{"id":846367,"date":"2026-03-06T00:58:13","date_gmt":"2026-03-06T00:58:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/846367\/"},"modified":"2026-03-06T00:58:13","modified_gmt":"2026-03-06T00:58:13","slug":"gemeinsam-bauen-in-muenchen-kooperation-statt-konkurrenz-immobilien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/846367\/","title":{"rendered":"Gemeinsam bauen in M\u00fcnchen: Kooperation statt Konkurrenz | Immobilien"},"content":{"rendered":"<p>Die Wohnbaugenossenschaft Wagnis eG und die Wohnungsgenossenschaft M\u00fcnchen-West eG haben sich zusammengetan und schufen gemeinsam bezahlbaren Wohnraum: ein seltenes, zukunftsweisendes Projekt. Wie sind sie vorgegangen und welche Lehren haben sie ziehen k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Im M\u00fcnchner Westen \u2013 auf halbem Weg zum Allg\u00e4u \u2013 entsteht auf 350 Hektar der neue Stadtteil Freiham, der k\u00fcnftig 25.000 Menschen ein Zuhause bieten soll. Die beiden Wohnungsgenossenschaften M\u00fcnchen-West eG und Wagnis eG bauten gemeinsam 134 Wohnungen (siehe Infokasten Seite 52). Wie das Konsortium entstand und was die Kooperation der beiden Genossenschaften so besonders macht, erkl\u00e4ren\u00a0Rut-Maria Gollan, Mitglied des Vorstands der Wagnis eG, und Thomas Schimmel, gesch\u00e4ftsf\u00fchrender Vorstand der M\u00fcnchen-West eG.<\/p>\n<p><strong>Frau Gollan, Sie leiten die 2000 gegr\u00fcndete Genossenschaft Wagnis eG. Herr Schimmel, Sie stehen der \u00fcber 100 Jahre alten Wohnungsgenossenschaft M\u00fcnchen-West vor. Dass zwei Genossenschaften gemeinsam ein Projekt entwickeln, ist selten. Wie kam es zur Zusammenarbeit?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Thomas Schimmel:<\/strong> Beide Genossenschaften hatten die Idee, in Freiham Wohnraum zu schaffen. In M\u00fcnchen werden f\u00fcr Genossenschaften Grundst\u00fccke in Konzeptvergabeverfahren ausgeschrieben. Schnell erkannten wir, dass wir dort einen neuen Standort schaffen k\u00f6nnen. Um unsere genossenschaftlichen Konzepte sinnvoll umzusetzen, ist eine gewisse Mindestzahl an Wohnungen erforderlich.<\/p>\n<p>Also \u00fcberlegten wir: Sollten wir konkurrieren oder gemeinsam ein Projekt realisieren? Es war ein praktischer Ansatz, bei dem es darum ging, wie wir etwas Gemeinsames schaffen k\u00f6nnen, ohne dass einer gewinnt und der andere verliert.<\/p>\n<p><strong>Rut-Maria Gollan:<\/strong> Ich glaube, beide Genossenschaften fanden es reizvoll, genau mit diesem Partner zusammenzuarbeiten. Wir als junge Genossenschaft waren beim Bau unseres siebten Projekts und begannen, eine Bestandsverwaltung aufzubauen.<\/p>\n<p>Umgekehrt war es f\u00fcr die M\u00fcnchen-West eG spannend, mit einer Genossenschaft zusammenzuarbeiten, die Pioniergeist mitbringt, Erfahrung in Partizipation hat und durch ihre gr\u00fcndungsnahen Strukturen unmittelbare Beteiligung und Selbstverwaltung lebt. Es bot sich die Chance, dieses Potenzial neu zu entdecken.\u00a0<\/p>\n<p><strong>Warum haben Sie sich f\u00fcr die Konsortialform entschieden?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Schimmel:<\/strong> Wir wollten ein Gemeinschaftsprojekt schaffen, das auch in Zukunft Bestand hat. Wir wollten es nicht einfach real teilen. Nicht der eine links und der andere rechts, wie es klassischerweise gemacht wird. Stattdessen entschieden wir uns bewusst f\u00fcr eine dauerhafte Zusammenarbeit zwischen den beiden Genossenschaften. Das hei\u00dft, wir haben die Wohnungen einerseits blockweise zusammengelassen, haben aber andererseits in den Typologien gemischt.<\/p>\n<p>Das Besondere daran ist \u2013 und das zeigt sich im gegenseitigen Wunsch und Vertrauen \u2013, dass wir eine Wohneigentumsanlage daraus gemacht haben, die zwei gleichberechtigte Eigent\u00fcmerinnen hat. Die Wagnis eG und die M\u00fcnchen-West eG. Bei Wohnungseigentum ist es normalerweise so, dass, wenn ich mehr Anteile oder mehr Wohnungen besitze, ich ein h\u00f6heres Stimmrecht habe. Das haben wir ausgehebelt. Unabh\u00e4ngig von der Wohnungszahl haben beide Genossenschaften das gleiche Stimmrecht.<\/p>\n<p>Uns war wichtig, eine Struktur zu schaffen, die personenunabh\u00e4ngig funktioniert. Egal, was in der Genossenschaft passiert \u2013 dieses System und dieser Geist sollen fortbestehen.<\/p>\n<p>Aufgabenverteilung und gemeinsame Projektsteuerung<\/p>\n<p><strong>Wie haben Sie Aufgaben, Verantwortung und Ressourcen verteilt?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Gollan:<\/strong> Beide Genossenschaften haben ihre Expertise und Erfahrungen mit ihren jeweiligen Projektleitungen eingebracht. Und geb\u00fcndelt haben wir es mit einer gemeinsamen Projektsteuerung durch die Wagnis eG. Auch die Partizipation haben wir angeleitet. Aber beide Vorstandsgremien waren von Anfang an eng involviert und die Basis f\u00fcr das Projekt.<\/p>\n<p><strong>Welche Entscheidungswege haben Sie etabliert?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Gollan:<\/strong> Bestimmte Fragestellungen entschieden wir immer gemeinsam: An welcher Stelle lassen wir einfach los? Wann \u00fcbergeben wir sie an die Baugruppe, damit die k\u00fcnftigen Bewohnenden selbst entscheiden? Welche Entscheidungen bleiben beim Vorstand? Wo hat die Genossenschaft Standards und Routinen entwickelt, die wir respektieren sollten? Wann wagen wir Ausnahmen, neue Wege, Experimente? Im Ringen um einen klugen Weg griffen wir auf Referenzen und Erfahrungen beider Genossenschaften zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Der unsch\u00e4tzbare Wert des genossenschaftlichen Bauens liegt darin, dass wir nicht nur Geb\u00e4ude errichten, sondern auch wissen, wie sich das Wohnen und Bewirtschaften bew\u00e4hrt. Das Wichtige ist, dass die meisten Punkte reibungslos durchgingen, weil wir Erfahrungen und Pr\u00e4missen teilen. Bei der Wagnis eG geht es nicht um die Individualisierung der eigenen Wohnung. Die soll f\u00fcr die zweite, dritte und vierte Generation genauso funktionieren. Es geht um das Gemeinschaftliche, das allen, dem Quartier und der \u00d6ffentlichkeit, zugutekommt. Hier sind wir nah beieinander.<\/p>\n<p>Zur Frage, wie man eine Dauerhaftigkeit und gute Strukturen im Wohnen schafft, sind unsere Erfahrungen in den meisten F\u00e4llen deckungsgleich.<\/p>\n<p><strong>Gab es konzeptionelle oder bauliche Leitlinien, die Ihr Projekt besonders gepr\u00e4gt haben?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Gollan: <\/strong>Zun\u00e4chst standen wir mit der Grundst\u00fcckszusage bei der Stadt und beantragten, den Bebauungsplan anders zu denken. Das war der erste Schritt. Aus der Erfahrung der Genossenschaften zogen wir einige Punkte, die heute oft im Kontext mit dem Geb\u00e4udetyp E diskutiert werden. Wir verzichteten gro\u00dfteils auf eine Unterkellerung und private Balkone und griffen verschiedene, innovative Ans\u00e4tze auf.<\/p>\n<p>Besonders im Au\u00dfenbereich setzten wir auf Re-Use-Materialien. In verschiedenen Wegen haben wir gepr\u00fcft, ob in Teilen ein vollst\u00e4ndiger Holzbau m\u00f6glich w\u00e4re. Ein weiterer Punkt war das hohe Ma\u00df an Vorfertigung im Bauprozess. Doch die eigentliche Innovation liegt im Re-Use-Thema. Das ist etwas, das noch viel Pioniergeist braucht. Ich bin dankbar, dass beide Genossenschaften diesen gro\u00dfen Schritt geschafft haben.<\/p>\n<p>Neue Wege f\u00fcr bezahlbaren Wohnraum<\/p>\n<p><strong>Welchen Mehrwert schafft die Kooperation aus Ihrer Sicht?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Gollan:<\/strong> Gemeinsam haben wir etwas geschaffen, das keine Genossenschaft alleine erreicht h\u00e4tte. Ich bin ein Fan davon, weil es uns gelingt, nicht den kleinsten gemeinsamen Nenner zu suchen, sondern etwas Neues zu finden und einen Mehrwert zu schaffen. \u00dcber dieses Projekt hinaus r\u00fcsten wir uns f\u00fcr die komplexe gesellschaftliche Aufgabe des Wohnens. Und wir werden sie nur in Kooperationen l\u00f6sen. Viele Aufgaben lassen sich nicht auf einem Baufeld regeln; wir m\u00fcssen dieses Miteinander lernen und wir m\u00fcssen diese Wertsch\u00e4tzung f\u00fcreinander haben.\u00a0<\/p>\n<p>Zwei Genossenschaften, auch aus unterschiedlichen Generationen, k\u00f6nnen in die Koalition gehen, ohne in Konkurrenz zu treten. Dass es \u00fcberhaupt zu dieser Kooperation gekommen ist, liegt daran, dass in M\u00fcnchen, etwa durch die GIMA (Genossenschaftliche Immobilienagentur M\u00fcnchen eG), seit Jahren Vernetzung und gemeinsames Lernen gef\u00f6rdert werden.<\/p>\n<p>Es geht \u00fcber die reine Genossenschaftsszene hinaus und ist von unsch\u00e4tzbarem Wert. Wir haben uns in Freiham bem\u00fcht, mit anderen Bauherren zusammen Themen zu adressieren und mit der Stadt zusammenzudenken. Solche Kooperationen sind Motoren, die wir f\u00fcr die Zukunft brauchen.<\/p>\n<p>Tipps f\u00fcr andere Wohnungsunternehmen: Mut zur Zusammenarbeit<\/p>\n<p><strong>Was sind die wichtigsten Erkenntnisse aus dieser Zusammenarbeit, die Sie aus dem Projekt mitnehmen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Schimmel:<\/strong> Wir fanden schnell Konsens auf Gremienebenen, das Projekt umzusetzen. L\u00e4nger dauerte es auf Mitarbeiterebene, die ihre Routinen durchbrechen musste. Wir haben mit der Wagnis eG jetzt einen Partner und treffen an bestimmten Punkten andere Entscheidungen. Der \u00dcbergang zwischen Bauabteilung und Bewirtschaftung war eine weitere H\u00fcrde, die wir nun anders handhaben. Wir haben bewusst etwas Neues ausprobiert. Unser klassischer Hausmeister konnte die Betreuung nicht \u00fcbernehmen, was wir anpassen mussten. Ich hatte mir das an vielen Stellen leichter vorgestellt.<\/p>\n<p>Dieses Innovationsfeuer \u2013 etwas Neues zu schaffen \u2013 war anfangs schwer zu entfachen. Auch unsere Mitglieder waren skeptisch, obwohl sie es immer eingefordert hatten. Jetzt, da das Projekt steht und seine Qualit\u00e4ten sichtbar sind, hat sich die Einstellung komplett gewandelt. Das bedeutet, viele Menschen konnten sich anfangs schwer vorstellen, was daraus werden soll. Und jetzt haben wir ein Musterbeispiel.<\/p>\n<p><strong>Welchen Rat w\u00fcrden Sie anderen Wohnungsunternehmen geben, die einen \u00e4hnlichen Weg einschlagen m\u00f6chten?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Schimmel: <\/strong>Man muss es einfach wagen. Seien Sie offen f\u00fcr neue Ideen und Ans\u00e4tze. Spannend ist, was in der eigenen Organisation passiert und was man daraus lernt. Diese Erfahrungen \u00fcbertragen sich automatisch auf andere Projekte. Es ist sch\u00f6n zu sehen, denn die Ergebnisse \u00fcberzeugen, wenn es funktioniert.<\/p>\n<p>R\u00fcckblickend sind wir manchmal naiv an Dinge herangegangen, aber genau das hat uns geholfen. Wir haben gesagt: \u201eDas klingt gut, das hat Potenzial, das schaffen wir.\u201c Und Fairness ist entscheidend. Bei der Verteilung der Wohnungen und Gewerbeeinheiten war das wichtig. Nicht jede Lage ist gleich. Wenn jeder nur das Beste f\u00fcr sich will, scheitert das Projekt. Man muss kompromissbereit sein und L\u00f6sungen finden. Es geht um die Haltung, mit der man ein Projekt angeht.<\/p>\n<p><strong>K\u00f6nnen Sie sich vorstellen, erneut ein gemeinsames Projekt zu realisieren?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Schimmel:<\/strong> Ja.<\/p>\n<p><strong>Gollan:<\/strong> Definitiv ja. Und am Projekt \u201eWagnisWEST\u201c wachsen wir stetig zusammen weiter.<\/p>\n<p><strong>Vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/strong><br \/>Das Interview f\u00fchrte Maja Mijatovi\u0107.<\/p>\n<p>Das ist ein Beitrag ist aus der Ausgabe 03\/2026 des Fachmagazins &#8222;DW Die Wohnungswirtschaft&#8220;.\u00a0<a href=\"https:\/\/shop.haufe.de\/prod\/dw-die-wohnungswirtschaft\" title=\"Zeitschrift: Wohnungswirtschaft abonnieren - Haufe Shop\" class=\"link-external\" data-econda-campaign=\"Portale\/Magazinlink\/Wohnungswirtschaft\/43594\/03053872\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p>            Sichern Sie sich den vollen Zugang \u00fcber den Shop.<\/a><\/p>\n<p><strong>Das k\u00f6nnte Sie auch interessieren:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.haufe.de\/immobilien\/zeitschrift\/wohnungswirtschaft\/die-wohnungswirtschaft-ausgabe-122025-wohnungswirtschaft\/kooperationen-partnerschaft-auf-augenhoehe-669186.html\" title=\"Partnerschaft auf Augenh\u00f6he\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Partnerschaft auf Augenh\u00f6he<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Wohnbaugenossenschaft Wagnis eG und die Wohnungsgenossenschaft M\u00fcnchen-West eG haben sich zusammengetan und schufen gemeinsam bezahlbaren Wohnraum: ein&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":846368,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1827],"tags":[772,29,30,65183,1268,18250],"class_list":["post-846367","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-muenchen","tag-bayern","tag-deutschland","tag-germany","tag-immobilienwirtschaft","tag-muenchen","tag-wohnungswirtschaft"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116179521109144324","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/846367","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=846367"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/846367\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/846368"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=846367"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=846367"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=846367"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}