{"id":808797,"date":"2026-02-19T05:52:10","date_gmt":"2026-02-19T05:52:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/808797\/"},"modified":"2026-02-19T05:52:10","modified_gmt":"2026-02-19T05:52:10","slug":"gesellschaftliche-stimmung-westalgie-die-sehnsucht-nach-dem-verlorenen-auenland-deutschland-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/808797\/","title":{"rendered":"Gesellschaftliche Stimmung: Westalgie \u2013 die Sehnsucht nach dem verlorenen Auenland &#8211; Deutschland &#038; Welt"},"content":{"rendered":"<p>Gesellschaftliche Stimmung<\/p>\n<p>Westalgie \u2013 die Sehnsucht nach dem verlorenen Auenland<\/p>\n<p>19.02.2026, 06:47 Uhr<\/p>\n<p class=\"teaser\">War in der Bonner Republik nicht alles viel \u00fcberschaubarer, sicherer und lebenswerter? Nach der Ostalgie greift nun auch Westalgie um sich. Ist das blo\u00df Tr\u00e4umerei oder \u00abgef\u00e4hrliche Gestrigkeit\u00bb?<\/p>\n<p>Berlin\/Bonn (dpa) \u2013 Auf Instagram-Accounts wie \u00abWestkult\u00bb wird sie wieder lebendig, die alte Bundesrepublik. Viele Videos zeigen einfach Stra\u00dfenszenen, aufgenommen aus dem fahrenden Auto. Dominierender Eindruck: Die Autos sind bunt, die H\u00e4user grau. <\/p>\n<p>Dazu gibt es Ausschnitte aus dem damaligen Fernsehprogramm. Comedy mit Harald Juhnke und Eddi Arent. Oder \u00abTatort\u00bb-Kommissar Horst Schimanski (G\u00f6tz George) als Welterkl\u00e4rer: \u00abF\u00fcr mich ist die ganze Welt ein gro\u00dfer Arsch. Die rechte Arschbacke sind die Amerikaner, die linke Arschbacke, das sind die Russen. Und wir hier in Europa, wir sind das Arschloch.\u00bb <\/p>\n<p>Ein paar Videos weiter der Vorspann von \u00abBiene Maja\u00bb, gesungen von Karel Gott: \u00abIn einem unbekannten Land, vor gar nicht allzu langer Zeit\u2026\u00bb Das k\u00f6nnte auch auf die alte Bundesrepublik zutreffen: Sie existierte vor gar nicht allzu langer Zeit, aber sie wirkt heute schon sehr fern. <\/p>\n<p>\u00abWestalgie\u00bb hei\u00dft die Sehnsucht nach dem Staat, der 50 Jahre lang aus dem beschaulichen Bonn gelenkt wurde, einer Stadt duftender Rosenhecken und knirschender Kieswege. Angelehnt ist der Begriff an die bekanntere \u00abOstalgie\u00bb.<\/p>\n<p>\u00abSchon Mitte der 90er gab es aber auch das Wort Westalgie\u00bb, erinnert sich der Publizist Jakob Augstein. \u00abAber damals schien der Westen der Sieger zu sein, dem Begriff fehlte der Gegenstand. Jetzt aber ist die Situation eine v\u00f6llig andere, und jetzt trifft das Wort so richtig.\u00bb<\/p>\n<p>Helmut Schmidt fand den Gewinn der Fu\u00dfball-WM gar nicht gut<\/p>\n<p>Der West-Vibe bezieht sich in erster Linie auf die 70er und 80er Jahre, die Zeit, in der die heutige Boomer-Generation jung war. Es war eine \u00fcberschaubare, eine bipolare Welt damals. Der Bundesb\u00fcrger kannte seinen Platz \u2013 tief im Westen, fest in der Nato, bei den amerikanischen Freunden. <\/p>\n<p>Nie mehr war das Wohlstandsgef\u00e4lle zwischen der Bundesrepublik und ihren Nachbarn so gro\u00df wie damals. Wer auf Sprachurlaub nach England ging, erlebte eine Welt voll ru\u00dfgeschw\u00e4rzter viktorianischer Backsteinh\u00e4user mit WC auf dem Hof. Die P\u00fcnktlichkeit deutscher Z\u00fcge war geradezu sprichw\u00f6rtlich, im Ausland wurde dar\u00fcber mit einer Mischung aus Respekt und Erschaudern gesprochen. <\/p>\n<p>Der Erfolg war zeitweise so allumfassend, dass Bundeskanzler Helmut Schmidt 1974 nach dem WM-Sieg der Beckenbauer-Elf im vertraulichen Gespr\u00e4ch sagte: \u00abEs ist \u00fcberhaupt nicht gut, dass Deutschland gewonnen hat. Deutschland ist nicht so weit, dass es der m\u00e4chtigste sein darf.\u00bb<\/p>\n<p>Die damalige Welt mit ihrem scheinbar zementierten West-Ost-Gegensatz schien best\u00e4ndiger, weniger schnelllebig als die heutige Zeit. Das hatte wohl auch damit zu tun, dass es vieles noch nicht gab. Smartphone, Handy und Internet waren Dinge und W\u00f6rter aus der Zukunft. Kinder gingen zum Spielen nach drau\u00dfen und waren nicht mehr erreichbar, auch mitten in der Gro\u00dfstadt.<\/p>\n<p>Wenn man etwas wissen wollte, konnte man in die Stadtb\u00fccherei gehen oder Oma fragen, und wenn die es auch nicht wusste, musste man es auf sich beruhen lassen. In den Urlaub fuhr man ohne Navi, nur nach Stra\u00dfenschildern und Karte, und plante daf\u00fcr entsprechend mehr Zeit ein. UV-Schutzkleidung? Unbekannt. Erkl\u00e4rtes Ziel war es, gleich am ersten Urlaubstag einen Sonnenbrand zu bekommen.<\/p>\n<p>Rudi Carrells Flie\u00dfband \u2013 ein Symbol der Konsumgesellschaft<\/p>\n<p>\u00dcber Wirtschaft wurde gef\u00fchlt weniger geredet, es gab jedenfalls keine B\u00f6rsennachrichten im Fernsehen. Konsum war positiv besetzt. Ein aus heutiger Sicht geradezu r\u00fchrendes Symbol der westdeutschen Konsumgesellschaft war das Flie\u00dfband in Rudi Carrells TV-Show \u00abAm laufenden Band\u00bb. Der Tagessieger durfte mitnehmen, was er sich merken konnte: Toaster, Radio-Rekorder, F\u00f6hnhaube, Fragezeichenw\u00fcrfel mit \u00dcberraschungspreis. <\/p>\n<p>\u00dcberhaupt, die gro\u00dfe Samstagabend-Show: \u00abEs war damals selbstverst\u00e4ndlich, dass man \u201eWetten, dass..?\u201c mit Frank Elstner guckte\u00bb, schreibt Florian Illies in seinem Bestseller \u00abGeneration Golf\u00bb \u00fcber die 80er Jahre, \u00abdas langweiligste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts\u00bb. \u00abNiemals wieder hatte man in sp\u00e4teren Jahren solch ein sicheres Gef\u00fchl, zu einem bestimmten Zeitpunkt genau das Richtige zu tun.\u00bb <\/p>\n<p>Im R\u00fcckblick sei die alte Bundesrepublik \u00abdas verlorene Auenland, eine Insel des kleinen Wohlstands und der Stabilit\u00e4t\u00bb, analysiert der Psychologe Stephan Gr\u00fcnwald, Leiter des K\u00f6lner Rheingold-Instituts und Autor des Buchs \u00abWir Krisenakrobaten\u00bb. Das Auenland ist in dem Fantasy-Zyklus \u00abDer Herr der Ringe\u00bb die friedliche und wohlhabende Heimat der Hobbits. <\/p>\n<p>\u00abDazu geh\u00f6rte immer auch die Abgrenzung zum Osten nach dem Motto: Wir sind das bessere Deutschland\u00bb, sagt Gr\u00fcnewald der Deutschen Presse-Agentur. Im Westen war man auf der richtigen Seite der Geschichte beziehungsweise der Landkarte. <\/p>\n<p>Die Historikerin Katja Hoyer (40), bekannt geworden mit dem Buch \u00abDiesseits der Mauer\u00bb, sieht es \u00e4hnlich. Sie betrachtet die Westalgiker aus einer gewissen Distanz, da sie selbst Ostdeutsche ist und seit vielen Jahren in England lebt. <\/p>\n<p>Ein Unsicherheitsgef\u00fchl gebe es heute auch in anderen L\u00e4ndern, sagt sie, doch f\u00fcr die Westdeutschen sei es besonders schmerzhaft: \u00abGanz im Gegensatz zur Erfahrung der Ostdeutschen hat das westdeutsche System ja \u00fcberdauert. Die Bundesrepublik expandierte 1990 einfach nach Osten, und alles sollte so weitergehen wie bisher. Das hat eine ganze Zeit lang ganz gut funktioniert. Man konnte weiter daran glauben, dass 1949 in Westdeutschland ein System geschaffen worden war, das in alle Ewigkeit Bestand haben w\u00fcrde.\u00bb<\/p>\n<p>Heute haben die Krisen Zombie-Qualit\u00e4t<\/p>\n<p>Doch genau dieser Glaube ist nun gr\u00fcndlich ersch\u00fcttert. \u00abEs gibt die Krise des transatlantischen Verh\u00e4ltnisses, und gleichzeitig brechen Industriearbeitspl\u00e4tze massenhaft weg\u00bb, so Hoyer. \u00abDas ganze deutsche Wirtschaftssystem steht auf dem Pr\u00fcfstand. Und niemand wei\u00df so richtig, wie man das umbauen kann. Das trifft die Gesellschaft bis ins Mark.\u00bb Augstein dr\u00fcckt es so aus: \u00abDie Westdeutschen m\u00fcssen derzeit zusehen, wie die Welt, die sie kannten, zerbricht und zerbr\u00f6selt.\u00bb<\/p>\n<p>Auch der Soziologe Detlef Pollack h\u00e4lt die Westalgie f\u00fcr eine Reaktion auf die derzeitige Krisenstimmung. Pollack sieht eine \u00abnostalgische Verkl\u00e4rung der Jahre des wirtschaftlichen Aufschwungs der alten Bundesrepublik, als sich das Leben st\u00e4ndig verbesserte und beachtlicher Optimismus herrschte\u00bb. <\/p>\n<p>Zwar habe es auch damals Sorgen und Krisen gegeben, doch anders als heute habe man die Zuversicht gehabt, die Probleme l\u00f6sen zu k\u00f6nnen. Gr\u00fcnewald stimmt zu: \u00abHeute haben die Krisen Zombie-Qualit\u00e4t: Es sind ewige Wiederg\u00e4nger \u2013 man kriegt sie nicht mehr aus der Welt.\u00bb<\/p>\n<p>Augstein kann den nostalgischen Blick zur\u00fcck pers\u00f6nlich gut nachempfinden. \u00abAn Hamburg in den 80ern zum Beispiel erinnere ich mich als Welt, in der alles in Ordnung war. Aber die Westalgie heute ist mehr als das: ein verzweifeltes Festhalten an einer Welt, die es nicht mehr gibt. Und das ist etwas anderes als individuelle Nostalgie, es ist eine gef\u00e4hrliche Gestrigkeit\u00bb, kritisiert er.<\/p>\n<p>Aus Sicht des Psychologen Gr\u00fcnewald ist der entscheidende Punkt, dass dem heutigen Deutschland eine \u00fcberzeugende Zukunftserz\u00e4hlung fehle. \u00abDer Blick in die Zukunft ist nur noch mit diffusen Verlust\u00e4ngsten verbunden, und das Vakuum, das dadurch entsteht, f\u00fchrt zu einer Glorifizierung und \u00dcberh\u00f6hung der Vergangenheit.\u00bb<\/p>\n<p>Aufgabe der Politik w\u00e4re es, eine positive Perspektive vorzugeben. \u00abWir brauchen wieder ein Ziel, eine Richtung: Da wollen wir hin \u2013 und das geht nur, wenn m\u00f6glichst alle mitziehen. Damit h\u00e4tte man wieder eine Orientierung nach vorn.\u00bb<\/p>\n<p>\u00a9 dpa-infocom, dpa:260219-930-706535\/1<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Gesellschaftliche Stimmung Westalgie \u2013 die Sehnsucht nach dem verlorenen Auenland 19.02.2026, 06:47 Uhr War in der Bonner Republik&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":808798,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[331,3924,332,3922,181932,3364,29,30,13,43460,14,3923,15,3921,12],"class_list":{"0":"post-808797","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-deutschland","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-nachrichten-aus-deutschland","10":"tag-aktuelle-news","11":"tag-aktuelle-news-aus-deutschland","12":"tag-berlin-bonn","13":"tag-de","14":"tag-deutschland","15":"tag-germany","16":"tag-headlines","17":"tag-korr-bericht","18":"tag-nachrichten","19":"tag-nachrichten-aus-deutschland","20":"tag-news","21":"tag-news-aus-deutschland","22":"tag-schlagzeilen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116095742706669614","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/808797","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=808797"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/808797\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/808798"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=808797"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=808797"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=808797"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}