{"id":827415,"date":"2026-02-26T15:18:10","date_gmt":"2026-02-26T15:18:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/827415\/"},"modified":"2026-02-26T15:18:10","modified_gmt":"2026-02-26T15:18:10","slug":"die-reparatur-der-welt-kreuzer-online","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/827415\/","title":{"rendered":"Die Reparatur der Welt \u2014 kreuzer online"},"content":{"rendered":"<p>Wohnst du noch oder lebst du schon? Vom Einrichten in der Welt handelt die neue Produktion der Forward Dance Company. Dabei geht es nicht um Raumplanung oder Labyrinthg\u00e4nge im M\u00f6belhaus, sondern um die Besch\u00e4ftigung mit der besch\u00e4digten Welt. Das hat einen zus\u00e4tzlichen Reiz, weil im Ensemble Menschen ohne Normk\u00f6rper tanzen.<\/p>\n<p>Die aus sechs Tanzenden bestehende Company ist am Lofft angesiedelt und arbeitet mit wechselnden Choreografinnen und Choreografen zusammen. Sie wurde 2020 gegr\u00fcndet und ist damit die erste Mixed-abled-Tanzcompany an einem freien deutschen Produktionshaus. Als k\u00fcnstlerischer Projektleiter ist Gustavo Fijalkow von Anfang an dabei: \u00bbIch hatte immer geahnt, wie wertvoll die Vielfalt ist. Dieser F\u00e4cher an Diversit\u00e4ten, an Behinderungen und Verhinderungen, die dennoch nicht repr\u00e4sentativ sind, ist faszinierend.\u00ab<\/p>\n<p>Dies sofort zu entfalten, sei schwer gewesen. Denn die Gr\u00fcndung der Company fiel mit dem Beginn der Corona-Pandemie zusammen. Das schr\u00e4nkte nicht nur den Publikumskontakt ein. Entmutigen lie\u00dfen sich die T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzer aber nicht. \u00bbDie Arbeit ist heute viel klarer geworden\u00ab, lobt Fijalkow. Die Gruppe verl\u00e4sst auch mal die Theaterr\u00e4ume, bespielte beispielsweise das V\u00f6lkerschlachtdenkmal. Im Jahr 2024 er\u00f6ffnete sie den Deutschen Pavillon der Internationalen Architekturausstellung \u00bbLa Biennale di Venezia\u00ab. Im vergangenen Jahr tanzte sie auf dem Weimarer Theaterplatz das Er\u00f6ffnungsst\u00fcck f\u00fcrs Kunstfest. (s. kreuzer 10\/2024) Zur \u00bbCarmina Burana\u00ab eroberten die T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzer zwischen sich frei bewegendem Publikum die Fl\u00e4che, die f\u00fcr Goethe und Schiller, aber auch f\u00fcr die Weimarer Demokratie und f\u00fcr Buchenwald steht.<\/p>\n<p>Nun geht es in der Produktion um die Reparatur der Welt, erkl\u00e4rt Fijalkow. \u00bbAufh\u00e4nger war die Wahrnehmung, dass bei uns und in vielen Gesellschaften ringsum die Totalitarismen zunehmen.\u00ab Was mit den Menschen passiere, wenn man sie einzw\u00e4ngt und ihre Freir\u00e4ume einengt \u2013 diese Frage ber\u00fchre Brechen, Verbrechen und Zerbrechen. Fijalkow verbindet sie mit j\u00fcdischer Philosophie und einem Gedanken aus der japanischen Kultur: \u00bbTikkun Olam\u00ab benennt den Zustand, dass die Welt immer schon zerbrochen ist. Daraus leitet sich das ethische Mandat ab, sie immerzu zu reparieren. Dem traditionellen Kintsugi-Konzept zufolge erh\u00e4lt Keramik einen Mehrwert, wenn sie nach einer Besch\u00e4digung geklebt wird. \u00bbDie Wunde stellt einen Wert an sich dar\u00ab, sagt Fijalkow. \u00bbDie notwendige Reparatur ist keine Schande und kein Makel, sie wird als Sch\u00f6nheit wahrgenommen.\u00ab<\/p>\n<p>Mit diesem Grundgedanken wandte er sich an Elsa Artmann, bisher in der Forward Dance Company tanzend. Nun \u00fcbernimmt Artmann die Choreografie und sagt dar\u00fcber: \u00bbEs ist etwas Besonderes, nun mit Menschen, die man als Kolleg:innen kennt, anders zusammenzuarbeiten. Uns geht es um Zuspitzung und Versch\u00e4rfung, wir sind kein politisches Theater, liefern keine politische Analyse, aber nehmen diese Momente des Gebrochenen aus der Gegenwart mit.\u00ab Das Bewegungsmotiv bildet dabei der Crash, der Unfall. \u00bbAber es gibt nichts vor dem Crash. Und doch lautet unsere Frage, wie wir dahin gekommen sind.\u00ab Eine \u00bbAnti-Dystopie\u00ab nennt Artmann das. Es sei keinesfalls ein Abgesang, sondern die Anerkennung, dass es kein Leben ohne Verletzung gibt.<\/p>\n<p>Der k\u00fcnstlerische Leiter Gustavo Fijalkow unterstreicht: \u00bbEs geht nicht ums Zur\u00fcck, es ist keine Flucht in die Vergangenheit. Denn die Erkenntnis von der verletzten Gegenwart hei\u00dft nicht, dass es jemals besser war.\u00ab Die \u00bbRetrotopia\u00ab ist hier also nicht das Ziel \u2013 damit bezeichnete Zygmunt Bauman in seinem letzten Buch eine vorherrschende R\u00fcckw\u00e4rtsgewandtheit, die vergangene Zeiten als Heilsversprechen inszeniert, auch wenn es damals gar nicht so muggelig war \u2013 \u00bbimaginierte Gemeinschaften\u00ab (Benedict Anderson) wie die Nation werden dabei zum letzten Bollwerk erkl\u00e4rt, wenn man nicht gleich wieder das Stammesfeuer der Sippe sucht. Das enge Wir schlie\u00dft alle anderen aus. Bauman sah uns vor ein Entweder-Oder gestellt: \u00bbEntweder wir reichen einander die H\u00e4nde\u00a0\u2013 oder wir schaufeln einander Gr\u00e4ber.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbIn den Ruinen leben\u00ab nennt Elsa Artmann das. Die Choreografie \u00fcbertr\u00e4gt filmische Mittel wie Zur\u00fcckspulen und Verlangsamen auf die K\u00f6rperbewegungen. Spannend findet Artmann die Verbindung zu den Besonderheiten der Mixed-abled-Company: \u00bbDie Gegens\u00e4tze von heil und verletzt, gesund und krank sind hier ja ausgehebelt.\u00ab <\/p>\n<p>&gt; \u00bbIch summe, um das Bersten zu \u00fcbert\u00f6nen\u00ab: 27.2., 20 Uhr (Premiere), 28.2., 20 Uhr, 1.3., 18 Uhr, Lofft<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wohnst du noch oder lebst du schon? Vom Einrichten in der Welt handelt die neue Produktion der Forward&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":827416,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1832],"tags":[3364,29,64707,30,1229,71,63966,125560,28285,859,6907,52986,33065,20183,33068],"class_list":["post-827415","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-leipzig","tag-de","tag-deutschland","tag-dystopie","tag-germany","tag-kritik","tag-leipzig","tag-leipziger-tanztheater","tag-lofft","tag-performance","tag-sachsen","tag-tanz","tag-utopie","tag-veranstaltung-leipzig","tag-veranstaltungshinweis","tag-veranstaltungstipp"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116137604229744563","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/827415","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=827415"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/827415\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/827416"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=827415"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=827415"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=827415"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}