{"id":83689,"date":"2025-05-04T12:27:16","date_gmt":"2025-05-04T12:27:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/83689\/"},"modified":"2025-05-04T12:27:16","modified_gmt":"2025-05-04T12:27:16","slug":"frankreich-halbherzige-rehabilitierung-fuer-homosexuelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/83689\/","title":{"rendered":"Frankreich: halbherzige Rehabilitierung f\u00fcr Homosexuelle?"},"content":{"rendered":"<p class=\"lead\"><strong>Frankreich ringt mit seiner Vergangenheit: Jahrzehntelang wurden homosexuelle Menschen strafrechtlich verfolgt \u2013 nun soll eine neue Gesetzesinitiative Abhilfe schaffen. Ein Vorschlag, der derzeit im Parlament debattiert wird, sieht symbolische Anerkennung und finanzielle Entsch\u00e4digung f\u00fcr Betroffene vor. Doch w\u00e4hrend viele die historische Geste begr\u00fc\u00dfen, entz\u00fcndet sich der politische Streit an der Frage: Was ist eine faire Wiedergutmachung \u2013 und wer hat Anspruch darauf?<\/strong><\/p>\n<p>Diskriminierende Gesetzgebung von 1942 bis 1982<\/p>\n<p>Der Gesetzentwurf erkennt die systematische Diskriminierung homosexueller Menschen durch den franz\u00f6sischen Staat an. Zwei zentrale Paragrafen des damaligen Strafgesetzbuchs stehen dabei im Fokus: Zum einen ein Artikel, der ein h\u00f6heres Mindestalter f\u00fcr einvernehmliche sexuelle Beziehungen zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern festlegte als f\u00fcr heterosexuelle Paare \u2013 ein sogenanntes \u201eSonder-Schutzalter\u201c. Zum anderen ein Paragraf, der sogenannte \u201e\u00f6ffentliche Unzucht\u201c besonders streng ahndete, wenn sie zwischen zwei Personen gleichen Geschlechts stattfand.<\/p>\n<p>Zwischen 1942 und 1982 wurden rund 10.000 Menschen aufgrund dieser Schutzaltersregelung verurteilt, etwa 40.000 wegen angeblicher \u201ehomosexueller Unzucht\u201c, wie der Soziologe R\u00e9gis Schlagdenhauffen vom \u00c9cole des hautes \u00e9tudes en sciences sociales (EHESS) erkl\u00e4rt. Viele Betroffene litten ein Leben lang unter den Folgen \u2013 sozialer Ausschluss, berufliche Nachteile, psychische Belastungen.<\/p>\n<p>Symbolische Geste oder konkrete Wiedergutmachung?<\/p>\n<p>Herzst\u00fcck des Gesetzesentwurfs ist die Einrichtung einer unabh\u00e4ngigen Kommission. Diese soll Betroffenen pauschal 10.000 Euro zusprechen, erg\u00e4nzt um 150 Euro f\u00fcr jeden Tag der Freiheitsentziehung. W\u00e4hrend die Nationalversammlung diese finanzielle Komponente wieder eingef\u00fchrt hatte, lehnten sie die Senator*innen in erster Lesung unter Verweis auf juristische H\u00fcrden ab.<\/p>\n<p>Der sozialistische Senator Hussein Bourgi, Initiator des Vorhabens, kritisiert diese Haltung als \u201esymbolische Gewalt\u201c. Er verweist auf andere Opfergruppen, wie die Harkis \u2013 ehemalige muslimische Hilfssoldaten aus Algerien \u2013, denen Frankreich ebenfalls finanzielle Entsch\u00e4digungen gew\u00e4hrt habe.<\/p>\n<p>Laut Bourgi haben sich bislang nur wenige direkt Betroffene bei ihm gemeldet \u2013 viele seien sehr alt, andere wollten das schmerzhafte Kapitel nicht mehr aufrollen. Die meisten Opfer sind bereits verstorben.<\/p>\n<p>Blick \u00fcber die Grenzen<\/p>\n<p>Frankreich kommt mit diesem Vorsto\u00df sp\u00e4t, wie Historiker Antoine Idier betont. L\u00e4nder wie Deutschland oder Kanada haben l\u00e4ngst gesetzliche Rehabilitierungen verabschiedet, begleitet von Entsch\u00e4digungen und gezielter F\u00f6rderung von Forschung und Gedenkkultur im LGBTIQ*-Bereich.<\/p>\n<p>Die Zahl potenziell Anspruchsberechtigter in Frankreich d\u00fcrfte zwischen 200 und 400 liegen \u2013 so die Sch\u00e4tzungen aus der Parlamentsdebatte im M\u00e4rz 2024, orientiert an Erfahrungswerten aus Spanien und Deutschland.<\/p>\n<p>Gemischte Reaktionen aus der Community<\/p>\n<p>Queere Verb\u00e4nde begr\u00fc\u00dfen die Gesetzesinitiative grunds\u00e4tzlich. St\u00e9phane Corbin vom LGBTIQ*-Zentrum in Angers betont die Wichtigkeit des Erinnerns und der Pr\u00e4vention. Auch Terrence Khatchadourian von\u00a0Stop Homophobie\u00a0spricht von einem \u201eAkt historischer Verantwortung\u201c \u2013 kritisiert dennoch die Begrenzung des Gesetzes auf bestimmte Zeitr\u00e4ume und Formen der Repression. Viele Opfer, etwa vor 1942 oder solche, die von Polizei oder Psychiatrie verfolgt wurden, blieben ausgeschlossen.<\/p>\n<p>Francis Carrier von\u00a0Grey Pride\u00a0begr\u00fc\u00dft zwar den Entwurf, fordert aber zus\u00e4tzlich konkrete Ma\u00dfnahmen gegen gegenw\u00e4rtige Diskriminierung \u00e4lterer LGBTIQ*-Personen: \u201eWir m\u00fcssen uns um das k\u00fcmmern, was heute passiert\u201c, sagt er. *Quelle: AFP<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Frankreich ringt mit seiner Vergangenheit: Jahrzehntelang wurden homosexuelle Menschen strafrechtlich verfolgt \u2013 nun soll eine neue Gesetzesinitiative Abhilfe&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":83690,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3974],"tags":[331,332,2650,13373,548,663,3934,3980,156,13,7175,29888,14,15,16,7014,12],"class_list":{"0":"post-83689","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-frankreich","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-diskriminierung","11":"tag-entschaedigung","12":"tag-eu","13":"tag-europa","14":"tag-europe","15":"tag-france","16":"tag-frankreich","17":"tag-headlines","18":"tag-homosexualitaet","19":"tag-lgbtiq","20":"tag-nachrichten","21":"tag-news","22":"tag-politik","23":"tag-redaktion","24":"tag-schlagzeilen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114449563184253992","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/83689","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=83689"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/83689\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/83690"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=83689"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=83689"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=83689"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}