{"id":859419,"date":"2026-03-11T05:21:15","date_gmt":"2026-03-11T05:21:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/859419\/"},"modified":"2026-03-11T05:21:15","modified_gmt":"2026-03-11T05:21:15","slug":"mit-sascha-kokot-die-poesie-des-daseins-wieder-entdecken-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/859419\/","title":{"rendered":"Mit Sascha Kokot die Poesie des Daseins (wieder-)entdecken \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Um Geister und Gespenster geht es in diesem neuen Gedichtband des Leipziger Lyrikers Sascha Kokot nicht wirklich. Eigentlich \u00fcberhaupt nicht. Mit \u00dcbersinnlichem hat er so \u00fcberhaupt nichts am Hut. Auch nicht im Kapitel \u201eGeister\u201c, das es in diesem Buch tats\u00e4chlich gibt. Aber da f\u00e4ngt Kokot vor allem jene geisterhafte Technikwelt ein, die uns heute umgibt. Auf zutiefst poetische Weise. Und zeigt damit, dass wir unser Leben hier auf Erden wahrlich poetisch erleben k\u00f6nnen. Es steckt in uns. Dichter wie Sascha Kokot zeigen es uns.<\/p>\n<p>Im Grunde sind seine Gedichte intensive Gespr\u00e4che mit dem Leben. Nie ohne Gegen\u00fcber. Fast beschw\u00f6rend, weil er nur zu gut wei\u00df, wie oberfl\u00e4chlich die meisten Menschen durch ihren Aufenthalt auf Erden rasen. Ohne Blick f\u00fcr all die seltsamen Dinge, die uns begegnen.<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/f91cb38471b441348a96ff8bac0ed36e.gif\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2026\/03\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2026\/03\/1\" alt=\"\"\/><\/p>\n<p>Ohne Worte daf\u00fcr, wie atemberaubend es sein kann, am Leben zu sein. Oder \u2013 wie im Kapitel \u201eFlocke\u201c \u2013 mitzubangen, wie aus einer kleinen Eizelle nach und nach ein lebendiges Wesen entsteht. Was in diesem Fall besonders dramatisch wird, weil es dieses kleine Wunder nur durch k\u00fcnstliche Befruchtung gibt. Ein Bangen, das viele Eltern kennen, die sich trotzdem ein Kind w\u00fcnschen.<\/p>\n<p>Und nur scheinbar klingt es wie ged\u00e4mpfte Emotionen, wenn Kokot diese Reise in das gro\u00dfe Bangen beschreibt. Wie ein Tagebuch, in dem die Emotionen hinter scheinbar allt\u00e4glichen Beobachtungen schlummern, lauern, warten. So, wie unsere \u00fcberw\u00e4ltigenden Emotionen immer unten lauern, ganz unten am Grund, weil wir einfach weiterfunktionieren und hoffen, dass es unser Leben nicht aus den Angeln hebt, wenn dann der lang ersehnte Anruf kommt.<\/p>\n<p>wir schreiben ein neues leben<\/p>\n<p>Doch genau das ist der Hallraum, in dem wir sp\u00fcren, dass das Dasein nicht oberfl\u00e4chlich ist, dass darunter all die Schichten unsers Hoffens und Bangens liegen, die Ahnung, dass es permanent um mehr geht als um das blanke Funktionieren, wie es scheinbar von uns erwartet wird. Mit Kokot sp\u00fcrt man, dass uns etwas mit dieser lebendigen Welt verbindet, das voller Abgr\u00fcnde, Verhei\u00dfungen und Erwartungen ist. Selbst wenn es so scheinbar sachlich dahef kommt: \u201ewir schreiben ein neues leben \/ grob eingezeichnet in den kalender \/ mehr bleistift als hand und fu\u00df \/ muss es sich noch festbei\u00dfen \u2026\u201c<\/p>\n<p>Man merkt, wie dieser poetische Ton hilft, das kaum Benennbare dennoch in Worte zu fassen, es geradezu in die H\u00e4nde zu nehmen und mit einer Aufmerksamkeit zu betrachten, die die Poesie unserer Welt erst sichtbar macht. Denn Poesie hat immer mit dem Staunen \u00fcber das Unfassliche zu tun. Und was w\u00e4re unfasslicher als das Leben mit all seinen Freuden und Unberechenbarkeiten?<\/p>\n<p>Und Kokot zeigt im Grunde, wie man mit diesem Blick f\u00fcr die Poiesie der Welt lebt. Seine Gedichte sind wie Tagebucheintr\u00e4ge, kleine Monologe, die wie Angebote an die Lesenden sind: Hier, schau her. Das ist sie. Meine Welt. Unsere Welt.<\/p>\n<p>Und das Sch\u00f6ne f\u00fcr die Leipziger: Er lebt in Leipzig. Und macht Leipzig immer wieder zur Kulisse seiner Texte. Besonders im Kapitel \u201eQuartier\u201c, das gleich mit einem Gedicht \u00fcber die rumpelnde Anwesenheit der LVB beginnt: \u201eTrams gewittern durch die Stra\u00dfen \/ diese kolossalen Tiere einer Stadt \/ grasen an den Haltestellen \/ wiederk\u00e4uen m\u00fcde Flaneure \u2026\u201c<\/p>\n<p>Man wei\u00df beim Lesen schon: Wir k\u00f6nnen unsere Stadt alle ganz anders sehen. Lebendiger, bildhafter, wenn wir es nur mit den Augen des Dichters tun. Und seiner Phantasie, der die Bilder immer weiter denkt, wenn er sich gar in das Seelenleben einer Stra\u00dfenbahn hineinversetzt und ihre \u00c4ngste und Tr\u00e4ume im Depot.<\/p>\n<p>Das Unerh\u00f6rte um uns<\/p>\n<p>Das kommt so selbstverst\u00e4ndlich daher, dass man fast vergisst, wie sehr wir sonst in Zorn und Frustration auf unsere Stadt und alle ihre Bewohner schauen. Weil wir verlernt haben, bei uns zu sein. Die Augen zu \u00f6ffnen und den Gedanken den Raum zu lassen, das Unerh\u00f6rte um uns zu erfassen. Das immer da ist. Ob im Aquarium der Kneipe an der Ecke, wo die G\u00e4ste zu Fischen werden, im Raureif am Morgen, im neuen Quartier, dessen Poesie noch zu entdecken ist. Mit Kr\u00e4hen auf den B\u00e4umen und einer schmalen Sichel \u00fcber dem K\u00fcchenholz.<\/p>\n<p>Wir sind verflochten mit dieser Welt, vernetzt, nicht nur durch stille Kabel und gefr\u00e4\u00dfige Serverfarmen irgendwo hinterm Horizont. Auch durch F\u00e4den, die uns mit den Menschen verbinden, die um uns sind, bei uns. Oder gegangen sind. Auch das findet man in diesem Buch, ganz hinten im Kapitel \u201eNachhall\u201c, in dem der Dichter bildreich mit dem Abschied von der Mutter auch die Erinnerungen seiner Kindheit durchwandert.<\/p>\n<p>All jene Geschichten, die wir im Kopf tragen und die uns vergewissern lassen, dass wir nicht aus dem Nirgendwo kommen, sondern aus Geschichten, die uns mit der Vergangenheit verbinden. Das sind unsere Wurzeln. Und unsere Vorstellung davon, wer wir eigentlich sind.<\/p>\n<p>Auch wenn sich diese Geschichten ver\u00e4ndern. Nichts bleibt, wie es war. Es ist auch eine stille Trauer, die in Kokots Gedichten mitschwingt. Eine Trauer, die wir in unserem hektischen Alltag selten zulassen. Wir wissen zwar, dass das Leben an uns vor\u00fcberrauscht. Aber wir verdr\u00e4ngen, was es alles mit sich nimmt. Wie wir selbst \u201eerodieren\u201c, w\u00e4hrend wir altern und den Kindern beim Toben auf der Stra\u00dfe zusehen und das Haus der Mutter all seine Wunden zeigt, als es Zeit wird, es auszur\u00e4umen. Und wir nur wenige Dinge zu behalten.<\/p>\n<p>Warten auf den Anruf<\/p>\n<p>Was bleibt von einem Leben? Oder sollen wir einfach mit dieser leisen Neugier auf das, was passiert, die Tage verbringen. Manchmal \u00fcberrascht von einem Platzregen, der die Stadt flutet. \u201eam laufenden Band wechselnde Kulissen \/ eben noch flutete Licht unsere Zimmer \/ nun steht der Hinterhof unter Wasser \/ am Himmel treiben Gewitter westw\u00e4rts \u2026\u201c<\/p>\n<p>Nein, sollen sollen wir nicht. Aber Kokot nimmt seine Leser mit in dieses aufmerksame Wahrnehmen des Daseins, dessen W\u00e4rme er sp\u00fcren l\u00e4sst. Mitsamt seiner Verg\u00e4nglichkeit. So wie im letzten Gedicht, in dem ein friedlicher November ihn daran erinnert, dass ihn ein Jahr zuvor die Todesnachricht erreichte, was jetzt \u2013 in diesem Moment \u2013 kollidiert mit dem Warten auf einen Telefonanruf. Das Leben geht weiter. Aber wir wissen nicht, was als n\u00e4chstes geschieht.<\/p>\n<p><strong>Sascha Kokot \u201eGeisternetze\u201c<\/strong>, Gans Verlag, Berlin 2026, 20 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Um Geister und Gespenster geht es in diesem neuen Gedichtband des Leipziger Lyrikers Sascha Kokot nicht wirklich. 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