{"id":846280,"date":"2026-03-06T00:08:17","date_gmt":"2026-03-06T00:08:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/846280\/"},"modified":"2026-03-06T00:08:17","modified_gmt":"2026-03-06T00:08:17","slug":"die-augsburger-antwort-engagement-statt-quote","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/846280\/","title":{"rendered":"Die Augsburger Antwort: Engagement statt Quote"},"content":{"rendered":"<p>  <a href=\"https:\/\/www.daz-augsburg.de\/die-augsburger-antwort-engagement-statt-quote\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Die Augsburger Antwort: Engagement statt Quote<\/a><\/p>\n<p><strong>In der Diskussion, die sich an <a href=\"https:\/\/www.daz-augsburg.de\/die-kraft-der-hoffnung-gegen-den-wahnsinn-der-welt\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Heribert Prantls Vortrag am 4.\u00a0M\u00e4rz 2026<\/a> im Augustanasaal anschloss, stellte der Augsburger Stadtrat Serdar Ak\u0131n eine Frage, die wie ein Echo auf den Vortrag wirkte und zugleich eine sehr konkrete lokale Wirklichkeit ber\u00fchrte: Wie kann es sein, dass nahezu die H\u00e4lfte der Augsburger Stadt\u00adgesellschaft \u2013 jene mit Migrations\u00adbiografie \u2013 im Stadtrat kaum sichtbar repr\u00e4sentiert ist?<\/strong><\/p>\n<p>Kommentar von Sait I\u00e7boyun<\/p>\n<p>Die Frage verweist auf eine reale demokratische Spannung. Augsburg ist eine Stadt bemerkenswerter Vielfalt. Menschen aus mehr als 170\u00a0Nationen leben hier zusammen, arbeiten, gr\u00fcnden Familien und gestalten das urbane Leben. Doch diese Vielfalt spiegelt sich in den politischen Gremien bislang nur begrenzt wider.<\/p>\n<p>Reflexartig taucht in solchen Momenten ein Vorschlag auf, der zun\u00e4chst plausibel klingt: die Forderung nach einer Migrantenquote. Doch wenn man die Gedanken Prantls ernst nimmt, f\u00fchrt dieser Weg in eine Sackgasse. Eine Quote w\u00e4re letztlich nichts anderes als die Verwaltung von Herkunft \u2013 eine Art biographische Buchhaltung. In einer Stadt von der radikalen Heterogenit\u00e4t Augsburgs f\u00fchrt dieser Ansatz zudem in ein logisches Paradox. Wer w\u00e4re \u201eder\u201c Repr\u00e4sentant dieser Vielfalt? Welche Herkunft sollte welchen Sitz im Stadtrat beanspruchen?<\/p>\n<p>Beginnen wir, die sechzig Sitze im Rathaus nach Abstammung oder kulturellem Hintergrund zu kontingen\u00adtieren, verwandeln wir B\u00fcrger in statistische Kategorien. Wir verwalten dann Unterschiede, statt Gemeinsamkeit zu erm\u00f6glichen. Gerade hier wird der humanistische Kern von Prantls Argument sichtbar. Wenn die W\u00fcrde des Menschen unantastbar ist, dann steht der Mensch als freies Subjekt im Mittelpunkt \u2013 nicht seine ethnische Zuschreibung. Eine Demokratie, die Repr\u00e4\u00adsentation prim\u00e4r \u00fcber Herkunft organisiert, l\u00e4uft Gefahr, genau jene Trennlinien zu verfestigen, die sie eigentlich \u00fcberwinden m\u00f6chte.<\/p>\n<p><strong>Das eigentliche Problem liegt tiefer<\/strong><\/p>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"400\" height=\"400\" aria-describedby=\"caption-attachment-103322\" class=\"wp-image-103322 size-medium\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns=\" http:=\"\" alt=\"\" data-lazy- data-lazy- data-lazy-src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Screenshot_20260305_233025_com_android_chrome_ChromeTabbedActivity-400x400.jpg\"\/><\/p>\n<p id=\"caption-attachment-103322\" class=\"wp-caption-text\">Heribert Prantl im Augustanasaal (Foto: Marko Petz)<\/p>\n<p>Die Repr\u00e4sentations\u00adl\u00fccke ist weniger eine Frage feh\u00adlen\u00adder Quoten als eine Frage feh\u00adlen\u00adder Teil\u00adhabe\u00adchancen. Wer Zugang zu Bil\u00addung, Netz\u00adwerken und ge\u00adsell\u00adschaft\u00adlichen Res\u00adsour\u00adcen hat, findet leich\u00adter den Weg in poli\u00adti\u00adsche Ver\u00adant\u00adwor\u00adtung. Wer diese Zu\u00adg\u00e4nge nicht be\u00adsitzt, bleibt oft au\u00dfen vor. Die ent\u00adschei\u00adden\u00adde Aufgabe einer demo\u00adkra\u00adtischen Ge\u00adsell\u00adschaft be\u00adsteht des\u00adhalb darin, genau hier anzu\u00adsetzen.<\/p>\n<p>Heribert Prantl beschrieb den Sozial\u00adstaat als \u201eSchick\u00adsals\u00adkor\u00adrektur\u201c. Das Leben be\u00adginne nicht ge\u00adrecht. Man\u00adche Kinder wach\u00adsen mit Sicher\u00adheit, F\u00f6r\u00adde\u00adrung und Selbst\u00ad\u00adver\u00adtrauen auf. Andere star\u00adten unter Be\u00addin\u00adgungen, die ihre M\u00f6g\u00adlich\u00ad\u00adkeiten be\u00adgren\u00adzen, bevor sie \u00fcber\u00adhaupt sicht\u00adbar werden. Wahre Schick\u00adsals\u00adkor\u00adrek\u00adtur be\u00addeutet des\u00adhalb nicht, Sitze nach Her\u00adkunft zu ver\u00adteilen. Sie be\u00addeutet, Barri\u00aderen abzu\u00adbauen \u2013 im Bil\u00addungs\u00adsystem, in In\u00adstitu\u00adtionen und nicht zuletzt in den K\u00f6pfen.<\/p>\n<p><strong>Politische Teilhabe beginnt mit Bef\u00e4higung<\/strong><\/p>\n<p>Ein Stadtratsmandat ist kein Symbolplatz und kein Identit\u00e4ts\u00admarker. Es ist vor allem ein Opfer der Zeit. Wer ein solches Amt \u00fcbernimmt, verbringt Abende in Aussch\u00fcssen, arbeitet sich durch Verwaltungs\u00adakten, ringt um Haushalts\u00adzahlen und versucht, zwischen wider\u00adstreitenden Interessen L\u00f6sungen zu finden. Dieses Engagement verlangt Geduld, Ausdauer und eine tiefe Bindung an die Stadt. Und dieses Brennen kennt keine Herkunft.<\/p>\n<p>Es darf keinen Unterschied machen, ob jemand Hans oder Hassan hei\u00dft, ob eine junge Frau Zoe oder Thang gerufen wird. Entscheidend ist nicht der Stammbaum, sondern die Bereit\u00adschaft, Verant\u00adwortung zu \u00fcbernehmen. Demokratie lebt nicht von statistischer Repr\u00e4sen\u00adtation allein. Sie lebt von Menschen, die bereit sind, ihre Zeit, ihre Energie und ihre Leidenschaft in das Gemeinwesen einzubringen.<\/p>\n<p>Gerade in Augsburg zeigt sich, dass dieses Engagement vorhanden ist. Viele Menschen kandidieren bei den kommenden Kommunal\u00adwahlen \u2013 Frauen und M\u00e4nner, Alt\u00adein\u00adge\u00adsessene und Zuge\u00adwanderte, Menschen mit unter\u00adschied\u00adlichsten Lebens\u00adgeschichten. Das ist ein gutes Zeichen. Es zeigt, dass es ein echtes Interesse gibt, diese Stadt mitzugestalten. Doch politische Verantwortung sollte niemals um des Mandats willen gesucht werden. Sie sollte aus der Sache heraus entstehen.<\/p>\n<p>Wenn jemand den Platz in einem Parlament freimacht, dann nicht f\u00fcr eine statistische Kategorie \u2013 sondern f\u00fcr einen wachen, streitbaren Demokraten. F\u00fcr jemanden, der bereit ist, sich mit allen Fasern einzubringen, der Debatten nicht scheut, der organisiert, \u00fcberzeugt und Verantwortung tr\u00e4gt. Ob dieser Mensch Maximilian hei\u00dft, Mihaylov oder Anton, ist dabei zweitrangig. Entscheidend ist etwas anderes: die innere Bindung an die freiheitlich-demokratische Ordnung. Migration allein garantiert keine demokratische Haltung \u2013 so wenig wie Herkunft aus der Mehrheits\u00adgesellschaft sie automatisch hervorbringt. Demokratie ist kein bio\u00adlogisches Merkmal. Sie ist eine politische Kultur, die gelernt, gelebt und verteidigt werden muss.<\/p>\n<p><strong>Augsburg muss seinen eigenen Weg finden<\/strong><\/p>\n<p>Der Geist des Grundgesetzes \u2013 Freiheit, W\u00fcrde, Ver\u00adant\u00adwor\u00adtung \u2013 ist kein Erbe, das sich von selbst weiter\u00adtr\u00e4gt. Er lebt nur dort, wo Menschen ihn aktiv gestalten. Augsburg muss deshalb seinen eigenen Weg finden. Nicht \u00fcber ethnische Zuweisungen von Sitzen, sondern \u00fcber die St\u00e4rkung einer aktiven Stadt\u00adgesellschaft. Eine Gesellschaft, in der m\u00f6glichst viele Menschen ermutigt werden, sich einzubringen \u2013 in Vereinen, Initiativen, Parteien und \u00f6ffentlichen Debatten. Denn aus dieser lebendigen Zivil\u00adgesellschaft entstehen am Ende auch gute Kommunal\u00adpolitiker.<\/p>\n<p>Vier Tage vor den Kommunalwahlen am 8.\u00a0M\u00e4rz gewinnt diese Frage eine besondere Bedeutung. Demokratie entscheidet sich nicht nur in gro\u00dfen historischen Momenten. Sie entscheidet sich auch an lokalen Wahlurnen. Die Repr\u00e4\u00adsentationsl\u00fccke im Augsburger Stadtrat ist deshalb kein Zeichen des Scheiterns der Demokratie. Sie ist ein Hinweis auf eine Aufgabe, die noch vor uns liegt.<\/p>\n<p>Heribert Prantl erinnerte in seinem Vortrag an das Bild des Apfel\u00adb\u00e4umchens, das nach dem Zweiten Weltkrieg trotz Tr\u00fcmmern und Hunger gepflanzt wurde. Dieses Bild ist heute aktueller denn je. Hoffnung bedeutet nicht, die Probleme zu \u00fcbersehen. Hoffnung bedeutet, trotz der Risse weiter zu bauen. Auch in Augsburg.<\/p>\n<p>Denn am Ende entscheidet nicht der Stammbaum \u00fcber die Zukunft einer Stadt \u2013 sondern der Wille ihrer B\u00fcrger, sie gemeinsam zu gestalten. Dieser Wille zeigt sich nicht in Quoten oder Kategorien, sondern im t\u00e4glichen Engagement: Tag f\u00fcr Tag, Stunde f\u00fcr Stunde, in Aussch\u00fcssen, Vereinen, Initiativen, im Gespr\u00e4ch mit Nachbarn, beim Organisieren, beim Streiten um bessere L\u00f6sungen und beim Anpacken.<\/p>\n<p>Menschen wie Serdar, Eva, Martina, Florian, Elisabeth, Bruno \u2013 oder Fr\u00e9d\u00e9ric Zucco, der als Vorsitzender des Integra\u00adtions\u00adbeirats die Interessen von Menschen mit Migrations\u00adgeschichte vertritt \u2013 stehen hier sichtbar als Repr\u00e4sen\u00adtanten. Doch sie handeln im Namen Hunderter, Tausender anderer in Augsburg, die im Verborgenen ihre Zeit, ihre Kraft und ihr Herz in die Stadt\u00adgesellschaft investieren.<\/p>\n<p>Es sind diese Menschen, sichtbar und unsichtbar, die Demokratie lebendig halten, die Risse in der Gesellschaft nicht als Ende, sondern als Chance begreifen, und die aus Verantwortung, Leidenschaft und Solidarit\u00e4t die Zukunft Augsburgs formen. Eine Quote? Nein. Einsatz.<\/p>\n<p>    Artikel vom<br \/>\n    <a href=\"https:\/\/www.daz-augsburg.de\/?m=20260306\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><br \/>\n      06.03.2026    <\/a><br \/>\n    | Autor: Gastbeitrag<br \/>Rubrik: <a href=\"https:\/\/www.daz-augsburg.de\/rubrik\/gastkommentar\/\" rel=\"category tag nofollow noopener\" target=\"_blank\">Gastkommentar<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.daz-augsburg.de\/rubrik\/gesellschaft\/\" rel=\"category tag nofollow noopener\" target=\"_blank\">Gesellschaft<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.daz-augsburg.de\/rubrik\/vermischtes\/vortrag\/\" rel=\"category tag nofollow noopener\" target=\"_blank\">Vortrag<\/a>  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Augsburger Antwort: Engagement statt Quote In der Diskussion, die sich an Heribert Prantls Vortrag am 4.\u00a0M\u00e4rz 2026&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":846281,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1846],"tags":[680,772,3364,29,548,663,3934,30,13,14,15,12],"class_list":{"0":"post-846280","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-augsburg","8":"tag-augsburg","9":"tag-bayern","10":"tag-de","11":"tag-deutschland","12":"tag-eu","13":"tag-europa","14":"tag-europe","15":"tag-germany","16":"tag-headlines","17":"tag-nachrichten","18":"tag-news","19":"tag-schlagzeilen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116179324416284642","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/846280","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=846280"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/846280\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/846281"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=846280"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=846280"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=846280"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}