{"id":82060,"date":"2025-05-03T21:00:17","date_gmt":"2025-05-03T21:00:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/82060\/"},"modified":"2025-05-03T21:00:17","modified_gmt":"2025-05-03T21:00:17","slug":"auerbach-ausstellung-frank-hat-eigentlich-immer-gemalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/82060\/","title":{"rendered":"Auerbach-Ausstellung: \u201eFrank hat eigentlich immer gemalt\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Der j\u00fcdische Maler Frank Auerbach entging als Kind in England dem Holocaust. Im vergangenen Jahr starb er 93-j\u00e4hrig in London. Erstmals gibt es nun eine Ausstellung in seiner Geburtsstadt Berlin. Im Gespr\u00e4ch berichtet seine Weggef\u00e4hrtin Catherine Lampert, wie begeistert der Maler von dieser Idee war.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Der 1931 in Berlin geborene Maler Frank Auerbach gilt neben Lucian Freud als einer der einflussreichsten britischen K\u00fcnstler seiner Generation. Aufgewachsen in der G\u00fcntzelstra\u00dfe 49, wo heute zwei Stolpersteine an seine beiden Eltern Charlotte und Max erinnern, wurde er 1938 vorsorglich auf eine Schule in England geschickt, wodurch er dem Holocaust entging. Am 2. Mai wird die \u00fcberhaupt erst dritte Ausstellung von Werken Frank Auerbachs in Deutschland bei Michael Werner er\u00f6ffnet. Der Maler war im vergangenen Jahr schlie\u00dflich bereit, seine Heimatstadt zu besuchen. Dazu sollte es nicht mehr kommen. Frank Auerbach verstarb am 11. November 2024 93-j\u00e4hrig in London. Anl\u00e4sslich der Berliner Ausstellung sprachen wir mit seiner Biografin Catherine Lampert, die den zur\u00fcckgezogen in London lebenden Maler \u00fcber Jahrzehnte begleitet hat \u2013 zun\u00e4chst als sein Modell, bald als Gespr\u00e4chspartner. Ihr Buch \u201eFrank Auerbach \u2013 Gespr\u00e4che und Malerei\u201c (Sieveking, 2015) gilt als Standardwerk. <\/p>\n<p> <b>WELT AM SONNTAG:<\/b> Sie haben Frank Auerbach so gut gekannt wie kaum jemand sonst. \u00dcber einen Zeitraum von 46 Jahren bis kurz vor seinem Tod haben sie ihm jede Woche Modell gesessen. Aus den Gespr\u00e4chen, die Sie dabei gef\u00fchrt haben, schrieben Sie vor zehn Jahren ein Standardwerk. F\u00fchlten Sie sich ihm nahe?<\/p>\n<p><b>Catherine Lampert:<\/b> Mit Ausnahme von ein paar Wochen w\u00e4hrend der Pandemie habe ich Frank von Mai 1978 bis September 2024 jede Woche gesessen. In den letzten Jahren, als er nicht mehr so viele Leute gesehen hat, haben wir w\u00e4hrend der Sitzung und davor und danach immer viel geredet. Es war f\u00fcr mich ein ganz besonderes Privileg, Frank Auerbach so nahe sein zu d\u00fcrfen, dessen Atelier ich \u00fcbrigens immer in einer fantastischen, ausgeglichenen Stimmung verlassen habe.<\/p>\n<p><b>WAMS:<\/b> Das klingt fast wie eine spirituelle oder meditative Erfahrung.<\/p>\n<p><b>Lampert:<\/b> Die Leute sagen oft, dass es eine Qual sei, wenn man f\u00fcr jemanden sitzt. Mir erging es genau umgekehrt. Denn wenn man ein Innenleben hat, \u00fcber das man nachdenken m\u00f6chte, und dann zwei Stunden lang nur dasitzt, dann macht das etwas mit einem, dann findet man leichter zum Kern.<\/p>\n<p><b>WAMS:<\/b> Die Gespr\u00e4che mit Auerbach haben Sie mitgeschnitten \u2013 oder haben Sie Ihr Buch damals aus dem Ged\u00e4chtnis geschrieben?<\/p>\n<p><b>Lampert:<\/b> Auf dem Weg nach Hause habe ich mir in der U-Bahn immer sofort Notizen gemacht und versucht, so viel wie m\u00f6glich von Franks Anekdoten und Kommentaren festzuhalten. So wuchs das Buch von Woche zu Woche.<\/p>\n<p><b>WAMS:<\/b> War Frank Auerbach oft im Atelier?<\/p>\n<p><b>Lampert:<\/b> Fast jeden Tag. Er hat eigentlich immer gemalt. Er musste auch nicht lange \u00fcberlegen, wenn es darum ging, zu welcher Farbe er griff. Er wusste genau, wo die Farben waren, sowohl in den gro\u00dfen \u00d6lfarbenbeh\u00e4ltern als auch in den Tuben. Er war kein K\u00fcnstler, der lange \u00fcberlegte und dann ein bisschen Farbe auf seiner Palette mischte. Er arbeitete sehr schnell und eher instinktiv als analytisch. Er hatte also eine Idee im Kopf und ganz genau vor Augen, wie ein Werk aussehen sollte. Wenn er fertig war, konnte er innerhalb von Sekunden entscheiden, ob er es f\u00fcr fertig hielt.<\/p>\n<p><b>WAMS:<\/b> Frank Auerbach malte bis zu seinem Tod in \u00d6l. \u00d6lbilder m\u00fcssen nass in nass gemalt werden. Immer wieder hat er Bilder gel\u00f6scht, indem er die Farbe von der Leinwand wieder abkratzte. Bedeutete das, dass er eine klare Vorstellung oder Vision davon hatte, wie das Bild in einem spirituellen Sinne aussehen sollte, und wenn er diese bestimmte Idee nicht umsetzen konnte, kratzte er es ab und bereute es am n\u00e4chsten Tag?<\/p>\n<p><b>Lampert:<\/b> Er hatte ein Gesp\u00fcr f\u00fcr etwas, das er mit einem Motiv noch nicht erreicht hatte, egal ob es eine Person oder ein Ort war, und er versuchte, das umzusetzen. Den Weg dorthin kannte er nicht. Also hat er ein im Entstehen begriffenes Bild ein ums andere Mal wieder abgekratzt, um es am n\u00e4chsten Tag erneut zu malen. Manchmal wartete er bis zur Stunde, zu der ich wieder zum Sitzen kam, weil man \u00d6lfarbe auch nach einer Woche noch abschaben konnte. Er scherzte immer, er sei der beste Kunde des Farbenh\u00e4ndlers, weil er so viel Farbe f\u00fcr seine Arbeiten verbrauchte, selbst f\u00fcr ganz kleine Werke. Wann genau er ein Werk vollendet hatte \u2013 das schien ihm stets das jeweilige Bild selbst zu sagen, als w\u00fcrde es zu ihm sprechen. Auch als Modell sp\u00fcrte ich es regelrecht: \u201eDieses Mal schafft er es.\u201c<\/p>\n<p><b>WAMS:<\/b> Lassen Sie uns \u00fcber das Selbstportr\u00e4t sprechen, das er kurz vor seinem Tod malte und das jetzt in der Galerie Michael Werner zu sehen sein wird.<\/p>\n<p><b>Lampert:<\/b> Frank Auerbach wusste in seinem letzten Lebensjahr definitiv nicht, dass sein Selbstportr\u00e4t eines seiner letzten Bilder sein w\u00fcrde. Er ging mit der Zuversicht ins Krankenhaus, dass er selbstverst\u00e4ndlich bald wieder w\u00fcrde arbeiten k\u00f6nnen. Anders als die gro\u00dfe Mehrzahl seiner Gem\u00e4lde hat er diese letzten Selbstportr\u00e4ts aber nicht in \u00d6l, sondern in Acryl gemalt. Er war nicht mehr so gut zu Fu\u00df, es fiel ihm auch schwer aufzustehen oder sich hinzusetzen. Vielleicht auch deshalb widmete er sich so intensiv diesen eher kleinen, handlichen Selbstportr\u00e4ts, weil er sich komplett nach seinem K\u00f6rper und seiner Stimmung richten konnte. Er konnte in seinem Atelier sitzen und sich eine Tasse Tee kochen, und wenn der Moment gekommen war, malte er einfach weiter an einem begonnenen Bild. Ich finde, dass man diese in sich ruhende sp\u00e4te Herangehensweise dem Bild auch anmerkt: Im Vergleich zu einigen der anderen sp\u00e4ten Selbstportr\u00e4ts ist es f\u00fcr mich ein ausgesprochen ruhiges und irgendwie gelassenes Bild in einer warmen br\u00e4unlich-grauen, gelblich-grauen Farbpalette. Frank schaut in die Ferne, und in der unteren rechten Ecke hat er eine seltsame Form gemalt. F\u00fcr mich ist das ein Kaninchen, nicht seine Schulter. Und weil es sich um ein Portr\u00e4t nach seinem Spiegelbild handelt, ist alles nat\u00fcrlich seitenverkehrt.<\/p>\n<p><b>WAMS:<\/b> Diese Ruhe im Selbstbildnis ist nicht selbstverst\u00e4ndlich bei Auerbach.<\/p>\n<p><b>Lampert: <\/b>Bemerkenswert an diesem sp\u00e4ten Selbstportr\u00e4t ist, dass es kein gequ\u00e4ltes Selbstbildnis ist. Es gab ja 2022 eine Ausstellung von Selbstportr\u00e4ts, zuerst in London und dann in New York, in der wirkten viele der gezeigten Portr\u00e4ts geradezu gewaltt\u00e4tig. Die Leute waren zudem \u00fcberrascht, weil er sich zum Teil einer ungewohnten Palette aus rosa und blauen Farben bediente, wodurch einige dieser Selbstportr\u00e4ts fast wie Karikaturen wirkten. Im Vergleich dazu wirkt dieses sp\u00e4te Bildnis w\u00fcrdevoll und besonnen. Auch wenn er nicht wusste, dass er dem Tod so unmittelbar gegen\u00fcberstand, markiert es eine geradezu introvertierte Abschw\u00e4chung des Dramas, durch das er gehen musste.<\/p>\n<p><b>WAMS:<\/b> Frank Auerbach wurde als j\u00fcdisches Kind von seinen Eltern auf eine Schule nach England geschickt, wo er seitdem bis zu seinem Tod in London lebte. Hatten Sie den Eindruck, dass er sich seiner ersten Ausstellung in Berlin mit gr\u00f6\u00dferem Interesse als sonst gen\u00e4hert hat?<\/p>\n<p><b>Lampert:<\/b> Auf jeden Fall. Nachdem er Reisen nach Deutschland jahrzehntelang vermieden hatte, war Frank von der Idee regelrecht begeistert, mit 93 Jahren ein erstes Mal in seiner Heimatstadt auszustellen. Da hat sicherlich sein Sohn Jake eine Rolle gespielt, der die deutsche Sprache gelernt hat, einen deutschen Pass besitzt und seit vielen Jahren regelm\u00e4\u00dfig nach Berlin gefahren ist. Jake berichtete Frank von der Stadt und hat Berlin auf eine neue Art bei ihm in Erinnerung gerufen.<\/p>\n<p><b>WAMS:<\/b> Hatte er f\u00fcr die Ausstellung spezielle Bilder ausgew\u00e4hlt?<\/p>\n<p><b>Lampert:<\/b> In den Monaten vor seinem Tod ging es im Zuge der Ausstellung nat\u00fcrlich auch um die Auswahl, welche 25 Bilder wir zeigen w\u00fcrden. Frank \u00e4u\u00dferte die Absicht, bestimmte autobiografische Aspekte zu betonen. Er war von 1963 bis 1976, also etwa 13 Jahre lang, von seiner Frau und seinem Sohn Jake getrennt. Als sie in den 80er-Jahren wieder zusammenkamen, malte er eine Reihe ganz besonderer Bilder. Eines davon wird in der Ausstellung zu sehen sein, es zeigt die Familie auf den Stufen der St. Pancras Station in London. Ein anderes ist eine Landschaft von Primrose Hill, ebenfalls aus derselben Zeit, die auf eine Art sehr fr\u00f6hlich ist, wie es wei\u00dfgott nicht alle Bilder von Primrose Hill sind. Auf diesem Bild ist auch seine Frau Julia zu sehen, die ihn dorthin begleitet hat. Man erkennt es nicht auf den ersten Blick, aber sie ist eine der Figuren auf dem H\u00fcgel. Diese Bilder betonen autobiografische Momente, die Frank sehr lieb und teuer waren. Ohne dass diese Deutung von ihm beabsichtigt gewesen w\u00e4re, kann die Ausstellung bei Michael Werner jetzt also wie ein Abschied von Frank Auerbach gelesen werden, ein Geschenk von Frank an Berlin, von einem Unschuldigen an die Stadt, aus der seine j\u00fcdische Familie stammt.<\/p>\n<p>Ab 3. Mai, Galerie Michael Werner<\/p>\n<p>Ausstellung \u201eFrank Auerbach\u201c, ab 3. Mai 2025, Galerie Michael Werner, Berlin<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der j\u00fcdische Maler Frank Auerbach entging als Kind in England dem Holocaust. 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