{"id":820971,"date":"2026-02-24T03:06:13","date_gmt":"2026-02-24T03:06:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/820971\/"},"modified":"2026-02-24T03:06:13","modified_gmt":"2026-02-24T03:06:13","slug":"autor-von-nikolaikirche-warum-erich-loest-bis-heute-unterschaetzt-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/820971\/","title":{"rendered":"Autor von &#8222;Nikolaikirche&#8220;: Warum Erich Loest bis heute untersch\u00e4tzt wird"},"content":{"rendered":"<p class=\"text\">\n<strong>MDR KULTUR: Welche Rolle w\u00fcrden Sie, Herr Kestel, Erich Loest in der gewesenen Bundesrepublik zumessen? Welche Rolle hat er da gespielt in der alten BRD?<\/strong>\n<\/p>\n<p class=\"text\">\n<strong>Hans-Hermann Kestel:<\/strong> Meines Erachtens ist <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/kultur\/radio\/vita-erich-loest-100.html\" title=\"Das Leben des Schriftstellers Erich Loest - eine ausf\u00fchrliche Biografie\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Erich Loest<\/a> in der Bundesrepublik \u00fcberhaupt erst bekannt geworden im Jahr 1978 durch den Roman &#8222;Es geht seinen Gang&#8220;. Der ist n\u00e4mlich gleichzeitig in Halle erschienen, beim Mitteldeutschen Verlag, und bei der Deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart. Und wenn Sie in &#8222;Kindlers Literatur Lexikon&#8220; hineinschauen \u2013 ich habe mir heute auch noch einmal den alten Kindler aus dem Jahr 1972 angeschaut, da kommt Erich Loest \u00fcberhaupt noch nicht vor. Und in dem neuen Kindler aus dem Jahr 1995, da ist er drin und zwar als erstes mit &#8222;Es geht seinen Gang oder M\u00fchen in unserer Ebene&#8220;.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nUnd ab da hat wohl auch die Rezeption durch das Feuilleton eingesetzt, das war nat\u00fcrlich dann die &#8222;Frankfurter Rundschau&#8220;, die &#8222;Frankfurter Allgemeine&#8220;, es war &#8222;Die Zeit&#8220;, es war die &#8222;S\u00fcddeutsche&#8220; \u2013 alle prominenten Zeitungen haben sich dann um Erich Loest gek\u00fcmmert.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\n<strong>Heute wissen wir, Erich Loest l\u00e4uft so unter dem Etikett &#8222;Realist&#8220;. Dieser Begriff ist nicht immer positiv konnotiert \u2013 er impliziert sozusagen: naja, tolle Beschreibung, aber literarisch, \u00e4sthetisch jetzt nicht wirklich ganz weit vorne. Was w\u00fcrden Sie entgegnen?<\/strong>\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nIch w\u00fcrde als erstes dazu sagen, dass \u00e4sthetische Urteile gef\u00e4llt werden auf der Basis unzureichender \u00e4sthetischer Wahrnehmungen. Die Herren und Damen, die <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/kultur\/radio\/erich-loest-katerfruehstueck-lesezeit-100.html\" title=\"Erich Loest: Katerfr\u00fchst\u00fcck \u2013 Lesung mit Thomas Nicolai\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Erich Loest<\/a> \u00e4sthetisch abwerten, die lassen sich sozusagen durch die schlichte Oberfl\u00e4chenstruktur seiner Texte irgendwie blenden. Man muss tiefer graben, dann kommt man auf hochkomplexe, motivisch-thematische Tiefenstrukturen. Das habe ich exemplarisch nachgewiesen an &#8222;Der elfte Mann&#8220;, der f\u00fcr mich sowieso der Achsentext im Werk Erich Loests ist.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\n<strong>&#8222;Der elfte Mann&#8220;, 1969 im Mitteldeutschen Verlag erschienen, ist der 21-j\u00e4hrige J\u00fcrgen Holstein, die Kombination aus Fu\u00dfballtalent und Mathe-Physik-Genie, und der ger\u00e4t in einen Zwiespalt, in einen Konflikt, was er nun werden soll \u2013 Nationalspieler oder Wissenschaftskader.<\/strong>\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nDas ist allerdings nur die Oberfl\u00e4che. Wenn Sie tiefer graben, dann werden Sie feststellen, dass dieser J\u00fcrgen Holstein ja der erste problematische Held ist eigentlich im Werk Erich Loests. Er ist kein positiver Held mehr. Er f\u00fchlt sich eigentlich fraglos als Genosse, aber er hat ein massives Subjekt-Objekt-Problem. Die <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/nachrichten\/thueringen\/mitte-thueringen\/weimar\/engelmann-blender-roman-ddr-kunst-kultur-news-100.html\" title=\"Weimar: Anke Engelmanns Roman &quot;Blender&quot; \u00fcber Kunst in der DDR\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">DDR<\/a> ist f\u00fcr ihn ein tristes, graues, ewig-herbstliches Land und er sehnt sich hinaus. Sein erster Sehnsuchtsort ist Bulgarien \u2013 und da haben Sie ein Riesen-Leitmotiv drin, n\u00e4mlich die Sonne Bulgariens. Ich kann jetzt nicht in die Details gehen, aber es erinnert fast an die Mignon in Goethes &#8222;Wilhelm Meister&#8220;. Dieser Konflikt, der Fu\u00dfballer-Physiker, das ist im Grunde genommen nur Oberfl\u00e4che. Das ist das Vehikel f\u00fcr die Handlung \u2013 die essenziellen Themen liegen viel tiefer.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\n<strong>Wer noch nie etwas gelesen hat von Erich Loest, was empfehlen Sie f\u00fcr Einsteiger, f\u00fcr Einsteige-Willige?<\/strong>\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nF\u00fcr Einsteige-Willige w\u00fcrde ich tats\u00e4chlich den Roman &#8222;Nikolaikirche&#8220; empfehlen. Also es ist zun\u00e4chst einmal nat\u00fcrlich ein gro\u00dfes historisches Thema. Erich Loest wird sofort in Verbindung gebracht mit &#8222;Nikolaikirche&#8220;, das w\u00e4re der zweite Grund. Und der dritte: &#8222;Nikolaikirche&#8220; ist ein Remedium gegen die Ostalgie.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\n<strong>Und ein Denkmal f\u00fcr die Friedliche Revolution.<\/strong>\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nDas sowieso, nat\u00fcrlich. Er hat ein gro\u00dfes historisches Thema. Es gibt nur einen Loest-Roman, der ein noch umfassenderes historisches Thema hat, das ist &#8222;V\u00f6lkerschlachtdenkmal&#8220;. Das ist meiner Meinung nach f\u00fcr den Einstieg schlicht und einfach zu komplex. Da muss man mehr wissen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"MDR KULTUR: Welche Rolle w\u00fcrden Sie, Herr Kestel, Erich Loest in der gewesenen Bundesrepublik zumessen? Welche Rolle hat&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":820972,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1832],"tags":[129,3364,29,67922,30,66,71,93,81,52185,859,2044],"class_list":["post-820971","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-leipzig","tag-ddr","tag-de","tag-deutschland","tag-erich-loest","tag-germany","tag-kulturnachrichten","tag-leipzig","tag-literatur","tag-mdr","tag-nikolaikirche","tag-sachsen","tag-schriftsteller"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116123401223662058","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/820971","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=820971"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/820971\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/820972"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=820971"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=820971"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=820971"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}