{"id":807754,"date":"2026-02-18T19:52:13","date_gmt":"2026-02-18T19:52:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/807754\/"},"modified":"2026-02-18T19:52:13","modified_gmt":"2026-02-18T19:52:13","slug":"brigitte-kraemer-ausstellung-im-ruhr-museum-auf-der-zeche-zollverein-in-essen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/807754\/","title":{"rendered":"Brigitte-Kraemer-Ausstellung im Ruhr Museum auf der Zeche Zollverein in Essen"},"content":{"rendered":"<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Um ein Haar w\u00e4re Brigitte Kraemer Steuerberaterin geworden \u2013 und dabei geblieben. Sie selbst h\u00e4lt es \u201eauch ein bisschen\u201c f\u00fcr einen Zufall, dass sie irgendwann in Richtung Fotografie abgebogen ist. Wenn man durch ihre gro\u00dfe retrospektive Ausstellung im Ruhr Museum auf der <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/zeche-zollverein\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Zeche Zollverein<\/a> in <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/essen\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Essen<\/a> geht, erkennt man gleich, warum das ein Gl\u00fcck ist.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Brigitte Kraemer, die seit Langem als Teil einer kleinen, aber lebendigen Kunstszene in Wanne-Eickel lebt, ist ein Kind des Ruhrgebiets. Geboren 1954 in <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/hamm\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Hamm<\/a> machte sie nach der Schule erstmal ganz solide eine Ausbildung bei einem Steuerberater. \u201eIch habe die Buchf\u00fchrung f\u00fcr Trinkhallen, Tankstellen oder kleinere Unternehmen gemacht \u2013 das ist sehr abwechslungsreich und man bekommt spannende Einblicke\u201c, erz\u00e4hlt sie. Erst als ihre Steuerberatung in ein gr\u00f6\u00dferes Unternehmen mit mehr Arbeitsaufteilung aufging und sie nur noch am Rechnungsausgang sa\u00df, wurde ihr klar, dass das nicht ihr Weg sein konnte.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">\u00dcber das, was sie r\u00fcckblickend Zufall nennt, fand sie an die Fachoberschule f\u00fcr Gestaltung in M\u00fcnster \u2013 eine Klassenkameradin hatte ihr von dieser M\u00f6glichkeit berichtet \u2013 und schlie\u00dflich an die Folkwang Universit\u00e4t der K\u00fcnste in Essen. \u201eEs war traumhaft, als ich das erste Mal durch das Tor auf den Hochschul-Campus in Essen-Werden ging\u201c, erinnert sie sich, \u201eSchauspieler und T\u00e4nzer schwebten \u00fcber den Hof, auch zu den Musikern hatten wir viel Kontakt.\u201c<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Sie landete im Studiengang Visuelle Kommunikation bei Professor Willy Fleckhaus, dem legend\u00e4ren Designer und Journalisten. Schon als Studentin war ihr klar, was ihr bis heute selbstverst\u00e4ndlich ist: dass Kunst politisch sein muss. \u201eWir fuhren in die Toskana und sollten B\u00e4ume fotografieren. Willy Fleckhaus war vor allem an \u00e4sthetischen Aspekten interessiert. Das ging f\u00fcr mich zu der Zeit gar nicht.\u201c Wenn sie die Aufgabe bekam, einen Laden in Uni-N\u00e4he zu portr\u00e4tieren, ging sie in den t\u00fcrkischen Laden. Neben dem <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/studium\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Studium<\/a> engagierte sie sich in der Demokratischen Fraueninitiative <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/duisburg\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Duisburg<\/a>, w\u00e4hlte als Thema f\u00fcr ihre Abschlussarbeit \u201eFrauen im Frauenhaus\u201c. \u201eDa kommt garantiert kein Mann, der das schon gemacht hat\u201c, ahnte sie.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Doch selbst als sie ihr Studium mit Auszeichnung abschloss, war ihr nicht klar, dass sie einen Weg als Fotografin nehmen musste. \u201eIch konnte gar nicht einsch\u00e4tzen, was das jetzt bedeutete. Ich habe zu der Zeit gekellnert und wollte eigentlich dabei bleiben. Kontakte zu anderen Fotografen gab es nicht.\u201c Es brauchte einen Schubs ihrer Professorin Angela Neuke: \u201eJetzt musst du mal los.\u201c<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Dieses Losziehen hat erstaunlich gut geklappt. Brigitte Kraemer kn\u00fcpfte Kontakte nicht nur zu linken Magazinen wie Konkret, das ihre Examensarbeit ver\u00f6ffentlichte, sondern auch zu Spiegel, Zeitmagazin oder Stern in Hamburg, der f\u00fchrenden Publikation f\u00fcr Fotoreportagen. In der Ausstellung im Ruhr Museum sind viele Fotoreihen zu sehen, die urspr\u00fcnglich f\u00fcr Magazine oder Zeitungen entstanden sind. Dabei f\u00e4llt zweierlei auf: Zum einen das sozialpolitische Anliegen. Kraemer fotografierte etwa zum Thema Migration im <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/ruhrgebiet\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Ruhrgebiet<\/a> oder im Friedensdorf <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/oberhausen\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Oberhausen<\/a>, in dem verletzten Kinder aus Kriegsgebieten ankamen. Zum anderen ihr Blick f\u00fcr stimmige Bildaufteilungen oder Konstellationen.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Trotzdem wirken die Bilder nie inszeniert, sondern wie besonders elegant aus dem Leben gegriffen. Brigitte Kraemer erkl\u00e4rt, woran das liegt: \u201eIch bin unf\u00e4hig, zu inszenieren, eine ziemliche Niete. Deshalb sind die meisten meiner Arbeiten aus Langzeitbeobachtungen entstanden. Ich versuche, mir daf\u00fcr Freir\u00e4ume zu organisieren.\u201c Das bedeutet auch, dass sie zulassen muss, was andere f\u00fcr langweilig halten w\u00fcrden. Sie sitzt mit Gefl\u00fcchteten in \u00fcberf\u00fcllten Zimmern im Heim, trinkt Tee, sieht fern \u2013 und kn\u00fcpft Kontakte, die manchmal zu Freundschaften werden. \u201eIch hatte nie ein Konzept im Kopf und mochte den Graubereich. Man trifft die Leute ja wieder \u2013 und sie haben immer hinterher die Fotos gekriegt.\u201c<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Ihrer gesellschaftskritischen, auch feministischen Agenda ist sie treu geblieben. Als das Immobilienunternehmen <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/vonovia\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Vonovia<\/a> einen hoch dotierten Preis f\u00fcr Fotografie auslobte, sah sie das nat\u00fcrlich kritisch und bewarb sich mit dem Thema \u201eDrau\u00dfen zuhause\u201c, es ging um Obdachlosigkeit. Dazu hatte sie schon fr\u00fcher gearbeitet, mit den \u201eM\u00e4dchen auf Trebe\u201c in Berlin, die sie dann teilweise auch bei sich wohnen lie\u00df. \u201eVielleicht war ich auch naiv, wenn ich sie schon mal mit teurer Kameraausr\u00fcstung allein in meiner Wohnung lie\u00df. Aber es ist nie was passiert.\u201c<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Man sieht ihren Fotos die teilnehmende Beobachtung an, die Liebe zu ihren Sujets. Die Menschen am Rhein-Herne-Kanal werden zu ikonischen Ruhrgebiets-Motiven. Und selbst in der Reihe \u201eMann und Auto\u201c gibt sie ihre Objekte nicht in erster Linie der L\u00e4cherlichkeit preis, auch wenn man schon mal lachen muss \u00fcber Motive aus der Autotuner-Szene oder \u00fcber \u00fcberspitzte Schrottplatz-Szenen. Das Ruhr Museum hat gut daran getan, vor drei Jahren ihr Gesamtwerk zu kaufen, ihren Vorlass. Nicht nur, weil es damit die L\u00fccke von weiblichen Positionen in der Sammlung verkleinern konnte \u2013 sondern auch, weil es damit eine origin\u00e4re k\u00fcnstlerische Handschrift dazugewinnen konnte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Um ein Haar w\u00e4re Brigitte Kraemer Steuerberaterin geworden \u2013 und dabei geblieben. 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