namen des Landes h\u00f6rt, in das Filmon geflohen ist, hat er keine Wahl. Etwas \u00c4hnliches ist auch Ciervo dazwischengekommen. Der Venezolaner will in Argentinien sein Gl\u00fcck machen, hat seine Mutter nachgeholt und liefert nun ebenfalls Essen aus.<\/p>\n<p>Ciervos Problem ist nicht nur die Inflation, sondern sein Handy, jenes Ger\u00e4t, ohne das die Gig-\u00d6konomie nie so gro\u00df geworden w\u00e4re, dass ihr Ausfall deutlich machen w\u00fcrde, wie sehr wir von ihr abh\u00e4ngen in jenem \u201eglobalen Dorf\u201c, in dem wir heute alle leben. Ciervos Telefon st\u00fcrzt andauernd ab. Doch gl\u00fccklicherweise findet er ein neues. Nur, dass dieses Handy Marta geh\u00f6rt, eigentlich aber R\u00e1mon, ihrem Sohn, der bei einem Unfall in Indiens Hauptstadt, man ahnt es schon, unter Beteiligung einer Lieferantin zu Tode gekommen ist. Nun ortet Marta das Handy ihres Sohnes, das sie verloren hat und das f\u00fcr sie die einzige M\u00f6glichkeit darstellt, mit Nina Kontakt aufzunehmen. Nina war R\u00e1mons letzte Freundin w\u00e4hrend des Austauschsemesters in Delhi \u2013 und in Berlin die Deutschlehrerin von Daniat. Die Welt ist wirklich ein Dorf.<\/p>\n<p>Eine wilde Verfolgungsjagd nach einem blauen Punkt auf dem Handydisplay beginnt, der, Gardi ist ein Meister der parallelen Leben, an jenen erinnert, auf den in einer fr\u00fcheren Passage von \u201eLiefern\u201c eine Mutter und ihre zwei Kinder starrten, die auf ihre Lieferung warteten. Die Burger kamen nie an. Wo? In einer Stra\u00dfe in Delhi.<\/p>\n<p>\u201eLiefern\u201c schafft, woran sich Wenige versucht haben. Gardis Buch macht die oft brutalen Bedingungen, unter denen \u00fcberall ein neues Subproletariat arbeitet, anschaulich. Es bricht damit eine Normalit\u00e4t auf, die nur so reibungslos funktioniert, weil wir uns an die Massen der neuen Diener in unseren St\u00e4dten gew\u00f6hnt haben. In \u201eSorry We Missed You\u201c von 2019 hat der britische Regisseur <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kino\/article248682524\/Ken-Loachs-The-Old-Oak-Wie-weltoffen-koennen-Abgehaengte-sein.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kino\/article248682524\/Ken-Loachs-The-Old-Oak-Wie-weltoffen-koennen-Abgehaengte-sein.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Ken Loach<\/a> \u00c4hnliches am Beispiel eines Paketzustellers erz\u00e4hlt. Wie Loach bringt Gardi in \u201eLiefern\u201c viel Sympathie f\u00fcr seine Figuren mit, aber auch einen geradezu herzerw\u00e4rmenden Humor, der auch da nicht versagt, wo sein Text ins Melodramatische zu kippen droht. Die Geschichten, die er aus Metropolen weltweit erz\u00e4hlt, erinnern dabei an die Herkunft des Wortes \u201eBeispiel\u201c: das nebenbei und dazu Erz\u00e4hlte, das veranschaulicht, was sonst unbemerkt bliebe. Und Tomer Gardi erweist sich in \u201eLiefern\u201c als Meister des beispielhaften Erz\u00e4hlens.<\/p>\n<p>Tomer Gardi: Liefern. Tropen, 320 Seiten, 25 Euro. Ab 14.2.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Weltweit boomt die Gig-\u00d6konomie. Wer aber sind die Diener und Knechte in unserem sch\u00f6nen neuen Zustell-Zeitalter? 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