{"id":80006,"date":"2025-05-03T02:11:10","date_gmt":"2025-05-03T02:11:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/80006\/"},"modified":"2025-05-03T02:11:10","modified_gmt":"2025-05-03T02:11:10","slug":"mark-rothko-die-wollen-doch-nur-spielen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/80006\/","title":{"rendered":"Mark Rothko: Die wollen doch nur spielen"},"content":{"rendered":"<p class=\"paragraph article__item\">Kunst in Museen muss einiges aushalten.<br \/>\nAktivisten, die sich ankleben, altkluge Studentinnen, die mit Wikipedia-Wissen<br \/>\nihre Dates beeindrucken wollen, und nat\u00fcrlich Kinder, die von Eltern auf<br \/>\np\u00e4dagogischer Mission durch die Ausstellungen gezerrt werden. Und in den vergangenen Jahren, da schien die Bel\u00e4stigung von Gem\u00e4lden als Protestform kein<br \/>\nEnde zu nehmen. In M\u00fcnchen wurde damals etwa der wertvolle Rahmen eines Rubens<br \/>\nbesch\u00e4digt, in Potsdam beschmierte man die Verglasung eines Monets mit<br \/>\nKartoffelbrei, und im Oktober 2020 wurden auf der Berliner Museumsinsel gleich<br \/>\n63 Ausstellungsst\u00fccke gleichzeitig attackiert.\u00a0<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Mit vermutlich weniger<br \/>\naktivistischer Agenda hat ein kleines Kind nun k\u00fcrzlich ein Gem\u00e4lde in einem<br \/>\nMuseum in <a class=\"rtr-entity\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/rotterdam\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Rotterdam<\/a> zerkratzt: Mark Rothkos Grau, Orange auf Kastanienbraun,<br \/>\nNr. 8 mit einem Marktwert von schlappen 50 Millionen Euro. Einen Teil davon<br \/>\nk\u00f6nnte das Werk wegen der sichtbaren Kratzer im unteren Bereich nun eingeb\u00fc\u00dft haben.\u00a0\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Nun kommen Fragen auf: Wer ist schuld? Und nat\u00fcrlich: Wer<br \/>\nzahlt? Muss ein Kleinkind zeit seines Aufwachsens sein Taschengeld an ein<br \/>\nniederl\u00e4ndisches Museum \u00fcberweisen? Wir haben bei einem Kunstanwalt, einer<br \/>\nstaatlichen Gem\u00e4ldesammlung und einer Versicherungsangestellten nachgefragt, wie die Rechtslage in<br \/>\nDeutschland w\u00e4re. Sie alle eint ihre erste, schnelle Antwort: &#8222;Es kommt drauf<br \/>\nan.&#8220; Professor Jan Hegemann ist Rechtsanwalt in der Berliner Kanzlei Raue und spezialisiert auf rechtliche Fragen im Bereich Kunst. Gut m\u00f6glich<br \/>\nsei es, dass die Eltern des Kindes ihre<br \/>\nAufsichtspflicht verletzt h\u00e4tten. Anders gesagt: In<br \/>\nunmittelbarer N\u00e4he zu derart hochwertiger Kunst darf man sein Kind nicht aus den Augen lassen. <\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">&#8222;Aber nun ja, shit happens&#8220;, lautet die juristische<br \/>\nFacheinsch\u00e4tzung des Anwalts. Medienberichten zufolge war das Kind in Rotterdam keine f\u00fcnf<br \/>\nJahre alt. &#8222;H\u00e4tte ein Teenager achtlos eine Flasche Cola \u00fcber den Rothko<br \/>\ngekippt, w\u00e4re die Sache eine andere.&#8220; Aber wenn so ein kleines Kind, &#8222;das noch<br \/>\nkeinen Begriff von Gut und B\u00f6se hat, ein Gem\u00e4lde besch\u00e4digt, dann ist es auch<br \/>\nnicht strafbar&#8220;. <\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Wie vermittelt man seinem Nachwuchs denn auch, dass es etwa im<br \/>\nMalkurs in der Kita gut sei, draufloszukritzeln, heilsam sogar, wie die Kinderpsychologie<br \/>\nes nennen w\u00fcrde? Hier hingegen w\u00e4re das gleiche Verhalten b\u00f6se \u2013 auch wenn Rothkos Farben zur eigenen Beteiligung mindestens genauso<br \/>\neinladen wie Mandalas in der eigenen heimischen Bastelecke. Ab einem gewissen Alter sollte man allerdings wissen, wann Kunst interaktiv ist und die eigene Bastelschere zum<br \/>\nEinsatz kommen darf und wann stumme Ehrfurcht vor einem millionenschweren Werk im Mindestabstand geboten ist.\n<\/p>\n<p>                            \u00a9\u00a0ZEIT ONLINE<\/p>\n<p>\n                    Newsletter<\/p>\n<p>                    Nat\u00fcrlich intelligent<\/p>\n<p class=\"newsletter-signup__text\">K\u00fcnstliche Intelligenz ist die wichtigste Technologie unserer Zeit. Aber auch ein riesiger Hype. Wie man echte Durchbr\u00fcche von hohlen Versprechungen unterscheidet, lesen Sie in unserem KI-Newsletter.<\/p>\n<p class=\"newsletter-signup__datapolicy\" hidden=\"\">\n            Mit Ihrer Registrierung nehmen Sie die <a href=\"https:\/\/datenschutz.zeit.de\/zon#Newsletter\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Datenschutzerkl\u00e4rung<\/a><br \/>\n     zur Kenntnis.\n        <\/p>\n<p>    Vielen Dank! Wir haben Ihnen eine E-Mail geschickt.<\/p>\n<p>Pr\u00fcfen Sie Ihr Postfach und best\u00e4tigen Sie das Newsletter-Abonnement.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Strafrechtlich ist das Kind also fein raus, zivilrechtlich k\u00f6nnte<br \/>\nes dennoch eng werden: Muss man f\u00fcr die Restaurierung eines Rothkos aufkommen,<br \/>\nwird&#8217;s Weihnachten eher mau unter Baum. 2011 war im selben Museum ein<br \/>\nTourist aus Versehen auf das Kunstwerk Peanut-Butter Platform von Wim T.<br \/>\nSchippers getreten. Zu seiner Verteidigung kann man vorbringen, dass es sich<br \/>\nbei dem Werk um eine \u00e4u\u00dferst parkett\u00e4hnliche Schicht<br \/>\nErdnussbutter handelte, die in die Mitte eines Saals geschmiert war \u2013 zahlen<br \/>\nmusste der Tourist am Ende trotzdem.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Einem m\u00f6glichen Verteidiger der Familie empfiehlt Hegemann &#8222;das<br \/>\ngenaue Hingucken&#8220;, ob vielleicht auch das Museum nicht alle notwendigen Vorsichtsma\u00dfnahmen getroffen hat: &#8222;Warum ging keine Alarmanlage los, als das Kind sich dem<br \/>\nGem\u00e4lde n\u00e4herte? Warum hing da keine Kordel, stand da kein Podest?&#8220; Kurzes<br \/>\nInnehalten. &#8222;Na ja, wobei, dar\u00fcber w\u00e4re ein tollpatschiges Kind im Zweifel auch<br \/>\ngestolpert.&#8220; Vor allem ob der Summe der durch die Besch\u00e4digung entstandenen<br \/>\nWertminderung sorgt sich Hegemann: &#8222;Wenn Rothko noch leben w\u00fcrde, w\u00e4re es halb<br \/>\nso wild. Er k\u00f6nnte es selbst ausbessern. Jetzt werden es Restauratoren f\u00fcr ihn<br \/>\nreparieren m\u00fcssen. Die sind bestimmt kompetent. Aber eben nicht Rothko.&#8220;\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Es w\u00e4re nicht das erste Mal, dass ein Kind f\u00fcr den Schaden nicht aufkommen muss: In einem<br \/>\nMuseum in Haifa zerdepperte letzten August ein Vierj\u00e4hriger eine 3.500<br \/>\nJahre alte Vase, da war der Urheber etwas l\u00e4nger tot als Rothko. Trotzdem stellte die<br \/>\nInstitution &#8222;die Vase einfach wieder her&#8220;, wie die BBC schreibt \u2013 der Junge<br \/>\nmusste nichts bezahlen und erhielt wenige Tage nach dem Vorfall sogar eine pers\u00f6nliche<br \/>\nF\u00fchrung durch das Museum. Zur Beruhigung seines schlechten Gewissens, er habe<br \/>\nscheinbar besonders gro\u00dfe Reue gezeigt. Seinem niederl\u00e4ndischen<br \/>\nSchicksalsgenossen w\u00fcrde die eine oder andere schuldbewusste Tr\u00e4ne also<br \/>\nsicherlich gut zu Gesicht stehen. <\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">In den staatlichen Museen Deutschlands hilft keine Tr\u00e4ne<br \/>\nund kein Gott. Hier werden Metaphysik der Kunst und kleinkindliche Naivit\u00e4t von<br \/>\nden Anspr\u00fcchen des Fiskus getrumpft: &#8222;Versuchen Sie mal, vor den Steuerzahlern<br \/>\nzu rechtfertigen, dass sie f\u00fcr die Restaurierung aufkommen m\u00fcssen&#8220;, sagt eine<br \/>\nSprecherin der Bayerischen Staatsgem\u00e4ldesammlungen, und man meint das Kopfsch\u00fctteln mitzuh\u00f6ren. &#8222;Es muss schon priorisiert werden, wof\u00fcr Steuern eingesetzt<br \/>\nwerden.&#8220;\u00a0\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Und in privaten Sammlungen? Normalerweise sei Kunst in<br \/>\ndeutschen Museen und Galerien gegen alles versichert, was nicht &#8222;explizit<br \/>\nausgeschlossen ist, zum Beispiel Krieg, innere Unruhen, Radioaktivit\u00e4t&#8220;, sagt<br \/>\ndie Leiterin der Kunstabteilung des Maklers\u00a0Helmsauer Gruppe. Ist das Kind also<br \/>\nnicht zuf\u00e4llig mit waffenf\u00e4higem Uran durch die Galerie gelaufen, w\u00e4re es also<br \/>\nauf der sicheren Seite. &#8222;Die meisten Sch\u00e4den entstehen ohnehin in banalen<br \/>\nSituationen, beim Transport oder eben durch unvorsichtige Besucher.&#8220; Die Haftpflichtversicherung<br \/>\nder Eltern m\u00fcsste vielleicht trotzdem obendrauf zahlen.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Es kommt also einiges zusammen: die Intentionen des<br \/>\nKindes, sein scheinbar noch nicht ausgebildetes Verst\u00e4ndnis<br \/>\nmoralphilosophischer Dilemmata, die fehlenden Sicherheitsma\u00dfnahmen des Museums<br \/>\nsowie Fragen der Autorenschaft, der Versicherung und der spezifischen<br \/>\nRechtslage in den Niederlanden. Das Museum sucht seit dem Vorfall h\u00e4nderingend ein<br \/>\nTeam aus internationalen Restauratoren. Wer f\u00fcr deren M\u00fchen aufkommen soll, das<br \/>\nMuseum oder das Kind mit ungef\u00e4hr all seinen noch kommenden Geburtstags- und Weihnachtsgeschenken<br \/>\nzusammen, diese Entscheidung kann sich noch Jahre hinziehen. Offen bleibt weiterhin, ob dieses Kleinkind mit der Attacke auf Rothkos Kunst sein fr\u00fches Bekenntnis zu abstrakter Kunst ausdr\u00fcckt \u2013 oder zum politischen Aktivismus. Daf\u00fcr fehlt ihm nur noch der Kartoffelbrei. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Kunst in Museen muss einiges aushalten. 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