{"id":808974,"date":"2026-02-19T07:30:13","date_gmt":"2026-02-19T07:30:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/808974\/"},"modified":"2026-02-19T07:30:13","modified_gmt":"2026-02-19T07:30:13","slug":"hans-joachim-koehler-zum-90-geburtstag-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/808974\/","title":{"rendered":"Hans Joachim K\u00f6hler zum 90. Geburtstag \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Noch heute steht dem nunmehr 90-J\u00e4hrigen die Szenerie vor Augen, als er am Heiligabend 1945 mit dem Vater in das heute weltbekannte Kirchlein von Seiffen pilgerte und sich der Raum durch die Musik ins Unendliche weitete, und wie die vielen Menschen mit Lichtern dem Gotteshaus zustr\u00f6mten, w\u00e4hrend die beiden G\u00e4ste wieder ihr Asyl, das die kleine Familie aus dem zerbombten Leipzig im Erzgebirge gefunden hatte, aufsuchten.<\/p>\n<p>Im R\u00fcckblick auf ein langes Leben mag es zwangsl\u00e4ufig sein, nach den Wurzeln zu suchen, Br\u00fcche zu gl\u00e4tten und Unangenehmes auszublenden. Dagegen ist auch der Leipziger Musikp\u00e4dagoge und Robert-Schumann-Spezialist Hans Joachim K\u00f6hler, der am 18. Februar sein neuntes Lebensjahrzehnt vollendete, nicht gefeit.<\/p>\n<p>Und trotzdem ist der R\u00fcckblick erstaunlich klar und ehrlich, h\u00e4lt doch auch das heutige Leben noch \u00dcberraschungen bereit, die die Erz\u00e4hlung neu herausfordern. So etwa die Gedichte und Kurzgeschichten von Mutter Charlotte, die erst vor wenigen Jahren wirklich ans Licht traten, ebenso wie die Zeichnungen des Onkels \u2013 kleine Charakterstudien, mit ge\u00fcbtem Blick, genau getroffen und von beeindruckend pr\u00e4ziser Ausf\u00fchrung.<\/p>\n<p>Sie bilden weitere Quellen f\u00fcr ein Leben, in dem die Kunst eine zentrale Rolle spielte und spielt, wenn man denn die etwas pathetische Formulierung: das der Kunst gewidmet war, vermeiden m\u00f6chte. Sie tr\u00e4fe es wohl auch nicht ganz, denn zun\u00e4chst blieb das Ziel, aus\u00fcbender Pianist zu werden, unerreichbar. So begann Hans Joachim K\u00f6hler 1954 ein Studium der Musikp\u00e4dagogik und Anglistik an der Martin-Luther-Universit\u00e4t in Halle\/S. und war danach Lehrer an einer Oberschule in Eilenburg.<\/p>\n<p>Ein Vortrag \u00fcber Klavierimprovisationen im Unterricht brachte ihn wieder auf die universit\u00e4re Laufbahn zur\u00fcck, gef\u00f6rdert durch Hella Brock, die 1960 zur Hochschuldozentin f\u00fcr Methodik der Musikerziehung an der Ernst-Moritz-Arndt-Universit\u00e4t Greifswald berufen worden war. Also ging es zun\u00e4chst einmal als Assistent in die Hansestadt, was nicht so einfach war, denn mittlerweile gab es in Leipzig selbst eine kleine Familie, das zweite Kind war unterwegs.<\/p>\n<p>Was Wunder, dass es K\u00f6hler 1963 zur\u00fcckzog, wo er bei Richard Petzoldt, Professor f\u00fcr Musikgeschichte und stellvertretender Direktor des Instituts f\u00fcr Musikwissenschaft der Alma Mater Lipsiensis, Assistent wurde und promovierte: 1966 \u00fcber B\u00e9la Bart\u00f3ks p\u00e4dagogisches Klavierwerk \u201eMikrokosmos\u201c als Weg zum H\u00f6ren neuer Musik.<\/p>\n<p>Ein Leben f\u00fcr Schumann<\/p>\n<p>Fortan blieb er bei seinen Leisten, arbeitete haupts\u00e4chlich auf dem Gebiet der k\u00fcnstlerischen Praxis, bildete Musiklehrer aus \u2013 ab 1979 als Dozent und von 1992 bis zur Emeritierung 1999 als Professor f\u00fcr Musikp\u00e4dagogik.<\/p>\n<p>Und auch sein gro\u00dfer Wurf, die Herausgabe der 30-b\u00e4ndigen Urtextausgabe von Robert Schumanns Klavierwerken bei C. F. Peters in Leipzig \u2013 angeregt durch Peter Hauschild \u2013, kann in dieser Kontinuit\u00e4t gesehen werden, denn Schumanns \u201eAlbum f\u00fcr die Jugend\u201c zielt ebenso auf die Entwicklung von musikalischen F\u00e4higkeiten \u2013 des Spielens und H\u00f6rens, \u00e4hnlich wie Bart\u00f3ks \u201eMikrokosmos\u201c und K\u00f6hlers Wirken als Musikp\u00e4dagoge. F\u00fcr diese gro\u00dfe Arbeit, die bis 1989 andauerte, erhielt er 1978 den Robert-Schumann-Preis der Stadt Zwickau.<\/p>\n<p>Nahezu zwangsl\u00e4ufig war sein Engagement im \u201eSchumann-Verein Leipzig e.V.\u201c und bei der Zug\u00e4nglichmachung des<a href=\"http:\/\/www.schumannhaus.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\"> Schumann-Hauses<\/a> in der Leipziger Inselstra\u00dfe. Diesem und anderen authentischen Orten Schumannschen Wirkens galt das zunehmende Interesse des Jubilars, wobei sich eine neue k\u00fcnstlerische Facette auftat: die Fotografie. Dabei schien ihn die Spannung zwischen dem Dokumentarischen dieses Mediums heute und den fr\u00fcheren k\u00fcnstlerischen Milieus besonders zu reizen.<\/p>\n<p>Denn zwar ist es das Authentische, was uns zuerst anzieht \u2013 im Falle Robert Schumanns das Wohnhaus in der Inselstra\u00dfe, die Traukirche in Leipzig-Sch\u00f6nefeld und die Schumann-Ecke im \u201eKaffeebaum\u201c. Doch dem wissenden Betrachter erschlie\u00dfen sich Spuren einstiger Gegenwart \u2013 verborgen in Standorten, Blickrichtungen, Verkn\u00fcpfungen mit historischen Personen, Bauten und Landschaften \u2013, wenn biografische Hintergr\u00fcnde zum Sprechen gebracht werden.<\/p>\n<p>Vergangenheit wird so erlebbar in der Gegenwart. Zeitschichten liegen offen und verbinden sich mit der Individualit\u00e4t des Betrachters \u2013 der Ort bekommt eine Aura, und die Heutigen entdecken weit mehr Verb\u00fcrgtes, \u00f6ffnen sich seiner Anziehungskraft.<\/p>\n<p>Die Selbstvergewisserung am Ende eines reichen Lebens gilt den Urspr\u00fcngen, und in der R\u00fcckschau schwingt die Genugtuung mit, dass die vielf\u00e4ltigen k\u00fcnstlerischen Anlagen im eigenen Tun einen treffenden Ausdruck erhalten konnten, der \u00fcber die eigene Zeitspanne hinausreicht. So wird Kunst zum Elixier \u2013 nicht blo\u00dfer Kitt f\u00fcr die Lebensrekonstruktion, sondern universelle Ausdrucksweise menschlichen Daseins.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Noch heute steht dem nunmehr 90-J\u00e4hrigen die Szenerie vor Augen, als er am Heiligabend 1945 mit dem Vater&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":808975,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1832],"tags":[7358,3364,29,30,71,36593,859,181960],"class_list":["post-808974","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-leipzig","tag-biografie","tag-de","tag-deutschland","tag-germany","tag-leipzig","tag-robert-schumann","tag-sachsen","tag-schumann-haus"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116096127790056070","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/808974","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=808974"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/808974\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/808975"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=808974"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=808974"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=808974"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}