{"id":846784,"date":"2026-03-06T04:55:13","date_gmt":"2026-03-06T04:55:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/846784\/"},"modified":"2026-03-06T04:55:13","modified_gmt":"2026-03-06T04:55:13","slug":"stuttgart-warum-die-landtagswahl-in-baden-wuerttemberg-besonders-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/846784\/","title":{"rendered":"Stuttgart | Warum die Landtagswahl in Baden-W\u00fcrttemberg besonders ist"},"content":{"rendered":"<p>Stuttgart (dpa) &#8211; Politiker erkl\u00e4ren ja gerne stets die n\u00e4chste Wahl zur wichtigsten aller Zeiten. Aber die anstehende Landtagswahl in Baden-W\u00fcrttemberg ist wirklich etwas anders. Wenn die Menschen am 8. M\u00e4rz ihre Stimme abgeben, endet eine politische \u00c4ra \u2013 und es beginnt etwas Ungewisses im S\u00fcdwesten. Was die Abstimmung im S\u00fcdwesten so speziell macht:<\/p>\n<p>Kampf um Kretschmanns Erbe<\/p>\n<p>Winfried Kretschmann tritt nicht mehr an. Das allein macht die Wahl historisch.\u00a0<br \/>Nach 15 Jahren als Ministerpr\u00e4sident steht sein Name nicht mehr auf dem Stimmzettel. Kretschmann verabschiedet sich mit 77 Jahren in den Ruhestand. Cem \u00d6zdemir (Gr\u00fcne) und Manuel Hagel (CDU) k\u00e4mpfen um seine Nachfolge.<\/p>\n<p>Seit 2016 regiert der gr\u00fcne Oberrealo bereits relativ ger\u00e4uschlos mit der CDU. Gr\u00fcne und CDU halten sich im Wahlkampf mit gegenseitigen Angriffen zur\u00fcck, nicht nur, weil sie Regierungspartner sind &#8211; sondern auch, weil sie es vermutlich bleiben werden. Umfragen sagen ein schwarz-gr\u00fcnes B\u00fcndnis voraus.\u00a0<\/p>\n<p>Klar ist: \u00d6zdemir und Hagel wollen den Landesvater beerben. Die Fu\u00dfstapfen sind gro\u00df. Kretschmanns Erbe werde bei der CDU in guten H\u00e4nden sein, hatte Hagel schon vor langer Zeit gesagt. \u00d6zdemir wirbt auf Wahlplakaten mit dem Regierungschef und dem Slogan: \u00abSie kennen ihn\u00bb. Es gehe nicht darum, Kretschmann zu kopieren &#8211; sondern zu kapieren, so der gr\u00fcne Spitzenkandidat.\u00a0<\/p>\n<p>Neues Wahlrecht<\/p>\n<p>Erstmals d\u00fcrfen in Baden-W\u00fcrttemberg 16- und 17-J\u00e4hrige bei der Wahl mitstimmen. Zigtausende neue W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler betreten damit die B\u00fchne. Insgesamt gut 7,7 Millionen Wahlberechtigte d\u00fcrfen im M\u00e4rz ihre Stimme abgeben &#8211; so viele wie nie zuvor, so das Statistische Landesamt. Das Amt rechnet mit rund 650.000 Erstwahlberechtigten zwischen 16 und 22 Jahren &#8211; das entspricht 8,4 Prozent aller Wahlberechtigten. Wie sich der Zuwachs an jungen Wahlberechtigten auf das Ergebnis auswirkt, ist unklar.<\/p>\n<p>Hinzu kommt ein reformiertes Wahlrecht, mit neuen Spielregeln f\u00fcr die Mandatsverteilung. Die W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler haben nun zwei Stimmen, \u00e4hnlich wie bei der Bundestagswahl. Mit der Erststimme wird ein Wahlkreiskandidat oder eine Wahlkreiskandidatin direkt gew\u00e4hlt. Mit der Zweitstimme wird eine Partei gew\u00e4hlt. Diese stellt daf\u00fcr eine Landesliste auf, \u00fcber die Kandidatinnen und Kandidaten in den Landtag einziehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Viel steht auf dem Spiel f\u00fcr die Gr\u00fcnen<\/p>\n<p>F\u00fcr die Gr\u00fcnen geht es um viel. Sie stellen bislang in Baden-W\u00fcrttemberg den bundesweit ersten und einzigen Regierungschef. Lange Zeit schien es, als bliebe Kretschmann auch der vorerst letzte gr\u00fcne Ministerpr\u00e4sident, Spitzenkandidat \u00d6zdemir lag mit seinen Gr\u00fcnen in Umfragen \u00fcber Monate deutlich zur\u00fcck. Wenige Tage vor der Wahl holten die Gr\u00fcnen die bislang f\u00fchrende CDU aber in mehreren Befragungen nahezu ein, im ZDF-\u00abPolitbarometer\u00bb liegen sie sogar gleichauf bei 28 Prozent.<\/p>\n<p>Die Christdemokraten in Baden-W\u00fcrttemberg zittern und hoffen auf ihre Chance: Jahrzehntelang regierten sie den S\u00fcdwesten, bis sie 2011 von den Gr\u00fcnen entthront wurden. Nun setzt die Partei auf die Wiederherstellung der \u00abnat\u00fcrlichen Ordnung\u00bb im Land. Hagel soll dieses Comeback m\u00f6glich machen.<\/p>\n<p>FDP raus, Linke rein? Landtag k\u00f6nnte durchgemischt werden<\/p>\n<p>Die Zusammensetzung des Landtags k\u00f6nnte sich \u00e4ndern. Der F\u00fcnf-Prozent-H\u00fcrde kommt diesmal eine besondere Bedeutung zu: Denn die FDP k\u00f6nnte erstmals in der Geschichte in ihrem Stammland aus dem Landtag fliegen, dem sie seit mehr als 70 Jahren angeh\u00f6rt. Der baden-w\u00fcrttembergische FDP-Chef Hans-Ulrich R\u00fclke spricht deshalb auch von der \u00abMutter aller Wahlen\u00bb. Wenn die FDP es im S\u00fcdwesten nicht schaffe, dann schaffe sie es auch anderswo nicht mehr, ist er \u00fcberzeugt. Letzten Umfragen zufolge k\u00f6nnten die Liberalen den Einzug aber knapp schaffen.<\/p>\n<p>Die Linke wiederum, bislang in der au\u00dferparlamentarischen Versenkung, k\u00f6nnte erstmals \u00fcberhaupt den Sprung ins Parlament in Baden-W\u00fcrttemberg schaffen. Getragen wird der Linken-Boom von gesellschaftlicher Unzufriedenheit, wachsender sozialer Ungleichheit, der Wohnungsnot in vielen St\u00e4dten &#8211; und der allgemeinen Proteststimmung im Land. Im Wahlkampf setzt die Linke besonders auf das Thema Wohnen.\u00a0<\/p>\n<p>Inhaltlich w\u00e4re der Einfluss der Linken aber begrenzt: Koalitionen mit anderen Parteien strebt die Partei in Baden-W\u00fcrttemberg nicht an. Sie will eine laute und unbequeme Opposition sein. Auch mit der AfD will keiner koalieren &#8211; die Rechtspopulisten d\u00fcrften Umfragen zufolge die st\u00e4rkste Oppositionspartei werden.<\/p>\n<p>Wirtschaft unter Druck \u2013 Autoindustrie als Wahlkampfthema<\/p>\n<p>Die Wirtschaftskrise verleiht der Wahl zus\u00e4tzliche Brisanz. Baden-W\u00fcrttemberg ist ein industrielles Herz Deutschlands \u2013 und besonders abh\u00e4ngig von der Autoindustrie. Der tiefgreifende Strukturwandel schl\u00e4gt hier unbarmherziger zu als in anderen Gegenden. Tausende Arbeitspl\u00e4tze stehen zur Disposition, ganze Regionen blicken mit Sorge auf die Zukunft.<\/p>\n<p>Entsprechend steht die Wirtschaftspolitik im Mittelpunkt des Wahlkampfs: Es geht um Standortfragen, um Jobrettung, um B\u00fcrokratieabbau. Es gehe um \u00abWirtschaft, Wirtschaft, Wirtschaft\u00bb, sagt etwa CDU-Spitzenkandidat Hagel, und tourt unerm\u00fcdlich von einem Mittelst\u00e4ndler zum n\u00e4chsten. \u00abWir k\u00f6nnen Auto\u00bb, sagt sein Kontrahent \u00d6zdemir &#8211; und kann sich trotz gr\u00fcnen Parteibuchs auch mit einer Verschiebung des Verbrennerverbots anfreunden.<\/p>\n<p>Auftakt zum Superwahljahr 2026<\/p>\n<p>Nicht zuletzt kommt noch eine bundespolitische Strahlkraft hinzu. Die Landtagswahl in Baden-W\u00fcrttemberg ist die erste von f\u00fcnf Landtagswahlen in einem dichten Superwahljahr 2026 \u2013 damit kann sie Signalwirkung entfalten, die weit \u00fcber die Landesgrenzen hinausreicht. Die Strategen in den Parteizentralen in Berlin d\u00fcrften genau hinschauen, was im S\u00fcdwesten und den anderen L\u00e4ndern passiert.\u00a0<\/p>\n<p>Niederlagen f\u00fcr die CDU k\u00f6nnten Kanzler Friedrich Merz und seine Koalition schw\u00e4chen. CDU und SPD m\u00fcssen um Ministerpr\u00e4sidentenposten bangen. Die FDP k\u00f6nnte an Bedeutung verlieren. Die Linke und die AfD hingegen k\u00f6nnten erstarken. Es ist nicht ausgeschlossen, dass am Ende des Jahres erstmals die AfD einen Landesregierungschef stellt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Stuttgart (dpa) &#8211; Politiker erkl\u00e4ren ja gerne stets die n\u00e4chste Wahl zur wichtigsten aller Zeiten. 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