{"id":863692,"date":"2026-03-12T21:22:18","date_gmt":"2026-03-12T21:22:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/863692\/"},"modified":"2026-03-12T21:22:18","modified_gmt":"2026-03-12T21:22:18","slug":"interview-wie-hirnstimulation-depressionen-lindert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/863692\/","title":{"rendered":"Interview: Wie Hirnstimulation Depressionen lindert"},"content":{"rendered":"<p>Depressionen z\u00e4hlen zu den h\u00e4ufigsten psychischen Erkrankungen \u2013 allein in Deutschland sind j\u00e4hrlich \u00fcber f\u00fcnf Millionen Menschen betroffen. Doch nicht alle sprechen auf Antidepressiva an, und viele brechen die Therapie wegen Nebenwirkungen ab. Eine Alternative kann die transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS) bieten, die bereits seit 1990 in anderen Kontexten im medizinischen Einsatz ist, vor allem in Kliniken und Forschungszentren. <\/p>\n<p>        Weiterlesen nach der Anzeige<\/p>\n<p>Doch \u201e<a class=\"heiseplus-lnk\" href=\"https:\/\/www.heise.de\/hintergrund\/Hirnstimulations-Headset-gegen-Depressionen-in-den-USA-auf-Rezept-11169304.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Flow FL-100\u201c, ein Medizinprodukt der Klasse IIa,<\/a> soll die Stimulationsm\u00f6glichkeit ins heimische Wohnzimmer bringen. Es soll gezielt den pr\u00e4frontalen Kortex stimulieren und so depressive Symptome lindern. In den USA hat die FDA das Ger\u00e4t als erstes verschreibungspflichtiges Heim-Headset f\u00fcr Depressionen zugelassen. \u00dcber Flow haben wir mit Phil Ritter gesprochen, dem Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der deutschen Flow-Neuroscience-Tochter.<\/p>\n<p>      <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/imgs\/18\/5\/0\/4\/4\/3\/0\/3\/Phil_Ritter__privat_-e8d63b581956b490.jpeg\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p>  <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"Phil Ritter\" height=\"1200\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg xmlns='http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg' width='696px' height='391px' viewBox='0 0 696 391'%3E%3Crect x='0' y='0' width='696' height='391' fill='%23f2f2f2'%3E%3C\/rect%3E%3C\/svg%3E\" style=\"aspect-ratio: 800 \/ 1200; object-fit: cover;\" width=\"800\"\/><\/p>\n<p>      <\/a><\/p>\n<p>Phil Ritter ist Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der deutschen Tochter von Flow Neuroscience.<\/p>\n<p class=\"a-caption__source\">\n      (Bild:\u00a0Ritter)\n    <\/p>\n<p class=\"frage rte__abs--frage\">tDCS ist in der klinischen Forschung seit \u00fcber 20 Jahren bekannt. Warum bringen Sie diese Technologie jetzt als Headset f\u00fcr den Heimgebrauch?<\/p>\n<p class=\"antwort rte__abs--antwort\">Unser Ziel war es, das Ger\u00e4t zug\u00e4nglicher zu machen. Wir sehen tDCS als den \u201ekleinen Bruder\u201c der transkraniellen Magnetstimulation (TMS), die man nur in Kliniken mit gro\u00dfen Ger\u00e4ten durchf\u00fchren kann. Die Versorgungslage bei psychischen Erkrankungen ist angespannt: Wartezeiten auf Therapiepl\u00e4tze sind lang, und Medikamente sind nicht f\u00fcr jeden die richtige oder alleinige L\u00f6sung. Wir wollten eine Br\u00fccke bauen. Das Headset erm\u00f6glicht es Patienten, eine evidenzbasierte, klinische Methode sicher und eigenst\u00e4ndig zu Hause anzuwenden \u2013 ohne monatelang auf einen Termin warten zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p class=\"frage rte__abs--frage\">Ein h\u00e4ufiges Missverst\u00e4ndnis ist, dass solche Technologien herk\u00f6mmliche Therapien oder Antidepressiva komplett ersetzen sollen. Ist das Ihr Ziel?<\/p>\n<p class=\"antwort rte__abs--antwort\">Nein, das nicht. Die Depression ist eine komplexe Erkrankung mit vielen Ursachen. Es gibt nicht die eine Wunderwaffe. Wir positionieren Flow ganz bewusst als weitere S\u00e4ule im Behandlungsspektrum. Es kann als Monotherapie eingesetzt werden, aber wir sehen in unseren Daten, dass es auch in Kombination mit Antidepressiva oder Psychotherapie sehr effektiv ist \u2013 die Remissionsraten steigen in der Kombination sogar.<\/p>\n<p>        Weiterlesen nach der Anzeige<\/p>\n<p>Es geht uns darum, \u00c4rzten und Patienten ein weiteres Werkzeug an die Hand zu geben. Wenn ein Patient beispielsweise aufgrund von Nebenwirkungen keine Medikamente nehmen m\u00f6chte oder kann \u2013 etwa bei Kinderwunsch oder wegen Libidoverlust \u2013, bieten wir eine chemiefreie Alternative. Aber wir wollen die Pharmakotherapie nicht verdr\u00e4ngen, sondern das therapeutische Angebot sinnvoll erweitern.<\/p>\n<p class=\"frage rte__abs--frage\">Sie sind aktuell als Medizinprodukt zur Behandlung von Depressionen zugelassen. Im Gespr\u00e4ch erw\u00e4hnten Sie aber auch Effekte auf Schlaf und Konzentration. Wo geht die Reise hin?<\/p>\n<p class=\"antwort rte__abs--antwort\">Wir nutzen zur Verlaufskontrolle die sogenannte MADRS-Skala (Montgomery-\u00c5sberg Depression Rating Scale). Diese fragt nicht nur die Stimmung ab, sondern auch Faktoren wie Schlaflosigkeit, Konzentrationsf\u00e4higkeit, innere Unruhe und Appetit.<\/p>\n<p>Wir sehen in den Daten, dass die Stimulation des pr\u00e4frontalen Kortex durch tDCS oft positive Effekte genau auf diese Bereiche hat: Patienten berichten, dass sie besser schlafen oder sich wieder fokussieren k\u00f6nnen. Das ist f\u00fcr uns ein starkes Signal f\u00fcr die Zukunft. Wir investieren derzeit massiv in die Forschung, um zu pr\u00fcfen, ob wir die Wirksamkeit auch isoliert f\u00fcr Angstst\u00f6rungen, Schlafprobleme oder Konzentrationsschw\u00e4chen belegen k\u00f6nnen. Aktuell sind wir ein reines Depressions-Therapieger\u00e4t, aber langfristig sehen wir das Potenzial, auch diese komorbiden Symptome gezielt anzugehen.<\/p>\n<p class=\"frage rte__abs--frage\">Das klingt nach einer Bewegung in Richtung \u201eHealth &amp; Wellness\u201c und Selbstoptimierung. Verschwimmen da die Grenzen?<\/p>\n<p class=\"antwort rte__abs--antwort\">Die Grenze zwischen Medizinprodukt und \u201eHealth &amp; Wellness\u201c wird in den n\u00e4chsten f\u00fcnf bis zehn Jahren sicherlich unsch\u00e4rfer werden. Wir haben uns aber ganz bewusst f\u00fcr den h\u00e4rteren, medizinischen Weg entschieden. Wir h\u00e4tten das Ger\u00e4t auch als Lifestyle-Gadget f\u00fcr \u201ebesseres Denken\u201c vermarkten k\u00f6nnen. Aber wir wollten die wissenschaftliche Seriosit\u00e4t.<\/p>\n<p>Patienten mit psychischen Leidensdruck brauchen Sicherheit, keine leeren Versprechen. Wenn wir irgendwann Claims zu Schlaf oder Konzentration machen, dann nur, wenn wir daf\u00fcr dieselbe harte Evidenzbasis haben wie jetzt f\u00fcr die Depression.<\/p>\n<p>Allein der Akt, sich jeden Tag 30 Minuten Zeit f\u00fcr sich selbst zu nehmen, das Ger\u00e4t aufzusetzen und der Anleitung in der App zu folgen, etabliert eine positive Routine. F\u00fcr Menschen in einer depressiven Episode, denen oft jegliche Struktur entgleitet, ist das enorm wertvoll. Es ist eine Form der Selbstwirksamkeit: \u201eIch tue aktiv etwas f\u00fcr meine Genesung.\u201c Dieser verhaltenstherapeutische Aspekt unterst\u00fctzt die neurophysiologische Wirkung des Stroms.<\/p>\n<p class=\"frage rte__abs--frage\">Sie arbeiten an einer Weiterentwicklung der Technologie, die das Gehirn nicht nur stimuliert, sondern auch \u201eliest\u201c.<\/p>\n<p class=\"antwort rte__abs--antwort\">Richtig. Unser langfristiges Ziel ist eine noch st\u00e4rkere Personalisierung. Wir arbeiten an der Integration von EEG-Technologie in das Headset. Die Idee ist, dass das Ger\u00e4t die Hirnstr\u00f6me messen kann, um vorhersagen zu k\u00f6nnen, wie gut eine Person auf die Stimulation ansprechen wird.<\/p>\n<p>Aktuell wissen wir meist nach der dreiw\u00f6chigen Aktivierungsphase, ob die Therapie anschl\u00e4gt \u2013 bei etwa 77 Prozent ist das der Fall. Mit EEG-Daten und KI-Unterst\u00fctzung k\u00f6nnten wir diesen \u201eResponse\u201c vielleicht schon viel fr\u00fcher erkennen oder das Stimulationsprotokoll individuell anpassen. Das w\u00fcrde die Behandlung noch effizienter und zielgerichteter machen.<\/p>\n<p class=\"frage rte__abs--frage\">Wie sieht es mit der Kostenerstattung aus?<\/p>\n<p class=\"antwort rte__abs--antwort\">Aktuell zahlen Patienten die rund 459 Euro meist selbst. Wir arbeiten intensiv daran, in die Regelversorgung zu kommen. In Gro\u00dfbritannien ist der NHS schon weiter und setzt Flow in vielen Bereichen ein. In Deutschland sind wir in Gespr\u00e4chen mit dem G-BA (Gemeinsamer Bundesausschuss) und Krankenkassen. Das System hier ist etwas langsamer und pr\u00fcft derzeit, ob noch spezifische Erprobungsstudien f\u00fcr den deutschen Markt n\u00f6tig sind, obwohl die internationale Datenlage \u2013 <a href=\"https:\/\/www.flowneuroscience.com\/de-de\/klinische-studien\/\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">unter anderem durch eine gro\u00dfe Studie in Nature Medicine<\/a> \u2013 sehr eindeutig ist.<\/p>\n<p>Wir hoffen aber, dass wir langfristig eine Kassenleistung werden. Bis dahin setzen wir auf Mietmodelle und Kooperationen mit Kliniken, um den Zugang so niedrigschwellig wie m\u00f6glich zu halten.<\/p>\n<p>(<a class=\"redakteurskuerzel__link\" href=\"https:\/\/www.heise.de\/hintergrund\/mailto:mack@heise.de\" title=\"Marie-Claire Koch\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">mack<\/a>)<\/p>\n<p>\n      Dieser Link ist leider nicht mehr g\u00fcltig.\n    <\/p>\n<p>Links zu verschenkten Artikeln werden ung\u00fcltig,<br \/>\n      wenn diese \u00e4lter als 7\u00a0Tage sind oder zu oft aufgerufen wurden.\n    <\/p>\n<p><strong>Sie ben\u00f6tigen ein heise+ Paket, um diesen Artikel zu lesen. 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