{"id":804251,"date":"2026-02-17T10:10:12","date_gmt":"2026-02-17T10:10:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/804251\/"},"modified":"2026-02-17T10:10:12","modified_gmt":"2026-02-17T10:10:12","slug":"ganz-grosse-literatur-robert-menasses-neue-europa-novelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/804251\/","title":{"rendered":"Ganz gro\u00dfe Literatur: Robert Menasses neue Europa-Novelle"},"content":{"rendered":"<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Robert Menasse ist <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/europa\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Europa<\/a> komplett verfallen. Vor allem literarisch. 2010 war er nach <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/bruessel\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Br\u00fcssel<\/a> gezogen, um den Maschinenraum der Union zu erkunden. Er hat sich dar\u00fcber im \u201eEurop\u00e4ischen Landboten\u201c Gedanken gemacht, hat vor dem EU-Parlament die Festrede \u201eKritik der Europ\u00e4ischen Vernunft\u201c gehalten, ein \u201eManifest der Europ\u00e4ischen Republik\u201c mitverfasst und mit dem Roman \u201eDie Hauptstadt\u201c (gemeint ist Br\u00fcssel) 2017 den Deutschen Buchpreis gewonnen.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">So k\u00f6nnte man meinen, dass es jetzt langsam gut sein sollte f\u00fcr einen Schriftsteller, der doch mehr sein m\u00fcsste als der geistreiche Chronist einer eher gr\u00e4ulichen Institution. Denkste. Denn jetzt erscheint Menasses n\u00e4chster EU-Streich; der tr\u00e4gt den ein bisschen nach Thomas Bernhard klingenden Titel \u201eDie Lebensentscheidung\u201c und ist eine Novelle.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Nun ist eine Novelle nicht blo\u00df die kleine Schwester des meist ausschweifenden Romans. Sie ist strenger, vor allem: dramatischer und endet oft in einem Showdown. Bei Menasse geht es zun\u00e4chst geruhsamer zu: mit Franz Fiala, der in Br\u00fcssel in der EU-Verwaltung t\u00e4tig ist. Genauer: in der Generaldirektion Umwelt, in der Unterebene ENV.D.2 Naturkapital und \u00d6kosystemgesundheit. Fiala ist kein Entscheider, aber auch kein kleines Licht, immerhin z\u00e4hlt sein B\u00fcro schon zwei Fenster, nur der Abteilungsleiter hat drei. Und dann f\u00e4llt dieser engagierte, von seinem Tun \u00fcberzeugte und vielleicht deshalb frustrierte Beamte die Entscheidung, vorzeitig in den Ruhestand zu gehen. Noch im ersten Satz wird uns das als die titelgebende Lebensentscheidung verkauft \u2014 was aber geschummelt ist.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Robert Menasse ist ein gro\u00dfer Figurenzeichner. Wenn Franz Fiala sein B\u00fcro aufr\u00e4umt, dann werden seine ersten Konturen schon sichtbar in den Post-it-Notes an seiner T\u00fcr, auf denen die Nachrichten zu lesen sind: dass er in der Kantine ist, im Hof bei den Rauchern, in einem Meeting. Ein ganzes Arbeitsleben auf kleinen gelben Klebezettelchen.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Dieser Franz Fiala geht ger\u00e4uschlos aus dem Job, um sein Leben zu sortieren. Da ist vor allem seine alte, kr\u00e4nkelnde Mutter in <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/wien\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Wien<\/a>, die ihren 89. feiert, die ihm im gnadenlosen Licht ihrer kleinen Wohnung pl\u00f6tzlich wie ein \u201ezerzauster Spatz\u201c vorkommt und in ihm den nicht sehr feinen, schonungslosen Gedanken aufkommen l\u00e4sst. \u201eSie wird es nicht mehr lange machen.\u201c Erst einmal segnet aber Onkel Fritz das Zeitliche. Der Tod reiht sich ein in die Vielzahl von Aufl\u00f6sungserscheinungen, mit denen Fiala zu tun hat.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Das alles ist die Begleitmusik einer anderen, wirklich m\u00e4chtigen Lebensentscheidung: Bei Franz Fiala wird Bauspeicheldr\u00fcsenkrebs diagnostiziert. Sein letztes Ziel: blo\u00df die Mutter zu \u00fcberleben, um ihr zu ersparen, am Grab des Sohns stehen zu m\u00fcssen. Ein \u00dcberlebenswettkampf beginnt.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Diese Novelle ist Teil einer gro\u00dfen Erz\u00e4hltradition. So wird eher beil\u00e4ufig erz\u00e4hlt, wie Franz Fiala in der Wohnung der Mutter einen Band \u201eDeutsche Novellen. Von Goethe bis Grass\u201c mitnimmt und darin zu lesen beginnt. Eine Novelle liest er fertig und muss bei diesem Ende weinen: \u201eHier endet der Bericht vom Sterben des Kleinb\u00fcrgers. Zwei Tage \u00fcber sein Ziel war er hinausgerannt wie ein guter L\u00e4ufer.\u201c Menasse erw\u00e4hnt nicht, dass diese Novelle von Franz Werfel (1890-1945) stammt, in der ein Mann seinen Tod plant, damit eine Lebensversicherung seiner Familie ausgezahlt werden kann. Voraussetzung: Er muss \u00e4lter als 65 werde. Auch dieser Mann k\u00e4mpft also einen \u00dcberlebenswettkampf. Bei Werfel hei\u00dft er: Karl Fiala.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Ist das nun der literarische Abschied des 71-j\u00e4hrigen Robert Menasse aus Europa? In der Person eines \u00fcberzeugten EU-Beamten, der am Ende mit dem Sinnlosen konfrontiert wird. Europa, so k\u00f6nnte eine Lesart sein, wird einer neuen Zeit, einer folgenden Generation anvertraut.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Auch darum w\u00e4re es selbst f\u00fcr europam\u00fcde Leser ein Vers\u00e4umnis, Menasses Novelle nicht zu lesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Robert Menasse ist Europa komplett verfallen. 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