{"id":863937,"date":"2026-03-12T23:36:13","date_gmt":"2026-03-12T23:36:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/863937\/"},"modified":"2026-03-12T23:36:13","modified_gmt":"2026-03-12T23:36:13","slug":"nachschlag-fuers-kopfsalat-ladenprojekt-kreuzer-online","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/863937\/","title":{"rendered":"Nachschlag f\u00fcrs Kopfsalat-Ladenprojekt \u2014 kreuzer online"},"content":{"rendered":"<p>Es ist mal wieder Dienstagabend. Bevor ab 19 Uhr die Leute eintrudeln, schieben Justus und die anderen die bestickerten Tische und St\u00fchle bereit. Kerzen werden in alte Sektflaschen gesteckt, ein Topf Kohl noch schnell in der Nachbarschaft fertiggekocht, da gerade eine Herdplatte ausgefallen ist. Wenige Minuten sp\u00e4ter trudelt der Kiez ein: zu einem K\u00fcfa-Abendessen, auf ein kurzes Getr\u00e4nk zwischen Bar und Kamin oder f\u00fcr einen ausgiebigen Barabend am Tischkicker. Bei locker-geselliger Stimmung kommt man schnell miteinander ins Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<p>Teil der Gespr\u00e4che ist an diesem Abend auch die Zukunft des Ladenprojekts. Denn die steht nun wirklich auf der Kippe. Seit \u00fcber zehn Jahren besteht das als Verein organisierte Projekt am Rande des Stannebeinplatzes in Sch\u00f6nefeld. Eigentlich ist es nur ein Gang \u00fcber die Br\u00fccke zur sich schnell entwickelnden Eisenbahnstra\u00dfe. Doch auf dieser Seite der Bahngleise war die Gentrifizierung in den vergangenen Jahren langsamer.<\/p>\n<p>Das Besondere an Orten wie dem Kopfsalat ist ihre Niedrigschwelligkeit. Es ist keine Bar, sondern eher wie ein offenes Wohnzimmer: Es herrscht kein Zwang zum Verzehr. Und wenn, dann wird auf Spendenbasis bezahlt. Solche Orte sind offen f\u00fcrs Mitgestalten; hier haben kleine Bands ihre ersten Konzerte. Andere solcher Projekte sind im Leipziger Osten l\u00e4ngst der Verdr\u00e4ngung zum Opfer gefallen. Man erinnere sich an Trautmann, Caf\u00e9 Nur oder Erythrosin. Der Kopfsalat hielt dieser Entwicklung bis dato stand.<\/p>\n<p>Zwei Unternehmen kauften Anteile auf<\/p>\n<p>F\u00fcr die Ladenfl\u00e4che besteht seit 2016 ein Mietvertrag. Ein selbsternannter Hausverwalter, Mitglied einer Sub-Sub-Erbengemeinschaft, stellte diesen aus. Damals gab es noch viel Leerstand, Freiraum zum Gestalten im Viertel. \u00bbWir zahlen 259 Euro Kaltmiete, dazu Strom\u00ab, sagen Lea und Justus aus dem Verein im Gespr\u00e4ch mit dem kreuzer. Das bekommt die Truppe, die ehrenamtlich dahintersteht, mit den Spenden f\u00fcr K\u00fcfa und Bar zusammen. Zum Kernteam, das wie Lea mehr Zeit in dem Ladenprojekt als zu Hause verbringt, geh\u00f6ren etwa zw\u00f6lf Personen. Dazu kommt ein Dunstkreis von Leuten, die ab und zu mal kochen oder eine Barschicht \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Doch \u00fcber all dem Trubel, wilden Partyn\u00e4chten und der nachbarschaftlichen Solidarit\u00e4t h\u00e4ngt seit Jahren eine ungewisse Zukunft des Hauses, das immer leerer wird. \u00bbIm Sommer 2025 sind die letzten Mietparteien ausgezogen\u00ab, erinnert sich Justus. Nur noch der benachbarte Outdoorladen h\u00e4lt sich seit mehr als 35 Jahren. Und schon lange wei\u00df man im Verein: An dem sichtlich sanierungsbed\u00fcrftigen Haus wird nur nicht gebaut, weil eine riesige, tr\u00e4ge Erbengemeinschaft das Haus besitzt.<\/p>\n<p>In den vergangenen Jahren hat man im Verein beobachtet, wie zwei Immobilienunternehmen, die LIG und die PISA, St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck die Erbanteile aufkaufen. Vor anderthalb Jahren gab es von deren Seite sogar ein Angebot, das Haus f\u00fcr 1,8 Millionen zu kaufen \u2013 innerhalb von acht Wochen. Der Verein startete eine Spendenkampagne, war aber \u00fcberfordert mit der kurzen Zeit. Ende 2025 kam dann die R\u00e4umungsklage.<\/p>\n<p><strong>Gro\u00dfer Andrang bei Gerichtstermin<\/strong><\/p>\n<p>Dass die Mietvertr\u00e4ge fraglich sind, ist am Donnerstag vor dem Leipziger Amtsgericht Konsens. Dort soll \u00fcber die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der R\u00e4umungsklage entschieden werden. Knapp hundert Leute sind zur Verhandlung gekommen, morgens h\u00e4ngt ein Soli-Banner vor dem Amtsgericht. Richterin Katharina Killing l\u00e4sst die Verhandlung in den gr\u00f6\u00dften Saal des Amtsgerichts verlegen.<\/p>\n<p>Zu Beginn macht die Richterin deutlich: \u00bbDa so viele Menschen gekommen sind, sehe ich, dass es wohl eine Herzensangelegenheit mit dem Verein ist.\u00ab Gleichzeitig betont sie: Ein Mietvertrag ist k\u00fcndbar \u2013 und das auch relativ einfach, wenn es sich um eine Gewerbeimmobilie handelt. Reinhardt Lange, Rechtsanwalt der beiden Immobilienfirmen, gibt sich \u00fcberraschend kompromissbereit: \u00bbIch muss die jungen Leute heute nicht vor die T\u00fcr setzen.\u00ab Zwar planen die Unternehmen, das Haus komplett zu sanieren und sp\u00e4ter an einen sozialen Tr\u00e4ger zu verkaufen \u2013 daf\u00fcr brauche man Planungssicherheit. Erste Bauma\u00dfnahmen w\u00fcrden jedoch fr\u00fchestens Ende Dezember 2026 beginnen.<\/p>\n<p>Doch weil das Haus in der Gorkistra\u00dfe erneut verkauft werden soll, k\u00f6nnten Bauvorhaben in n\u00e4chster Zeit vielleicht gar nicht stattfinden. Max Malkus, Rechtsanwalt f\u00fcr den Verein, h\u00e4lt dies f\u00fcr ein realistisches Szenario. Dadurch w\u00fcrde weiterer Leerstand im Viertel entstehen. Er vertrat auch das <a href=\"https:\/\/kreuzer-leipzig.de\/2026\/03\/03\/leipzig-kuendigung-milieuschutz-eisenbahnstrasse\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Projekt der E97<\/a> vor Gericht, die Anwaltskosten stemmt der Verein immer wieder \u00fcber Spendenaufrufe. Die Sorge kann Anwalt Lange verstehen: Grunds\u00e4tzlich sei er nicht abgeneigt, eine Vereinbarung zu erm\u00f6glichen, die die Nutzung der Ladenfl\u00e4che bis zu einem konkreten Bauvorhaben weiter erlaube. \u00bbIch war auch mal vor Ort. Und der Ort ist schon cool, ich war ja selbst mal jung\u00ab, gibt Lange zu.<\/p>\n<p><strong>Nutzungsvertrag bis zum Baustart m\u00f6glich<\/strong><\/p>\n<p>In dem Verhandlungstermin einigt man sich schlie\u00dflich auf einen Widerrufsvergleich mit einer Absichtserkl\u00e4rung, dass die R\u00e4umung nach dem 31. Dezember 2026 nicht verlangt werden soll, solange die Bauarbeiten nicht bevorstehen. Daf\u00fcr m\u00fcssen die Parteien noch einen Nutzungsvertrag aushandeln. In einem Gerichtstermin am 23. April wird dar\u00fcber entschieden. Vielleicht k\u00f6nne man, so Lange, \u00bbals Bonbon oben drauf\u00ab sogar auf die Miete verzichten.<\/p>\n<p>Erleichtert ziehen die Kopfsalat-Anh\u00e4nger in die Sonne vor dem Leipziger Amtsgericht. Menschengruppen sto\u00dfen mit Spezi an, umarmen sich. \u00bbWir hoffen, dass die Verhandlungen fruchten und Leerstand verhindert werden kann. Die Gegenseite war heute nett \u2013 mal sehen, wie es im Nachhinein wird\u00ab, sagt jemand vom Verein. Vor allem freut man sich: \u00bbDa ist ein kleines Wunder passiert\u00ab, so Lea. Noch vor wenigen Tagen hatte sie als realistisches Szenario gesehen, dass die R\u00e4umung bis Ende M\u00e4rz vollstreckt wird. Nun kann der Kopfsalat im Oktober vielleicht sogar seinen elften Geburtstag feiern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es ist mal wieder Dienstagabend. 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