{"id":820098,"date":"2026-02-23T17:27:14","date_gmt":"2026-02-23T17:27:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/820098\/"},"modified":"2026-02-23T17:27:14","modified_gmt":"2026-02-23T17:27:14","slug":"vera-macht-kein-hehl-daraus-was-sie-von-ihrer-schwester-haelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/820098\/","title":{"rendered":"Vera macht kein Hehl daraus, was sie von ihrer Schwester h\u00e4lt"},"content":{"rendered":"<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Vera macht kein Hehl daraus, was sie von ihrer Schwester h\u00e4lt. \u201eManchmal hab\u2018 ich Lust, dich an die Mauer zu fahren\u201c, sagt sie zu Clara, die nach einem Bombenanschlag im Rollstuhl sitzt. Das ist gut so, meint Vera. Denn so kann sie mit ihr tun und lassen, was sie mag, ihr sogar die Haare scheren und sie in KZ-Kleidung stecken.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Und das wollen Vera und ihr Bruder Rudolf auch heute wieder tun &#8211; auf der B\u00fchne des Stuttgarter Schauspielhauses in \u201eVor dem Ruhestand\u201c. Das St\u00fcck des \u00f6sterreichischen Autors Thomas Bernhard leuchtet schonungslos das Wesen zweier Alt-Nazis aus. Bernhard schrieb es 1979 als Reaktion auf die Filbinger-Aff\u00e4re. Der ehemalige Ministerpr\u00e4sident hatte im Krieg Todesurteile gesprochen. Nun hat sich der Regisseur Martin Ku\u0161ej daran gemacht, \u201eVor dem Ruhestand\u201c in die Gegenwart zu verlegen, in der die <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-entity=\"AfD\" data-rtr-id=\"87b843b4a748f9fbc00b47fa4b20f8b6c9dfad29\" data-rtr-score=\"47.748538011695906\" data-rtr-etype=\"organisation\" data-rtr-index=\"16\" href=\"https:\/\/www.schwaebische.de\/thema\/afd\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">AfD<\/a> auf dem Vormarsch ist. Auch die Todesstrafe wurde wieder eingef\u00fchrt, was Rudolf als Gerichtspr\u00e4sident willkommen ist. \u201eIch wende sie nat\u00fcrlich auch an\u201c, sagt er und h\u00e4tte am liebsten auch mit den Buben kurzen Prozess gemacht, die ihn angerempelt haben, \u201eJudenbuben\u201c.<\/p>\n<p>Imposantes B\u00fchnenbild<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Im Schauspielhaus blickt man in einen minimalistischen Designer-Bungalow. Hier leben die Geschwister mit dem Geist des Vaters, einem \u201eJudenhasser\u201c und Tyrannen, der Vera und Rudolf zu strammen Nazis erzog. Sie teilen sich das Ehebett \u2013 \u201ewegen der Reinheit der Kinder\u201c und wollen heute Himmlers Geburtstag feiern. Nur Clara ist als Sozialistin aus der Art geschlagen. Die Geschwister w\u00fcrden \u201eden Kr\u00fcppel\u201c am liebsten \u201ein die Anstalt\u201c abschieben, aber brauchen sie als Feindbild, um sich ihrer eigenen Weltsicht versichern zu k\u00f6nnen. \u201eWir werden siegen, die Feinde vernichten\u201c, poltert Rudolf.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Dieses ewige Schwadronieren und Schimpfen ist das wichtigste Merkmal der Literatur von Thomas Bernhard. Doch statt den Tiraden mit einem beil\u00e4ufigen Sprachduktus Sch\u00e4rfe zu verleihen, m\u00fcssen Katharina Hauter als Vera und Therese D\u00f6rr als Clara sie k\u00fcnstlich deklamieren, sodass man ihren Figuren die Worte nur schwer abnimmt. Aber der Regisseur Martin Ku\u0161ej ist weniger an der m\u00f6rderischen Gesinnung der Figuren interessiert als an \u00e4sthetischen Bildern.<\/p>\n<p class=\"tw-text-neutral-10 tw-text-title-md tw-pt-2 tw-pb-4 tw-font-primary tw-border-t tw-mb-0 tw-border-neutral-10 tw-border-solid\">Empfohlene Artikel<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Und imposant ist die B\u00fchne von Annette Murschetz zweifellos. Anstelle der klaustrophobischen Enge der Wohnstube, in die Bernhard seine Figuren zw\u00e4ngte, er\u00f6ffnen sich im Schauspielhaus immer neue elegante R\u00e4ume \u2013 eine weitl\u00e4ufige K\u00fcche, die stylishe Terrasse, das nackte Schlafzimmer der Kinder. Ku\u0161ej will durch die st\u00e4ndigen Ortswechsel deutlich machen, dass die Au\u00dfenwelt in das \u201egeschlossene System\u201c eindringe. So richtig gelingt das nicht. Im Gegenteil schw\u00e4cht die Weitl\u00e4ufigkeit des Wohnhauses diesen hochexplosiven, inzestu\u00f6sen Clinch, in den die drei Geschwister sich wie Hunde verbissen haben.<\/p>\n<p>Wenn die AfD gewinnt<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Z\u00e4h zieht sich der h\u00f6lzern deklamierte Text in der ersten H\u00e4lfte des Abends in die Breite, was unterst\u00fctzt wird durch die st\u00e4ndigen Umbaupausen. Erst mit dem Auftritt von Matthias Leja verwandelt sich die l\u00e4hmende Tristesse in diesem unterk\u00fchlten Eigenheim in eine brodelnde H\u00f6lle. Er ist stark als Rudolf, der seine Schwestern im Champagner-Rausch mit der Pistole bedroht, aber auch mit seiner Unzul\u00e4nglichkeit tyrannisch gef\u00fcgig macht. Wieder und wieder muss Vera ihn aufbauen und betont, wie \u201eunbeugsam, willensstark und hart\u201c er sei, ganz wie der Vater \u2013 und willf\u00e4hrig facht sie seine sexuelle Lust an mit Gerede von Eisernen Kreuzen, Orden und Uniformen. \u201eDie Mehrheit denkt wie wir.\u201c<\/p>\n<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Am Ende bekommen sie Recht. Im Radio wird das Wahlergebnis verk\u00fcndet: Die AfD hat gewonnen. Vera und Rudolf erleben es nicht mehr. Anders als im Original werden sie von ihren Kindern erschossen. So richtig mag man diese optimistische Botschaft nicht glauben, dass die nachfolgende Generation den aktuellen faschistischen Umtrieben einen Riegel vorschieben wird. Schlie\u00dflich stimmte im vergangenen Jahr mehr als ein F\u00fcnftel der W\u00e4hler unter 25 Jahren f\u00fcr die AfD.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\"><strong>Weitere Vorstellungen:<\/strong> 5., 13., 19., 29. M\u00e4rz, 3., 11. 13. April, jeweils 19.30 Uhr. Karten auf: www.schauspiel-stuttgart.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Vera macht kein Hehl daraus, was sie von ihrer Schwester h\u00e4lt. \u201eManchmal hab\u2018 ich Lust, dich an die&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":820099,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1830],"tags":[186,1634,3364,29,30,21860,1441,183829,50923],"class_list":["post-820098","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-stuttgart","tag-afd","tag-baden-wuerttemberg","tag-de","tag-deutschland","tag-germany","tag-schauspiel-stuttgart","tag-stuttgart","tag-theaterkritik-vor-dem-ruhestand","tag-thomas-bernhard"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116121124917503646","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/820098","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=820098"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/820098\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/820099"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=820098"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=820098"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=820098"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}