{"id":824656,"date":"2026-02-25T13:27:13","date_gmt":"2026-02-25T13:27:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/824656\/"},"modified":"2026-02-25T13:27:13","modified_gmt":"2026-02-25T13:27:13","slug":"kritik-am-vorzeigemodell-wie-neutral-darf-schule-sein-petition-fordert-alternative-zum-religionsunterricht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/824656\/","title":{"rendered":"Kritik am Vorzeigemodell: Wie neutral darf Schule sein? Petition fordert Alternative zum Religionsunterricht"},"content":{"rendered":"<p>Die Mehrheit der Hamburger Bev\u00f6lkerung ist konfessionsfrei. Trotzdem gibt es f\u00fcr Sch\u00fcler bis Klasse 6 keine Alternative zum Religionsunterricht. Eine Petition will das \u00e4ndern \u2013 und st\u00f6\u00dft auf Kritik.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Hamburg ist stolz auf seinen \u201eReligionsunterricht f\u00fcr alle\u201c \u2013 ein bundesweit einzigartiges Modell, das Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler aller Glaubensrichtungen zusammenbringt. Ein Leuchtturmprojekt, schw\u00e4rmt die Schulbeh\u00f6rde. Ein Problemfall, beklagen Kritiker. <\/p>\n<p>Inmitten dieser Gemengelage positioniert sich nun eine Online-Petition, mit der die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) eine Alternative zum Religionsunterricht in den Klassen 1 bis 6 an Hamburgs Schulen fordert. Ist demnach das bisherige Format, das auf Dialog setzt, unglaubw\u00fcrdig, weil es keine echte Wahlfreiheit zul\u00e4sst?<\/p>\n<p>Die Initiatoren der Petition begr\u00fcnden ihren Vorsto\u00df mit dem Grundgesetz, wonach Artikel 4 die Freiheit des Glaubens garantiert. Konkret hei\u00dft es in Absatz 1: \u201eDie Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religi\u00f6sen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.\u201c Gleichwohl werde in den Hamburger Grundschulen und in den Klassenstufen 5 und 6 der weiterf\u00fchrenden Schulen diesem Grundrecht nicht Rechnung getragen, so die GEW. <\/p>\n<p>Die Gewerkschaft erkl\u00e4rt: \u201eZum Religionsunterricht gibt es faktisch keine Alternative, und das, obwohl \u00fcber 50 Prozent der Bev\u00f6lkerung in Hamburg keiner Religionsgemeinschaft angeh\u00f6ren.\u201c Ferner garantiere Artikel 7 Absatz 2 des Grundgesetzes: \u201eDie Erziehungsberechtigten haben das Recht, \u00fcber die Teilnahme des Kindes am Religionsunterricht zu bestimmen.\u201c Und so stehe es auch im Hamburger Schulgesetz. <\/p>\n<p>Aus Sicht der GEW sieht die Realit\u00e4t jedoch anders aus. Demnach wissen Eltern von diesem Recht oft nicht, \u201eund schlimmer noch, es werden ihnen bei Inanspruchnahme Steine in den Weg gelegt\u201c. So berichtet die Gewerkschaft, dass die Antr\u00e4ge der Eltern zur Abmeldung vom Religionsunterricht \u201e\u00fcber die Tische der Schulleitungen gehen\u201c. Diese setzten sich dann mit den Eltern in Verbindung, damit der Antrag wieder zur\u00fcckgezogen werde. \u201eLeider ist diese Vorgehensweise nicht die Ausnahme, sondern kommt vielen F\u00e4llen vor\u201c, betonen die Initiatoren der Online-Petition. <\/p>\n<p>Melden Eltern ihr Kind trotzdem vom Religionsunterricht ab, \u201ebleiben die Kinder in dieser Zeit h\u00e4ufig ohne Unterrichtsangebot, werden vor die T\u00fcr geschickt oder bestenfalls mit wenig anspruchsvollen Ersatzaufgaben besch\u00e4ftigt\u201c. Eltern ohne Religionszugeh\u00f6rigkeit s\u00e4hen sich so gen\u00f6tigt, ihr Kind in den Klassen 1 bis 6 lieber im Religionsunterricht zu lassen. <\/p>\n<p>Die GEW kritisiert: \u201eWeder die Schulbeh\u00f6rde noch die Schulen informieren die Eltern \u00fcber ihr grundgesetzlich gesch\u00fctztes Recht auf Abmeldung vom Religionsunterricht.\u201c Seit 2023 wird der Religionsunterricht verpflichtend von Religionslehrkr\u00e4ften mit exklusiver Beauftragung durch die Religionsgemeinschaften erteilt. Damit liegt die Betonung des Faches laut GEW \u201eauf dem Bekenntnisunterricht \u2013 nicht dem Religionskundeunterricht\u201c.<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzliche Werte des Zusammenlebens<\/p>\n<p>Entsprechend fordert die Gewerkschaft und ihre Unterst\u00fctzer, dass <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/regionales\/hamburg\/article698b131eb08ffe5b8f60bc85\/bildung-hamburg-zaehlt-so-viel-schueler-wie-seit-45-jahren-nicht-mehr.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/regionales\/hamburg\/article698b131eb08ffe5b8f60bc85\/bildung-hamburg-zaehlt-so-viel-schueler-wie-seit-45-jahren-nicht-mehr.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Hamburgs Schulen<\/a> k\u00fcnftig verpflichtet werden, den Kindern der Klassenstufen 1 bis 6 ein alternatives Unterrichtsfach Philosophie\/Ethik anzubieten. Darin sollte es um Sinn- und Existenzfragen sowie grunds\u00e4tzliche Werte des Zusammenlebens gehen. \u201e\u00dcber ein solches Angebot, das es in vielen anderen Bundesl\u00e4ndern bereits gibt, m\u00fcssen Eltern proaktiv und transparent informiert werden\u201c, sagen die Initiatoren der Petition. <\/p>\n<p>Andere Bundesl\u00e4nder seien da l\u00e4ngst weiter, Ethikunterricht ab Klasse 1 sei in vielen Regionen Standard. Hamburg dagegen bietet ab Klasse 7 eine Wahlm\u00f6glichkeit zwischen Religion und Philosophie.<\/p>\n<p>Die Schulbeh\u00f6rde beurteilt die Lage naturgem\u00e4\u00df anders und verweist ebenfalls auf das Grundgesetz. So ist der Staat gem\u00e4\u00df Artikel 7 Absatz 3 zwar verpflichtet, Religionsunterricht als \u201eordentliches Lehrfach\u201c anzubieten \u2013 aber eben nicht verpflichtet, ein Alternativfach bereitzustellen. Au\u00dferdem sei der Hamburger Religionsunterricht kein klassischer Bekenntnisunterricht. \u201eW\u00e4hrend in den anderen L\u00e4ndern Religionsunterricht in der Regel nach Religionen und Konfessionen getrennt erteilt wird, setzt Hamburg auf einen gemeinsamen \u201aReligionsunterricht f\u00fcr alle\u2018\u201c, sagt der Sprecher der Schulbeh\u00f6rde, Peter Albrecht. <\/p>\n<p>Seit Abschluss der Staatsvertr\u00e4ge mit den gro\u00dfen Religionsgemeinschaften 2012 habe Hamburg seinen bis dahin nur von der Evangelischen Kirche verantworteten Religionsunterricht \u201ezu einem bundesweit einzigartigen Konzept\u201c weiterentwickelt: \u201eIn ihm lernen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler aller Glaubensrichtungen und auch diejenigen, deren Familien keiner Religionsgemeinschaft angeh\u00f6ren, gemeinsam.\u201c<\/p>\n<p>Beh\u00f6rdensprecher Albrecht betont weiter: \u201eWir teilen explizit nicht die von Kritikern genannte Auffassung, wonach in den Rahmenpl\u00e4nen f\u00fcr das Fach Religion \u201areligi\u00f6s ungebundene Weltsichten\u2018 und nicht religi\u00f6se Perspektiven \u201aabgetan\u2018 oder \u201aausschlie\u00dflich mit Negativbegriffen\u2018 belegt w\u00fcrden, dass religi\u00f6s gepr\u00e4gte Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler sich mit ihnen nicht besch\u00e4ftigen m\u00fcssten oder dass in den Rahmenpl\u00e4nen \u201adie s\u00e4kulare Sicht auf die Welt degradiert\u2018 w\u00fcrde.\u201c <\/p>\n<p>Das Gegenteil ist nach Einsch\u00e4tzung der Beh\u00f6rde von Schulsenatorin <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/regionales\/hamburg\/article699c2fe5bf293b0308820c40\/debatte-ueber-social-media-die-regel-schuetzt-mich-schueler-ueber-ein-strenges-handyverbot.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/regionales\/hamburg\/article699c2fe5bf293b0308820c40\/debatte-ueber-social-media-die-regel-schuetzt-mich-schueler-ueber-ein-strenges-handyverbot.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Ksenija Bekeris<\/a> (SPD) der Fall: W\u00e4hrend die zu thematisierenden Religionen je nach Zusammensetzung der Lerngruppe ausgew\u00e4hlt w\u00fcrden, seien nicht religi\u00f6se Perspektiven, Weltsichten, Weltanschauungen oder Lebensweisen bei jedem Unterrichtsthema verpflichtend zu behandeln. Sie w\u00fcrden im Kerncurriculum detailliert ausgewiesen und umfassten \u00fcberdies atheistische, humanistische und andere Konzeptionen und Lebensweisen. <\/p>\n<p>Wenn Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler der Grundschule und der Klassen 5 und 6 vom Religionsunterricht abgemeldet werden, werden sie nach Angaben der Schulbeh\u00f6rde in dieser Zeit anderweitig betreut, zum Beispiel in der Parallelklasse. Auch erf\u00fclle Hamburg seine Informationspflichten, so die Beh\u00f6rde, und Eltern w\u00fcrden \u00fcber Abmeldem\u00f6glichkeiten aufgekl\u00e4rt. Wie viele Eltern ihre Kinder von der Teilnahme am \u201eReligionsunterricht f\u00fcr alle\u201c abmelden, werde nicht zentral erfasst. Dazu m\u00fcssten an allen Schulen die Sch\u00fclerb\u00f6gen der betreffenden Jahrgangsstufen \u00fcberpr\u00fcft werden.<\/p>\n<p>Petition endet im Mai<\/p>\n<p>Bereits im Mai vergangenen Jahres hatte die GEW die Online-Petition mit dem Titel \u201eF\u00fcr eine Alternative zum <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article696f76caf5b96815d0e0d52d\/umfrage-in-nrw-mehrheit-der-schueler-bewertet-islamischen-religionsunterricht-als-alltagsrelevant.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article696f76caf5b96815d0e0d52d\/umfrage-in-nrw-mehrheit-der-schueler-bewertet-islamischen-religionsunterricht-als-alltagsrelevant.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Religionsunterricht<\/a> in den Klassen 1 bis 6 an Hamburger Schulen\u201c gestartet. In zweieinhalb Monaten soll die Aktion enden, die mit Stand vom 25. Februar, 13 Uhr genau 3846 Unterschriften gesammelt hat \u2013 f\u00fcr ein Thema, das theoretisch Hunderttausende betrifft, vergleichsweise wenig. Woran liegt das, l\u00e4sst sich derzeit nur spekulieren: An mangelnder Information? An politischer Resignation? Oder daran, dass viele Eltern sich nicht trauen, \u00f6ffentlich gegen ein Modell aufzutreten, das politisch so stark verteidigt wird?<\/p>\n<p>Denn im Kern geht es um die Frage: Wie weltanschaulich neutral muss Schule sein \u2013 und wie viel Religion darf sie vermitteln? Hamburg beantwortet diese Frage anders als der Rest der Republik: legitim, aber unter den Initiatoren der Petition auch umstritten. Wirkt also ein Modell, das auf Dialog setzt, unglaubw\u00fcrdig, wenn es keine echte Wahlfreiheit zul\u00e4sst? <\/p>\n<p>Beh\u00f6rdensprecher Albrecht sagt: \u201eMit dem \u201aReligionsunterricht f\u00fcr alle\u2018 wird eine Identit\u00e4tsentwicklung durch Begegnung und Dialog, durch Sachverstand und Argumentation angestrebt, er hat somit keinen missionarischen Charakter.\u201c Und: Das bundesweit einmalige Format \u201espielt eine zentrale Rolle in der Integration, weil hier Wissen und Einblicke in andere religi\u00f6s-kulturelle Kontexte und Erfahrungswelten gegeben wird. Das st\u00e4rkt das gegenseitige Verst\u00e4ndnis, baut Vorurteile ab und baut Br\u00fccken zueinander.\u201c<\/p>\n<p>Die Unterst\u00fctzer der Online-Petition fordern nicht die Abschaffung des Religionsunterrichts, sondern lediglich eine Alternative. Ein Ethik- oder Philosophieunterricht, der Kindern Raum gibt, \u00fcber Werte, Zusammenleben und Sinnfragen nachzudenken \u2013 ohne religi\u00f6sen Rahmen. Ob Hamburg bereit ist, diesen Schritt zu gehen, ist derzeit offen. Die Initiatoren sammeln noch bis Mitte Mai Unterschriften \u2013 und wollen die Petition dann an die B\u00fcrgerschaft \u00fcbergeben. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Mehrheit der Hamburger Bev\u00f6lkerung ist konfessionsfrei. 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