{"id":822251,"date":"2026-02-24T15:17:14","date_gmt":"2026-02-24T15:17:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/822251\/"},"modified":"2026-02-24T15:17:14","modified_gmt":"2026-02-24T15:17:14","slug":"buch-von-wolfram-lotz-die-sprache-der-traeume","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/822251\/","title":{"rendered":"Buch von Wolfram Lotz: Die Sprache der Tr\u00e4ume"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">Von Freud erf\u00e4hrt man, mit dem Tr\u00e4umen sei es wie mit dem Schmieden von Reimen. Das Entweder-oder des Tages weicht einem n\u00e4chtlichen Und-und-und, Zeit wird zur weichen Masse. Der Traum verschiebt, verfremdet und verdichtet verdr\u00e4ngte W\u00fcnsche aus dem Reich des Unbewussten.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Es wundert daher nicht, dass Wolfram Lotz\u2019 neues Buch wie ein Gedichtband daherkommt: F\u00fcr \u201eTr\u00e4ume in Europa\u201c hat Lotz erkl\u00e4rterma\u00dfen Beitr\u00e4ge aus \u201eeurop\u00e4ischen Traumforen\u201c gesammelt und zu diesem kleinen Buch zusammengestellt. Doch enth\u00e4lt das Buch keine Informationen \u00fcber die Tr\u00e4umenden und ihre Lebensumst\u00e4nde und erscheint daher selbst so enigmatisch wie mancher Traum.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">Die haarstr\u00e4ubenden Plots der Tr\u00e4ume sind dabei mehr als blo\u00dfe Launen des Geistes. Freud unterscheidet wie ein fr\u00fcher Semiotiker zwischen unmittelbarer Traumhandlung und verhandelten Traumgedanken, Bedeutendes von Bedeutetem. Er sieht in Tr\u00e4umen eine Zuspitzung des Psychologischen, eine konzentrierte Form, die, wenn mit biografischen Details des oder der Tr\u00e4umenden in Verbindung gesetzt, Licht ins Dunkel der menschlichen Psyche werfen kann, \u00e4hnlich wie es eine bestimmte Form der Hermeneutik f\u00fcr die Literatur versucht.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/wo-s41-cover-1.jpeg\" alt=\"Buchcover\" loading=\"lazy\" title=\"Buchcover\" height=\"148\" type=\"image\/jpeg\"\/><\/p>\n<p>Das Buch<\/p>\n<p class=\"bodytext first paragraph last\"><strong>Wolfram Lotz:<\/strong> \u201eTr\u00e4ume in Europa\u201c. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2026. 112 Seiten, 23 Euro<\/p>\n<p>      Kaffeesatzlesen und Detektivarbeit<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-7\" pos=\"5\"><a href=\"https:\/\/taz.de\/Besiedlung-des-Weltraums\/!6126624\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Jacques Lacan<\/a> stellte sp\u00e4ter fest, dass das Unbewusste strukturiert sei wie eine Sprache, und gerade im Traum, so scheint es, geht diese Analogie besonders gut auf. Also doch Kaffeesatzlesen und literarische Detektivarbeit?<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"6\">Vielleicht ist es der Zeitgeist, vielleicht verleitet auch der Titel zun\u00e4chst dazu, Lotz\u2019 gesammelte Tr\u00e4ume einer Art Massentraumdeutung zu unterziehen, um universelle Symbole des Traummaterials zu identifizieren. Immerhin stellte Freud fest, \u201edass die Tr\u00e4umer derselben Sprache sich der[selben] Symbole bedienen, ja, da\u00df in einzelnen F\u00e4llen die Symbolgemeinschaft \u00fcber die Sprachgemeinschaft hinausreicht\u201c.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-9\" pos=\"7\">Obwohl das Reich der Tr\u00e4ume stets aus zutiefst individuellem Material errichtet ist, gibt es im Traum wie in der Literatur universelle Symbole, die sich zwischen den Bewusstseinsebenen verankert haben und die sich als Teil eines kollektiven Empfindens ausdr\u00fccken. Kann man hier wohl etwas lernen \u00fcber die von Abschwung und S\u00e4belrasseln bedrohten B\u00fcrger*innen Europas zur Zeitenwende? Erf\u00e4hrt man von ihren heimlichen Bed\u00fcrfnissen oder gar von den Albtr\u00e4umen, die die europ\u00e4ische Realpolitik denen beschert, die nicht das Gl\u00fcck haben, per Pass und Einkommen als gleichwertige Menschen anerkannt zu sein?<\/p>\n<p>      Langer episodenhafter Traumfaden<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-12\" pos=\"9\">Zur Kl\u00e4rung dieser Fragen und zur Bestimmung einer europ\u00e4ischen Kollektivpsychologie taugt das Buch eher nicht, denn unmittelbar Politisches verhandeln die wenigsten dieser Tr\u00e4ume. Die meisten dieser absurden Szenarien sind privater Natur, wechseln zwischen den Geschlechtern, sind aber in der Und-und-und-Logik der Tr\u00e4ume angeordnet. Man hat es eher mit einem langen, episodenhaften Traumfaden zu tun als mit einem dramaturgischen Crescendo samt epistemologischer Geschlossenheit.<\/p>\n<p>\n\ue80f\n<\/p>\n<p>            Genau im Nicht\u00aderkennen ihrer eigenen Symbole liegt der poetische Reiz dieser Tr\u00e4umereien<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-14\" pos=\"10\">Es ist davon auszugehen, dass die Tr\u00e4umer*innen selbst nicht immer Ausl\u00f6ser wie Ausgestaltung ihrer Tr\u00e4ume kennen und verstehen. Genau im Nichterkennen ihrer eigenen Symbole liegt jedoch der poetische Reiz dieser lyrisch anmutenden Tr\u00e4umereien.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-15\" pos=\"11\">Viele der kleinen, verzerrten Wirklichkeitssplitter klingen nach einer seltsamen, ungeformten Poesie, wie beil\u00e4ufig aufgeschrieben, als w\u00e4re das Poetische vom Tr\u00e4umenden nicht beabsichtigt, vom Editor Lotz h\u00f6chstens freigelegt. Vielleicht liegt der Reiz dieser Miniaturen viel mehr in der sprachlichen Unbedarftheit und, wie einst von Susan Sontag gefordert, bedarf es eher einer Offenheit zur Oberfl\u00e4che, statt auf Biegen und Brechen eine Hermeneutik zu entwickeln, der im Zweifelsfall ein fragw\u00fcrdiges Verst\u00e4ndnis von kollektiver Identit\u00e4t zugrunde liegt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-17\" pos=\"12\">Ein Beispiel. \u201eIrgendein Mist krabbelte eine Umarmung wollend auf mich zu und gab vor, mein Kind zu sein. Als h\u00e4tte ich mit meinen Kindern nicht schon genug zu tun. Es sah aus, als w\u00fcrde es H\u00e4nde nach mir ausstrecken, war aber nur ein Haufen alter Wolle oder Moos, etwas so Schmutziges. Ich habe es am Ende vertrieben.\u201c<\/p>\n<p>      Vulven und Penisse<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-19\" pos=\"14\">Gerade die kurzen Episoden sind oft sehr lustig, taugen aufgrund mangelnder biografischer Informationen aber nur leidlich zur traumdeuterischen Analyse ihrer Urheber*innen. Mehrfach geht es um Vulven und Penisse \u2013 erotische Sehns\u00fcchte motivieren nach Freud immerhin die meisten unserer Tr\u00e4ume \u2013 dann wieder um unm\u00f6gliche Situationen am Arbeitsplatz <a href=\"https:\/\/taz.de\/Popkultur-der-2000er-Jahre\/!6075456\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">oder um Popstars,<\/a> die pl\u00f6tzlich vor der T\u00fcr stehen und die Tr\u00e4umerin in eine Art panische Verlegenheit bringen, die sich nur im Traum erschlie\u00dft.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-20\" pos=\"15\">Politiker treten als Privatpersonen auf, ihrer politischen Funktion auf traumhafte Weise beraubt. Die Prosa hat etwas von Outsider-Art, Zufallspoesie, und oft ist es auf eine Weise r\u00fchrend, diese zutiefst menschlichen wie hermetischen Realit\u00e4tssplitter vor sich ausgebreitet zu sehen, wo nationale Befindlichkeiten und \u00fcberhaupt Ortsbezeichnungen gar keine Rolle spielen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-21\" pos=\"16\">Die meisten dieser Tr\u00e4ume haben keine B\u00fchne au\u00dferhalb der K\u00f6pfe ihrer Autor*innen und scheren sich wenig um Europas neuerliches Streben um einen Platz am Pokertisch der Weltm\u00e4chte. Das Einzige, was die Schlafenden eint, ist die Entr\u00fccktheit ihrer Tr\u00e4ume.<\/p>\n<p>      Versuch der Wirklichkeitsbew\u00e4ltigung<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-23\" pos=\"18\">Statt als psychologische Materialsammlung f\u00fcr angehende Psychiater oder Politiker kann Wolfram Lotz\u2019 traumhaftes Sammelwerk als neuerlicher Versuch der Wirklichkeitsbew\u00e4ltigung verstanden werden.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-24\" pos=\"19\">Auch Lotz\u2019 dramatische Werke spielen mit den Oberfl\u00e4chen der Gegenwart, lassen mal somalische \u201eDiplom-Piraten\u201c monologisieren oder geben dem beinahe vergessenen Thilo Sarrazin das Wort. Denn wie in seinem letzten Buch, <a href=\"https:\/\/taz.de\/Neues-Buch-von-Wolfram-Lotz\/!5866919\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">dem manisch angelegten 900-seitigen Totaltagebuch \u201eHeilige Schrift I\u201c,<\/a> versucht sich Lotz auch in \u201eTr\u00e4ume in Europa\u201c am Mosaik einer Wirklichkeit, die nun aber nicht mehr nur seiner Fantasie entstammt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-25\" pos=\"20\">Lotz, der in der Vergangenheit auch schon mal Cameo-Auftritte in seinen Theaterst\u00fccken hinlegte, kommt mit \u201eTr\u00e4ume in Europa\u201c einer Idee von Wirklichkeit so auf traumhafte Weise n\u00e4her, als es die K\u00fcrze dieses schmalen Bands vermuten lie\u00dfe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Von Freud erf\u00e4hrt man, mit dem Tr\u00e4umen sei es wie mit dem Schmieden von Reimen. 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