{"id":846423,"date":"2026-03-06T01:29:16","date_gmt":"2026-03-06T01:29:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/846423\/"},"modified":"2026-03-06T01:29:16","modified_gmt":"2026-03-06T01:29:16","slug":"die-kraft-der-hoffnung-gegen-den-wahnsinn-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/846423\/","title":{"rendered":"Die Kraft der Hoffnung gegen den Wahnsinn der Welt"},"content":{"rendered":"<p>  <a href=\"https:\/\/www.daz-augsburg.de\/die-kraft-der-hoffnung-gegen-den-wahnsinn-der-welt\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Die Kraft der Hoffnung gegen den Wahnsinn der Welt<\/a><\/p>\n<p><strong>Am 4. M\u00e4rz 2026 versammelte sich im Augustanasaal des Annahofs in Augsburg ein Publikum, das sp\u00fcrte: Es geht um mehr als eine gew\u00f6hnliche Vortragsveranstaltung. Das B\u00fcndnis f\u00fcr Menschenw\u00fcrde Augsburg \u2013 Schwaben e.V. hatte eingeladen, J\u00f6rn Seinsch moderierte den Abend, und Heribert Prantl sprach \u00fcber einen Satz, der wie eine Warnsirene durch die Geschichte hallt: \u201eWer in der Demokratie schl\u00e4ft, wacht in der Diktatur auf.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Von Sait I\u00e7boyun<\/p>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"1200\" height=\"799\" class=\"alignleft size-full wp-image-103324\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns=\" http:=\"\" alt=\"\" data-lazy- data-lazy- data-lazy-src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Screenshot_20260305_232542_com_android_chrome_ChromeTabbedActivity.jpg\"\/><\/p>\n<p>Heribert Prantl (links), Moderator J\u00f6rn Seinsch (Foto: Marko Petz)<\/p>\n<p>Was folgte, war kein n\u00fcchterner Vortrag, sondern eine leidenschaftliche Intervention in einer Zeit, in der die Gewissheiten der Nachkriegsordnung zu zerbr\u00f6ckeln scheinen. Prantl beschrieb die Gegenwart als eine Welt, die von einem \u201egigantischen Staubsauger\u201c erfasst werde \u2013 eine Metapher f\u00fcr die rasante Erosion politischer Sicherheiten. Die Pandemie, die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten, die globale Klimakrise, die R\u00fcckkehr autorit\u00e4rer Machtpolitik und die wachsende Instabilit\u00e4t der internationalen Ordnung h\u00e4tten ein Klima geschaffen, das an die gef\u00e4hrlichsten Momente des Kalten Krieges erinnere. Die Angst vor dem Einsatz von Atomwaffen sei zur\u00fcckgekehrt, sagte Prantl, und die Welt befinde sich heute in der gef\u00e4hrlichsten politischen Situation seit der Kubakrise von 1962. F\u00fcr ihn war das keine abstrakte historische Analogie. Er erinnerte sich an seine Kindheit in der Oberpfalz, als seine Mutter w\u00e4hrend jener Krise Vorr\u00e4te hortete, weil niemand wusste, ob die Welt in wenigen Tagen noch existieren w\u00fcrde. Diese Erinnerung, so Prantl, habe pl\u00f6tzlich wieder eine beklemmende Aktualit\u00e4t.<\/p>\n<p><strong>\u201e\u00dcberlasst die Welt nicht den Wahnsinnigen\u201c<\/strong><\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang zitierte er die fr\u00fchere Bundestagspr\u00e4sidentin Rita S\u00fcssmuth und ihren eindringlichen Appell: \u201e\u00dcberlasst die Welt nicht den Wahnsinnigen.\u201c Dieser Satz wurde zum moralischen Leitmotiv des Abends. Er richtete sich nicht nur gegen Autokraten in der Ferne, sondern auch gegen Gleichg\u00fcltigkeit und politische M\u00fcdigkeit in der Mitte der Gesellschaft.<\/p>\n<p>Das Zentrum von Prantls Argumentation bildete der erste Artikel des Grundgesetzes. Sein Blick richtete sich dabei auf ein unscheinbares Wort, das h\u00e4ufig \u00fcberh\u00f6rt wird: \u201eDie W\u00fcrde des Menschen ist unantastbar.\u201c Prantl verweilte bei dem kleinen Wort \u201edes\u201c. Darin liege die radikale Idee der europ\u00e4ischen Aufkl\u00e4rung. Im Grundgesetz stehe nicht die W\u00fcrde des Deutschen, nicht die W\u00fcrde des N\u00fctzlichen oder des Angepassten. Dort stehe schlicht die W\u00fcrde des Menschen. In dieser kleinen Silbe verdichte sich die universelle Idee des Humanismus \u2013 die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz, unabh\u00e4ngig von Herkunft, Religion oder Nutzen.<\/p>\n<p>Gerade deshalb werde dieser Satz heute wieder zu einem politischen Pr\u00fcfstein. Wenn politische Kr\u00e4fte versuchen, die Menschenw\u00fcrde ethnisch zu definieren oder bestimmte Gruppen aus dem Kreis der Gleichberechtigten auszuschlie\u00dfen, verlassen sie nach Prantls \u00dcberzeugung den Raum der Demokratie. Eine Partei, die Hass s\u00e4e und Rassismus zur politischen Methode mache, k\u00f6nne sich nicht l\u00e4nger auf die demokratische Ordnung berufen.<\/p>\n<p><strong>Das Grundgesetz ist keine naive Verfassung<\/strong><\/p>\n<p>Dabei erinnerte Prantl daran, dass das Grundgesetz aus der Erfahrung der nationalsozialistischen Katastrophe entstanden ist. Es sei keine naive Verfassung, sondern eine wehrhafte Ordnung, die Instrumente der Selbstverteidigung enth\u00e4lt. Besonders scharf kritisierte er deshalb das Z\u00f6gern der Politik im Umgang mit extremistischen Kr\u00e4ften. Dass bislang kein Verbotsantrag gegen die AfD gestellt worden sei, bezeichnete er als politische Unterlassung von erheblicher Tragweite. Gef\u00e4hrlich sei nicht der Antrag selbst \u2013 gef\u00e4hrlich sei es, ihn nicht zu stellen. Dabei berief er sich auf Carlo Schmid, einen der geistigen Architekten des Grundgesetzes, der einst vom \u201eMut zur Intoleranz gegen\u00fcber den Feinden der Freiheit\u201c sprach. Demokratie, so Prantl, m\u00fcsse nicht alles tolerieren. Die Freiheit der Demokratie beinhalte nicht die Freiheit, ihre eigenen Grundlagen zu zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p>Doch Prantls Vortrag war mehr als eine Analyse politischer Gefahren. Er war auch eine Erinnerung daran, dass Demokratie ohne soziale Gerechtigkeit nicht bestehen kann. In diesem Zusammenhang sprach er vom Sozialstaat als einer der gr\u00f6\u00dften europ\u00e4ischen Kulturleistungen. Seine Aufgabe beschrieb er mit einem Begriff, der im Saal lange nachklang: Schicksalskorrektur. Das Leben beginne nicht gerecht. Das Schicksal verteile Chancen willk\u00fcrlich. Manche Kinder wachsen in Sicherheit, Gesundheit und Wohlstand auf, andere beginnen ihr Leben unter Bedingungen, die ihnen kaum M\u00f6glichkeiten lassen. Prantl erz\u00e4hlte von Lebensgeschichten wie denen eines Fr\u00fchchens, eines Kindes aus einer drogenbelasteten Schwangerschaft oder eines Gefl\u00fcchteten, dessen Heimat durch Krieg zerst\u00f6rt wurde. Der Sozialstaat sei der Versuch einer Gesellschaft, diese Ungleichheiten nicht einfach hinzunehmen, sondern ihnen mit Solidarit\u00e4t zu begegnen. Er organisiere W\u00fcrde.<\/p>\n<p><strong>Demokratie ist ein Lebensprinzip<\/strong><\/p>\n<p>Immer wieder kehrte Prantl zu einer grundlegenden Einsicht zur\u00fcck: Demokratie ist kein technisches System und keine blo\u00dfe Ansammlung von Institutionen. Sie ist ein Lebensprinzip. Wahlen allein gen\u00fcgen nicht. Zwar nannte er Wahltage die \u201eGeburtstage der Demokratie\u201c, doch eine Demokratie, die sich nur an Wahlsonntagen manifestiere, bleibe schwach. Sie m\u00fcsse im Alltag gelebt werden. Wer sich aus ihr zur\u00fcckziehe und sich ins Private fl\u00fcchte, begehe das, was die Griechen einst \u201eIdiotie\u201c nannten \u2013 im urspr\u00fcnglichen Sinne eines Menschen, der sich nicht um die Angelegenheiten der Gemeinschaft k\u00fcmmert. Deshalb forderte Prantl eine demokratische Mobilmachung. Die Verteidigung der Grundrechte d\u00fcrfe nicht allein Gerichten und Institutionen \u00fcberlassen werden. Sie sei eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft.<\/p>\n<p>Zum Ende seines Vortrags erinnerte er an die Entstehung des Grundgesetzes im Jahr 1949. Deutschland lag damals in Tr\u00fcmmern. Hunger, Zerst\u00f6rung und moralischer Zusammenbruch pr\u00e4gten das Land. Und doch fanden Menschen den Mut, eine Verfassung zu schreiben, die auf der W\u00fcrde jedes Einzelnen gr\u00fcndete. Prantl verglich diesen historischen Akt mit dem ber\u00fchmten Bild vom Apfelb\u00e4umchen, das trotz aller Zerst\u00f6rung gepflanzt wird. Aus diesem kleinen Baum ist in den vergangenen Jahrzehnten ein m\u00e4chtiger Stamm geworden. Doch er steht heute unter Druck.<\/p>\n<p><strong>Hoffnung ist kein blinder Optimismus<\/strong><\/p>\n<p>Hoffnung, sagte Prantl zum Schluss, d\u00fcrfe deshalb nicht mit blindem Optimismus verwechselt werden. Hoffnung sei die Kraft, dem Ungl\u00fcck den totalen Zugriff zu verweigern. In diesem Sinne zitierte er Leonard Cohen: \u201eThere is a crack in everything \u2013 that\u2019s how the light gets in.\u201c In allem gebe es Risse. Doch genau durch diese Risse falle das Licht.<\/p>\n<p>In der anschlie\u00dfenden Diskussion stellte der Augsburger Stadtrat Serdar Akin eine Frage, die mich noch lange \u00fcber den Abend hinaus besch\u00e4ftigte: Wie kann es sein, dass fast die H\u00e4lfte der Augsburger Stadtgesellschaft im Stadtrat kaum sichtbar repr\u00e4sentiert ist? F\u00fcr einen Moment verschob sich die Perspektive. Die gro\u00dfen \u00dcberlegungen zur Demokratie, die zuvor im Raum standen, bekamen pl\u00f6tzlich eine sehr konkrete, lokale Gestalt.<\/p>\n<p>Denn Demokratie entscheidet sich nicht nur in Verfassungsartikeln oder geopolitischen Konflikten. Sie entscheidet sich auch in St\u00e4dten, in Nachbarschaften, in Gemeinder\u00e4ten. Gerade jetzt, wenige Tage vor den Kommunalwahlen am 8. M\u00e4rz 2026, gewinnt diese Frage besondere Dringlichkeit. In ganz Bayern werden an diesem Tag neue kommunale Parlamente gew\u00e4hlt \u2013 in mehr als zweitausend Gemeinden, St\u00e4dten und Landkreisen. Es sind diese lokalen demokratischen R\u00e4ume, in denen politische Teilhabe sichtbar wird oder unsichtbar bleibt.<\/p>\n<p>Die Frage nach Repr\u00e4sentation, nach Sichtbarkeit und politischer Teilhabe in unserer Stadtgesellschaft verdient deshalb eine genauere Betrachtung. Auf diese konkrete demokratische Herausforderung in Augsburg werde ich in einem zweiten Teil dieser Reihe ausf\u00fchrlicher eingehen.<\/p>\n<p>Der Abend im Augustanasaal endete ohne einfache Antworten. Doch er hinterlie\u00df etwas Wichtigeres: die Erinnerung daran, dass Demokratie kein Besitz ist, sondern eine Aufgabe \u2013 und dass Hoffnung gerade in dunklen Zeiten eine politische Kraft sein kann.<\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.daz-augsburg.de\/die-augsburger-antwort-engagement-statt-quote\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Kommentar<\/a><\/strong><\/p>\n<p>    Artikel vom<br \/>\n    <a href=\"https:\/\/www.daz-augsburg.de\/?m=20260306\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><br \/>\n      06.03.2026    <\/a><br \/>\n    | Autor: Bruno Stubenrauch<br \/>Rubrik: <a href=\"https:\/\/www.daz-augsburg.de\/rubrik\/gastbeitrag\/\" rel=\"category tag nofollow noopener\" target=\"_blank\">Gastbeitrag<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.daz-augsburg.de\/rubrik\/vermischtes\/diskussion\/\" rel=\"category tag nofollow noopener\" target=\"_blank\">Diskussion<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.daz-augsburg.de\/rubrik\/vermischtes\/vortrag\/\" rel=\"category tag nofollow noopener\" target=\"_blank\">Vortrag<\/a>  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Kraft der Hoffnung gegen den Wahnsinn der Welt Am 4. 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