{"id":796638,"date":"2026-02-14T09:22:30","date_gmt":"2026-02-14T09:22:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/796638\/"},"modified":"2026-02-14T09:22:30","modified_gmt":"2026-02-14T09:22:30","slug":"nahverkehr-und-krisen-wie-die-ssb-alle-kriege-ueberstanden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/796638\/","title":{"rendered":"Nahverkehr und Krisen: Wie die SSB alle Kriege \u00fcberstanden"},"content":{"rendered":"<p>Moderne Verkehrssysteme geraten rasch aus dem Takt. L\u00e4sst sich etwas aus Zeiten lernen, wo es zum Funktionieren keine Alternative gab?<\/p>\n<p>Daseinsvorsorge, das ist f\u00fcr Nikolaus Niederich das Schl\u00fcsselwort, mit dem sich die Rolle der Stuttgarter Stra\u00dfenbahnen (<a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/SSB\" title=\"SSB\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">SSB<\/a>) in Krisenzeiten ihrer <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Geschichte\" title=\"Geschichte\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Geschichte<\/a> zusammenfassen l\u00e4sst: \u201eEs waren Fahrg\u00e4ste, um die es ging, nicht Kunden wie man heute sagt.\u201c In der Stra\u00dfenbahnwelt <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Stuttgart\" title=\"Stuttgart\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Stuttgart<\/a> steht er vor einer \u201eTr\u00fcmmer Lok\u201c aus dem Jahr 1946 \u2013 Relikt einer harten Zeit. <\/p>\n<p>Improvisationstalent mit Weitsicht  <\/p>\n<p>Niederich hat als Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer einer Beratungsgesellschaft mit komplexen Verkehrsprojekten <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/inhalt.s-bahn-tunnel-in-muenchen-wie-bayern-sich-ein-milliardengrab-schaufelt.e1c44f99-cba1-44fc-89c8-c01f051770c3.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">wie der zweiten S-Bahn-Stammstrecke in M\u00fcnchen<\/a> zu tun. Im ehrenamtlichen Nebenberuf steht er dem Verein Stuttgarter Historische Stra\u00dfenbahnen vor. Er hat die Robustheit der SSB in einem Vortrag unter die \u00dcberschrift gestellt: \u201eKrisenfeste resiliente Verkehrsinfrastruktur, die SSB in den Weltkriegen \u2013 Improvisationstalent und Weitsicht.\u201c<\/p>\n<p>Die SSB geh\u00f6ren<a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/inhalt.nahverkehr-in-der-region-stuttgart-die-ssb-als-letzter-anker-im-chaos.506ef2f3-4e98-4c92-b667-37dddd415243.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\"> zu den zuverl\u00e4ssigeren Verkehrsbetrieben<\/a> in Deutschland. Doch in vielen Bereichen, vor allem bei der Deutschen Bahn, hat man den Eindruck, dass die F\u00e4higkeit zur Daseinsvorsorge, zu der Resilienz geh\u00f6rt, auf der Strecke geblieben ist. Angesichts aktueller Konflikte w\u00e4chst auch die Sorge, wie krisenfest unsere Systeme sind. <\/p>\n<p>Im Bombenkrieg ging der Betrieb weiter <\/p>\n<p>Die Robustheit des Nahverkehrs w\u00e4hrend des Ersten und Zweiten Weltkriegs erscheint aus heutiger Sicht unglaublich. Im Ersten Weltkrieg stiegen die Fahrgastzahlen massiv, und die Stra\u00dfenbahn musste auch den innerst\u00e4dtischen G\u00fctertransport \u00fcbernehmen. Mobilit\u00e4t mit der Stra\u00dfenbahn war das einzige, was noch funktionierte. <\/p>\n<p>\u201eDie Pferde waren f\u00fcr das Milit\u00e4r requiriert und f\u00fcr Fahrr\u00e4der gab es keine Ersatzteile mehr\u201c, sagt Niederich. Nebenstrecken, oft zu Ausflugszielen, wurden in beiden Kriegen nur wegen des f\u00fcr die Kriegswirtschaft raren Kupfer-Fahrdrahtes stillgelegt. <\/p>\n<p>\u201eAuch im Zweiten Weltkrieg haben die SSB den Betrieb praktisch nie unterbrochen,\u201c, sagt Niederich. Trotz massiver Bombenangriffe, denen auch die innerst\u00e4dtischen Depots und ein Drittel der Fahrzeuge zum Opfer fielen. Nur in den Wochen nach dem Kriegsende 1945 standen die Bahnen eine Weile still, damit noch nicht beseitigte Blindg\u00e4nger ger\u00e4umt werden konnten. <\/p>\n<p>Krieg als grausame Zumutung <\/p>\n<p>Es seien extreme Zeiten gewesen, in denen Mitarbeiter und Fahrg\u00e4ste Belastungen hinnahmen, die heute undenkbar w\u00e4ren, sagt Niederich. Deshalb sei ein Vergleich mit heute schwierig. <\/p>\n<p> \u201eDie Stra\u00dfenbahn musste fahren \u2013 es gab keine Alternative.\u201c So quetschten sich in beiden Kriegen auf zunehmend maroder Infrastruktur die Menschen widerspruchslos in die \u00fcberlasteten Fahrzeuge. \u201eDa hat niemand gemurrt\u201c, sagt Niederich. \u201eDie Leute wussten ja, dass die SSB selber an der Situation nicht schuld war.\u201c Abstriche an der Sicherheit machte man trotz aller Improvisation offenbar nicht: \u201eMir sind keine gr\u00f6\u00dferen Unf\u00e4lle aus diesen Zeiten bekannt.\u201c<\/p>\n<p> Frauen mussten einspringen  <\/p>\n<p>Wer den Betrieb rettete, waren auch die Frauen. Doch Niederich warnt, nicht in vorschnelle Analogien zur Gegenwart zu verfallen. Dass Frauen vor allem im Ersten Weltkrieg f\u00fcr die an der Front befindlichen M\u00e4nner einsprangen, sei als Notl\u00f6sung verstanden worden. Bevor man 1918 Frauen als Fahrerinnen einsetzte, habe man alles andere ausprobiert. <\/p>\n<p>Begonnen hatte es 1915, dem gesellschaftlichen Rollenklischee entsprechend, mit dem Einsatz als Reinigungskr\u00e4fte. 1916 wurden Frauen auch Schaffnerinnen. Auch die Nazis z\u00f6gerten mit dem Einsatz von Frauen \u2013 sie lie\u00dfen bis zuletzt keine in die F\u00fchrerst\u00e4nde. \u201eDas war Ideologie\u201c, sagt Niederich. Zwangsarbeiter habe man nicht im Betrieb, sondern zur Tr\u00fcmmerbeseitigung eingesetzt, besonders an gef\u00e4hrlichen Orten.<\/p>\n<p>Nach dem Ende der Weltkriege seien die Frauen rasch wieder zur\u00fcckgedr\u00e4ngt worden. Auch diese selber h\u00e4tten den im Krieg extrem anstrengenden Job bei den SSB wohl kaum als Selbstverwirklichung gesehen, sagt Niederich: \u201eVor allem im Ersten Weltkrieg war das angesichts knapper staatlicher Hilfen f\u00fcr Soldatenfamilien aus der Not geboren.\u201c <\/p>\n<p> Arbeitsaufwand spielte keine Rolle <\/p>\n<p>Auch nach 1945 \u00fcbernahmen die aus dem Krieg zur\u00fcckkehrenden M\u00e4nner, rasch wieder ihre Positionen. Dank des \u00dcberschusses an Arbeitskr\u00e4ften spielte Personalaufwand keine Rolle: \u201eBei ausgebrannten Beiwagen wurden die noch verwendbaren Untergestelle \u2013 bildlich gesprochen \u2013 mit der Zahnb\u00fcrste von Brandresten gereinigt.\u201c <\/p>\n<p>Auch aus Tr\u00fcmmerholz leimte man Teile der Inneneinrichtung zusammen. Aus zerst\u00f6rten St\u00e4dten wie Pforzheim, deren Betriebsh\u00f6fe die Bombenangriffe \u00fcberstanden hatten, \u00fcbernahm man nicht ben\u00f6tigte Fahrzeuge. <\/p>\n<p> Ramponiert ins Automobil-Zeitalter <\/p>\n<p>Doch die Improvisationen der Kriegsjahre r\u00e4chten sich: Die vernachl\u00e4ssigte Infrastruktur wurde nach den Weltkriegen zu einer massiven Hypothek. F\u00fcr Zukunftspl\u00e4ne war erst einmal kein Platz. Man musste die str\u00e4flich vernachl\u00e4ssigte Instandhaltung nachholen. Und so geschw\u00e4cht mussten die SSB, die noch 1956 \u00dcbersch\u00fcsse an die Stadt Stuttgart \u00fcberwiesen, sich nach 1950 dem boomenden Stra\u00dfenverkehr stellen. <\/p>\n<p>\u201eEs hat halt einen Unterschied gemacht, ob man mit einer geflickten alten Stra\u00dfenbahn unterwegs war oder mit einem nagelneuen Omnibus\u201c, sagt Niederich \u00fcber den Imageverlust des Schienenverkehrs. Die Daseinsvorsorge in schwierigen Zeiten war als selbstverst\u00e4ndlich hingenommen worden \u2013 und geriet in den Jahren des Wirtschaftswunders in Vergessenheit. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Moderne Verkehrssysteme geraten rasch aus dem Takt. 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