{"id":86323,"date":"2025-05-05T12:32:09","date_gmt":"2025-05-05T12:32:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/86323\/"},"modified":"2025-05-05T12:32:09","modified_gmt":"2025-05-05T12:32:09","slug":"frankreich-es-ist-eine-abrechnung-was-die-show-eines-ex-ministers-ueber-die-politik-verraet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/86323\/","title":{"rendered":"Frankreich: \u201eEs ist eine Abrechnung\u201c \u2013 was die Show eines Ex-Ministers \u00fcber die Politik verr\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>Frankreichs fr\u00fcherer Justizminister \u00c9ric Dupond-Moretti steht jetzt als Alleinunterhalter auf der B\u00fchne und gew\u00e4hrt Einblicke in den Politikbetrieb. Pr\u00e4sident Macron kommt dabei erstaunlich gut weg \u2013 die Medien dagegen nicht. An die W\u00e4hler richtet er einen deutlichen Appell.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Eric Dupond-Moretti ist ein Mann, der den Stierkampf liebt und die Jagd. Manche behaupten, er strotze vor toxischer M\u00e4nnlichkeit, aber dar\u00fcber kann er nur lachen. Die Zigaretten haben seine sonore Stimme \u00fcber die Jahre noch tiefer gemacht, vielleicht war es auch der Wein oder der Whiskey, wer wei\u00df. Er ist jetzt 64 und man sieht diesem gro\u00dfen, schweren Mann an, dass er das Leben in vollen St\u00fccken zu genie\u00dfen versucht.<\/p>\n<p>Vier Jahre lang war Dupond-Moretti franz\u00f6sischer Justizminister, einer der umstrittensten der j\u00fcngsten Geschichte. Zuvor z\u00e4hlte er zu den ber\u00fchmtesten Strafverteidigern des Landes. Jetzt macht er Karriere als Schauspieler \u2013 oder besser gesagt: als Alleinunterhalter.<\/p>\n<p>An diesem Fr\u00fchlingsnachmittag sitzt er am Rand eines roten Samtsofas in seiner Theaterloge auf den Pariser Champs-\u00c9lys\u00e9e, hinter ihm r\u00e4kelt sich sein Rauhaardackel Jean-Claude. \u201eJ\u2019ai dis oui \u2013 Ich habe Ja gesagt\u201c, ist der Titel seiner One-Man-Show. Das Ja war die Antwort auf Emmanuel Macrons Frage, ob er, der Staranwalt, Justizminister werden wolle. Angeblich hat er seine Antwort keine Sekunde bereut.<\/p>\n<p>Anderthalb Stunden dauert Dupond-Morettis B\u00fchnenprogramm, in dem er von der Macht und Ohnmacht des Ministers in Zeiten gesteigerter Politikverdrossenheit und sozialer Netzwerke erz\u00e4hlt. \u201eEs ist eine Abrechnung und dazu stehe ich\u201c, sagt er und zieht an seiner Zigarette. <\/p>\n<p>Der \u00c9lys\u00e9e-Palast befindet sich nur wenige Fu\u00dfminuten vom Th\u00e9\u00e2tre de Marigny entfernt. Der Pr\u00e4sident und seine Frau haben sich wie viele amtierende oder ehemalige Minister bereits unter das Publikum gemischt, aber Macron kommt bei dieser Abrechnung erstaunlich gut weg.<\/p>\n<p>Auf der B\u00fchne erkl\u00e4rt Dupond-Moretti, warum er, ein Mann der Zivilgesellschaft, in die Politik gegangen ist, welche H\u00fcrden man ihm in den Weg gestellt und welche Erkenntnisse er aus der Zeit als Minister gewonnen hat. Vor allem besch\u00e4ftigt ihn die Frage, warum die Franzosen das Vertrauen in die Politik und ihr Personal verloren haben. <\/p>\n<p>Das liegt auch an den Aff\u00e4ren und Prozessen, die sich h\u00e4ufen. Gegen den ehemaligen Staatspr\u00e4sidenten <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/video254912226\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;\/video254912226&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Nicolas Sarkozy <\/a>laufen so viele Prozesse, dass man schnell den \u00dcberblick verliert. Marine Le Pen, Anw\u00e4rterin auf dieses Amt, ist gerade zu einer Haftstrafe verurteilt worden.<\/p>\n<p>Auch Dupond-Moretti musste sich vor Gericht verantworten. Ihm wurde vorgeworfen, sein Ministeramt missbraucht zu haben, um pers\u00f6nliche Aff\u00e4ren zu regeln, die auf seine Zeit als Anwalt zur\u00fcckgingen. 30.000 Artikel seien \u00fcber seinen Prozess erschienen, behauptet Dupond-Moretti. <\/p>\n<p>Auf der B\u00fchne l\u00e4sst er die Titelseiten einblenden, die ihn anklagen, und dazu im Vergleich die wenigen Zeilen \u00fcber seinen Freispruch, der im November 2023 erfolgte. \u201eDie Journalisten zweifeln niemals an sich\u201c, so sein Res\u00fcmee.<\/p>\n<p>Dupond-Morettis St\u00fcck war seit seiner Premiere Anfang Februar ausverkauft. Der Kassenschlager wurde deshalb bis in den Sommer verl\u00e4ngert. Bis Januar n\u00e4chsten Jahres wird der Ex-Minister damit durch Frankreich touren, kleine Abstecher nach Belgien und in die Schweiz sind auch geplant.<\/p>\n<p>Wie l\u00e4sst sich sein Erfolg auf der B\u00fchne erkl\u00e4ren? Zweifellos verdankt er das seiner Wortgewandtheit. Aber seine franz\u00f6sischen Mitb\u00fcrger haben offensichtlich trotz Politikverdrossenheit das Bed\u00fcrfnis, Minister aus n\u00e4chster N\u00e4he zu sehen und Einblicke hinter die Kulissen der Politik zu bekommen. <\/p>\n<p>Ein anderer Politikkollege wird es ihm demn\u00e4chst gleichtun. Jean Lassalle, ehemaliger Sch\u00e4fer und Abgeordneter aus den Pyren\u00e4en, Ex-Pr\u00e4sidentschaftskandidat, der im Parlament schon mal baskische Sch\u00e4ferlieder im Dialekt sang, bereitet ebenfalls eine One-Man-Show vor.<\/p>\n<p>Obwohl Dupond-Moretti ernste Themen behandelt, lacht das Publikum laut und viel. Nat\u00fcrlich muss man den franz\u00f6sischen Justizbetrieb kennen, um die Witze zu verstehen, die Hiebe gegen Frankreichs ehemaligen Generalstaatsanwalt, die Abrechnung mit Intimfeinden, mit dem Verwaltungsapparat, der alles bremst. <\/p>\n<p>Aber die eigentliche Botschaft des zum Alleinunterhalter konvertierten Ministers ist eine universelle. Es geht um ein Missverh\u00e4ltnis, das dabei ist, unsere <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/article255555182\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;\/article255555182&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Demokratie<\/a> zu zersetzen, langsam, aber sicher: das Auseinanderdriften von Anspr\u00fcchen und Wirklichkeit.<\/p>\n<p>\u201eDie B\u00fcrger wissen nicht, wie Politik funktioniert, wie schwerf\u00e4llig und m\u00fchsam Demokratie ist. Gleichzeitig erwarten sie alles von der Politik. Jedes Problem soll gel\u00f6st werden, und zwar sofort\u201c, beklagt Dupond-Moretti und erg\u00e4nzt: \u201eDie \u00f6ffentliche Meinung gehorcht heute einem Rhythmus, der nichts mehr mit dem politischer Aktionen und Umsetzungen zu tun hat.\u201c<\/p>\n<p>\u201ePolitik ist ein Mannschaftssport\u201c<\/p>\n<p>Andere Kollegen haben nach ihrer Amtszeit B\u00fccher geschrieben, er findet die Vorstellung, dass die Politik wieder ins Theater zur\u00fcckkehrt, wo sie in der griechischen Antike ihren Anfang genommen hat, reizvoller. Auf der B\u00fchne kann er die Epoche kritisieren, die keine des \u201eNachdenkens oder der Nuancierung\u201c ist, sondern eine, da sich das schnelle Urteil gern in den 280 Buchstaben eines \u00fcbereilten Tweets ersch\u00f6pft.<\/p>\n<p>\u201eDie Menschen erwarten, dass sich alles mit einem Fingerschnippen \u00e4ndert. Aber die Politik ist ein Mannschaftssport\u201c, sagt Dupond-Moretti, \u201esie verlangt Kompromisse\u201c.<\/p>\n<p>Als Anwalt hat er 14-mal so viel verdient wie als Minister, verr\u00e4t er auf der B\u00fchne. \u201e\u00dcbrigens, wissen Sie, was ein Minister verdient?\u201c, fragt er ins Publikum? Schweigen. \u201e6000 Euro\u201c, lautet die Antwort. Er hilft beim Nachrechnen seiner Einnahmen als Anwalt. \u00dcber eine Million Euro hat er da im Jahr verdient. Politiker sein, das will er damit sagen, bedeutet eine Form der Entsagung.<\/p>\n<p><a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/autor\/martina-meister\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;\/autor\/martina-meister\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><b>Martina Meister <\/b><\/a><b>berichtet im Auftrag von WELT seit 2015 als freie Korrespondentin in Paris \u00fcber die franz\u00f6sische Politik.<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Frankreichs fr\u00fcherer Justizminister \u00c9ric Dupond-Moretti steht jetzt als Alleinunterhalter auf der B\u00fchne und gew\u00e4hrt Einblicke in den Politikbetrieb.&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":86324,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3974],"tags":[331,332,7302,548,663,3934,3980,156,20378,13,7301,7228,14,15,7227,35990,12,45],"class_list":{"0":"post-86323","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-frankreich","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-emmanuel","11":"tag-eu","12":"tag-europa","13":"tag-europe","14":"tag-france","15":"tag-frankreich","16":"tag-frankreich-politik","17":"tag-headlines","18":"tag-macron","19":"tag-marine-le-tochter","20":"tag-nachrichten","21":"tag-news","22":"tag-pen","23":"tag-politikverdrossenheit","24":"tag-schlagzeilen","25":"tag-texttospeech"},"share_on_mastodon":{"url":"","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/86323","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=86323"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/86323\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/86324"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=86323"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=86323"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=86323"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}