{"id":815869,"date":"2026-02-22T00:32:12","date_gmt":"2026-02-22T00:32:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/815869\/"},"modified":"2026-02-22T00:32:12","modified_gmt":"2026-02-22T00:32:12","slug":"augsburgs-vielstimmiges-herz-moege-der-raum-hoerbar-bleiben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/815869\/","title":{"rendered":"Augsburgs vielstimmiges Herz: M\u00f6ge der Raum h\u00f6rbar bleiben"},"content":{"rendered":"<p>  <a href=\"https:\/\/www.daz-augsburg.de\/augsburgs-vielstimmiges-herz-moege-der-raum-hoerbar-bleiben\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Augsburgs vielstimmiges Herz: M\u00f6ge der Raum h\u00f6rbar bleiben<\/a><\/p>\n<p><strong>Heute, am 21. Februar 2026, dem Internationalen Tag der Muttersprache, m\u00f6chte ich in Augsburg innehalten \u2013 und \u00fcber etwas schreiben, das uns alle tr\u00e4gt: Sprache. Sie formt uns, sie n\u00e4hrt uns, sie kann verbinden, verletzen oder heilen.<\/strong><\/p>\n<p>Ein Pl\u00e4doyer zum Tag der Muttersprache von Sait \u0130\u00e7boyun<\/p>\n<p>Die UNESCO begeht diesen Tag seit dem Jahr 2000, erinnert an den mutigen Kampf um die Anerkennung der Muttersprache Bengali 1952 in Bangladesch und mahnt uns, die Vielfalt zu bewahren, bevor Sprachen f\u00fcr immer verstummen. In einer Welt mit etwa 7.170\u00a0lebenden Sprachen ist das kein trockenes Datum, sondern ein Fest des Lebens: H\u00f6rt zu, sprecht, bewahrt.<\/p>\n<p>In Augsburg f\u00fchlt sich das besonders lebendig an. Zum Jahresende 2025 lebten hier rund 308.400 Menschen \u2013 erstmals hatte mehr als die H\u00e4lfte einen Migrations\u00adhintergrund. In Stadtteilen wie Links der Wertach-Nord oder Oberhausen-Nord ist diese Vielfalt fast greifbar. Doch Augsburg ist eine Stadt der Kontraste: W\u00e4hrend in manchen Vierteln Dutzende Zungen pulsierten, bleibt das Deutsche in den eher d\u00f6rflich gepr\u00e4gten Randlagen wie Inningen, Bergheim oder G\u00f6ggingen ein ruhiger, best\u00e4ndiger Taktgeber \u2013 tief verwurzelt im heimischen Schw\u00e4bisch. Auch dort leben Menschen mit vielf\u00e4ltigen Biografien, nur klingt die Mischung anders.<\/p>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"301\" height=\"400\" aria-describedby=\"caption-attachment-102886\" class=\"wp-image-102886 size-medium\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns=\" http:=\"\" alt=\"\" data-lazy- data-lazy- data-lazy-src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/IMG_20260221_214422_172-301x400.jpg\"\/><\/p>\n<p id=\"caption-attachment-102886\" class=\"wp-caption-text\">Der Info-Pavillon am Perlach<\/p>\n<p>Hier pl\u00e4tschert der Lech, hier steht der Perlach\u00adturm gerade in Ger\u00fcsten. W\u00e4hrend seine Sanie\u00adrung voran\u00adschreitet, ruht die pati\u00adnierte Zwiebel als kleiner Info-Pavillon daneben auf einem Stahl\u00adger\u00fcst \u2013 ein Wahr\u00adzeichen im Zwischen\u00adzustand. In seinem Schatten erklingt ein Chor, der nie still ist: Bayerisch-Schw\u00e4bisch mit seinem weichen, gem\u00fct\u00adlichen \u201ele\u201c, T\u00fcrkisch aus den Kahves von Oberhausen und Lechhausen, Arabisch, Aram\u00e4isch in den Kirchen der Suryoye, Kurmandschi und Sorani in Familien\u00adrunden. Slawische Melodien ziehen durch die Stra\u00dfen: Bosnisch, Serbisch, Kroatisch, Rum\u00e4nisch, Polnisch. Seit 2022 mischt sich Ukrainisch darunter \u2013 eine Sprache, die mit Menschen kam, die vor dem Krieg Schutz suchten. Es folgen Russisch, Persisch (Dari\/Farsi), Paschtu, Tigrinya, Amharisch, Somali, Albanisch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Englisch, Franz\u00f6sisch und Hebr\u00e4isch.<\/p>\n<p><strong>Das Deutsche steht nicht dagegen. Es steht dazwischen. Als Br\u00fccke.<\/strong><\/p>\n<p>Diese Vielfalt ist ein lebendiges Archiv aus Jahr\u00adtausenden der Mensch\u00adheits\u00adgeschichte, das sich hier in einer bayerischen Stadt versammelt hat. Menschen wechseln zwischen den Sprachen wie zwischen R\u00e4umen eines Hauses: Jede Sprache \u00f6ffnet T\u00fcren \u2013 zu Erinnerung, Kindheit, Geschichte, Seele.<\/p>\n<p>Doch jede gewonnene Sprache hinterl\u00e4sst auch feine Bruchlinien. Ich kenne viele Menschen, die weder das Deutsche noch ihre Herkunfts\u00adsprache vollst\u00e4ndig beherr\u00adschen. In solchen F\u00e4llen wirkt Sprache halb, flach, ohne Nuancen. Geschichten entstehen nicht, nur schnelle Verst\u00e4ndigung \u2013 ohne Bilder, ohne Tiefe.<\/p>\n<p>Dieser Bruch setzt sich fort: An mein Kind, das kein Kurdisch spricht, gebe ich die Sprache weiter, die hier n\u00fctzlich ist, die seine Zukunft \u00f6ffnet. Zugleich w\u00fcnsche ich mir, dass Kinder viele Sprachen lernen und sprechen d\u00fcrfen \u2013 nicht nur die, die im Alltag praktisch sind, sondern alle, die ihre Herkunft, ihre Kultur, ihre Tr\u00e4ume spiegeln. Ich sehe viele Familien, die zwischen Sprachen wechseln, manchmal br\u00fcchig, doch immer mit Liebe. Sprache ist Spielraum, Ausdruck, eine Schatzkammer voller M\u00f6glich\u00adkeiten. Wer mehrere Sprachen kennt, \u00f6ffnet neue T\u00fcren, zu Gedanken, Erinnerungen, zur Welt.<\/p>\n<p>Genau diese Vielfalt zeigt sich auch digital: Seit dem 30.\u00a0Dezember 2025 ist die st\u00e4dtische Homepage augsburg.de in Deutsch und 15\u00a0weiteren Sprachen verf\u00fcgbar, erg\u00e4nzt durch den Chatbot \u201eCiSA\u201c und ab 2026 durch Inhalte in Leichter Sprache. Teilhabe soll nicht an Grammatik scheitern \u2013 das Portal ist ein klares Signal: Augsburg l\u00e4dt ein, aktiv zu sprechen, zu verstehen, zu leben.<\/p>\n<p><strong>Kurdisch durften wir nie lernen<\/strong><\/p>\n<p>Ich kenne den Preis des Schweigens. Mit sieben Jahren kam ich nach Deutschland, geboren in einem kurdischen Dorf in der T\u00fcrkei. Dort begann meine erste Schulzeit \u2013 gepr\u00e4gt von Gewalt: Lehrer schlugen auf die Finger\u00adspitzen, weil wir Kurdisch sprachen. Wir sollten zu T\u00fcrken \u201eumerzogen\u201c werden, sollten T\u00fcrkisch lernen, das wir nicht beherrschten. Als dick\u00adk\u00f6pfiger Sieben\u00adj\u00e4hriger sa\u00df ich stundenlang im H\u00fchnerk\u00e4fig als Strafe.<\/p>\n<p>Kurdisch durften wir nie lernen \u2013 weder damals noch heute als regul\u00e4re Muttersprache in staatlichen Schulen der T\u00fcrkei. Artikel\u00a042 der t\u00fcrkischen Verfassung verbietet Unterricht in anderen Muttersprachen weitgehend. Zwar ist Kurdisch seit 2012 als Wahlfach erlaubt, doch Antr\u00e4ge scheitern oft an b\u00fcro\u00adkratischen H\u00fcrden oder dem vorge\u00adschobenen Argument fehlender Lehrkr\u00e4fte. Dabei ist Kurdisch mit bis zu 50\u00a0Milli\u00adonen Sprechern eine der bedeutend\u00adsten Sprachen des Nahen Ostens. Dass sie als prim\u00e4re Unter\u00adrichts\u00adsprache faktisch ausge\u00adschlossen bleibt, ist Teil einer Politik, die auf Assi\u00admilation zielt, bis Identit\u00e4t sprachlich unsichtbar wird.<\/p>\n<p>Wenn kurdische Abgeordnete im Parlament kurdische S\u00e4tze einbringen, werden diese oft als \u201eunbekannte Sprache\u201c oder mit \u201eXX\u201c vermerkt \u2013 eine admini\u00adstrative Unsicht\u00adbar\u00admachung. Solche Ein\u00adschr\u00e4nkungen, erg\u00e4nzt durch Zensur in Medien, Kunst und \u00f6ffentlichen R\u00e4umen, haben in mir die kurdische Sprache zur Kern\u00adidentit\u00e4t gemacht. Weil mir das T\u00fcrkische aufge\u00adzwungen wurde, regt sich bis heute ein inneres Verweigern, es perfekt und akzentfrei zu sprechen. Intellek\u00adtuell wei\u00df ich, dass das Unsinn ist \u2013 Sprachen schlie\u00dfen sich nicht aus. Doch Zwang hinterl\u00e4sst Spuren: Zwangs\u00adassi\u00admilation erzeugt Identit\u00e4ts\u00adkonflikte, kulturelle Trauer, inneren Widerstand \u2013 als Schutz des eigenen Kerns.<\/p>\n<p>Dieses Verbot hat Konflikte befeuert, die hundert\u00adtausenden Menschen das Leben kosteten. Sprache kann Frieden bringen oder Feindschaft s\u00e4en, Wunden heilen oder Konflikte sch\u00fcren. Wahrer Friede braucht die Freiheit, in der eigenen Sprache denken, sprechen, leben zu d\u00fcrfen. Nur wo die Zunge frei ist, kann das Herz zur Ruhe kommen.<\/p>\n<p><strong>Vielleicht liegt ein Reichtum darin, nicht alles zu verstehen<\/strong><\/p>\n<p>Heute liebe ich alle Sprachen. Das Deutsche hat mich bereichert; es ist Goethe und Rilke, Hannah Arendt und J\u00fcrgen Habermas. Aber auch all jene, die es neu f\u00fcr sich erobern \u2013 wie Ronya Othmann, Sa\u0161a Stani\u0161i\u0107, Abbas Khider. Sprachen neben\u00adeinander zu feiern, macht St\u00e4dte reicher. Sie sind Br\u00fccken, farbige F\u00e4den im Gewebe Augsburgs.<\/p>\n<p>Ironisch gesagt: Vielleicht liegt im Zusammen\u00adleben ein Reichtum darin, nicht alles zu verstehen. Ein L\u00e4cheln, ein Blick, ein gemeinsamer Moment \u00fcber den Lech tr\u00e4gt oft weiter als Grammatik. Die wichtigsten Dinge gehen ohnehin \u00fcber Worte hinaus. Communities pflegen ihre Sprachen in Vereinen, Festen, Schulen, Caf\u00e9s \u2013 ein stiller, liebevoller Reichtum.<\/p>\n<p>Der Perlachturm steht im Ger\u00fcst. Auch Sprachen stehen manchmal im Ger\u00fcst der Geschichte \u2013 bedroht, reparatur\u00adbed\u00fcrftig, \u00fcbersehen. Doch solange Menschen sie sprechen, bleiben sie lebendig. Sie verschwinden nicht mit einem Knall, sondern leise, bis niemand mehr antwortet. So wie Tierarten sterben, wenn ihr Lebensraum schwindet, sterben Sprachen, wenn man ihnen den Raum nimmt.<\/p>\n<p>Augsburg bietet diesen Raum. Es liegt an uns, dass er h\u00f6rbar bleibt \u2013 in der Freiheit, die eigene Sprache zu sprechen und sich darin, ohne Angst, zu Hause zu f\u00fchlen.<\/p>\n<p>    Artikel vom<br \/>\n    <a href=\"https:\/\/www.daz-augsburg.de\/?m=20260221\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><br \/>\n      21.02.2026    <\/a><br \/>\n    | Autor: Gastbeitrag<br \/>Rubrik: <a href=\"https:\/\/www.daz-augsburg.de\/rubrik\/antraege-der-parteien\/\" rel=\"category tag nofollow noopener\" target=\"_blank\">Antr\u00e4ge der Parteien<\/a>  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Augsburgs vielstimmiges Herz: M\u00f6ge der Raum h\u00f6rbar bleiben Heute, am 21. 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