{"id":869987,"date":"2026-03-15T08:19:27","date_gmt":"2026-03-15T08:19:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/869987\/"},"modified":"2026-03-15T08:19:27","modified_gmt":"2026-03-15T08:19:27","slug":"frankreich-wo-die-linke-mit-den-stimmen-der-muslimischen-bevoelkerung-wahlen-gewinnen-will","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/869987\/","title":{"rendered":"Frankreich: Wo die Linke mit den Stimmen der muslimischen Bev\u00f6lkerung Wahlen gewinnen will"},"content":{"rendered":"<p>Roubaix im Nordosten gilt als \u00e4rmste Stadt Frankreichs. Hier haben die Linkspopulisten gute Chancen, den B\u00fcrgermeister zu stellen. Die Wahl gilt als landesweites Symbol f\u00fcr die Partei \u2013 und ihre Strategie, mit der arabischst\u00e4mmigen Bev\u00f6lkerung Wahlen zu gewinnen.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Auf der Grande Rue, der Hauptgesch\u00e4ftsstra\u00dfe von Roubaix, reiht sich ein billiger Fastfoodladen an den anderen. Wenige Modegesch\u00e4fte bieten Dschellabas und weite, kn\u00f6chellange Frauenkleider an. Der Stadt im hohen Norden Frankreichs steht die widerspr\u00fcchliche Geschichte ins Gesicht geschrieben: Einst florierende Hochburg der Textilindustrie, heute Frankreichs Armenk\u00fcche.<\/p>\n<p>Regelm\u00e4\u00dfig nimmt Roubaix den ersten Platz in der Liste der \u00e4rmsten St\u00e4dte des Landes ein. 60 Prozent der knapp 100.000 Einwohner leben unter der Armutsgrenze.<\/p>\n<p>Es war nicht immer so trostlos hier. Im Zentrum zeugt die Architektur von der prunkvollen Vergangenheit, die an jene der norddeutschen Hansest\u00e4dte erinnert. An der Avenue Charles de Gaulle stehen 18 hochherrschaftliche H\u00e4user aus dem fr\u00fchen 19. Jahrhundert, die \u201eReihe der Tuchmacher\u201c, le rang des drapiers. Kein Geb\u00e4ude gleicht dem anderen, weil jeder Bauherr mit Stuck, Giebeln und Balustraden zeigen wollte, dass er noch einen Tick reicher war als sein Nachbar.<\/p>\n<p>Auch das Rathaus von Roubaix hat mit seinem postbarocken Zuckerb\u00e4ckerstil etwas von einem pr\u00e4chtigen Schloss. Dort will David Guiraud am Sonntag einziehen. Er ist der linkspopulistische Kandidat f\u00fcr das Amt des B\u00fcrgermeisters und, glaubt man den Umfragen, der absolute Favorit. <\/p>\n<p>\u201eStolz auf Roubaix!\u201c, lautet sein Wahlkampfslogan. Gut m\u00f6glich, dass er schon im ersten Wahlgang gewinnt und nicht in die Stichwahl muss. Wenn Guiraud dieser haushohe Sieg gel\u00e4nge, dann w\u00e4re das ein wichtiges Signal, ja ein Symbol f\u00fcr Frankreichs Linkspopulisten.<\/p>\n<p>La France Insoumise (LFI), das sogenannte unbeugsame Frankreich, die Partei, die sich nicht \u201eunterwirft\u201c, aber die franz\u00f6sische Gesellschaft inzwischen tiefer spaltet als die Rechtspopulisten vom Rassemblement National (RN), will in Roubaix zeigen, was m\u00f6glich ist: Wahlen gewinnen, indem man Wahlkampf um die arabischst\u00e4mmige Bev\u00f6lkerung macht.<\/p>\n<p>Das ist seit einigen Jahren das Kalk\u00fcl von <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/jean-luc-melenchon\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/jean-luc-melenchon\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Jean-Luc M\u00e9lenchon, Parteigr\u00fcnder von LFI<\/a>. Weil er als Pr\u00e4sidentschaftskandidat 2022 die Stichwahl nur um gut 400.000 Stimmen verpasst hat, rechnet er sich f\u00fcr die Wahlen 2027 echte Chancen aus. Roubaix ist sein Laboratorium. W\u00fcrden alle Franzosen w\u00e4hlen wie dort, w\u00e4re M\u00e9lenchon l\u00e4ngst Pr\u00e4sident. 2022 kam er hier auf \u00fcber 52 Prozent im ersten Wahlgang. <\/p>\n<p>M\u00e9lenchon predigt das \u201eneue Frankreich\u201c, la nouvelle France, die multiethnische Gesellschaft. Seine Gegner halten das f\u00fcr Kommunitarismus. Jedenfalls erkl\u00e4rt diese Strategie, warum Frankreichs selbst ernannter Linkenf\u00fchrer<a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/plus690dab960a7608566ac55c65\/frankreich-die-extreme-linke-ist-propalaestinensisch-geworden-weil-sie-antisemitisch-ist.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/plus690dab960a7608566ac55c65\/frankreich-die-extreme-linke-ist-propalaestinensisch-geworden-weil-sie-antisemitisch-ist.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"> den grassierenden Antisemitismus unter der arabischst\u00e4mmigen W\u00e4hlerschaft bedient. <\/a><\/p>\n<p>Bei ihr hat er sich daf\u00fcr entschuldigt, dass er \u00fcber Jahrzehnte ein sturer Verfechter des franz\u00f6sischen Laizismus gewesen sei, der die Religion zur Privatsache macht, die christliche wie die muslimische und alle anderen. \u201eWer sein Kreuz bei LFI macht, der w\u00e4hlt gegen Rassismus, gegen Islamophobie, f\u00fcr die Republik und die Gewissensfreiheit\u201c, predigt er heute.<\/p>\n<p>Gerade erst hat M\u00e9lenchon auf einer Wahlkampfveranstaltung \u00fcber die Aussprache des Namens des Sexualverbrechers Jeffrey Epstein philosophiert. Die Botschaft war eindeutig, n\u00e4mlich antisemitisch, die Emp\u00f6rung war gro\u00df. Aber M\u00e9lenchon ist ausreichend wortm\u00e4chtig, um bei seinen antisemitischen Anspielungen immer knapp an strafrechtlich relevanten Formulierungen vorbeizuschrammen.<\/p>\n<p>Armut und Korruption<\/p>\n<p>Als die Fabriken in der historischen Textilstadt Roubaix Mitte der 70er-Jahre schlossen, verschwanden 70.000 Arbeitspl\u00e4tze. Viele Arbeiter waren erst wenige Jahre zuvor aus Algerien oder Marokko nach Frankreich eingewandert. Pl\u00f6tzlich sa\u00dfen sie auf der Stra\u00dfe. 50 Jahre sp\u00e4ter wirken manche Bezirke wie unbewohnt: Haust\u00fcren sind zugenagelt, Gesch\u00e4fte stehen leer, Schaufenster sind verbarrikadiert. Vereinzelt bieten orientalische B\u00e4ckereien und Billiggesch\u00e4fte ihre Waren feil.<\/p>\n<p>Kein Wunder, dass Roubaix auch in Sachen Wahlbeteiligung s\u00e4mtliche Rekorde sprengt. Bei den letzten Kommunalwahlen 2020 betrug die Wahlbeteiligung 22,8 Prozent, ein trauriger Rekord, selbst im wahlm\u00fcden Frankreich. Gew\u00e4hlt wurde ein konservativer B\u00fcrgermeister, der wenig sp\u00e4ter wegen eines Parteispendenbetrugs verurteilt wurde.<\/p>\n<p>\u201eArmut und Korruption, das ist keine gute Mischung\u201c, sagt Nouari, der Uber-Fahrer in seinem klapprigen Toyota. Er ist nicht im Bilde, dass in drei Tagen Kommunalwahlen stattfinden. Als wir ihn auf die Stellwand mit den Plakaten und Gesichtern der Kandidaten hinweisen, sagt er zynisch: \u201eJetzt zeigen sie noch ihre Visagen, in ein paar Tagen l\u00e4sst sich niemand mehr bei uns blicken.\u201c<\/p>\n<p>Leute wie ihn trifft man viele in Roubaix. Ahmet, 70, der wie Nouari seinen Nachnamen nicht sagen will, entschuldigt sich freundlich l\u00e4chelnd, dass er nach 20 Jahren in Roubaix kein Franz\u00f6sisch spricht. Fatima gibt zu Protokoll, dass sie in Algerien w\u00e4hlt, in Frankreich habe sie nur eine Aufenthaltserlaubnis. <\/p>\n<p>Im Einkaufszentrum Leclerc wehrt ein mittelaltes Paar sofort ab. Sie gingen nicht w\u00e4hlen, schon lange nicht mehr, \u201elassen Sie mich mit Politik in Ruhe\u201c, sagt der Mann genervt und stellt ein Sixpack Bier in seinen Caddy. Seine Frau, folgt ihm schweigend, in befleckten Leggings und Crocs.<\/p>\n<p>David Guiraud, der B\u00fcrgermeisterkandidat von LFI, sieht dagegen aus wie aus dem Ei gepellt. Vollbart, leicht grau melierte Schl\u00e4fen, Nickelbrille, Anzug und Krawatte. Es ist k\u00fchl, aber er tr\u00e4gt keinen Mantel. Ein Kameramann begleitet den Kandidaten, w\u00e4hrend er an diesem Nachmittag an die Haust\u00fcren der Backsteinh\u00e4user in der ehemaligen Arbeitersiedlung Alma klopft. <\/p>\n<p>F\u00fcr die deutsche Presse hatte er bei Anfrage angeblich keine Zeit. Auch die franz\u00f6sischen Kollegen von \u201eLe Monde\u201c hat er abblitzen lassen. Er braucht die sogenannten Mainstreammedien nicht, er ist der TikTok-Kandidat, wie seine politischen Gegner sagen. Damit vermeidet er auch, auf \u00c4u\u00dferungen angesprochen zu werden, die man als antisemitisch interpretieren kann.<\/p>\n<p>Guiraud war lange Sprecher von LFI und Stammgast in den Fernsehstudios. Als er 2020 in Roubaix bei den Parlamentswahlen antrat, wurde er sofort gew\u00e4hlt, obwohl er ein Fallschirmkandidat war, ohne Bindung an die Stadt. Zwei Jahre sp\u00e4ter, bei den \u00dcberraschungswahlen nach der Aufl\u00f6sung des Parlaments, kam er auf ein Vorzeigeergebnis von 76 Prozent der W\u00e4hlerstimmen.<\/p>\n<p>\u201eEr mag \u201aDie Elenden\u2018 von Victor Hugo gelesen haben, ich habe sie erlebt\u201c, sagt Karim Amrouni, Gegenkandidat einer linken Liste, der in Roubaix aufgewachsen ist und hinter dem Sozialisten, Gr\u00fcne und Kommunisten stehen \u2013 die \u201eweiche Linke\u201c, wie sie M\u00e9lenchon abf\u00e4llig nennt, la gauche molle. Man k\u00f6nnte auch sagen, die chancenlose Linke.<\/p>\n<p>Kalk\u00fcl f\u00fcr die gesamte Republik<\/p>\n<p>Im Armenviertel Alma wird Guiraud gefeiert wie ein Star. Eine Dame mit Kopftuch, die die T\u00fcr \u00f6ffnet, begr\u00fc\u00dft ihn wie einen alten Freund. Ein Auto, aus dem laut Rap-Musik t\u00f6nt, h\u00e4lt an, Guiraud sch\u00fcttelt die H\u00e4nde der jungen M\u00e4nner. \u201eDer Bezirk leidet unter der Armut, aber vor allem unter dem Desinteresse der Politiker\u201c, sagt er WELT AM SONNTAG. Wenn man ihn auf der Stra\u00dfe erwischt, hat er pl\u00f6tzlich doch Zeit f\u00fcr ein Interview. <\/p>\n<p>Er zeigt auf den Backsteinkomplex, den man in den 70er-Jahren gebaut hat. Heute sind alle Fenster zugemauert. Die 400 Vorschl\u00e4ge seines Wahlprogramms ergeben das Versprechen einer neuen Stadtpolitik. Er will Optimismus und Hoffnung verbreiten, auch wenn Roubaix wom\u00f6glich nur ein Sprungbrett f\u00fcr ihn ist. \u201eRoubaix ist Symbol f\u00fcr die Deindustrialisierung und das Abgeh\u00e4ngtsein. Was wir hier machen werden, wird eine sch\u00f6ne Botschaft f\u00fcr ganz Frankreich sein\u201c, sagt er.<\/p>\n<p>Auf die Frage, ob er ein kommunitaristisches Wahlkalk\u00fcl betreibe und auf Stimmenfang der muslimischen Bev\u00f6lkerung gehe, winkt er ab. Der Vorwurf sei l\u00e4cherlich. \u201eIch spreche zu allen, egal ob Katholiken, Juden, Atheisten, es ist mir egal. Nat\u00fcrlich gibt es hier viele Muslime, sie wurden hier konzentriert, das ist unbestreitbar. Aber soll ich deswegen aufh\u00f6ren, mich an sie zu wenden\u201c, fragt er zur\u00fcck?<\/p>\n<p>Guiraud dr\u00fcckt uns sein Wahlprogramm in die Hand. \u201eIhr B\u00fcrgermeister f\u00fcr 2026\u201c steht auf dem Flyer. Keine Spur des Parteilogos, kein Hinweis auf LFI, kein Foto von M\u00e9lenchon. Guiraud wei\u00df, was er tut. Er macht lokalen Wahlkampf, aber sein Sieg h\u00e4tte landesweit Gewicht. Es w\u00e4re ein schlechtes Omen f\u00fcr die Pr\u00e4sidentschaftswahl 2027, es w\u00e4re der Beweis daf\u00fcr, dass M\u00e9lenchons Kalk\u00fcl aufgehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/autor\/martina-meister\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/autor\/martina-meister\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><b>Martina Meister <\/b><\/a><b>berichtet im Auftrag von WELT seit 2015 als freie Korrespondentin in Paris \u00fcber die franz\u00f6sische Politik.<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Roubaix im Nordosten gilt als \u00e4rmste Stadt Frankreichs. 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