{"id":855285,"date":"2026-03-09T14:50:14","date_gmt":"2026-03-09T14:50:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/855285\/"},"modified":"2026-03-09T14:50:14","modified_gmt":"2026-03-09T14:50:14","slug":"ein-festival-ist-kein-subventionsfall-sondern-ein-kulturversprechen-filmboard-karlsruhe-e-v-story","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/855285\/","title":{"rendered":"\u201eEin Festival ist kein Subventionsfall, sondern ein Kulturversprechen\u201c, Filmboard Karlsruhe e. V., Story"},"content":{"rendered":"<p>Seit vielen Jahren pr\u00e4gt Dr. Oliver Langewitz als Festivalleiter die INDEPENDENT DAYS | Internationale Filmfestspiele Karlsruhe. Aus einer studentischen Initiative entwickelte sich unter seiner Mitwirkung ein international ausgerichtetes Festival f\u00fcr unabh\u00e4ngige Filmkunst. Im Interview spricht er \u00fcber 25 Jahre Festivalgeschichte, aktuelle Herausforderungen und die Zukunft des Independent-Kinos.<\/p>\n<p><b>25 Jahre INDEPENDENT DAYS \u2013 das klingt nach einer Erfolgsgeschichte. Ist es das auch?<\/b><\/p>\n<p>Die INDEPENDENT DAYS begannen 1998 als studentisches Abenteuer an der damaligen Universit\u00e4t Karlsruhe. Ein kleines Team der Filmwerkstatt Karlsruhe organisierte mit viel Enthusiasmus, aber wenig Erfahrung das erste Festival \u2013 unterst\u00fctzt vom Studentischen Kulturzentrum sowie Partnern wie der VadUK, dem AKK und dem Akademischen Filmkreis AfK.<\/p>\n<p>Fr\u00fche Experimente wie eine Open-Air-Ausgabe im Jahr 2001 \u2013 die wegen eines Sturms abgebrochen werden musste \u2013 pr\u00e4gten die Entwicklung ebenso wie der Umzug in das Kulturzentrum Tempel 2003 und sp\u00e4ter in die \u201eKurbel\u201c. Ein entscheidender Meilenstein folgte 2007 mit dem Umzug in die SCHAUBURG, wo das Festival bis heute beheimatet ist.<\/p>\n<p>2008 \u00fcbernahm ich die Festivalleitung von Gr\u00fcndungsleiter Michael Nagenborg. Aus der studentischen Initiative entwickelte sich so Schritt f\u00fcr Schritt ein international ausgerichtetes Filmfestival \u2013 getragen von viel Engagement, Lernprozessen und der Leidenschaft f\u00fcr unabh\u00e4ngiges Kino.<\/p>\n<p>Heute pr\u00e4sentieren wir 156 Filme aus 34 L\u00e4ndern. Dem stehen \u00fcber 1.100 Einreichungen aus mehr als 90 Staaten gegen\u00fcber \u2013 ein filmischer Kosmos von \u00fcber 500 Stunden Material, den unser ehrenamtliches Programmkomitee sichtet, diskutiert und manchmal auch leidenschaftlich verteidigt.<\/p>\n<p>Dass ein vollst\u00e4ndig ehrenamtlich organisiertes Filmfestival ein Vierteljahrhundert \u00fcberlebt, ist alles andere als selbstverst\u00e4ndlich. Zumal wir gerade in den letzten Jahren eine bemerkenswerte Abfolge globaler Krisen erlebt haben: Pandemie, Krieg in Europa, Energiekrise, wirtschaftliche Unsicherheiten, gesellschaftliche Polarisierung. Kulturveranstaltungen reagieren auf solche tektonischen Verschiebungen oft besonders sensibel \u2013 und manchmal auch besonders fr\u00fch.<\/p>\n<p><b>Sie sprechen inzwischen offen von einer finanziellen Schieflage. Wie ernst ist die Situation?<\/b><\/p>\n<p>Man muss die Situation n\u00fcchtern betrachten: Sie ist ernst. Die K\u00fcrzungen der Stadt Karlsruhe treffen uns gleich doppelt \u2013 institutionell \u00fcber unseren Tr\u00e4gerverein Filmboard Karlsruhe und projektbezogen beim Festival selbst.<\/p>\n<p>Zwar erhalten wir erstmals Mittel aus einem Landesprogramm f\u00fcr kleinere Festivals, was uns nat\u00fcrlich sehr freut und auch ein wichtiges Signal darstellt. Allerdings handelt es sich um eine sogenannte Komplement\u00e4rf\u00f6rderung. Das bedeutet: Sinkt der kommunale Zuschuss, reduziert sich automatisch auch der Anteil des Landes.<\/p>\n<p>Gleichzeitig steigen die Kosten in nahezu allen Bereichen \u2013 Druck, Reisen, Unterbringung, technische Dienstleistungen. Selbst die Anzeigenfinanzierung unseres Programmheftes und der Festival-Sonderseiten in den Badischen Neuesten Nachrichten wird in wirtschaftlich angespannten Zeiten zunehmend schwieriger.<\/p>\n<p>Wir versuchen gegenzusteuern \u2013 mit Crowdfunding, mit einem neu gegr\u00fcndeten Freundeskreis und mit neuen Partnerschaften. Aber letztlich bleibt eine kulturpolitische Grundfrage bestehen: Welche kulturelle Infrastruktur m\u00f6chte sich eine Stadt wie Karlsruhe, immerhin eine UNESCO City of Media Arts, langfristig leisten?<\/p>\n<p><b>Warum lohnt es sich dennoch, dieses Festival zu erhalten?<\/b><\/p>\n<p>Weil unabh\u00e4ngiges Kino sonst h\u00e4ufig unsichtbar bleiben w\u00fcrde. Die Filmgeschichte zeigt ja sehr deutlich, dass viele \u00e4sthetische Innovationen nicht aus den gro\u00dfen Studiosystemen hervorgegangen sind, sondern aus den unabh\u00e4ngigen Produktionskulturen.<\/p>\n<p>Mit der Digitalisierung hat sich diese Entwicklung noch einmal verst\u00e4rkt. Produktionsmittel sind zug\u00e4nglicher geworden \u2013 eine Entwicklung, die ich gerne als \u201eDemokratisierung des Filmsystems\u201c bezeichne.<\/p>\n<p>Und mit den neuen KI-Werkzeugen steht m\u00f6glicherweise bereits die n\u00e4chste gro\u00dfe Transformation bevor. Gerade deshalb braucht es Orte, an denen solche Entwicklungen reflektiert und kuratorisch begleitet werden.<\/p>\n<p>Festivals wie die INDEPENDENT DAYS sind gewisserma\u00dfen Fr\u00fchwarnsysteme des Kinos. Wir entdecken Talente h\u00e4ufig lange bevor sie im etablierten Filmbetrieb sichtbar werden.<\/p>\n<p><b>K\u00fcnstliche Intelligenz spielt in diesem Jahr eine besondere Rolle im Programm.<\/b><\/p>\n<p>Ja, weil wir diese Entwicklung nicht einfach passiv beobachten wollen. KI ver\u00e4ndert derzeit viele Produktionsprozesse \u2013 vom Drehbuch \u00fcber visuelle Effekte bis hin zur Postproduktion.<\/p>\n<p>Uns interessiert dabei weniger die technologische Faszination als vielmehr die \u00e4sthetische Frage: Welche neuen Bildsprachen entstehen? Welche Formen von Narration werden m\u00f6glich? Und welche ethischen Fragen wirft diese Technologie auf?<\/p>\n<p>Dass wir in diesem Jahr erstmals einen Preis f\u00fcr den besten KI-Film verleihen, ist daher keine technologische Spielerei, sondern eine kuratorische Entscheidung.<\/p>\n<p><b>Viele Filme greifen gesellschaftliche Konfliktlinien auf \u2013 Migration, \u00f6kologische Krisen, mentale Gesundheit. Gibt es eine politische Programmatik?<\/b><\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde eher von einer kuratorischen Sensibilit\u00e4t sprechen. Filme sind immer auch Zeitdokumente. Wenn sich gesellschaftliche Spannungen verdichten, dann spiegeln sich diese zwangsl\u00e4ufig auch im Kino wider.<\/p>\n<p>Ein Festival sollte jedoch kein politisches Manifest formulieren. Seine Aufgabe besteht eher darin, sichtbar zu machen, welche Fragen unsere Gegenwart besch\u00e4ftigen. In diesem Sinne funktioniert ein Filmfestival vielleicht am ehesten wie ein kultureller Seismograf.<\/p>\n<p><b>Warum Spanien als Gastland?<\/b><\/p>\n<p>Die spanische Filmkultur geh\u00f6rt seit Jahrzehnten zu den vitalsten und zugleich eigenwilligsten in Europa. Sp\u00e4testens seit Pedro Almod\u00f3var hat das spanische Kino gezeigt, mit welcher Selbstverst\u00e4ndlichkeit sich pers\u00f6nliches Autorenkino, Genre-Spiel und gesellschaftliche Beobachtung miteinander verbinden lassen.<\/p>\n<p>Diese Tradition setzt sich heute in einer neuen Generation unabh\u00e4ngiger Filmschaffender fort \u2013 formal mutig, genreoffen und thematisch durchaus kompromisslos.<\/p>\n<p>Unser Er\u00f6ffnungsfilm \u201eIncinerate\u201c steht exemplarisch f\u00fcr diese Energie: atmosph\u00e4risch dicht, psychologisch intensiv und visuell sehr pr\u00e4zise gearbeitet. Ein Er\u00f6ffnungsfilm sollte immer auch eine programmatische Geste sein \u2013 eine Einladung, sich auf die \u00e4sthetische Vielfalt des Festivals einzulassen. Dies zeigen alle 15 spanische Filmwerke, die wir ins Programm aufgenommen haben, auf besondere Art und Weise.<\/p>\n<p><b>Sie betonen immer wieder die Bedeutung von Genrevielfalt.<\/b><\/p>\n<p>Das hat durchaus historische Gr\u00fcnde. Die deutschsprachige Filmproduktion hat sich \u00fcber viele Jahre hinweg stark auf einige wenige Genres konzentriert \u2013 vor allem Kom\u00f6die, Drama und Krimi. Wenn man mit deutschen Redakteuren oder Produzenten spricht, hei\u00dft es dann immer wieder: \u201eUnser Publikum will das so!\u201c<\/p>\n<p>Solche Filmproduktionen sind nat\u00fcrlich legitime Formen, aber das Kino kann sehr viel mehr sein. Gerade im Independent-Bereich entstehen faszinierende Arbeiten im Bereich von Science-Fiction, Horror oder Fantasy \u2013 Genres, die oft besonders geeignet sind, gesellschaftliche Fragen allegorisch zu verhandeln. Und unser Publikum zeigt uns seit vielen Jahren, dass diese Vielfalt keineswegs nur ein cinephiles Spezialinteresse ist.<\/p>\n<p><b>Neu sind Triggerhinweise im Programm. Warum dieser Schritt?<\/b><\/p>\n<p>Wir verstehen das Festival als einen Ort, an dem sich m\u00f6glichst viele Menschen wohlf\u00fchlen sollen. Einige Filme behandeln Gewalt, Traumata oder Tierleid \u2013 Themen, die f\u00fcr manche Zuschauerinnen und Zuschauer belastend sein k\u00f6nnen. Triggerhinweise erm\u00f6glichen eine informierte Entscheidung. Es geht also nicht um Einschr\u00e4nkung, sondern um Transparenz.<\/p>\n<p><b>Welche Rolle spielt die XR-Area im Festival?<\/b><\/p>\n<p>Die XR-Area in der Badischen Landesbibliothek ist gewisserma\u00dfen ein Labor f\u00fcr neue Formen des Storytellings. Hier k\u00f6nnen Besucherinnen und Besucher mittels VR-Technologie narrative R\u00e4ume betreten und Geschichten auf eine sehr unmittelbare Weise erleben.<\/p>\n<p>Unter anderem zeigen wir dort eine neue Episode unseres interaktiven Demokratieprojekts \u201eIm Labyrinth der Demokratie: Finde Deinen Weg!\u201c. XR erweitert den klassischen filmischen Raum \u2013 und er\u00f6ffnet insbesondere f\u00fcr j\u00fcngere Generationen neue Zug\u00e4nge zum Erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p><b>Streaming-Plattformen dominieren heute den Filmmarkt. Welche Rolle k\u00f6nnen Filmfestivals noch spielen?<\/b><\/p>\n<p>Streaming-Plattformen arbeiten mit Algorithmen \u2013 und Algorithmen empfehlen in der Regel das, was bereits erfolgreich war. Filmfestivals funktionieren allerdings v\u00f6llig anders. Sie kuratieren, sie entdecken, sie schaffen Kontext.<\/p>\n<p>Vor allem aber sind sie soziale R\u00e4ume. Kino entsteht nicht nur auf der Leinwand, sondern auch im Gespr\u00e4ch danach. Das gemeinsame Filmerlebnis im dunklen Kinosaal \u2013 dieses kurze, kollektive Verschwinden aus der Welt \u2013 bleibt f\u00fcr Cineasten durch nichts zu ersetzen.<\/p>\n<p><b>Wo sehen Sie die INDEPENDENT DAYS im Jahr 2035?<\/b><\/p>\n<p>Ich w\u00fcnsche mir ein strukturell abgesichertes Festival mit stabiler finanzieller Basis, einem weiter ausgebauten XR- und KI-Bereich und einer noch st\u00e4rkeren europ\u00e4ischen Vernetzung. Vor allem aber w\u00fcnsche ich mir, dass die INDEPENDENT DAYS weiterhin das bleiben, was sie immer waren: ein unabh\u00e4ngiger Ort f\u00fcr neugieriges Kino. Denn ein Festival ist kein Subventionsfall \u2013 es ist ein Kulturversprechen. Und dieses Versprechen m\u00f6chten wir auch in Zukunft einl\u00f6sen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Seit vielen Jahren pr\u00e4gt Dr. Oliver Langewitz als Festivalleiter die INDEPENDENT DAYS | Internationale Filmfestspiele Karlsruhe. 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