{"id":80628,"date":"2025-05-03T07:56:10","date_gmt":"2025-05-03T07:56:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/80628\/"},"modified":"2025-05-03T07:56:10","modified_gmt":"2025-05-03T07:56:10","slug":"juergen-enninger-im-interview-haendchen-halten-gegen-den-hass","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/80628\/","title":{"rendered":"J\u00fcrgen Enninger im Interview: H\u00e4ndchen halten gegen den Hass"},"content":{"rendered":"<p><strong>Vor kurzem wurden zwei M\u00e4nner auf der Augsburger Maximilianstra\u00dfe beleidigt und krankenhausreif geschlagen. Gegen f\u00fcnf Verd\u00e4chtige laufen Ermittlungen wegen \u201eHasskriminalit\u00e4t\u201c, wovon das Bundesinnenministerium spricht, wenn Menschen etwa wegen ihrer Nationalit\u00e4t, Religion oder sexuellen Orientierung angegriffen werden. Bundesweit hat diese Form der Kriminalit\u00e4t laut Bundeskriminalamt zugenommen, in Bayern verdoppelten sich die Taten gar von 2022 auf 2023. Grund f\u00fcr <a href=\"https:\/\/www.augsburg-journal.de\/news\/referent-enninger-stadt-laesst-augsburger-puppenkiste-nicht-im-stich\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sport- und Kulturreferent J\u00fcrgen Enninger<\/a> (56), im Gespr\u00e4ch mit Anja Marks-Schilffarth sein eigenes Leben als homosexueller Mann offenzulegen \u2013 und gleichzeitig die \u00d6ffentlichkeit aufzur\u00fctteln.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Augsburg Journal: Herr Enninger, Sie haben sich nach dem Vorfall in der Maximilianstra\u00dfe von sich aus gemeldet, um \u00f6ffentlich Stellung zu beziehen. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?<\/strong><\/p>\n<p>J<strong>\u00fcrgen Enninger:<\/strong> Mir geht es nicht darum, direkt darauf \u00f6ffentlich Stellung zu beziehen, sondern vielmehr darum, Mut zu machen sich \u00f6ffentlich zu zeigen. H\u00e4ufig ist der erste Impuls nach solchen Vorf\u00e4llen, zum Beispiel nicht mehr H\u00e4ndchen haltend durch die Maximilianstra\u00dfe zu gehen. Ich kann diese Angst pers\u00f6nlich auch verstehen. Aber das ist der Anfang eines Teufelskreises. Wenn wir nicht mehr sichtbar sind, tun wir so, als g\u00e4be es uns nicht. Es gibt uns aber und wir haben gleiche Rechte, H\u00e4ndchen haltend durch die Maximilianstra\u00dfe zu gehen, wie andere Paare auch. Daher w\u00e4re R\u00fcckzug definitiv die falsche Reaktion. Unsere Szene lebt von Sichtbarkeit und Solidarit\u00e4t \u2013 und diese Solidarit\u00e4t m\u00fcssen wir geben und leben.<\/p>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"767\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns=\" http:=\"\" alt=\"\" data-lazy- data-lazy- data-lazy-src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Paar-1024x767.jpg\"\/><\/p>\n<p>Enningers Ehemann Christian Mutzel (li.) unterrichtet an einem M\u00fcnchner Gymnasium.<\/p>\n<p><strong>AJ: Seit wann leben Sie mit Ihrem Ehemann Christian Mutzel in der Maximilianstra\u00dfe und welche pers\u00f6nlichen Erfahrungen haben Sie als homosexuelles Paar gemacht?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Enninger: <\/strong>Wir sind seit 1993 ein Paar und leben seit 2020 in der Maximilianstra\u00dfe. Selbst haben wir noch keine negativen Reaktionen erlebt. Tats\u00e4chlich ist es aber immer ein gewisses Spie\u00dfrutenlaufen, sich durch eine Gruppe angetrunkener Menschen H\u00e4ndchen haltend zu man\u00f6vrieren. Da l\u00e4sst man dann auch mal von seinem Mann ab. Ich war entsetzt, als ich von der Gewalttat geh\u00f6rt habe. Leider ist das Problem aber kein rein Augsburger Thema. Wir erleben aktuell weltweit wieder eine Zunahme an queerfeindlichen \u00dcbergriffen.<\/p>\n<p>J\u00fcrgen Enninger: \u201eSolche Taten passieren nicht im luftleeren Raum\u201c<\/p>\n<p><strong>AJ: Inwiefern hat sich Ihrer Meinung nach das gesellschaftliche Klima gegen\u00fcber queeren Menschen in Augsburg in den letzten Jahren ver\u00e4ndert \u2013 zum Positiven oder auch zum Negativen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Enninger:<\/strong> Ich war sehr erstaunt dar\u00fcber, dass ein Thema wie ein Regenbogenzebrastreifen \u00fcberhaupt noch Kontroversen ausl\u00f6sen k\u00f6nnte. Als ich gelesen habe, was nach dem Post von Peter Rauscher \u00fcber den Zebrastreifen im Theaterviertel auf den Sozialen Medien los war, war ich wirklich sprachlos. Hier wurde offen Jagd auf die queere Community auf Facebook gemacht. Ich habe jeden einzelnen Beitrag an Facebook gemeldet. Seit Anfang der 1990er Jahre haben wir uns auf jedem CSD f\u00fcr die Rechte der queeren Community eingesetzt. Diese Art und Weise der Hetze l\u00e4sst mich sprachlos zur\u00fcck. Bislang habe ich eine Vielzahl von Fortschritten in der Gleichstellung der queeren Community erleben d\u00fcrfen, zum Beispiel haben sich Claudia Roth und Volker Beck hier immer an die vorderste Front der Bewegung gestellt. Ohne sie w\u00e4re auch die gleichgeschlechtliche Ehe bis heute nicht Realit\u00e4t geworden. Doch pl\u00f6tzlich weht uns ein heftiger Wind entgegen.<\/p>\n<p><strong>AJ: Einer der T\u00e4ter ist ein polizeibekannter Straft\u00e4ter. Wie bewerten Sie es, dass ein Mensch mit solcher Vorgeschichte offenbar wieder zuschlagen konnte?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Enninger:<\/strong> Solche Taten passieren nicht im luftleeren Raum. Sie sind Ausdruck einer gesellschaftlichen Realit\u00e4t, in der queere Menschen noch immer mit Ablehnung, Ausgrenzung oder gar Gewalt konfrontiert sind. Deshalb ist es unsere Aufgabe, queeres Leben als selbstverst\u00e4ndlichen Teil unserer Gesellschaft sichtbar zu machen \u2013 im Alltag, in der Politik, im \u00f6ffentlichen Raum. Gerade Gleichstellungsstellen leisten hier wichtige Arbeit, indem sie vor allem das nicht-queere Umfeld sensibilisieren: Nicht queere Menschen sind das Problem, sondern Teile der Mehrheitsgesellschaft, die mit Vielfalt nicht umgehen k\u00f6nnen oder wollen. \u00d6ffentliche Symbole wie Regenbogenfahnen sind ein klares Zeichen \u2013 sie zeigen: Vielfalt ist normal. Gleichzeitig braucht es pr\u00e4ventive Ma\u00dfnahmen. Menschen mit problematischen Einstellungen, insbesondere wenn sie bereits polizeibekannt sind, m\u00fcssten fr\u00fchzeitig Beratung und klare Grenzen erfahren \u2013 bevor es zu solchen Taten kommt. Ich bin als queerer Mensch meinen Weg in die Gesellschaft gegangen \u2013 sichtbar, selbstbewusst, selbstverst\u00e4ndlich. Und doch erleben wir, dass Menschen, die queere Personen beleidigen oder angreifen, oft weiter gesellschaftliche Akzeptanz genie\u00dfen. Das darf nicht sein. Wir m\u00fcssen ihnen das Gef\u00fchl nehmen, im Recht zu sein \u2013 und ihnen die Deutung dar\u00fcber, was \u201anormal\u2018 ist, entziehen.<\/p>\n<p><strong>AJ: Was bedeutet dieser Vorfall f\u00fcr das Sicherheitsgef\u00fchl queerer Menschen in Augsburg \u2013 und welche Konsequenzen muss die Stadt daraus ziehen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Enninger: <\/strong>Wir f\u00fchlen uns nat\u00fcrlich tats\u00e4chlich unsicherer. Selbstverst\u00e4ndlich entsteht hier ein Klima der Einsch\u00fcchterung. Dem k\u00f6nnen wir nur mit mehr Sichtbarkeit, Solidarit\u00e4t und Mut begegnen. Ich verstehe jeden Einzelnen, der\/die Angst hat \u2013 und sicherlich ist es eine situative Entscheidung, wann man H\u00e4ndchen h\u00e4lt. Aber ich m\u00f6chte zu diesem Mut auffordern, denn ohne diesen Mut w\u00e4re die Community nicht da, wo sie heute ist. Christopher Street war ein Aufstand gegen\u00fcber willk\u00fcrlichen Polizei\u00fcbergriffen. Zum Gl\u00fcck sind wir davon in Deutschland heute weit entfernt, aber dieser Haltung der Sichtbarkeit m\u00fcssen wir uns jeden Tag stellen.<\/p>\n<p>J\u00fcrgen Enninger: Gerade an den Orten wie inder Maximilianstra\u00dfe sollte Sicherheit gew\u00e4hrleistet sein<\/p>\n<p><strong>AJ: Die Maximilianstra\u00dfe gilt als einer der belebtesten Orte Augsburgs \u2013 wie schwer wiegt es, wenn ausgerechnet dort Hass und Gewalt sichtbar werden?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Enninger:<\/strong> Das f\u00fchrt direkt zu den Ergebnissen der ,Stadt nach Acht\u2018-Konferenz in Augsburg, die letztes Jahr in Kooperation zwischen der Club- und Kulturkommission und dem Kultur-, Welterbe- und Sportreferat stattgefunden hat. Sicherheit und R\u00fcckzugsm\u00f6glichkeiten sind grunds\u00e4tzlich f\u00fcr alle, die in der Nacht feiern, eine wichtige Voraussetzung. Gerade an den Orten der Vielfalt des Nachtlebens, wie in der Maximilianstra\u00dfe, sollte diese Sicherheit gew\u00e4hrleistet sein.<\/p>\n<p><strong>AJ: K\u00f6nnen Sie in Ihrem Referat, Kultur und Sport, aktiv werden gegen Queerfeindlichkeit \u2013 und wenn ja, wie?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Enninger:<\/strong> Unser Beitrag im <a href=\"https:\/\/www.augsburg.de\/buergerservice-rathaus\/buergerservice\/aemter-behoerden\/staedtische-dienststellen\/r\/referat-fuer-kultur-welterbe-und-sport\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kultur-, Welterbe- und Sportreferat<\/a> ist die Unterst\u00fctzung des CSD als zentrale kulturelle und sportliche Sichtbarkeitsplattform. Hier haben wir bisher seit meinem Amtsantritt jedes Jahr bei Sport- und Kulturveranstaltungen unterst\u00fctzt und werden dies auch weiterhin monet\u00e4r und ideell tun. Dar\u00fcber hinaus haben wir gerade in unserem Referatsbereich die Aufgabe, den Menschen in der Stadt zu erm\u00f6glichen, ihren pers\u00f6nlichen Beitrag zur Vielfalt vor Ort sichtbar werden zu lassen; ob im Sportverein oder bei k\u00fcnstlerischem Engagement.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns=\" http:=\"\" alt=\"\" data-lazy- data-lazy- data-lazy-src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/W1A5372-1024x683.jpg\"\/><\/p>\n<p>Musikalisches Wohnzimmer \u2013 mit Cembalo.<\/p>\n<p><strong>AJ: Wie erleben Sie den R\u00fcckhalt aus der Stadtgesellschaft \u2013 sowohl als Referent als auch als Privatperson? Wie erlebt es Ihr Mann?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Enninger: <\/strong>Grunds\u00e4tzlich f\u00fchle ich gro\u00dfen R\u00fcckhalt. Ich wurde noch nie direkt mit Diskriminierung konfrontiert, auch wenn ich manchmal nicht wissen will, was hinter vorgehaltener Hand geredet wird. \u00dcberholte Redewendungen nerven manchmal sehr und auch hier hilft Ansprechen einiges. Ein fr\u00fcherer Chef hat beispielsweise immer den Begriff ,Schwulit\u00e4ten\u2018 gebraucht. Ich musste dann schon mal deutlich machen, dass dieser Begriff etwas \u00fcberholt sei. Wenn ich mich mit dieser Haltung allerdings belasten w\u00fcrde, w\u00e4re mein Leben ein anderes geworden. Deswegen gehe ich immer offen mit Menschen um, die sich sichtbar oder unsichtbar unwohl in meiner N\u00e4he f\u00fchlen \u2013 und das allein aufgrund meiner sexuellen Orientierung. Wie gesagt, ohne den Mut zur Sichtbarkeit ver\u00e4ndern wir nichts.<\/p>\n<p><strong>AJ: Was m\u00f6chten Sie jungen queeren Menschen sagen, die durch solche Vorf\u00e4lle verunsichert sind?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Enninger: <\/strong>Glaubt an euch, an eure Kraft der Ver\u00e4nderung. Habt keine Angst, aber seid auch nicht leichtsinnig. Ohne eure Sichtbarkeit werden wir auf lange Sicht unsere lang erk\u00e4mpften Rechte verlieren. Und auch, wenn wir bei solchen \u00dcbergriffen die Opfer sind, so sind die T\u00e4ter die wirklichen Opfer ihrer eigenen Vorurteile. Sie verlieren einen wesentlichen Teil ihrer Menschlichkeit: Das Verst\u00e4ndnis, dass das Andere immer Teil von einem selbst ist. Denn mit queeren Rechten ist es wie mit der Demokratie: Wenn man nicht t\u00e4glich f\u00fcr sie einsteht, gehen sie verloren.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns=\" http:=\"\" alt=\"\" data-lazy- data-lazy- data-lazy-src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/W1A5438-1024x683.jpg\"\/><\/p>\n<p>J\u00fcrgen Enninger empfing Anja Marks-Schilffarth in der gem\u00fctlichen K\u00fcche, in der allerdings vorwiegend Ehemann Christian aktiv ist.  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Vor kurzem wurden zwei M\u00e4nner auf der Augsburger Maximilianstra\u00dfe beleidigt und krankenhausreif geschlagen. 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