{"id":811534,"date":"2026-02-20T07:29:22","date_gmt":"2026-02-20T07:29:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/811534\/"},"modified":"2026-02-20T07:29:22","modified_gmt":"2026-02-20T07:29:22","slug":"wuppertaler-ethikerin-ueber-den-scham-in-der-pflege","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/811534\/","title":{"rendered":"Wuppertaler Ethikerin \u00fcber den Scham in der Pflege"},"content":{"rendered":"<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">\u201eGestern bin ich wieder abgespritzt worden\u201c, teilte eine Heimbewohnerin ihrer Tochter mit und wollte damit sagen, dass die letzte Duschaktion eher daran erinnerte, in einer Waschanlage traktiert zu werden, als in einer Wohlf\u00fchlumgebung eine angenehme K\u00f6rperpflege genie\u00dfen zu k\u00f6nnen. Die Wuppertaler Ethikerin Heike Baranzke besch\u00e4ftigt sich seit Jahren mit dem Thema der Besch\u00e4mbarkeit und sagt: \u201eScham ist ein allgemein menschliches Gef\u00fchl, ein Affekt, gegen den man sich gar nicht wehren kann und dadurch ein sehr unangenehmes Gef\u00fchl. Unangenehm deshalb, weil man sich dann sch\u00e4mt, wenn man in einer Weise gesehen wird, in der man nicht gesehen werden will.\u201c<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Besch\u00e4mbarkeit sei kulturell invariant, erkl\u00e4rt die Wissenschaftlerin und konstatiert: \u201eAlle Menschen sch\u00e4men sich, wenn auch vielleicht nicht wegen derselben konkreten Anl\u00e4sse.\u201c Aber warum ist das so? \u201eWeil wir Menschen soziale Wesen sind. Man spricht auch von der Scham als dem sozialen Gef\u00fchl schlechthin, weil wir Menschen darauf angewiesen sind, in einer Gemeinschaft zu leben und anerkannt zu werden. Wenn man das Gef\u00fchl hat, man wird in einer unvorteilhaften Weise gesehen, in der man nicht gesehen werden will, ist damit die ganz tiefgreifende Furcht verbunden, dass dann die Gemeinschaft mit einem nichts mehr zu tun haben will, dass man vielleicht ausgeschlossen wird. Und mit diesem tiefen Gef\u00fchl der Scham verbindet sich dann die Angst vor dem sogenannten ,sozialen Tod`.\u201c<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Baranzke erkl\u00e4rt den gesellschaftlichen Ausschluss an einem Beispiel aus einer j\u00fcngst ausgestrahlten Rundfunksendung zur Geschichte der Todesstrafe. \u201eDie kulturgeschichtliche Forschung zeigt, dass ganz am Anfang, also vor Tausenden von Jahren, gar nicht zum Tode Verurteilte von Menschen zu Tode gebracht, sondern diese schlicht und einfach aus der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen wurden, in der wilden Natur, die voll von Gefahren war, ausgesetzt und damit letztendlich dem Tod preisgegeben.<\/p>\n<p>Scham durch Hilflosigkeit und Kontrollverlust      <\/p>\n<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Scham betreffe aber nicht nur Situationen in der K\u00f6rperpflege, sagt Baranzke, sondern auch Situationen der Hilflosigkeit sowie des Kontrollverlusts. Sich nackt oder befleckt zu f\u00fchlen, k\u00f6nne jemanden sowohl physisch als auch metaphorisch charakterisieren. Gerade im pflegerischen Bereich k\u00f6nne das zu einem moralischen Problem werden. Und das geschehe oft \u00fcber den Blickkontakt. \u201eNun gibt es ja sehr unterschiedliche Qualit\u00e4ten des Blickkontaktes\u201c, erkl\u00e4rt sie, \u201egef\u00e4hrlich wird es, wenn man \u00fcbersehen, geschnitten, wenn man keines Blickes gew\u00fcrdigt wird, wie es in der sogenannten \u201aSchwarzen P\u00e4dagogik\u2018 \u00fcblich war. Ein Blickkontakt kann auch die Qualit\u00e4t eines Unterwerfungsaktes haben, das k\u00f6nnte dann ein strenger Blick sein, der einen zur Ordnung ruft oder den anderen n\u00f6tigt, den Blick zu senken. Auf diese nonverbale Art und Weise der Beziehungsgestaltung \u00fcber den Blickkontakt, der h\u00f6chst ambivalent sein kann, denn man kann ja auch jemanden liebend, emphatisch oder verst\u00e4ndnisvoll ansehen, passiert sehr viel.\u201c<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\"> Es gehe dabei immer darum, ob man sich als Gleichberechtigte auf Augenh\u00f6he begegne oder einen Machtkampf ausfechte. All diese Blick-T\u00f6nungen erfolgten meist unreflektiert, unwillk\u00fcrlich, m\u00fcssten aber in psychosozialen Berufen im Prinzip professionalisiert werden.<\/p>\n<p>In der Pflege wird der K\u00f6rper auch ber\u00fchrbar      <\/p>\n<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">In der Grundpflege gibt es viele nonverbale Interaktionsformen, die f\u00fcr Pflegepersonal einfach Routine, f\u00fcr Pflegebed\u00fcrftige aber alles andere als normal sind. \u201eIn der Pflege erleben wir, dass der Mensch in seiner K\u00f6rperlichkeit, nicht nur sichtbar und anblickbar ist, sondern aufgrund seines K\u00f6rpers auch ber\u00fchrbar, antastbar wird. Da kommt also noch einmal neben dem Sehsinn auch der Tastsinn als sensorische Qualit\u00e4t dazu. Die Pflege ist ein in dieser Hinsicht besonderer Beruf, ein Ber\u00fchrungsberuf, der immer an den Grenzen der Scham und Besch\u00e4mbarkeit arbeitet.\u201c<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Als Kinder lernten wir, erkl\u00e4rt die Ethikerin, dass Pflege im Verborgenen vollzogen werde, um sich dann wieder sch\u00f6n gemacht in der \u00d6ffentlichkeit zu zeigen, weil wir dann repr\u00e4sentabel auss\u00e4hen und man wieder gerne mit uns zu tun habe.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Im Gegensatz dazu seien pflegebed\u00fcrftige Menschen in einer Situation, diese ureigene Selbstpflege nicht mehr alleine erledigen zu k\u00f6nnen. Sie w\u00e4ren dabei stattdessen auf die Unterst\u00fctzung durch eine andere, fremde Person angewiesen.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\"> \u201eDurch die Beteiligung einer fremden Person ger\u00e4t die K\u00f6rperpflege in den Raum der \u00d6ffentlichkeit. Ich bin nicht mehr alleine in meinem heimischen Bade- oder Schlafzimmer, sondern ich bewege mich jetzt in einem Raum, wo ich von einer anderen Person bei der Pflege gesehen oder sogar noch ber\u00fchrt werde. Das macht den Pflegeberuf so herausfordernd, weil das eine Situation ist, die sowohl prek\u00e4r f\u00fcr die pflegebed\u00fcrftige Person als auch prek\u00e4r f\u00fcr die pflegegebende Person ist, weil sie im Prinzip schambesetzte Akte durchf\u00fchren muss. Daher ist es so unglaublich wichtig, dann mit sehr viel Taktgef\u00fchl und professioneller Reflexion auf diesen Tatbestand zu reagieren.\u201c<\/p>\n<p>Die Schwierigkeit, die W\u00fcrde zu erhalten      <\/p>\n<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Der Pflegenotstand in Krankenh\u00e4usern und Altenheimen ist allgegenw\u00e4rtig. Personal fehlt an allen Ecken und Kanten. Es scheint manchmal schwer zu sein, die W\u00fcrde der zu behandelnden Person zu erhalten, wenn einfach keine Zeit f\u00fcr Erkl\u00e4rungen da ist. Baranzke spricht in diesem Zusammenhang von der \u201eKunst der Ber\u00fchrung\u201c.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">In der Pflege m\u00fcsse man nun diese Ber\u00fchrungen auch diversifizieren, denn, so erkl\u00e4rt Baranzke, \u201earbeitet man in der Intimpflege, dann ist es im Sinne von Undoing-shame-Praktiken (,Undoing shame` bedeutet, die l\u00e4hmende Wirkung von Scham zu \u00fcberwinden, Anm. d. Red.) besser, man arbeitet mit Handschuhen, gestaltet die Ber\u00fchrung m\u00f6glichst funktional und vermeidet den Blickkontakt. Arbeitet man jedoch in der Altenpflege mit Menschen, die geduscht oder gebadet werden, oder sogar eine Massage erhalten, dann k\u00f6nnen Handschuhe das Wohlgef\u00fchl st\u00f6ren.\u201c Es sei zwar schon gut in der Praxis bekannt, dass die Pflege ein Beziehungsberuf sei, der auch immer eine Anerkennungsbeziehung zwischen Personen herstellen m\u00fcsse, aber es fehle noch das Bewusstsein, wie sehr die Pflege auch ein Ber\u00fchrungsberuf ist, in dem man die Kunst der Ber\u00fchrung beherrschen m\u00fcsse und nicht \u00fcbergriffig oder unachtsam die psychische Haut des anderen verletzen d\u00fcrfe. \u201eMan muss sich immer auch verbal r\u00fcckversichern, etwa mit der Frage: \u00b4Darf ich sie jetzt ber\u00fchren?`\u201c<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Baranzke hat zusammen mit Helen G\u00fcther von der privaten Universit\u00e4t Witten\/Herdecke einen Artikel mit dem Titel \u201eBesch\u00e4mbarkeit \u2013 Zur pflegeethischen Relevanz einer brisanten Vulnerabilit\u00e4t\u201c verfasst. Darin spricht sie vom ,menschenblinden Gesundheitswesen`. Tats\u00e4chlich k\u00f6nnten wir wieder sehend werden, wenn \u201ewir die Unverzichtbarkeit der Erlebnisdimension personaler Anerkennung tats\u00e4chlich sehen, also wenn wir aus unserer Dinglogik aussteigen und sagen, es macht einen fundamentalen Unterschied, dass wir als Personen etwas miteinander getan haben. Auch eine Pflegebeziehung ist immer auf das Mittun der pflegeempfangenden Person angewiesen, sonst m\u00fcndet es ganz leicht in Machtk\u00e4mpfe, die auch in Gewalt umschlagen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u201eGestern bin ich wieder abgespritzt worden\u201c, teilte eine Heimbewohnerin ihrer Tochter mit und wollte damit sagen, dass die&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":811535,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1840],"tags":[14258,182425,182422,630,182423,3364,29,33928,182424,9394,25727,30,182435,182433,1461,161254,1209,10321,12501,182430,9221,45515,30437,182429,182428,182427,182431,68781,67677,63608,182421,182432,182426,182434,182436,182437,4418],"class_list":["post-811534","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-wuppertal","tag-altenpflege","tag-angewiesen","tag-baranzke","tag-beruf","tag-beschaembarkeit","tag-de","tag-deutschland","tag-erklaert","tag-ethikerin","tag-gefuehl","tag-gemeinschaft","tag-germany","tag-grundpflege","tag-intimpflege","tag-koerper","tag-koerperpflege","tag-nordrhein-westfalen","tag-person","tag-personal","tag-personaler","tag-pflege","tag-pflegebeduerftige","tag-pflegeberuf","tag-pflegebeziehung","tag-pflegeempfangenden","tag-pflegeethischen","tag-pflegegebende","tag-pflegenotstand","tag-pflegepersonal","tag-pflegerischen","tag-scham","tag-schambesetzte","tag-schaemen","tag-selbstpflege","tag-taktgefuehl","tag-wohlgefuehl","tag-wuppertal"],"share_on_mastodon":{"url":"","error":"Validation failed: Text character limit of 500 exceeded"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/811534","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=811534"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/811534\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/811535"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=811534"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=811534"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=811534"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}