{"id":858143,"date":"2026-03-10T17:30:20","date_gmt":"2026-03-10T17:30:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/858143\/"},"modified":"2026-03-10T17:30:20","modified_gmt":"2026-03-10T17:30:20","slug":"hertie-school-in-berlin-verhalten-sich-wie-auf-ihren-extremistischen-demos-in-kreuzberg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/858143\/","title":{"rendered":"Hertie School in Berlin: \u201eVerhalten sich wie auf ihren extremistischen Demos in Kreuzberg\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Nach einem Aufruf der Studentenvertretung zum Israel-Boykott bricht Unruhe an der Hertie School aus. Israel-Gegner h\u00e4tten ein \u201eKlima der Angst\u201c geschaffen, erz\u00e4hlen Studenten. Einige wollen sich jetzt wehren.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Auf dem Campus der Hertie School in Berlin habe sie schnell gesp\u00fcrt, dass es ein Problem gebe, sagt Lea A. \u201eIch habe Kommilitonen erz\u00e4hlt, dass ich ein Praktikum in der israelischen Botschaft machen will\u201c, so die Studentin, die eigentlich anders hei\u00dft. \u201eDie Blicke waren krass. Pl\u00f6tzlich war ich gecancelt.\u201c<\/p>\n<p>In den Seminaren habe sich das fortgesetzt. Israel wolle die \u201eHerrschaft \u00fcber gro\u00dfe Teile der Welt\u201c, sei von Mitstudenten gesagt worden \u2013 ohne Widerspruch der Professoren. Debatten \u00fcber den j\u00fcdischen Staat drehten sich demnach ausschlie\u00dflich um \u201eVorw\u00fcrfe wie Kriegsverbrechen, Apartheid, Genozid oder Siedlungskolonialismus\u201c, erz\u00e4hlt die j\u00fcdische Studentin. \u201eIch f\u00fchle mich in Kursen nicht mehr wohl, wenn st\u00e4ndig antisemitische, d\u00e4monisierende Aussagen zu Israel getroffen werden.\u201c Diskussionen seien kaum noch m\u00f6glich. \u201eWenn meine Eltern aus der Sowjetunion erz\u00e4hlen, klingt das genauso wie an der Hertie School.\u201c<\/p>\n<p>Die Privatuni in der Hauptstadt produzierte in der vergangenen Woche unangenehme Schlagzeilen: Die Hertie Student Representation (HSR), die gew\u00e4hlte Vertretung der Studierendenschaft, hatte beschlossen, die gegen Israel gerichtete Kampagne \u201eBoycott, Divestment, Sanctions\u201c (BDS) zu unterst\u00fctzen. Nach eigener Angabe als erste Studentenvertretung in Deutschland. Der Bundestag und zahlreiche j\u00fcdische Gemeinden werten BDS als antisemitisch.<\/p>\n<p>Das Besondere an dem Vorfall: Die staatlich anerkannte Privathochschule versteht sich als Ausbildungsst\u00e4tte f\u00fcr F\u00fchrungskr\u00e4fte in Politik und Wirtschaft, will die k\u00fcnftige Elite der Republik ausbilden. 855 Menschen aus mehr als 70 L\u00e4ndern studieren hier im Master, machen Praktika in Bundesministerien, bei der Europ\u00e4ischen Union, der Nato oder in einer Botschaft. Die Studiengeb\u00fchren belaufen sich auf 9625 Euro pro Semester. Namensgeber ist der j\u00fcdische Kaufmann Hermann Tietz, dessen Familie 1933 von den Nationalsozialisten enteignet wurde. <\/p>\n<p>Hochschulpr\u00e4sidentin Cornelia Woll distanzierte sich auf WELT-Anfrage am Freitag vom Beschluss. Annette Schavan (CDU), Vorstandsvorsitzende der Hertie-Tr\u00e4gerstiftung und ehemalige Bundesbildungsministerin, nannte ihn \u201einakzeptabel\u201c \u2013\u00a0und machte der Hochschulleitung massiven Druck. Am Wochenende stellten Hertie-Studenten einen Antrag auf Abwahl der Studentenvertretung, in weniger als 24 Stunden erreichte dieser das Quorum. <\/p>\n<p>Doch wie konnte es so weit kommen, dass das gew\u00e4hlte Studentengremium einer Hochschule, die sich angehenden F\u00fchrungskr\u00e4ften empfiehlt, eine Unterst\u00fctzung des Israel-Boykotts beschlie\u00dft? In zahlreichen Gespr\u00e4chen, die WELT mit Studentinnen und Studenten gef\u00fchrt hat, ist von einem zunehmend israelfeindlichen Klima nach dem Terror\u00fcberfall der Hamas auf Israel vom 7. Oktober 2023 und dem israelischen Krieg in Gaza zu h\u00f6ren. Und der Beschluss demnach nur der vorl\u00e4ufige H\u00f6hepunkt.<\/p>\n<p>Der Beschluss wurde vom \u201eSolidarity Collective\u201c initiiert, einer von Hertie-Studenten gegr\u00fcndeten Initiative, und von 41 Studenten unterst\u00fctzt. Am ersten Jahrestag des 7. Oktober schrieb die Initiative auf Instagram: \u201eHeute mehr denn je stehen wir als Studentengruppen in Solidarit\u00e4t mit dem heroischen Widerstand des pal\u00e4stinensischen Volks.\u201c <\/p>\n<p>Der \u201ezionistischen Besatzung\u201c unterstellt der englischsprachige Appell mehrerer pro-pal\u00e4stinensischer Gruppen einen V\u00f6lkermord, Siedlerkolonialismus, ethnische S\u00e4uberung und Apartheid. Weiter hei\u00dft es: \u201eWiderstand ist der leidenschaftliche Ausdruck eines unersch\u00fctterlichen Strebens nach Freiheit, Gerechtigkeit und W\u00fcrde \u2013 er ist nicht nur unvermeidlich, sondern auch legitim.\u201c Israel wiederum begehe \u201eTerror\u201c. Die Initiative demonstrierte zuletzt <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/DLnKmzUtBEJ\/\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.instagram.com\/p\/DLnKmzUtBEJ\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">gegen die Hertie-Abschlussfeiern<\/a> in der Berliner Philharmonie und fordert ein Ende der Kooperation mit der Hebr\u00e4ischen Universit\u00e4t in Jerusalem.<\/p>\n<p>Die Hertie-Leitung versuchte es lange mit Debatten. Erstsemester bekamen einen Workshop in respektvoller Diskussionskultur, im November 2024 veranstaltete die Schule gemeinsam mit \u201eZeit Campus\u201c ein Diskussionsformat zum Nahost-Konflikt. Doch das Klima habe sich weiter verschlechtert, wie Studenten berichten. <\/p>\n<p>\u201eWir waren zu lange leise und nicht wehrhaft\u201c<\/p>\n<p>Besonders in Internet-Chats werde ein \u201eKlima der Angst geschaffen\u201c, erz\u00e4hlt Studentin Marie M\u00fcser. Eine radikale Gruppe gehe dort gegen Andersdenkende vor, insbesondere wenn es um Israel geht. \u201eWer widerspricht, wird attackiert und beschimpft, Kritik mit Clown-Emojis beantwortet\u201c, so die 28-J\u00e4hrige, die von 2022 bis 2025 Gr\u00fcnen-Chefin in Sachsen war. \u201eDie halten sich nicht an gepflegte Diskursregeln, sondern verhalten sich wie auf ihren extremistischen Demos in Kreuzberg.\u201c Die Folge sei eine \u201eAngst zu sprechen\u201c, viele trauten sich nicht mehr, gegen Antisemitismus oder f\u00fcr das Existenzrecht Israels einzustehen.<\/p>\n<p>\u201eZwischen Fragen nach den besten Nudelsuppen der Stadt und Tipps f\u00fcr die sch\u00f6nsten Flohm\u00e4rkte wurde zur Intifada aufgerufen\u201c, berichtet auch Max B., der aus Angst vor der Reaktion seiner radikalen Kommilitonen nur unter falschem Namen sprechen will. Widerspruch werde mit \u201eHerabw\u00fcrdigung und Mobbing\u201c beantwortet. In WELT vorliegenden Chats werden Kritiker des BDS-Beschlusses als \u201eFaschisten\u201c oder Genozid-Unterst\u00fctzer beschimpft.<\/p>\n<p>\u201eIn der Hertie-Community brodelt es\u201c, erz\u00e4hlt Patrick G., einer der Initiatoren des Abwahlverfahrens, der ebenfalls nur unter falschem Namen sprechen m\u00f6chte. \u201eSelbstkritisch m\u00fcssen wir sagen: Wir waren zu lange leise und nicht wehrhaft.\u201c Man habe zu lange zugeschaut, wie die HSR eine \u201emoralische \u00dcberlegenheit und politische Alternativlosigkeit f\u00fcr sich reklamiert\u201c und die \u201eoffene Diskurskultur und Meinungsvielfalt\u201c untergraben habe.<\/p>\n<p>Das \u201eSolidarity Collective\u201c habe die HSR \u201ezum Vehikel seiner politischen Agenda gemacht\u201c, sagt der Student. Vor der Wahl sei man gem\u00e4\u00dfigt aufgetreten und habe die Positionen nach der Wahl \u201esystematisch erweitert und \u00fcberschritten\u201c. Der BDS-Beschluss habe bei vielen zu einem Umdenken gef\u00fchrt, nun brauche es Konsequenzen.<\/p>\n<p>Unterst\u00fctzung kommt von Julius Brenning, von 2024 bis 2025 Vorsitzender der Studentenvertretung und Vorg\u00e4nger der amtierenden Vertreter. \u201eIn einem Organisationsgremium wie dem HSR sollte es in erster Linie um das Miteinander an der Universit\u00e4t auf Grundlage der akademischen Freiheit gehen\u201c, sagt der Hertie-Absolvent. Das Fundament der Hochschule m\u00fcssten Wissenschaftsfreiheit und Liberalismus sein, Antisemitismus d\u00fcrfe keinen Platz haben.<\/p>\n<p>\u201eEs ist problematisch, ein solches Statement im Namen aller herauszugeben\u201c, kritisiert Brenning. Einige Repr\u00e4sentanten nutzten die HSR, um \u201eihre politische Agenda voranzutreiben, anstatt die Interessen der gesamten Studierendenschaft\u201c zu vertreten. Die stille Mehrheit solle sich gegen den Beschluss zu Wort melden und die HSR neu gew\u00e4hlt werden. \u201eF\u00fcr viele ist hier eine Grenze erreicht.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr Mittwoch ruft die Hochschulleitung zu einer Vollversammlung auf. Der Schaden soll durch eine Aussprache begrenzt werden. Gegen die elf HSR-Mitglieder, die den BDS-Beschluss gefasst haben, pr\u00fcft die Hochschulleitung Disziplinarma\u00dfnahmen. Die insgesamt 16 Vertreter<b> <\/b>wurden laut Hertie School im Oktober 2025 mit knapp 18 Prozent Wahlbeteiligung gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Die HSR h\u00e4lt an der Resolution fest. Man verurteile Diskriminierung und Antisemitismus. \u201eBDS ist eine gewaltfreie Form des Aktivismus, die darauf abzielt, Druck auf den Staat Israel auszu\u00fcben, die V\u00f6lker- und Menschenrechte von Pal\u00e4stinensern zu wahren\u201c, sagt der HSR-Vorsitzende Andrew Hastings WELT. Der Boykott richte sich gegen Institutionen, nicht gegen j\u00fcdische Menschen oder \u201eIsraelis als solche\u201c, und sei von der Meinungsfreiheit gedeckt.<\/p>\n<p>Die Distanzierung der Hertie-Stiftung solle \u201eeine einsch\u00fcchternde Wirkung auf die Studierendenpolitik haben\u201c, sagt Hastings. Er betont das Recht auf studentische Selbstverwaltung. Eine Debatte unter Studenten begr\u00fc\u00dfe man und sei \u201estets bestrebt, einen einladenden Raum f\u00fcr Diskussionen zu schaffen\u201c.<\/p>\n<p><b>Politikredakteur <\/b><a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/autor\/kevin-culina\/\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/autor\/kevin-culina\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\"><b>Kevin Culina<\/b><\/a><b> berichtet f\u00fcr WELT \u00fcber Gesundheitspolitik, die Linkspartei und das B\u00fcndnis Sahra Wagenknecht.<\/b><\/p>\n<p><script async src=\"\/\/www.instagram.com\/embed.js\"><\/script><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Nach einem Aufruf der Studentenvertretung zum Israel-Boykott bricht Unruhe an der Hertie School aus. 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