{"id":805787,"date":"2026-02-18T01:44:10","date_gmt":"2026-02-18T01:44:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/805787\/"},"modified":"2026-02-18T01:44:10","modified_gmt":"2026-02-18T01:44:10","slug":"haushaltskuerzungen-stuttgart-am-guten-leben-sparen-kostet-zu-viel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/805787\/","title":{"rendered":"Haushaltsk\u00fcrzungen Stuttgart: Am guten Leben sparen kostet zu viel"},"content":{"rendered":"<p itemprop=\"description\">\n\t\tDie Sauna im Solebad Cannstatt zu schlie\u00dfen zeigt, wie die Stadt Stuttgart \u00f6ffentliche R\u00e4ume kommerzialisiert. Weniger betuchten Menschen wird ein Treffpunkt genommen, stattdessen kann ein Unternehmen dort Gesch\u00e4fte machen. Das ist nicht alternativlos, sondern eine politische Entscheidung, meint unser Gastautor.\n\t\t<\/p>\n<p>Der Doppelhaushalt der Stadt Stuttgart f\u00fcr 2026 und 2027 ist beschlossen. Die gro\u00dfen Demonstrationen eines breiten B\u00fcndnisses aus Sozialer Arbeit, Kultur, Bildung und Zivilgesellschaft haben am Abstimmungsergebnis im Gemeinderat nichts mehr ge\u00e4ndert. Das Spardiktat steht. Gleichzeitig waren und sind die Proteste politisch notwendig, weil sie sichtbar gemacht haben, dass Haushaltsentscheidungen keine neutrale Technik sind, sondern Priorit\u00e4tensetzungen, die in K\u00f6rper, Beziehungen und Routinen eingreifen. Mit jeder K\u00fcrzung und jeder vermeintlich sachlichen Optimierung stellt sich die grundlegende Frage neu, ob St\u00e4dte vor allem betriebswirtschaftlich funktionieren sollen oder ob sie Bedingungen f\u00fcr ein gutes Leben f\u00fcr m\u00f6glichst viele Menschen schaffen m\u00fcssen. Wenn am guten Leben gespart wird, verschwinden nicht nur Posten in Tabellen, sondern soziale R\u00e4ume, gesundheitliche Entlastung und Vertrauen in demokratische Gestaltung.<\/p>\n<p>Was bislang auff\u00e4llig fehlt, ist eine \u00f6ffentliche Debatte \u00fcber jene kommunalen Einschnitte, die nicht im politisch aufgeladenen Feld zwischen Kultur und Sozialarbeit verortet sind und dennoch zentrale Funktionen f\u00fcr Teilhabe, Alltag und Gesundheit erf\u00fcllen. K\u00fcrzungen an Alltagsinfrastrukturen wie den Stuttgarter B\u00e4dern kommen leise, kleinteilig und scheinbar unpolitisch daher. W\u00e4hrend \u00fcber Etats, Institutionen und F\u00f6rderlinien gestritten wird, werden Einschr\u00e4nkungen bei \u00d6ffnungszeiten, Personal, Zug\u00e4nglichkeit und niedrigschwelligen Angeboten h\u00e4ufig als technische Details behandelt.\u00a0<\/p>\n<p>Am 19. Dezember 2025 beschloss der Gemeinderat den Doppelhaushalt. Vorausgegangen waren nicht\u00f6ffentliche Vorberatungen in diversen Aussch\u00fcssen. Unter Verweis auf eingebrochene Steuereinnahmen wurde ein strikter Sparkurs festgelegt, der sich im Wirtschaftsplan des Eigenbetriebs Stuttgarter B\u00e4der in mehreren konkreten Ma\u00dfnahmen niederschl\u00e4gt: Eintrittspreise steigen, f\u00fcr Thermen sollen am Wochenende Zuschl\u00e4ge erhoben werden und Hallenb\u00e4der sollen weiterhin w\u00e4hrend der Freibadsaison f\u00fcr den \u00f6ffentlichen Betrieb schlie\u00dfen. Was lange mit Personalmangel begr\u00fcndet wurde, erscheint nun offen als Sparma\u00dfnahme. Besonders einschneidend ist die Entscheidung, den Saunabetrieb im Solebad Cannstatt dauerhaft einzustellen. Begr\u00fcndet wird dies mit Sanierungskosten von \u00fcber zehn Millionen Euro, die nicht eingeplant sind. Stattdessen soll die Fl\u00e4che an den bereits im Geb\u00e4ude t\u00e4tigen Reha-Anbieter ZAR der Nanz medico GmbH &amp; Co. KG verpachtet werden. Die Stadt spart also nicht nur Betriebs-, Personal- und Sanierungskosten, sondern erzielt zus\u00e4tzliche Pachteinnahmen, w\u00e4hrend eine \u00f6ffentliche Diskussion \u00fcber soziale Funktion, Nutzung und gesundheitlichen Wert weitgehend ausbleibt.<\/p>\n<p>Die Sauna l\u00e4sst sich nicht so einfach ersetzen<\/p>\n<p>Die Sauna im Solebad ist kein Luxus, sondern Alltagsinfrastruktur. Ihr Abbau trifft Gesundheit, Entlastung und Teilhabe direkt. F\u00fcr viele Menschen ist dies ein bezahlbarer Ort der Gesundheitsf\u00f6rderung, der sozialen Begegnung und der k\u00f6rperlichen Regeneration gerade dort, wo andere Zug\u00e4nge zu Sport, Erholung und medizinischer Unterst\u00fctzung eingeschr\u00e4nkt sind. Die Schlie\u00dfung wird zum Verlust eines grundlegenden \u00f6ffentlichen Sozial- und Gesundheitsraums.\u00a0<\/p>\n<p>Viele Besucher:innen sind Rentner:innen, Erwerbst\u00e4tige, Menschen mit knappen Budgets oder auch mit eingeschr\u00e4nkter Beweglichkeit. Dass das Bad und die Sauna trotz fehlender Barrierefreiheit so vielseitig und stark genutzt wird, verweist auf den hohen Bedarf und die feste Verankerung im Alltag. Menschen treffen sich dort regelm\u00e4\u00dfig, kommen ins Gespr\u00e4ch, entwickeln Routinen. F\u00fcr viele ist der Saunabesuch eine Form selbstorganisierter Gesundheitsvorsorge, die sie sich gerade noch leisten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Stadt verteidigt die Schlie\u00dfung vor allem damit, dass am Standort ein schon vorhandenes Gesundheitsangebot ausgebaut werde und es in Stuttgart weiterhin ein attraktives Saunaangebot gebe. Diese Argumentation wirkt plausibel, solange man Sauna als austauschbares Element st\u00e4dtischer Infrastruktur versteht. Sie verliert jedoch an \u00dcberzeugungskraft, sobald man die konkrete Nutzungssituation ernst nimmt. Mit der Ausweitung des Reha-Angebots verschiebt sich die Logik des Ortes: Wo bislang ein st\u00e4dtisch verwalteter und \u00f6ffentlich zug\u00e4nglicher Bereich bestand, entsteht ein privatwirtschaftliches Angebot, das nicht jeder nutzen kann.<\/p>\n<p>Auch der Verweis auf andere Saunen im Stadtgebiet greift zu kurz. Genannt werden das Leuze, das Mineralbad Berg, die Sauna im Stadtbad Heslach sowie ein zuk\u00fcnftiger Standort in Zuffenhausen. Aber: Das Leuze ist regelm\u00e4\u00dfig \u00fcberf\u00fcllt, das Mineralbad Berg hat weniger Angebote, und das Hallenbad Heslach inklusive Sauna ist w\u00e4hrend der Freibadsaison geschlossen. Der angek\u00fcndigte Standort in Zuffenhausen existiert bislang nicht. Stadtweit entsteht so eine reale L\u00fccke, besonders \u00f6stlich des Neckars. Wer bislang das Solebad genutzt hat, muss in \u00fcberlastete Alternativen ausweichen oder verzichten.<\/p>\n<p>Das ist neoliberale Spar- und Verwertungslogik<\/p>\n<p>Hinzu kommt ein allgemeiner Trend zur Privatisierung durch Vermietung \u00f6ffentlicher B\u00e4der, der \u00fcber das Solebad hinausgeht. In mehreren Stuttgarter B\u00e4dern werden seit Jahren Fl\u00e4chen und Zeitfenster an private Anbieter vergeben, etwa f\u00fcr Kursangebote von Aquafit der privatwirtschaftlich organisierten ATX-Training GmbH. Diese blockieren mit \u00fcber 130 Kursen pro Woche Zeit und Beckenfl\u00e4chen, oft genau dann, wenn viele Menschen schwimmen wollen. So wird \u00f6ffentlich finanzierte Infrastruktur schrittweise kommerzialisiert: Aus allgemeiner Daseinsvorsorge werden kostenpflichtige Spezialangebote. \u00c4rmere Menschen verlieren, Unternehmen verdienen.<\/p>\n<p>Die Schlie\u00dfung der Sauna ist kein Einzelfall und kein blo\u00dfer Sachzwang, sondern Ausdruck einer neoliberalen Kommunalpolitik. Kosten, Einnahmen und Verwertungspotenziale r\u00fccken in den Vordergrund, w\u00e4hrend defizit\u00e4re Angebote selbst dann als Problem gelten, wenn sie zentrale Alltagsfunktionen erf\u00fcllen. In Zeiten klammer Kassen gerne als Notwendigkeit pr\u00e4sentiert, ist die Entscheidung gegen Sanierung und f\u00fcr die Ausweitung eines privat betriebenen Reha-Betriebs letztlich eine fiskalische Priorit\u00e4tensetzung. Formal bleibt die Fl\u00e4che in st\u00e4dtischem Eigentum, die Stadt wird zur Vermieterin. Faktisch wird sie der allgemeinen Nutzung dauerhaft entzogen. Sparpolitik zeigt sich hier nicht nur als offener Abbau, sondern als Funktionswandel durch Privatisierung. Weil solche Eingriffe weniger Aufmerksamkeit erzeugen als K\u00fcrzungen in Kultur oder Sozialarbeit und Betroffene seltener politisch organisiert sind, setzt sich diese Politik oft ger\u00e4uschlos durch.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Sauna im Solebad Cannstatt zu schlie\u00dfen zeigt, wie die Stadt Stuttgart \u00f6ffentliche R\u00e4ume kommerzialisiert. Weniger betuchten Menschen&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":805788,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1830],"tags":[78775,11421,1634,3364,29,30,1109,1110,14600,1441],"class_list":["post-805787","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-stuttgart","tag-solebad","tag-bad-cannstatt","tag-baden-wuerttemberg","tag-de","tag-deutschland","tag-germany","tag-haushalt","tag-kuerzung","tag-sauna","tag-stuttgart"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116089105229846140","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/805787","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=805787"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/805787\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/805788"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=805787"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=805787"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=805787"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}