{"id":829119,"date":"2026-02-27T07:13:12","date_gmt":"2026-02-27T07:13:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/829119\/"},"modified":"2026-02-27T07:13:12","modified_gmt":"2026-02-27T07:13:12","slug":"theaterskandal-bochum-die-chefin-des-buehnenvereins-erklaert-warum-sie-in-dem-vorfall-eine-bestaetigung-des-theaters-sieht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/829119\/","title":{"rendered":"Theaterskandal Bochum: Die Chefin des B\u00fchnenvereins erkl\u00e4rt, warum sie in dem Vorfall eine Best\u00e4tigung des Theaters sieht"},"content":{"rendered":"<p>In Bochumer Schauspielhaus kam es zum Skandal: ein Darsteller wurde von Zuschauern attackiert, weil er in der Rolle eines Faschistenf\u00fchrers eine Rede hielt. F\u00fcr Theater-Expertin Kathrin M\u00e4dler best\u00e4tigt das die Aktualit\u00e4t des Theaters.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Von diesem Theaterabend wird man im Bochumer Schauspielhaus noch lange erz\u00e4hlen. Als am 14. Februar bei der Premiere des St\u00fccks \u201eCatarina oder Von der Sch\u00f6nheit, Faschisten zu t\u00f6ten\u201c der Schauspieler Ole Lagerpusch zum Monolog ansetzte, wurde es laut im Publikum. Lagerpusch spielt im St\u00fcck einen faschistischen Regierungschef, der eine Rede voller Fremden-, Schwulen- und Frauenhass h\u00e4lt. Das war einigen Theaterbesuchern offenbar zu viel. Zwei Zuschauer wurden handgreiflich und wollten den Darsteller von der B\u00fchne zerren. Die Theaterleitung musste einschreiten. Kathrin M\u00e4dler ist Vizepr\u00e4sidentin des Deutschen B\u00fchnenvereins.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Wie bewerten Sie mit etwas Abstand, was in Bochum vorgefallen ist?<\/p>\n<p><b>Kathrin M\u00e4dler:<\/b> Zugespitzt kann man ja sagen: Es ist ein gutes Zeichen, dass das Theater die Kraft hat, eine solche Auseinandersetzung zu provozieren und die Energie freizusetzen, dass Menschen sich von dem, was auf der B\u00fchne geschieht, angeregt und aufgeregt f\u00fchlen. Damit will ich aber diese Grenz\u00fcberschreitung nicht sch\u00f6nreden.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Worin genau besteht f\u00fcr Sie die Problematik?<\/p>\n<p><b>M\u00e4dler:<\/b> Das Theater ist ein Raum, in dem es m\u00f6glich ist, Themen auch auf eine ambivalente oder herausfordernde Weise zu beleuchten. Die Verabredung zwischen B\u00fchne und Publikum besteht darin, dass dieser Raum gesch\u00fctzt ist. Schauspielerinnen stellen sich darin zur Verf\u00fcgung, um verschiedenste Positionen durch sich hindurchgehen zu lassen. Diese Verabredung ist in Bochum nicht respektiert worden. Dass das in so eine gewaltvolle Reaktion umschlug, ist h\u00f6chst verst\u00f6rend.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Sehen Sie eine Tendenz zu solchen Publikumsreaktionen? Verstehen die Menschen nicht mehr, dass Schauspieler nur eine Rolle einnehmen?<\/p>\n<p><b>M\u00e4dler:<\/b> Tendenz w\u00e4re zu viel gesagt. Vielleicht kann man daran ablesen, dass es in der Gesellschaft, und damit auch in unserem Publikum, eine etwas geringere Bereitschaft gibt, Ambivalenzen auszuhalten oder auch mal die eigenen Abgr\u00fcnde zu besichtigen. Generell herrscht derzeit ja eine starke Sehnsucht nach klaren Antworten und eindeutigen Positionen. Zugleich ist eine gro\u00dfe Erregungsbereitschaft vorhanden, doch die Bereitschaft, sich auf ein Gespr\u00e4ch oder eine Auseinandersetzung einzulassen, ist kleiner geworden. Wir haben eine aufgeregte Zeit \u2013 und das spiegelt sich hoffentlich auch im Theater.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Wieso hoffentlich?<\/p>\n<p><b>M\u00e4dler:<\/b> Gerade das Theater bietet ja einen Raum, in dem wir uns trauen k\u00f6nnen, uns mit Positionen zu konfrontieren, die uns unangenehm sind. Das hat das Theater immer schon gemacht. Man kann bis zu Shakespeare und seinen B\u00f6sewichten zur\u00fcckgehen. Oder nehmen Sie St\u00fccke wie Heinar Kipphardts \u201eBruder Eichmann\/Geschwister Eichmann\u201c, das wir gerade in Oberhausen gezeigt haben. Oder das Dokumentartheater der 1970er-Jahre. Auch da hatten wir eine sehr politisierte Gesellschaft. \u00a0\u00a0<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Werden Theatermacher und Schauspieler k\u00fcnftig im Hinterkopf haben, es k\u00f6nnte wieder zu einem solchen \u00dcbergriff kommen?<\/p>\n<p><b>M\u00e4dler:<\/b> Nein, ich glaube nicht. Theater bleibt immer das Ringen um eine interessante k\u00fcnstlerische Form und zeitgen\u00f6ssische Diskurse. Das muss weiterhin so sein. Dazu geh\u00f6rt auch, dass es immer wieder mal Herausforderungen wie in Bochum geben kann.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Sie sagten, der Vorfall zeige, welche Energien Theater freisetzen kann. Oft wird dem Theater vorgeworfen, es sei irrelevant geworden.<\/p>\n<p><b>M\u00e4dler:<\/b> Alles, wor\u00fcber wir hier sprechen, zeigt doch, wie relevant Theater ist \u2013 in diesen multiplen Krisen, in denen wir uns befinden. Wie sehr Theater sich um diese Relevanz bem\u00fchen, wird auch sichtbar in einem Transformationsprozess, den man bei uns im Ruhrgebiet exemplarisch beobachten kann.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Von welcher Transformation sprechen Sie?<\/p>\n<p><b>M\u00e4dler:<\/b> Aus der Erkenntnis heraus, dass es ein klassisches bildungsb\u00fcrgerliches Abonnement-Publikum immer weniger gibt, haben sich die Theater im Ruhrgebiet schon lange auf den Weg gemacht. Sie definieren ihre Beziehung zum Publikum ganz anders als fr\u00fcher. Ihre Arbeit ist viel mehr als nur das, was auf dem Abendspielplan steht. Theater m\u00fcssen lebendige Orte f\u00fcr eine diverse Stadtgesellschaft sein. Wir haben hier in Oberhausen beispielsweise eine Urban-Art-Sparte, in D\u00fcsseldorf gibt es das Stadtkollektiv. Wir entwickeln neue Formate mit Laien, mit Schulen. Es gibt eine gro\u00dfe Dichte an Festivals. In den reinen Kartenverk\u00e4ufen unserer Abendveranstaltungen kommt das nicht zum Ausdruck. Doch das Nachdenken dar\u00fcber, wie das Publikum der Zukunft aussieht und welche Rolle Theater als Ort der Verbindung spielen kann \u2013 das ist eine Frage, die fast \u00fcberall mit unglaublicher Energie bearbeitet wird. Kinder- und Jugendtheater sind besonders toll darin, sich mit ihrem Publikum auf eine direkte Weise zu verbinden.\u00a0<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Andererseits steht in vielen St\u00e4dten die Frage im Raum: K\u00f6nnen wir uns den Luxus Theater noch leisten?<\/p>\n<p><b>M\u00e4dler:<\/b> Da muss ich erst einmal widersprechen: Es ist kein Luxus! Es braucht in der Kulturpolitik ein anderes Sprechen und eine andere Form der Bewertung. Theater und Kunst sind elementar als Orte, an denen Gemeinschaft gebildet wird; als Orte, die die F\u00e4higkeit vermitteln, miteinander zu reden und auszukommen. In Verbindung zu bleiben. Theater und Kunst sind auch elementar f\u00fcr ein gro\u00dfz\u00fcgiges, ermutigendes, empathisches Menschenbild. Wenn wir das als Luxus wahrnehmen, bewegen wir uns in eine Gesellschaft, in der wir nicht mehr leben m\u00f6chten.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Die Finanznot der Kommunen wird dadurch noch versch\u00e4rft, dass viele Kulturbauten marode sind. \u00a0<\/p>\n<p><b>M\u00e4dler:<\/b> Viele der Theaterbauten stammen aus der Nachkriegszeit und geraten jetzt in die Phase, in der sie auseinanderfallen. Da sind Sanierungen notwendig. Aber gerade Theater zeigen doch seit Jahren, dass sie es verstehen, mit diesem Notstand kreativ umzugehen. Es wurde so viel Neues entwickelt in Sachen Stadtbespielung, es gibt Theater auf den Stra\u00dfen und in Leerst\u00e4nden. Wir haben l\u00e4ngst begriffen, dass wir nicht in unseren H\u00e4usern sitzen und warten k\u00f6nnen, bis die Leute zu uns kommen. Theaterleute sind wirklich nicht wohlstandsverw\u00f6hnt.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Sie betonen die gesellschaftliche Notwendigkeit der Theaterarbeit. Ein h\u00e4ufiger Vorwurf aus konservativen Kreisen lautet, die \u00f6ffentlich finanzierten Theater pflegten eine einseitige politische Linksausrichtung.<\/p>\n<p><b>M\u00e4dler:<\/b> Theater bekennt sich zum Reichtum verschiedenster Perspektiven. Theaterkunst war immer auch ein Raum f\u00fcr Empathie \u2013 insbesondere f\u00fcr die Verletzbaren, f\u00fcr marginalisierte Gruppen. Das Theater ist ein Ort, wo viele Stimmen Geh\u00f6r finden m\u00fcssen. Ist das links? Das Narrativ einer angeblich linken Agenda ist die klassische Kulturkampfstrategie von rechts. Sie dient regelm\u00e4\u00dfig der Diskreditierung von herausfordernder Theaterarbeit und will verunsichern. Und sie will das gemeinsame gesellschaftliche Verst\u00e4ndnis von Werten wie Liberalismus, Inklusion und Multiperspektivit\u00e4t destabilisieren. Da liegt die wirkliche Gefahr politischer Einflussnahme.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Wir haben viel \u00fcber die gesellschaftlichen Aufgaben des Theaters gesprochen. Die Bed\u00fcrfnisse eines Abo-Publikums sehen oft anders aus. Gefragt sind Klassiker, Unterhaltung. Vielleicht mal eine textgetreue Inszenierung eines St\u00fccks wie \u201eDer zerbrochne Krug\u201c. Wie schwierig ist es heute, solche W\u00fcnsche zu erf\u00fcllen?<\/p>\n<p><b>M\u00e4dler:<\/b> Das ist \u00fcberhaupt nicht schwierig. Eine Produktion muss k\u00fcnstlerisch \u00fcberzeugend sein. Das ist der Ma\u00dfstab. Ein Team muss sich fragen, warum es ein bestimmtes St\u00fcck erz\u00e4hlen m\u00f6chte \u2013 und wie es das machen will. Da kann man durchaus zu dem Resultat kommen, dass man den \u201eZerbrochnen Krug\u201c ohne Streichungen und in den Kost\u00fcmen der Kleist-Zeit auff\u00fchrt. Die Vielfalt der \u00c4sthetiken ist das Spannende.<\/p>\n<p><b>Kathrin M\u00e4dler, 1976 in Osnabr\u00fcck geboren, ist Dramaturgin und Theaterregisseurin. Seit 2022 leitet sie als Intendantin das Theater Oberhausen. Seit 2019 ist sie Co-Vorsitzende der Intendant:innengruppe im Deutschen B\u00fchnenverein, dem Bundesverband der Theater und Orchester. Im Oktober 2025 wurde sie zur Vizepr\u00e4sidentin des Verbands gew\u00e4hlt.<\/b><\/p>\n<p>afa<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"In Bochumer Schauspielhaus kam es zum Skandal: ein Darsteller wurde von Zuschauern attackiert, weil er in der Rolle&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":829120,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1839],"tags":[7507,3364,29,28189,30,64334,185566,1209,94,185567],"class_list":["post-829119","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-bochum","tag-bochum","tag-de","tag-deutschland","tag-fasel-andreas","tag-germany","tag-kathrin","tag-maedler","tag-nordrhein-westfalen","tag-theater","tag-theaterskandale-ks"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116141359747688591","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/829119","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=829119"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/829119\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/829120"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=829119"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=829119"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=829119"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}