{"id":833978,"date":"2026-03-01T04:48:14","date_gmt":"2026-03-01T04:48:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/833978\/"},"modified":"2026-03-01T04:48:14","modified_gmt":"2026-03-01T04:48:14","slug":"ein-ganzes-langgedicht-auf-das-halbe-leben-und-die-ahnung-der-endlichkeit-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/833978\/","title":{"rendered":"Ein ganzes Langgedicht auf das halbe Leben und die Ahnung der Endlichkeit \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Eigentlich sind Autoren happy, wenn sie ein Stipendium bekommen und als Writer in Residence ein paar Monate aussteigen k\u00f6nnen aus ihrem gew\u00f6hnlichen und hektischen Alltag, um sich einmal an meist abgeschiedenen Orten ganz auf ein neues Buchprojekt zu konzentrieren. Doch manchmal kann man dann auch an einem Ort landen, an dem einen die Einsamkeit fertig macht. So erging es dem Leipziger Autor Bertram Reinecke im Herbst 2024, als er gl\u00fccklich \u00fcber den Zuschlag war, ein paar arbeitsame Wochen im Gerhart Hauptmann Haus in Agnetendorf verbringen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Er packte sich den Koffer voll mit Manuskripten und Fragmenten aus den letzten Jahren in der Hoffnung, daraus etwas Neues schaffen zu k\u00f6nnen. Aber dann landete er in Agnetendorf (heute polnisch: <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jagni%C4%85tk%C3%B3w\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Jagni\u0105tk\u00f3w<\/a>) und fand sich \u201elost in translation\u201c. Da war praktisch niemand, mit dem er sich nach der einsamen Arbeit am Schreibtisch irgendwie auf s\u00e4chsisch verst\u00e4ndigen konnte.<\/p>\n<p>Und einsam und abgelegen ist diese einstige Wohnst\u00e4tte <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gerhart_Hauptmann\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Gerhart Hauptmanns<\/a> sowieso. So abgelegen, dass es dort niemanden \u00fcberrascht, wenn man auf Bergwanderungen mal einem B\u00e4ren begegnet. Und so etwas hat Folgen, wie Reinecke im Nachwort erz\u00e4hlt. Denn auch Schriftsteller sind eigentlich gesellige Typen, selbst dann, wenn sie meist wieder nur mit anderen Schriftstellern zu tun haben.<\/p>\n<p>Wenn sie \u00fcber Wochen so ganz auf sich allein und ihr rumorendes Gehirn angewiesen sind, dann schaufelt das unterforderte Gehirn nat\u00fcrlich ganz existenzielle Fragen nach oben. Erst recht, wenn der Autor gerade seinen 50. Geburtstag gefeiert hat (oder auch nicht) und nun \u00fcber den Rest des Lebens nachdenkt. \u00dcber das, was da noch kommen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Die Aussicht tat wohl ein \u00dcbriges dazu: \u201eFriedhof mit Aussicht \u00fcber die Felder \/ kaum zwei Dutzend Gr\u00e4ber \/ sonst alles, was es braucht: Feldsteinmauer \/ B\u00e4ume, wie von Friedrich gemalt \u2026\u201c<\/p>\n<p>So viele Dinge \u2026<\/p>\n<p>Was kommt da noch? Was wird man selbst noch auf die Beine stellen? Und wann kommt der Tag, an dem ein Anderer <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bertram_Reinecke\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">den Wikipedia-Beitrag<\/a> vollendet und aus \u201eist\u201c ein \u201ewar\u201c macht?<\/p>\n<p>Und was hat man alles verpasst? Unterlassen? Nie gesehen? Ist die Wunschliste ans Erleben denn nicht nimmer noch ewig lang? \u201eEs gibt ja so viele Dinge, die du nicht gesehen hast: \/ Die sieben k\u00fcnischen D\u00f6rfer \/ die Gebeine der 1000 Jungfrauen zu K\u00f6ln \u2026\u201c Da f\u00e4llt ihm so manches ein. Man kann ja auch all die Seiten zu den deutschen Attraktionen im Weltkulturerbe aufrufen und allein schon beim Lesen das Gef\u00fchl bekommen: Da ist jeder touristische Firlefanz zum schutzw\u00fcrdigen Gut erkl\u00e4rt worden. Und eigentlich reizt einen nichts, aber auch gar nichts, da mal hinzufahren.<\/p>\n<p>Agnostiker bleibt Agnostiker. Und man sp\u00fcrt, wie seine Stimmung kippt, wie er regelrecht ungehalten ist bei dieser Beschau des ganzen halben Lebens, bei dem man selbst mit 50 nicht wei\u00df: Wo ist eigentlich wirklich die H\u00e4lfte? Ab wann ist es Zeit, sich Gedanken zu machen \u00fcber das Aufr\u00e4umen in den ganzen Sammlungen, die sich im Lauf des Lebens zu Hause abgelagert haben? Lauter Dinge, die einen einmal begeistert haben. Und nun sind sie staubige Erinnerungen, bei denen man nicht recht wei\u00df, warum sie einmal so wichtig schienen.<\/p>\n<p>Ein Skandal<\/p>\n<p>Im Grunde hat die Einsamkeit letztlich die Regie \u00fcbernommen und aus der Arbeit des Dichters mit seinen eigenen Fragmenten und den aus der Erinnerung gew\u00e4hlten Zitaten bekannter Kolleginnen und Kollegen der schreibenden Zunft ein Langgedicht zu formen.<\/p>\n<p>Angeregt durch Peter R\u00fchmkorfs \u201eMit den Jahren, Selbst III\/88\u201c. Es scheint sich geradezu angeboten zu haben, auch wenn der Ton, den Reinecke trifft, sein eigener ist, in vielen Ver\u00f6ffentlichungen und \u00dcbersetzungen schon ge\u00fcbt, bew\u00e4hrt, wie selbstverst\u00e4ndlich geworden. Changierend zwischen Abgekl\u00e4rtheit, ein wenig bitterer Ironie und der Selbstverst\u00e4ndlichkeit eines Dichters, der nicht davor zur\u00fcckschreckt, heiter scheiternd \u00fcber die eigene <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Obsoleszenz\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Obsoleszenz<\/a> nachzudenken.<\/p>\n<p>Das klingt, als h\u00e4tte er sich mit dem Zerbr\u00f6seln des eigenen Lebens abgefunden. Aber tats\u00e4chlich ist er ziemlich sauer. \u201eWas soll man den sagen \/ bei all dem Gequatsche, ach \/ dass ich vergehn soll wie ein Fingerschnippen \/ ist doch uns\u00e4glich \/ das fortschreitende Fortschreiten der Zeit \/ und Sterblichkeit ein Skandal \u2026\u201c<\/p>\n<p>Zu welchen Versen einen die Einsamkeit so treiben kann. Und zu welchen Ein- und Aussichten. Einige davon in die Vergangenheit mit all ihren Erwartungen und unausgesprochenen Anspr\u00fcchen, die man irgendwie nie erf\u00fcllen konnte. Oder wollte. Weil es einen \u2013 auch mit der Sprache \u2013 woanders hingezerrt hat. Vergangenheit also als Berg verpasster Chancen? Das k\u00f6nnte einen so richtig auf den Boden dr\u00fccken. Aber das ist Reineckes Ding nicht: \u201eAber damals, damals, damals zu sagen \/ ist nat\u00fcrlich auch eine M\u00f6glichkeit \/ seine Zeit rumzubringen \u2026\u201c Und richtig depressiv zu werden. Selbst beim Urlauben \u201ein einer anregenden Gegend\u201c.<\/p>\n<p>Sch\u00e4fchen einz\u00e4hlen<\/p>\n<p>Denn wo bleibt man da mit seiner Arbeit am Sprachwerk, wenn man sich auf einmal eingeklemmt f\u00fchlt zwischen damals und dem einsamen \u201eSch\u00e4fchen einz\u00e4hlen bis man hinwegsinkt\u201c? Es gibt nicht viele Dichter, die sich so dem Nachdenken \u00fcber die Verg\u00e4nglichkeit des eigenen Seins gewidmet haben. Und dann noch ein oszillierendes Langgedicht draus gemacht haben, mit Friedhofsbesuch und etlichen durchaus politischen Gedanken \u00fcber Unsterblichkeit und das Verschwinden eines gutwilligen Lesepublikums: \u201eAber mal im Ernst, heute ist man ja schon Optimist \/ wenn man hofft, dass \u00f6ffentliche B\u00fccherschr\u00e4nke \/ nicht bald verschwinden wie die Gottesh\u00e4user \u2026\u201c<\/p>\n<p>Denn das ist nun einmal die Resonanz f\u00fcr einen Autor: Dass es da drau\u00dfen noch Leute gibt, die sich Zeit nehmen zum Lesen, dass es \u00fcberhaupt noch Leute gibt, die wissen, was Literatur ist. Da wird es dann stellenweise sch\u00f6n zynisch und bitter. Wozu einen die Einsamkeit in Agnetendorf eben bringen kann, wenn man keinen hat, der einem beim Fr\u00fchst\u00fcck ein paar tr\u00f6stende Worte sagt. Oder einen auff\u00e4ngt, wenn man mit lauter Endlichkeitsgedanken vom verlassenen Friedhof zur\u00fcckkommt.<\/p>\n<p>Um dann am Schreibtisch wenigstens einen Trost zu finden: Dass das nicht das Ende sein muss. \u201eWas auch passiert \/ treu warten daheim die Hausschuh auf dich \/ und das abgestandene Wasser in der Leitung \u2026\u201c Manchmal will man gar nicht mehr vom Leben. Und manchmal ist genau das der Trost, der einen \u00fcber Wasser h\u00e4lt.<\/p>\n<p><strong>Bertram Reinecke \u201eMit den Jahren. Selbst 10 \/ 24\u201c<\/strong>, Moloko Print, Sch\u00f6nebeck 2025.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Eigentlich sind Autoren happy, wenn sie ein Stipendium bekommen und als Writer in Residence ein paar Monate aussteigen&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":833979,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1832],"tags":[3364,29,32215,30,71,2879,1803,859],"class_list":["post-833978","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-leipzig","tag-de","tag-deutschland","tag-gedicht","tag-germany","tag-leipzig","tag-lyrik","tag-rezension","tag-sachsen"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116152113860103486","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/833978","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=833978"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/833978\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/833979"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=833978"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=833978"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=833978"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}