{"id":820835,"date":"2026-02-24T01:17:13","date_gmt":"2026-02-24T01:17:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/820835\/"},"modified":"2026-02-24T01:17:13","modified_gmt":"2026-02-24T01:17:13","slug":"kirche-in-der-klimakrise-zwischen-unbequemen-wahrheiten-und-handlungsspielraeumen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/820835\/","title":{"rendered":"Kirche in der (Klima)Krise \u2013 Zwischen unbequemen Wahrheiten und Handlungsspielr\u00e4umen"},"content":{"rendered":"<p>\u201eWas, wenn nicht alles gut geht?\u201c \u2013 Diese Frage stand \u00fcber dem Fachtag \u201e\u00dcber Leben in Kollapsen. Kirche und Diakonie als zivilgesellschaftliche Akteurinnen angesichts von Krieg, Faschismus und Klima-Endgame\u201c, veranstaltet von der Melanchthon-Akademie (MAK), der Akademie des Versicherers im Raum der Kirchen (VRK) in Kassel sowie der Evangelischen Arbeitsstelle f\u00fcr missionarische Kirchenentwicklung und diakonische Profilbildung (midi), Ev. Werk f\u00fcr Diakonie und Entwicklung e.V. (Berlin).<\/p>\n<p>MAK-Studienleiter Dr. Martin Horstmann beschrieb das Chaos als einen beherrschenden Zustand unserer Gegenwart und warf die Frage auf, ob das Chaos nicht auch als Chance wahrgenommen werden k\u00f6nne und \u201eneue Gestaltungskraft\u201c wecken k\u00f6nne. Damit war auch der emotionale Rahmen der Veranstaltung im Haus der Ev. Kirche gesetzt: den \u00f6kologischen und politischen Tatsachen ins Auge blickend, aber auf der Suche nach Kraftquellen, Gestaltungsr\u00e4umen und Resilienz.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-68485\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/UCC88ber-Leben-in-Kollapsen_pm6-300x200.jpg\" alt=\"Anmerkungen bzw. Fragen an die Referierenden konnten auf Zettel geschrieben werden.\" width=\"300\" height=\"200\"  \/>Anmerkungen bzw. Fragen an die Referierenden konnten auf Zettel geschrieben werden.<\/p>\n<p>Gabriela Hund vom \u201eNetzwerk Tiefe Anpassung\u201c stellte Dr. Thomas K\u00f6hler als ersten Keynote Speaker vor. Der Politikwissenschaftler (Pestel Institut f\u00fcr Systemforschung und Prognose gGmbH) fragte: \u201eWie sprechen wir \u00fcber eine Welt, die zerf\u00e4llt, \u00fcber Climate Endgame, Krieg und Faschismus?\u201c K\u00f6hler berichtete von der auch psychisch belastenden Arbeit am \u201eClimate-Endgame-Projekt\u201c in den Jahren 2023\/24. \u201eDas ist nichts, was die Lebensqualit\u00e4t steigert!\u201c, bekannte er und fasste die gewonnenen Erkenntnisse pr\u00e4gnant zusammen: \u201eEs wird fies und b\u00f6sartig, aber wir k\u00f6nnen auch gewinnen.\u201c Als historisches Beispiel f\u00fcr eine Kollapssituation f\u00fchrte Thomas K\u00f6hler die unmittelbare Nachkriegszeit in Deutschland an, eindr\u00fccklich illustriert durch eine Aufnahme des Berliner Reichstags aus dem Juni 1946.<\/p>\n<p>\u201eKlima Doom-Porn verkauft sich gut\u201c<\/p>\n<p>Dabei ist sich K\u00f6hler des schmalen Grats zwischen faktenbasierter, warnender Aufkl\u00e4rung und angstlustgetriebener Faszination f\u00fcr apokalyptische Szenarien sehr wohl bewusst: \u201eKlima Doom-Porn verkauft sich gut\u201c, bemerkte er. K\u00f6hler erinnerte an Greta Thunbergs denkw\u00fcrdige Rede (\u201eHow dare you!\u201c) vor den vereinten Nationen im Jahr 2019, in der die junge Schwedin Panik als einzig ad\u00e4quate Reaktion auf die drohende Klimakatastrophe geradezu einforderte.<\/p>\n<p>Als wesentliche Messpunkte f\u00fcr den Grad der Akutheit der klimatischen Entwicklungen haben sich die 16 sogenannten \u201eKipppunkte\u201c (tipping points) etabliert, die Johan Rockstr\u00f6m auf dem World Economic Forum 2023 formulierte. \u201eThis is a planetary crisis\u201c, konstatierte der Direktor des Potsdam Institute for Climate Impact Research (PIK) damals.<\/p>\n<p>Den Zusammenhang zwischen Klimakatastrophe und Faschismus formulierten Naomi Klein und Astra Taylor in ihrem Buch \u201eEnd times fascism\u201c. Die Autorinnen machen in Bezug auf diese Bedrohung vier relevante Personengruppen aus: \u201eBrutalisten\u201c (z.B. Donald J. Trump), Milliard\u00e4re (z.B. Elon Musk), \u201eOpportunisten\u201c (z.B. J. D. Vance) und christliche Fundamentalisten.<\/p>\n<p>Der zweite Teil der Keynote war der Progressiven \u00d6ko-\/ Degrowth-Moderne gewidmet und r\u00fcckte die ermutigenden Transformationsschritte in den Fokus, die in den vergangenen Jahren vollzogen wurden. Disruptiver Wandel im Energiesektor durch die Entwicklung von Speichermethoden, im Ern\u00e4hrungssektor (z.B. durch \u201eLaborfleisch\u201c) und im Mobilit\u00e4tssektor (E-Mobilit\u00e4t).<\/p>\n<p>\u201e\u00dcber Kollaps reden: Was l\u00f6st das in mir aus?\u201c<\/p>\n<p>Um dem Geh\u00f6rten nachzusp\u00fcren, konnten sich die Teilnehmenden einige Minuten lang mit der Frage auseinandersetzen: \u201e\u00dcber Kollaps reden: Was l\u00f6st das in mir aus?\u201c Anschlie\u00dfend\u00a0 bildeten sich Kleingruppen zum Austausch. Dabei ging es unter anderem darum, wie und wo man in seiner Betroffenheit und seinem Engagement Verb\u00fcndete findet und was trotz allem Hoffnung gibt. Zwischen Ohnmachtsgef\u00fchlen und Inseln des Gelingens, zwischen individueller Verantwortung und systemischen Fehlsteuerungen wurde gemeinsam nach Standpunkten, Perspektiven und Kommunikationsstrategien gesucht.<\/p>\n<p>Die zweite Keynote des Tages kam von Philipp Ackermann. Er befasste sich mit der \u201eTheologie im Klimakollaps\u201c und suchte (noch) nicht nach Antworten, sondern zun\u00e4chst nach den richtigen Fragen. Auch Ackermann nahm Bezug auf Greta Thunbergs ber\u00fchmte Rede von 2019 und wies auf die Ambivalenz des Hoffnungsbegriffs hin. Die \u201echristliche Hoffnung\u201c als Balsam auf einer Wunde, die eigentlich schmerzen sollte?<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-68490\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/UCC88ber-Leben-in-Kollapsen_pm1-300x200.jpg\" alt=\"Studienleiter Dr. Martin Horstmann begr\u00fc\u00dfte die Teilnehmenden des Studientages.\" width=\"300\" height=\"200\"  \/>Studienleiter Dr. Martin Horstmann begr\u00fc\u00dfte die Teilnehmenden des Studientages.<\/p>\n<p>Ackermann bezeichnete Klimagerechtigkeit als sein Lebensthema und gab zu, dass er mit der damaligen \u00d6ko-Theologie nichts anfangen konnte, sie als \u201erealit\u00e4tsfern\u201c wahrgenommen habe. Daraus ergaben sich f\u00fcr den Theologen zahlreiche Fragen: Wie k\u00f6nnen Theologie und Seelsorge die Klimafrage ad\u00e4quat thematisieren? Was bedeutet es heute noch, von der Bewohnbarkeit der Erde zu sprechen? Wie k\u00f6nnen wir konkret leben, wenn die klimatischen Bedingen immer instabiler werden? Und nicht zuletzt: Was k\u00f6nnen die Kirchen tun?<\/p>\n<p>Philipp Ackermann wies darauf hin, dass \u2013 in klimatischen Hinsicht \u2013 die letzten 11.700 Jahre relativ stabil waren. Anhand einer Grafik zeigte er, dass die CO2-Konzentration durchg\u00e4ngig bei etwa 280 ppm gelegen habe. Seit 200 Jahren, also mit Beginn der Industrialisierung, sei dieser Wert um 50% angestiegen. 2023 war das hei\u00dfeste Jahr seit 100.000 Jahren, stellte Ackermann fest. Die Folgen: \u00dcberflutungen, Waldbr\u00e4nde, Trinkwasserknappheit (und in deren Folge bewaffnete Konflikte) sowie jene kollektive Gereiztheit, sich unter dem Oberbegriff \u201esozialer Stress\u201c zusammenfassen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Autorit\u00e4re Bewegungen (z.B. die Brexit-Kampagne) nutzen, so Ackermann, die Angst vor Kontrollverlust. Dabei sei Stabilit\u00e4t nie der Normalzustand gewesen. Gefl\u00fcchtete als unfreiwillige \u201eExpert*innen\u201c im Umgang mit Unsicherheit und Kontrollverlust k\u00f6nnten eine wertvolle Quelle f\u00fcr Resilienstrategien sein, vermutete er. \u201eKirchen haben Sch\u00e4tze\u201c, ist Ackermann \u00fcberzeugt, allerdings d\u00fcrfe die Hoffnung (als eine der christlichen Tugenden) nicht als \u201ePflaster\u201c dienen. Viel spannender sei im Krisenkontext die Erz\u00e4hlung von der Arche Noah. Dabei legte Ackermann den Fokus nicht auf die g\u00f6ttliche Rettung, sondern auf konkretes Handeln und die daraus erwachsende Selbstwirksamkeit. Ackermann brachte das auf die pr\u00e4gnante Formel: \u201eKrisenmanagement statt Happy End\u201c. Als \u201eLehre f\u00fcr heute\u201c konstatierte der Theologe, dass es wichtig sei, \u201eR\u00e4ume zu schaffen, um Krisen besprechbar zu machen\u201c, so wie das Projekt \u201eCaritas macht Klima\u201c in Essen. Seine Empfehlung: \u201eWir sollten nicht auf Wunder hoffen, sondern Archen bauen!\u201c<\/p>\n<p>Was das bedeuten kann, formulierte Ackermann in drei konkreten Forderungen: Erstens ein Perspektivwechsel vom (passiven) Opfermodus in den (aktiven) Gestaltungsmodus, zweitens die Etablierung einer Klimapastoral und drittens eine Hinwendung zu Sozialraumorientierung und lokalen Netzwerken in der caritativen Arbeit.<\/p>\n<p><a href=\"#\" rel=\"nofollow\" onclick=\"window.print(); return false;\" title=\"Printer Friendly, PDF &amp; Email\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/printfriendly-icon-lg.png\" alt=\"Print Friendly, PDF &amp; Email\" class=\"pf-button-img\" style=\"width: 25px;height: 25px;\"\/>Drucken<\/a><\/p>\n<p>Text: Priska Mielke<br \/>Foto(s): Priska Mielke<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u201eWas, wenn nicht alles gut geht?\u201c \u2013 Diese Frage stand \u00fcber dem Fachtag \u201e\u00dcber Leben in Kollapsen. 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