{"id":850338,"date":"2026-03-07T15:37:28","date_gmt":"2026-03-07T15:37:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/850338\/"},"modified":"2026-03-07T15:37:28","modified_gmt":"2026-03-07T15:37:28","slug":"mannheim-kaari-upson-dem-unbekannten-unbequem-nah","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/850338\/","title":{"rendered":"Mannheim: Kaari Upson: Dem Unbekannten unbequem nah"},"content":{"rendered":"<p>Kaari Upson hatte eine lebhafte Fantasie. Die verst\u00f6renden Arbeiten der fr\u00fch verstorbenen K\u00fcnstlerin ber\u00fchren auf ihre eigene Art, inklusive Gruselfaktor.<\/p>\n<p>Eigentlich geh\u00f6rt es sich nicht. Aber als die Villa des Nachbarn ihrer Eltern nach einem Brand leer stand, wurde Kaari Upson doch neugierig. Heimlich schlich sich die K\u00fcnstlerin ins Haus und sah sich ein wenig um. Aus dem anf\u00e4nglichen Interesse wurde bald eine Obsession. Upson las Unterlagen und Aufschriebe, sie \u00f6ffnete Schr\u00e4nke und Kisten \u2013 und mit der Zeit entstand in ihrem Kopf das Bild eines wohl eher unsympathischen Mannes. Dieser Larry, wie sie ihn nannte, k\u00f6nnte ein selbstverliebter Playboy gewesen sein mit eigenem Fitnessstudio und Selbstoptimierungswahn. Er wurde wohl mehrfach verklagt und sa\u00df w\u00e4hrend des Feuers vermutlich im Knast. <\/p>\n<p>Der Nachbar als Puppe dessen Kopf abges\u00e4gt wird <\/p>\n<p>Wer wei\u00df, ob alles der Wahrheit entspricht, was man in der <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Kunsthalle_Mannheim\" title=\"Kunsthalle Mannheim\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Kunsthalle Mannheim<\/a> nun \u00fcber diesen Larry erf\u00e4hrt, mit dem Kaari Upson sich in ihrer k\u00fcnstlerischen Arbeit \u00fcber Jahre besch\u00e4ftigte. Sie hat zum Beispiel den Zaun aus Maschendraht, durch den sie dreist drang, aus Latex nachgeformt, als habe sie eine sch\u00fctzende Haut aufgerissen. Sie hat auch kleine Bildchen mit Szenen aus Larrys Alltag gemalt, die wie Fotos wirken, und diesen Larry als Puppe gen\u00e4ht. In einem Video sieht man, wie sie hier und dort an seinem Stoffleib N\u00e4hte setzt und schlie\u00dflich mit der S\u00e4ge seinen Kopf fr\u00f6hlich plaudernd abs\u00e4belt. <\/p>\n<p>    <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/media.media.616db7b1-5f51-422f-bfc6-2d45370f3064.original1024.media.jpeg\"\/>     Kaari Upson hat die Puppenstube der Mutter nachgebaut, im Video geisterte sie wie eine Puppe durch ihre Vergangenheit.    Foto: Kaari Upson Trust    <\/p>\n<p>Die Kunst von Kaari Upson ist so kurios wie irrwitzig, hier geschmacklos, dort ber\u00fchrend \u2013 und in der Summe absolut interessant. Denn sie zieht sofort hinein in Geschichten, die auch anhand von Objekten erz\u00e4hlt werden. So steht in der gro\u00dfen Einzelausstellung in der Kunsthalle Mannheim eine riesige Puppenstube. Sie geh\u00f6rte Upsons Mutter. Aber so \u00fcberm\u00e4chtig diese h\u00f6lzerne Stube mit Kamin, Tellerchen und T\u00f6pfen nun wirkt, erinnert das vergr\u00f6\u00dferte Puppenhaus keineswegs an selbstvergessenes Spiel in Kindertagen. In einem Video, das Upson in dem vergr\u00f6\u00dferten Modell gedreht hat, erscheint sie vielmehr selbst als Puppe, die wie fremdgesteuert durch ihre eigene Biografie m\u00e4andert, als sei sie Opfer der Pr\u00e4gungen w\u00e4hrend der Kindheit. Der heimische Kosmos zeigt sich hier nicht als Schutzraum, sondern als Ort, der die Identit\u00e4t eines Menschen bestimmt \u2013 nicht nur auf gute Weise. <\/p>\n<p>Sie kreiert eine unbequeme N\u00e4he zu Unbekannten  <\/p>\n<p>Kaari Upson w\u00e4re heute sicher eine gefragte K\u00fcnstlerinnen, w\u00e4re sie nicht 2021 mit nur 51 Jahren gestorben. Aufgewachsen ist sie in Kalifornien mit einer deutschen Mutter, die als Kind aus der DDR floh. Sie hat immer wieder ihre eigenen Geschichten aufgegriffen in ihren Arbeiten, in denen doch stets etwas Allgemeines, Universelles steckt. Ob es menschliche Erfahrungen sind oder Fragen, wie Realit\u00e4t, Erinnerung und Fantasie zusammenspielen bei der Konstruktion des eigenen Selbst, Kaari Upson \u00fcbersetzte ihre Themen in eigenwillige und stark sinnlich wirkende Kunstwerke. <\/p>\n<p>So streifte die junge K\u00fcnstlerin h\u00e4ufig durch San Bernardino und tummelte sich an einem der zahllosen Un-Orte der Stadt, Niemandsland voller Schrott und Sperrm\u00fcll. Von alten Sofas und Matratzen, die sie dort fand, machte sie Abg\u00fcsse aus Latex und Urethan, die nun in der Kunsthalle als Skulpturen stehen. Die hautfarbenen Oberfl\u00e4chen weisen Flecken und Mulden auf, die K\u00f6rper in den Polstern hinterlassen haben. Diese intime N\u00e4he zu Unbekannten ist unangenehm, obwohl diese doch eigentlich abwesend sind. Auch hier spielen in die Objekte eigene Fantasien und Projektionen unmittelbar hinein. <\/p>\n<p>Chronik ihrer Krankheit bis zur Selbstaufl\u00f6sung <\/p>\n<p>So geht es h\u00e4ufig im Werk von Kaari Upson um die Grenzen des Selbst. Auch Larry ist letztlich eine Projektion, seine konstruierte Geschichte vermischt sich mit der Person der K\u00fcnstlerin, die schlie\u00dflich sogar sexuelle Fantasien entwickelte. Um das zu verdeutlichen, malte Kaari Upson ein Portr\u00e4t von Larry und eines von sich und legte die noch nassen Leinw\u00e4nde aufeinander, damit sie Larry quasi k\u00fcssen kann. Die getrockneten Bilder mit den verschmierten M\u00fcndern in der Mannheimer <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Ausstellung\" title=\"Ausstellung\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Ausstellung<\/a> sind Sinnbilder der Selbstaufl\u00f6sung und Verschmelzung des Paares. <\/p>\n<p>2017 hatte Kaari Upson ihre erste gro\u00dfe Einzelausstellung im New Yorker New Museum, zwei Jahre sp\u00e4ter wurde sie zur Biennale von Venedig eingeladen und fortan international wahrgenommen. Doch statt durchstarten zu k\u00f6nnen, bekam sie <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Krebs\" title=\"Krebs\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Krebs<\/a> und nahm auch hier die Krankheit zum Ausgangspunkt ganz unterschiedlicher Arbeiten. Sie fertigte unter dem Slogan \u201eGru\u00df von der Alm\u201c aus Keramik eine Frau im Dirndl, deren Hinterteil riesenhaft aufgebl\u00e4ht ist \u2013 so, wie Upson es w\u00e4hrend der Krebstherapie erlebte. <\/p>\n<p>Die Installation \u201eCult of Invalidism\u201c in der Kunsthalle Mannheim ist allerdings schon deutlich fr\u00fcher entstanden, n\u00e4mlich 2012. Im R\u00fcckblick wirken die zahllosen rosaroten Kr\u00fccken, die an der Wand lehnen, fast prophetisch und bringen unmittelbar Versehrtheit, k\u00f6rperliche Einschr\u00e4nkungen und Abh\u00e4ngigkeit zum Ausdruck. Zum Abschluss der beeindruckenden wie bewegenden Ausstellung in der Mannheimer Kunsthalle h\u00e4ngt eine Serie mit Selbstportr\u00e4ts. Es ist eine Chronik ihrer Krankheit, f\u00fcr die Kaari Upson jeden Tag das eigene Gesicht malte, das sich zunehmend aufzul\u00f6sen scheint. Am Ende sind nur noch zwei einsame Augen \u00fcbrig, w\u00e4hrend der Rest bereits im Nirgendwo verschwunden ist. <\/p>\n<p> Internationaler Star zum Abschied <\/p>\n<p class=\"infobox\"> <strong>Weggang<\/strong><br \/>Mit der Retrospektive von Kaari Upson verabschiedet sich der Direktor Johan Holten von der Kunsthalle Mannheim. Der D\u00e4ne, der zuvor die Kunsthalle Baden-Baden erfolgreich geleitet hatte, kehrt in seine Heimat zur\u00fcck und wird im April die Leitung des Museum ARKEN bei Kopenhagen \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p class=\"infobox\"> <strong>Besuch<\/strong><br \/>Ausstellung bis 31. Mai, ge\u00f6ffnet Di bis Do 10 bis 18 Uhr, jeden 1. Mittwoch im Monat 10 bis 22 Uhr. adr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Kaari Upson hatte eine lebhafte Fantasie. 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